{"id":95098,"date":"2026-11-03T20:42:37","date_gmt":"2026-11-03T19:42:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=95098"},"modified":"2026-11-03T20:42:37","modified_gmt":"2026-11-03T19:42:37","slug":"ehrendoktorwuerde-fuer-fussball-experte-neukirchner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/11\/03\/ehrendoktorwuerde-fuer-fussball-experte-neukirchner\/","title":{"rendered":"Ehrendoktorw\u00fcrde f\u00fcr &#8222;Fu\u00dfball-Experte&#8220; Neukirchner"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_95100\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2136px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-95100 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Bild-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"2126\" height=\"1417\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ehrendoktor Manuel Neukirchner mit den Fu\u00dfball-Legenden (v.l.) Harald &#8222;Toni&#8220; Schumacher, G\u00fcnther netzer und Klaus Fischer &#8211; \u00a9 Carsten Cobow<\/span><\/div>\n<p>Die Fakult\u00e4t w\u00fcrdigt mit dieser Auszeichnung Neukirchners Wirken um die Bedeutung des Volkssports Fu\u00dfball f\u00fcr Literatur, Kunst und Gesellschaft. Neben zahlreichen G\u00e4sten nahmen auch die Fu\u00dfball-Legenden G\u00fcnter Netzer, Erwin und Helmut Kremers, Klaus Fischer und Toni Schumacher sowie Schauspieler Peter Lohmeyer am Festakt teil.<\/p>\n<p>Fu\u00dfball als Spiegel der Gesellschaft, als Gegenstand kultureller Erinnerung und als Thema f\u00fcr Literatur und Kunst: F\u00fcr seine herausragenden Leistungen auf diesem Gebiet hat die Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal Manuel Neukirchner die Ehrendoktorw\u00fcrde verliehen.<\/p>\n<p>\u201eSeine Arbeiten haben die kulturelle Selbstbeschreibung der Fu\u00dfballnation Deutschland auf ein neues Niveau gehoben und das popul\u00e4re Ph\u00e4nomen Fu\u00dfball mit Mitteln der Geistes- und Kulturwissenschaften neu lesbar gemacht&#8220;, sagte Germanist Prof. Dr. Mat\u00edas Mart\u00ednez, der die Auszeichnung Neukirchners angeregt hatte.<\/p>\n<p>\u201eFu\u00dfball aus einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Perspektive zu beleuchten ist eine eher ungew\u00f6hnliche Herangehensweise, die Manuel Neukirchner sehr glaubw\u00fcrdig verk\u00f6rpert. Daraus Erkenntnisse auch zu Gemeinsamkeiten der Gesellschaft abzuleiten, ist uns allen ein gro\u00dfes Anliegen\u201c, betont Rektorin Prof. Dr. Birgitta Wolff in ihrer Begr\u00fc\u00dfung. \u201eIch danke der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften f\u00fcr diese originelle Initiative.\u201c<\/p>\n<h4>Vom Wuppertaler Studenten zum Direktor des Deutschen Fu\u00dfballmuseums<\/h4>\n<p>Manuel Neukirchner (Jahrgang 1967) studierte an der Bergischen Universit\u00e4t Allgemeine Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Geschichte. Nach dem Magisterexamen arbeitete er zun\u00e4chst als Print- und H\u00f6rfunkjournalist. Von 2009 bis 2015 verantwortete er als Gr\u00fcndungsdirektor die bauliche, szenografische und inhaltliche Realisierung des Deutschen Fu\u00dfballmuseums in Dortmund. Seit der Er\u00f6ffnung im Jahr 2015 leitet er das Haus.<\/p>\n<div id=\"attachment_95101\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-95101 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Bild.jpeg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"601\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. h.c. Manuel Neukirchner bei seiner Danksagung in der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<p>Unter Manuel Neukirchners Verantwortung entstand ein Museum, das weltweit einzigartig ist. \u201eEs reduziert Fu\u00dfball nicht auf sportliche Erfolge, legend\u00e4re Spiele und gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeiten. Die Ausstellungen beleuchten vielmehr auch die gesellschaftlichen, politischen und \u00e4sthetischen Dimensionen des Sports. Themen wie Migration, nationale Identit\u00e4t, Erinnerungskultur, Diversit\u00e4t und der Umgang mit Antisemitismus finden darin ebenso ihren Platz wie die Geschichte des deutschen Fu\u00dfballs\u201c, f\u00fchrt Prof. Mart\u00ednez aus.<\/p>\n<p>Mit seiner besonderen Ausstellungs-Dramaturgie verbindet das Museum historische Dokumente und Objekte mit multimedialen und immersiven Vermittlungsformen. Es versteht sich damit nicht nur als Ort der Erinnerung, sondern auch als Raum f\u00fcr gesellschaftliche Auseinandersetzung.<\/p>\n<h4>Fu\u00dfball zwischen Literatur, Kunst und Geschichte<\/h4>\n<p>Manuel Neukirchners Arbeit reicht weit \u00fcber die Konzeption und Leitung des Museums hinaus. Als Autor und Herausgeber hat er zahlreiche Publikationen zur Kulturgeschichte des Fu\u00dfballs vorgelegt. Auch als Dramatiker beschritt Neukirchner neue Wege. Sein St\u00fcck \u201eDie Nacht von Sevilla\u201c (2022) rekonstruiert das dramatische WM-Halbfinale von 1982 zwischen Deutschland und Frankreich anhand dokumentarischer Quellen und unterschiedlicher Stimmen.<\/p>\n<div id=\"attachment_95102\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-95102 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Bild-5.jpeg\" alt=\"\" width=\"2400\" height=\"1602\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Feierstunde in H\u00f6rsaal 32 auf dem Campus Grifflenberg (v.l.): Prof. Dr. Mat\u00edas Mart\u00ednez, G\u00fcnter Netzer, Prof. Dr. Ursula Kocher, Dr. Hagen W. Lippe-Wei\u00dfenfeld, Kulturdezernent der Stadt Wuppertal, Rektorin Prof. Dr. Birgitta Wolff, Toni Schumacher, Dr. h. c. Manuel Neukirchner, Erwin und Helmut Kremers, Klaus Fischer und Peter Lohmeyer &#8211; \u00a9 Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<p>Sporthistorische Fakten, Emotionen und die Erinnerung an ein Spiel von au\u00dfergew\u00f6hnlicher Dramatik werden darin zu einem Theatertext verbunden. Bei der Festveranstaltung an der Bergischen Universit\u00e4t erhielt dieses Werk durch die szenische Lesung von Schauspieler Peter Lohmeyer eine besondere Pr\u00e4senz.<\/p>\n<h4>Eine Br\u00fccke zwischen Wissenschaft und \u00d6ffentlichkeit<\/h4>\n<p>In der Begr\u00fcndung f\u00fcr die Ehrung hebt die Fakult\u00e4t insbesondere Manuel Neukirchners Beitrag hervor, geistes- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum zu vermitteln. Mit dem Deutschen Fu\u00dfballmuseum habe er eine Institution gepr\u00e4gt, die Sportgeschichte mit Literatur-, Kunst-, Medien- und Sozialgeschichte verbindet und gesellschaftlich relevante Fragen aufgreift.<\/p>\n<p>Prof. Mart\u00ednez zur Bedeutung von Neukirchners Werk und zur Entscheidung der Fakult\u00e4t: \u201eManuel Neukirchner hat ein Feld erschlossen, das auch in der kulturwissenschaftlichen Forschung stetig an Relevanz gewinnt und zugleich ein breites Publikum erreicht. Er ist ein Br\u00fcckenbauer zwischen akademischer Forschung und gesellschaftlicher \u00d6ffentlichkeit. Seine Arbeiten beleuchten historische, kulturelle und politische Dimensionen des Fu\u00dfballs und tragen damit zur kulturellen Bildung und kritischen Reflexion unserer Gesellschaft bei.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Neukirchner selbst hat die Auszeichnung auch eine pers\u00f6nliche Dimension: Mit der Bergischen Universit\u00e4t ist er durch sein eigenes Studium verbunden. \u00dcber seine Erinnerungen an das Studium in Wuppertal, die Bedeutung der Ehrendoktorw\u00fcrde f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich und seine Arbeit rund um das Thema Fu\u00dfball hat er uns im Interview erz\u00e4hlt.<\/p>\n<div id=\"attachment_95103\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-95103 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Bild-4.jpeg\" alt=\"\" width=\"2400\" height=\"1602\" \/><span class=\"wp-caption-text\">FABU-Vorstandsmitglied Andreas Mucke (rechts) \u00fcberreichte Manuel Neukirchner gemeinsam mit Christina Semke, Leiterin UniService Third Mission, eine Ehrenmitgliedschaft im Alumni-Verein der Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<h2>\u201eFu\u00dfball ist ein Seismograf f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen\u201c \u2013 Manuel Neukirchner im Interview<\/h2>\n<p>Manuel Neukirchner hat an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal studiert, heute leitet er als Gr\u00fcndungsdirektor das Deutsche Fu\u00dfballmuseum in Dortmund. F\u00fcr seine Verdienste um die Vermittlung des Fu\u00dfballs als kulturelles und gesellschaftliches Ph\u00e4nomen hat ihm die Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften die Ehrendoktorw\u00fcrde verliehen. Im Interview spricht Neukirchner \u00fcber die Bedeutung seines Studiums f\u00fcr seinen beruflichen Weg, Fu\u00dfball als Spiegel der Gesellschaft und dar\u00fcber, warum Studierende den Mut haben sollten, auch ungew\u00f6hnliche Wege einzuschlagen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben selbst an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal studiert. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Studienzeit?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Manuel Neukirchner: &#8222;Ich habe damals Allgemeine Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Geschichte studiert. Das war eine ungemein spannende, dichte Lebensphase. Vor allem in den literaturwissenschaftlichen Seminaren habe ich mir ein wichtiges Fundament gelegt, ich habe mich mit Erz\u00e4hlstrukturen auseinandergesetzt. Zu ergr\u00fcnden, wie fiktionale Stories funktionieren, wie Spannung erzeugt werden kann, wie Figuren entstehen \u2013 das alles fasziniert mich, und im Studium habe ich sehr viel dar\u00fcber erfahren. Egal, ob ich als Fu\u00dfballreporter im Radio live kommentiert habe, als Printjournalist Essays oder Features geschrieben habe, als Redenschreiber Sprech-Texte gebaut oder heute B\u00fccher oder Ausstellungen schreibe und kuratiere \u2013 das Studium hat mir wichtiges R\u00fcstzeug mitgegeben. Ich w\u00fcrde es als eine universelle Ausbildung bezeichnen. Genauso wichtig ist f\u00fcr mich im R\u00fcckblick aber auch das Lebensgef\u00fchl damals. Es war eine herrlich ungezwungene Zeit \u2013 genau so, wie eine Studienzeit im besten Fall sein sollte. Ich hatte Raum, mich auszuprobieren, den Horizont zu erweitern und einfach mal links und rechts des Weges zu schauen. Das alles verbinde ich mit meinen Jahren in Wuppertal.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_95104\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-95104 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Bild-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"568\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Uni-Rektorin Prof. Dr. Birgitta Wolff (links) und Dekanin Prof. Dr. Ursula Kocher (2.v.r.) \u00fcberreichten Manuel Neukirchner (2.v.l.) die Promotionsurkunde. Die Laudatio hielt Germanist Prof. Dr. Mat\u00edas Mart\u00ednez &#8211; \u00a9 Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<p><strong>Was aus Ihrem Studium hilft Ihnen heute noch in Ihrer Arbeit als Direktor des Deutschen Fu\u00dfballmuseums? (Insbesondere vor dem Hintergrund eines geisteswissenschaftlichen Studienschwerpunkts)<\/strong><\/p>\n<p>Manuel Neukirchner: &#8222;Als Geisteswissenschaftler, der nicht auf Lehramt studiert, wird man ja immer gefragt: \u201eUnd was macht man sp\u00e4ter damit?\u201c Heute kann ich darauf antworten: verdammt viel! Ein geisteswissenschaftliches Studium bietet dir immer einen universellen Ansatz, der den Blick weit macht und v\u00f6llig neue Perspektiven \u00f6ffnet. Davon profitiere ich im Grunde genommen heute noch. Wenn wir eine neue Ausstellung konzipieren, geht es nie darum, ein paar Exponate in eine Vitrine zu legen. Wir erschlie\u00dfen Querverbindungen, wir wollen komplexe kulturhistorische und gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge in einem hochspannenden und immer \u00e4sthetisch anspruchsvollen Gesamtkonzept vermitteln. Das Gro\u00dfe und Ganze nicht aus den Augen zu verlieren und dennoch \u00fcberraschende, neue und bestenfalls so noch nicht bekannte Details freizulegen \u2013 darauf kommt es an. Und so funktioniert auch im weiten Sinne die Kulturwissenschaft.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, die Geschichte des Fu\u00dfballs in einem Museum zu erz\u00e4hlen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Manuel Neukirchner: &#8222;Es gibt nur dieses eine Museum mit einer Dauerausstellung zur deutschen Fu\u00dfballgeschichte und immer wieder neuen wirkm\u00e4chtigen Sonderschauen zum Ph\u00e4nomen Fu\u00dfball. Ja, wir sind ein Unikat. Die Chance zu bekommen, eine solche Institution als Gr\u00fcndungsdirektor mit gro\u00dfartigen interkulturellen Fachleuten zu denken, von Grund auf zu planen, die Ausstellung, die Architektur, sie zu realisieren und heute zu f\u00fchren \u2013 das ist f\u00fcr mich eine zutiefst erf\u00fcllende Aufgabe. Das Deutsche Fu\u00dfballmuseum gibt es jetzt mit seiner Planungs-, Bau- und Betriebsphase 16 Jahre, die mich maximal gefordert haben, eben weil es f\u00fcr dieses Haus keine Blaupause gab und gibt. Das macht das Projekt f\u00fcr mich so au\u00dfergew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Was mich inhaltlich immer wieder reizt, ist die faszinierende M\u00f6glichkeit, eine Br\u00fccke zwischen Sport- und Zeitgeschichte zu schlagen. Der Fu\u00dfball wirkt weit \u00fcber die Kreidemarkierung des Rasens hinaus und schreibt sich tagt\u00e4glich fort. Das ist der gro\u00dfe Unterschied zu anderen Museen: Im Deutschen Fu\u00dfballmuseum betrachten wir nie nur eine abgeschlossene Epoche, sondern vermitteln immer auch das Hier und Jetzt. Und noch ein dritter Punkt ist mir wichtig, vielleicht sogar am wichtigsten: Mir ging es von Anfang an um die Art und Weise, wie wir die Inhalte im Raum pr\u00e4sentieren. Wir erzeugen zum Teil v\u00f6llig neue Formate im musealen Raum, die der ver\u00e4nderten Wahrnehmung der Menschen von heute gerecht werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_95105\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-95105 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Bild-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"600\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Manuel Neukirchner, Leiter des Deutschen Fu\u00dfball-Museums in Dortmund &#8211; \u00a9 Deutsches Fu\u00dfballmuseum<\/span><\/div>\n<p>Als wir das Fu\u00dfballmuseum 2015 konzipiert haben, war im Kulturbetrieb von \u201eSzenografie\u201c und \u201eImmersion\u201c noch keine Rede. Aber genau dieses wirkm\u00e4chtige, ganzheitliche Raumerlebnis haben wir damals schon gedacht und geschaffen. Es geh\u00f6rt zu unserem Grundverst\u00e4ndnis, dass wir keine verstaubte Aufbewahrungsst\u00e4tte f\u00fcr nicht mehr gebrauchte Gegenst\u00e4nde sind, sondern uns als hochemotionales, vermittlungsstarkes Ausstellungshaus pr\u00e4sentieren, das begeistert und ber\u00fchrt. Die Symbiose aus historischer Tiefe und avantgardistischer Museumssprache \u2013 das ist meine Antriebsfeder!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was kann ein Fu\u00dfballmuseum \u00fcber eine Gesellschaft erz\u00e4hlen, das \u00fcber Ergebnisse, Titel und Rekorde hinausgeht?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Manuel Neukirchner: &#8222;Unser Deutsches Fu\u00dfballmuseum ist im Grunde ein Museum \u00fcber den Zustand unseres Landes. Das hat die New York Times bei unserer Er\u00f6ffnung geschrieben, wir seien ein \u201eMuseum \u00fcber Fu\u00dfball \u2013 und \u00fcber Deutschland\u201c. Das trifft es im Kern: Die deutsche Fu\u00dfballgeschichte ist untrennbar mit unserer Nationalgeschichte verwoben. An den gro\u00dfen Turnieren und Z\u00e4suren l\u00e4sst sich die Entwicklung unserer gesamten Gesellschaft ablesen.<\/p>\n<p>Nehmen wir den ersten deutschen WM-Titel von 1954: Das \u201eWunder von Bern\u201c war weit mehr als ein sportlicher Triumph gegen die damals scheinbar unbesiegbaren Ungarn. Es war in der kollektiven Wahrnehmung die emotionale Geburtsstunde der jungen Bundesrepublik nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs \u2013 ein Moment, in dem die Menschen nach Jahren der Tr\u00fcmmer und Schuld das erste Mal wieder vorsichtig ein Gef\u00fchl von Gemeinschaft sp\u00fcren durften.<\/p>\n<p>Zwanzig Jahre sp\u00e4ter, bei der WM 1974, spiegelte sich auf dem Rasen die schmerzhafte Realit\u00e4t des Kalten Krieges wider. Das legend\u00e4re Vorrundenspiel zwischen der Bundesrepublik und der DDR, das 0:1 durch das Tor von J\u00fcrgen Sparwasser, war der sportliche Ausdruck einer tiefen deutsch-deutschen Zerrissenheit.<\/p>\n<p>Als wir dann 1990 in Rom Weltmeister wurden, stand das Turnier im Zeichen der Wiedervereinigung. Die Mauer war bereits gefallen, die formale Einheit stand unmittelbar bevor. Franz Beckenbauers einsamer Spaziergang \u00fcber den Rasen des Olympiastadions von Rom nach dem Schlusspfiff ist zu einem kollektiven Erinnerungsmoment dieser Zeit geworden.<\/p>\n<p>Das oft zitierte \u201eSommerm\u00e4rchen\u201c 2006 wiederum markierte die erste Weltmeisterschaft im vereinten Deutschland. Es hat der Welt \u2013 und uns selbst \u2013 ein v\u00f6llig neues, unverkrampftes, offenes und gastfreundliches Deutschland gezeigt. Und als wir schlie\u00dflich 2014 in Rio den vierten Stern holten, stand auf dem Platz eine Mannschaft, die der perfekte, lebendige Ausdruck unserer modernen Einwanderungsgesellschaft war. Ein Fu\u00dfballmuseum zeigt also, dass der Ball ein Seismograf f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen ist. Wir erz\u00e4hlen von Identit\u00e4t, von Br\u00fcchen, von Integration und vom Wandel der Werte. Wer verstehen will, wie Deutschland tickt, kann sich seine Fu\u00dfballgeschichte ansehen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet die Ehrendoktorw\u00fcrde durch die Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Manuel Neukirchner: &#8222;Sie erf\u00fcllt mich mit gro\u00dfer Dankbarkeit! Sie ist eine gro\u00dfe Anerkennung und W\u00fcrdigung meiner Arbeit. Sie macht zudem deutlich, dass Fu\u00dfball l\u00e4ngst nicht mehr nur am 1:0 gemessen wird. Und genau das wollte und will ich mit meiner Arbeit bewirken \u2013 den Fu\u00dfball als Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens darzustellen.<\/p>\n<p>Die Ehrenpromotion beinhaltet f\u00fcr mich aber nat\u00fcrlich auch eine wunderbare pers\u00f6nliche Komponente. Als ehemaliger Student der Bergischen Universit\u00e4t schlie\u00dft sich f\u00fcr mich der Kreis. Als ich die Urkunde von der Rektorin entgegengenommen habe, musste ich an zwei herausragende, leider schon verstorbene Professoren dieser Universit\u00e4t denken: Dietrich Weber und J\u00fcrgen Born. Beide waren pr\u00e4gende Gr\u00fcndungsv\u00e4ter der Allgemeinen Literaturwissenschaft in Wuppertal, beide durfte ich erleben.<\/p>\n<p>Dietrich Weber hat mit seinen Arbeiten zur Erz\u00e4hlforschung ganz neue Ans\u00e4tze vertreten, die der bisherigen allgemeing\u00fcltigen Erz\u00e4hltheorie, die den Autor als Person im fiktionalen Text als Erz\u00e4hlermedium ausschlie\u00dft, geradezu getrotzt hat. Das war spannend! Und J\u00fcrgen Born hat als international renommierter Kafka-Forscher Bleibendes f\u00fcr die Literaturwissenschaft geleistet. Seine Verdienste bei der historisch-kritischen Kafka-Ausgabe, die Gr\u00fcndung der Forschungsstelle f\u00fcr Prager deutsche Literatur und sein Verdienst, Kafkas private Bibliothek nach Wuppertal zu holen, bedeuten f\u00fcr die Bergische Universit\u00e4t Meilensteine. Ich bin dankbar, dass ich beide in meiner Studienzeit erleben und kennenlernen durfte!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welchen Rat w\u00fcrden Sie heutigen Studierenden geben, die noch nicht wissen, wohin ihr beruflicher Weg f\u00fchrt?<\/strong><\/p>\n<p>Manuel Neukirchner: &#8222;Mein wichtigster Rat lautet: Habt keine Angst vor dem vermeintlich unklaren Weg. Ein Studium \u2013 und ganz besonders ein geisteswissenschaftliches \u2013 ist keine starre Berufsausbildung, bei der am Ende nur eine einzige Jobbezeichnung herauskommen kann. Nutzt die Studienzeit nicht als reine Jagd nach Credit Points, sondern als intellektuellen Abenteuerspielplatz. Probiert euch aus, schaut links und rechts des Wegesrandes und vertraut darauf, dass sich die Puzzleteile eurer Biografie irgendwann zusammenf\u00fcgen werden. Geht mit Neugier durch euere Lehrjahre, sucht euch die Themen aus, die eure Leidenschaft entfachen, und nicht nur die, die gut im Lebenslauf aussehen. Wer lernt, strukturiert an Probleme heranzugehen, kritisch zu hinterfragen und sich f\u00fcr eine Sache zu begeistern, der bringt genau die Schl\u00fcsselqualifikationen mit, die in unserer dynamischen Arbeitswelt \u00fcberall gesucht werden. Vertraut auf eure F\u00e4higkeiten, behaltet die n\u00f6tige Gelassenheit \u2013 und lasst euch vom Leben auch ein St\u00fcck weit \u00fcberraschen.&#8220;<\/p>\n<p>Manuel Neukirchner hielt bei der Festveranstaltung einen Vortrag zum Thema \u201eWie der schmollende Achilles\u201c \u2013 Ph\u00e4nomenologische Betrachtungen zur<br \/>\nKultur des Fu\u00dfballs. \/\/ Fotos Friederike von Heyden<\/p>\n<p>Feierstunde in H\u00f6rsaal 32 auf dem Campus Grifflenberg (v.l.n.r.): Prof. Dr. Mat\u00edas Mart\u00ednez, G\u00fcnter Netzer, Prof. Dr. Ursula Kocher, Dr. Hagen W. Lippe-Wei\u00dfenfeld, Kulturdezernent der Stadt Wuppertal, Rektorin Prof. Dr. Birgitta Wolff, Toni Schumacher, Dr. h. c. Manuel Neukirchner, Erwin und Helmut Kremers, Klaus Fischer und Peter Lohmeyer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Erfolg f\u00fcr den Fu\u00dfball! Hohe Auszeichnung f\u00fcr die Vermittlung von Fu\u00dfball aus kulturwissenschaftlicher Sicht: Der Direktor des Deutschen Fu\u00dfballmuseums, Manuel Neukirchner, erhielt im Rahmen einer Feierstunde auf dem Campus Grifflenberg die Ehrendoktorw\u00fcrde der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-95098","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95098"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95098\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":95108,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95098\/revisions\/95108"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}