{"id":94581,"date":"2026-10-12T14:08:02","date_gmt":"2026-10-12T12:08:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=94581"},"modified":"2026-10-12T14:08:02","modified_gmt":"2026-10-12T12:08:02","slug":"warum-oktopus-weibchen-nach-der-eiablage-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/10\/12\/warum-oktopus-weibchen-nach-der-eiablage-sterben\/","title":{"rendered":"Warum Oktopus-Weibchen nach der Eiablage sterben"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_94584\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 840px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-94584 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Preisfeld-Presse-Privat.jpg\" alt=\"\" width=\"830\" height=\"506\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Professorin Dr. Gela Preisfeld, Biologin an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Popul\u00e4rwissenschaftlich spricht man im Zusammenhang mit dem Ph\u00e4nomen der &#8222;Semelparit\u00e4t&#8220; auch von der Suizid-Fortpflanzung, ein Begriff, den die Wuppertaler Biologin Gela Preisfeld jedoch als missverst\u00e4ndlich empfindet. \u201eDahinter steckt keine Absicht, weil die Organismen ihren Tod ja nicht planen\u201c, sagt sie daher und erkl\u00e4rt den Begriff so: \u201eSemelparit\u00e4t bezeichnet im Grunde genommen eine Lebensstrategie, bei der ein Organismus seine Fortpflanzungsleistung auf eine einzige Fortpflanzungsphase, nicht unbedingt einen einzigen Akt, im Leben konzentriert. Danach findet keine weitere Reproduktion statt. Bei ausgepr\u00e4gt semelparen Arten folgt darauf der Tod.\u201c<\/p>\n<p>Als Gegenmodell existiere die Strategie der Iteroparit\u00e4t, die die wiederholte Fortpflanzung \u00fcber mehrere Zeitpunkte oder auch Fortpflanzungsperioden hinweg pr\u00e4sentiere. Evolutionsbiologisch g\u00e4be es dazwischen nat\u00fcrlich auch immer noch alle m\u00f6glichen Zwischenformen. \u201eEntscheidend bei der Semelparit\u00e4t ist, dass so viele Ressourcen in die Fortpflanzung, Paarung und Brutpflege flie\u00dfen, dass anschlie\u00dfend kaum oder keine Reserven f\u00fcr den Erhalt des eigenen Lebens und schon gar nicht f\u00fcr weitere Fortpflanzungen verbleiben.\u201c<\/p>\n<h4>Lebensabw\u00e4gung<\/h4>\n<p>Heute gibt es viele Hypothesen und Theorien zur Semelparit\u00e4t, die auf der sogenannten Life-history-Theorie basieren. Diese besagt, dass sich Organismen begrenzte Ressourcen wie Energie oder Nahrung auf mehrere lebensnotwendige, miteinander konkurrierende Prozesse wie z. B. Wachstum oder Fortpflanzung aufteilen m\u00fcssen, was dazu f\u00fchrt, dass jede Investition in einen Prozess die verf\u00fcgbaren Reserven f\u00fcr andere Prozesse reduziert.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>\u201eNat\u00fcrliche Selektion, als Prozess der Evolution, kann eine hohe Investition in eine einzige Fortpflanzungsperiode beg\u00fcnstigen und zwar dann, wenn der erwartete Nutzen einer sp\u00e4teren Fortpflanzung gering ist\u201c, erkl\u00e4rt die Biologin, \u201ees kann evolutionsbiologisch besonders dann Sinn machen, wenn erwachsene Tiere nach der ersten Reproduktion ohnehin eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, zu sterben, oder wenn ein gro\u00dfer einmaliger Reproduktionsaufwand \u00fcberproportional viele erfolgreiche Nachkommen erzeugt.\u201c<\/p>\n<p>Ausnahmen gebe es immer, denn Fr\u00f6sche produzieren z. B. mehrmals gro\u00dfe Mengen von Nachkommen, das m\u00fcsse man aber immer vor dem Hintergrund der Evolution betrachten. \u201eDie Iteroparit\u00e4t wird eher beg\u00fcnstigt, wenn Erwachsene eine h\u00f6here \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit besitzen und gute Aussichten auf mehrere erfolgreiche Fortpflanzungsperioden haben. Es ist also nicht der Tod selbst, der adaptiv sein muss, sondern es wird selektiert auf die Reproduktionsstrategie, deren Nutzen \u00fcberwiegen muss. Der Tod ist nur die Konsequenz dieser Strategie.\u201c Daher weckt \u201eSuizidfortpflanzung\u201c auch falsche Assoziationen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Semelparit\u00e4t bei S\u00e4ugetieren<\/h4>\n<p>Sogar bei S\u00e4ugetieren kommt diese Art der einmaligen Fortpflanzung vor. Forscher haben Experimente mit dem Zwergbeutelmarder (Dasyurus hallucatus)\u00a0und konnten nachweisen, dass der Sexualtrieb die M\u00e4nnchen derma\u00dfen schw\u00e4chte, sie keine Ruhepausen einlegten und daher nach dem Sexualakt starben. \u201eIn vielen Populationen dieser Tiere kommt es nach der Paarungszeit zu einem ausgepr\u00e4gten M\u00e4nnchensterben, w\u00e4hrend die Weibchen mehrmals Jungtiere austragen k\u00f6nnen\u201c, sagt Preisfeld und berichtet von einer 2023 durchgef\u00fchrten Studie. \u201eMan hat die Beutelmarder mit Sendern versehen und sogenannte Akzelerometerstudien (wissenschaftliche Studien unter Verwendung von Beschleunigungssensoren zur Bewegungsmessung, Anm. d. Red.) durchgef\u00fchrt und deren Geschwindigkeit gemessen. Dabei ist herausgekommen, dass M\u00e4nnchen w\u00e4hrend der Paarung deutlich weniger Ruhephasen einlegen und mehr Zeit mit schnellerer Fortbewegung verbringen als Weibchen. Zwar haben Schlaf- und Ruhemangel nicht unbedingt etwas mit Sexualit\u00e4t zu tun, aber es ist eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die k\u00f6rperliche Verschlechterung.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_94587\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-94587 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Zwergbeutelmarder-Dasyurus-hallucatus-gemeinfrei.jpeg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"406\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Zwergbeutelmarder &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Bei anderen australischen Beutelmardern konnte man zudem entdecken, dass in der kurzen Paarungszeit, die sie haben, die Kortikosteroide (Kortikosteroide sind eine Gruppe von Steroidhormonen aus der Nebennierenrinde, die stark entz\u00fcndungshemmend und immunsuppressiv wirken, Anm. d. Red.) ganz massiv ansteigen. Das wiederum sch\u00e4dige das Gewebe, so dass die M\u00e4nnchen gar nicht mehr in der Lage seien, sich gegen irgendetwas zu wehren und so nach der Fortpflanzungsperiode sterben.<\/p>\n<p>Anders sehe es bei den Weibchen aus: \u201eInteressanterweise werden da diese Kortikosteroide auch ausgebildet, aber sie bilden zus\u00e4tzlich kortikoidbindende Globuline aus, die dann wieder diese Kortikosteroide binden, so dass diese negative Auswirkung nicht eintreten kann.\u201c Erschwerend kommen bei dieser Art der Fortpflanzung auch \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse zur Geltung. Im Falle der Beutelmarder bedrohen mittlerweile invasive Arten wie die Aga-Kr\u00f6te die geringen Best\u00e4nde zus\u00e4tzlich, da sie die kleinen S\u00e4uger fressen.<\/p>\n<h4>Aufgabenverteilung im Insektenreich<\/h4>\n<p>Auch Schmetterlinge geh\u00f6ren zur Gruppe der semelparen Tiere, von denen manche Arten in ihrer kurzen Lebensphase nicht einmal fressen k\u00f6nnen. Das gelte aber nicht f\u00fcr alle Arten, betont die Fachfrau und sagt: \u201eSehr viele adulte Schmetterlinge k\u00f6nnen und m\u00fcssen auch Nahrung aufnehmen. Viele \u00fcberwintern ja auch, wie unser Zitronenfalter. Zum Saugen haben sie tats\u00e4chlich ein neues, spezielles Organ entwickelt, n\u00e4mlich den Saugr\u00fcssel, die Proboscis. Damit nehmen sie Nektar, Pflanzens\u00e4fte oder Wasser auf. Das ist wirklich eine spezielle Neuentwicklung in der Evolution und kann auch mit etwas Gl\u00fcck beobachtet werden. Es gibt aber auch Schmetterlingsgruppen, deren Imagines (Imago ist der Fachbegriff f\u00fcr das erwachsene, geschlechtsreife Insekt<b> <\/b>nach der Metamorphose, Anm. d. Red.) \u00fcberhaupt nicht mehr fressen. Bekannte Beispiele sind der Atlasfalter oder hier bei uns in der Fauna das kleine Nachtpfauenauge aus der Gruppe der Pfauenspinner.\u201c<\/p>\n<p>Diese Tiere haben stark reduzierte Mundwerkzeuge, die teilweise funktionslos seien, so dass die Falter nicht mehr fressen k\u00f6nnten und auf die in der Larvenzeit aufgebauten Reserven zur\u00fcckgreifen m\u00fcssten. \u201eDas Prinzip nennt man Capital Breeding (Ressourcenspeicherfortpflanzung, Anm. d. Red.) Dahinter steckt eine ganz starke Aufgabenverteilung zwischen der Larve (der Raupe) und dem Falter. Die Raupe frisst, w\u00e4chst und speichert Energie. Das adulte Tier ist dann ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Partnersuche, Paarung und Eiablage zust\u00e4ndig.<\/p>\n<div id=\"attachment_94588\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-94588 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Octopus_vulgaris_2-gemeinfrei.jpeg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"934\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Oktopus, ein beeindruckender Bewohner der Meere &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Um das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Semelparit\u00e4t noch einmal am Beispiel zu sch\u00e4rfen: Wenn ein Falter ohnehin nur wenige Tage lebt und zuk\u00fcnftige Fortpflanzungschancen gering sind, kann die Erhaltung eines komplexen Verdauungs- und Nahrungserwerbsapparats selektiv weniger vorteilhaft sein als die Investition der vorhandenen Ressourcen in Flug, Partnerfindung und Reproduktion. Dass ein adulter Falter nicht frisst, ist f\u00fcr Semelparit\u00e4t unerheblich. Beide Merkmale m\u00fcssen begrifflich getrennt werden<\/p>\n<h4>L\u00e4ngerer Geschlechtsakt erh\u00f6ht Nachkommenschaft<\/h4>\n<p>\u201eBei der Spinnenart der Schwarzen Witwe ist das noch komplexer\u201c, erkl\u00e4rt Preisfeld, \u201edenn da bietet sich ja das M\u00e4nnchen dem Weibchen quasi als Futter an. Dahinter steckt die Strategie, dass dieser Kannibalismus, der da stattfindet, mit einer l\u00e4ngeren und vollst\u00e4ndigeren Kopulation verbunden ist.\u201c Die Forschung habe da interessante Ergebnisse hervorgebracht. \u201eMan wei\u00df n\u00e4mlich, dass die M\u00e4nnchen, die kannibalisiert werden, eine h\u00f6here Vaterschaft erreichen, als nicht kannibalisierte M\u00e4nnchen. Durch den l\u00e4ngeren Sexualakt werden beide zur Verf\u00fcgung stehenden Spermatheken des Weibchens gef\u00fcllt, die Nachkommenschaft eines Tieres verdoppelt sich dann.\u201c<\/p>\n<h4>Semelparit\u00e4t bei im Wasser lebenden Tieren<\/h4>\n<p>Oktopusweibchen f\u00fchren trotz ihres hohen Entwicklungsstands und gro\u00dfen Gehirns nach der Eiablage ihren Tod selber herbei, weil sie nichts mehr fressen und erleben nicht einmal das Schl\u00fcpfen ihrer Jungtiere. Forschende haben herausgefunden, dass die Sehdr\u00fcse der Kopff\u00fc\u00dfer eine Art \u201eSelbstmord\u201c-Botenstoff aussch\u00fcttet, eine Vorstufe des Cholesterins. \u201eEs gibt tats\u00e4chlich ganz viele Botenstoffe in dieser sogenannten Sehdr\u00fcse, die ein neuroendokrines Organ ist, dass so ein bisschen unserer Hypophyse (die Hypophyse ist eine etwa erbsengro\u00dfe Hormondr\u00fcse an der Unterseite des Gehirns. Sie gilt als die zentrale Steuerzentrale f\u00fcr den Hormonhaushalt des K\u00f6rpers, Anm. d. Red.) entspricht und deren Aktivit\u00e4t sich bei dem Oktopusweibchen nach der Eiablage ganz massiv ver\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<p>Und das sei nur ein kleiner Teil eines gro\u00dfen molekularbiologischen Prozesses, der im Hintergrund ablaufe und dessen Bedeutung bis heute nicht hinl\u00e4nglich gekl\u00e4rt sei. Tatsache ist aber, \u201edass das Weibchen seine verbleibenden Ressourcen in seine eine Brut investiert. Die Eier werden vom Weibchen \u00fcber viele Wochen und Monate bewacht, bel\u00fcftet und gereinigt und k\u00f6nnen sich so erfolgreich reproduzieren. Wenn die Jungtiere schl\u00fcpfen und die Mutter tot ist, kann sie auch nicht mehr mit dem eigenen Nachwusch konkurrieren oder ihn gar fressen, denn Kannibalismus ist bei den Kopff\u00fc\u00dflern nicht ungew\u00f6hnlich. Die Natur ist da relativ brutal. Der Zweck ist erf\u00fcllt, wenn die Fortpflanzung erfolgreich war.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_94595\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1806px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-94595 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Rotlachs-Oncorhynchus_nerka-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"1796\" height=\"616\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Rotlachs &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Pazifische Lachse sind ein weiteres spannendes Beispiel. Sie schwimmen nach Jahren im Ozean tausende Kilometer flussaufw\u00e4rts in ihre Laichgew\u00e4sser, zeugen dort den Nachwuchs und sterben danach. Heute wisse man ziemlich genau, warum das so sei. Beim Eintritt in die Fortpflanzungsphase spielten dabei die hormonelle Reife sowie Umweltfaktoren wie Tagesl\u00e4nge und Temperatur eine wesentliche Rolle. \u201eDeswegen reagieren die Tiere eines Jahrgangs ungef\u00e4hr zur gleichen Jahreszeit. Es ist also nicht der Fisch, der das bestimmt, sondern es sind die \u00e4u\u00dferen Faktoren. Wenn man sich die Navigation anschaut, dann wei\u00df man, dass es ein zweistufiges Orientierungssystem bei den Fischen gibt. Sie benutzen im offenen Ozean Informationen aus dem Erdmagnetfeld, d.h. die Jungtiere, wenn sie die Heimatregion verlassen, pr\u00e4gen sich lokale geomagnetische Str\u00f6me ein, die sie offenbar sp\u00e4ter wieder abrufen k\u00f6nnen. Das ist total faszinierend.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesen Informationen f\u00e4nden sie dann die richtige K\u00fcstenregion. \u201eDann m\u00fcssen sie noch herauskriegen, wo sie genau hinm\u00fcssen. Dazu hat man den Rotlachs im Frazer River (Kanada) untersucht. Wenn die Lachse die eigene Region finden wollen, dann kommt der Geruchssinn als zweites Orientierungssystem dazu. Sobald also die Tiere die K\u00fcstenregion und das eigene Flu\u00dfsystem erreichen, k\u00f6nnen sie anhand der chemischen Signatur des Heimatgew\u00e4ssers erkennen, wo sie hinm\u00fcssen. Auch das haben sie sich als Jungfische eingepr\u00e4gt. Sie k\u00f6nnen so auch Jahre sp\u00e4ter in das Heimatgew\u00e4sser navigieren.\u201c Dort abgekommen sterben sie nach der Eiablage vor Ersch\u00f6pfung und hormonellem Verfall.<\/p>\n<h4>Semelparit\u00e4t im Pflanzenreich<\/h4>\n<p>Und auch bei Pflanzen kommt die Semelparit\u00e4t vor. Da ist die Agave ein sch\u00f6nes Beispiel. Wenn die Bl\u00fcte einmal aufgegangen ist, stirbt die Pflanze ab. Das kann aber sogar Jahrzehnte dauern. Doch woran erkennt die Pflanze, dass nun die Zeit der Bl\u00fcte und damit das Ende kommt? Das sei wieder ein Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren, erkl\u00e4rt Preisfeld. \u201eDas Alter, der Entwicklungszustand, die Gr\u00f6\u00dfe oder der Ressourcenstatus sowie molekulare Bl\u00fchsignale sind daf\u00fcr verantwortlich. Besonders von der <i>Agave tequilana<\/i> wei\u00df man, dass es dort ein Masterkontrollgen gibt, dass bei Bl\u00fctenpflanzen den \u00dcbergang von vegetativem zu reproduktivem Wachstum steuert. Die Pflanze kann ihr Alter anhand interner Faktoren bestimmen. Eine junge Agave bleibt also lange in einem vegetativen Zustand, in dem sie nicht wie die meisten anderen Pflanzen auf Tageslicht usw. reagiert. Erst, wenn eine bestimmte Wachstumsphase erreicht wird,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>reagiert sie auf endogene und exogene Faktoren wie Tagesl\u00e4nge, Temperatur und Licht, und dann wird erst der \u00dcbergang zur Bl\u00fcte ausgel\u00f6st.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_94590\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1930px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-94590 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Agave_potatorum-Karelj-gemeinfrei.jpeg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1576\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eine Agave potatorum, Karelj &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Nach der Reproduktion der Bl\u00fcte werden ganz gro\u00dfe Mengen gespeicherter Kohlenhydrate in diesen oft meterhohen Bl\u00fctenstand transportiert. Bl\u00fcte, Fruchtstand und Samen werden dann ausgebildet und dieser immense Energieaufwand kann dann zum Tod der Pflanze f\u00fchren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Der programmierte Zelltod<\/h4>\n<p>Bei Pflanzen sterben manchmal auch nur bestimmte Pflanzenteile ab, und das kann sogar sehr n\u00fctzlich sein. \u201eMan spricht bei Pflanzen in diesem Zusammenhang vom programmierten Zelltod\u201c erkl\u00e4rt Preisfeld, \u201eund der ist bei Pflanzen aus zwei Gr\u00fcnden unverzichtbar. Zum einen f\u00fcr die Entwicklung und zum anderen f\u00fcr die Abwehr.\u201c Bei der Entwicklung k\u00f6nne die Pflanze einzelne Teile absterben lassen. Das sei wichtig, wenn man sich das Wassertransportsystem der Pflanze anschaue. \u201eDie Leitungsbahnen (die Tracheen) im Inneren werden hohl, die eigenen Zellen werden also abgebaut. Dann kann das Wasser transportiert werden. Ein R\u00f6hrensystem kann nur dann in einem Baum funktionieren, wenn Zellen, die der R\u00f6hre im Weg stehen, absterben.\u201c<\/p>\n<p>Der programmierte Zelltod sei zudem auch bei der Bildung von Bl\u00fcten wichtig, denn Bl\u00fcten seien ja nichts anderes, als ein reduzierter Spross. \u201eEs sind Organe zu Fortpflanzungsorganen umfunktioniert.\u201c Bei der Abwehr sehe es dann so aus, dass die Pflanze die Zellen um den Infektionsherd herum einfach absterben l\u00e4sst, um sich zu sch\u00fctzen. \u201eBeim programmierten Zelltod sehen wir als Resultat z. B. ein kaputtes Blatt. Aber schon vorher werden die wichtigen Substanzen wie Stickstoff, Phosphor und Kohlehydrate dem Blatt entzogen und woanders hin transportiert. Das kann die Fitness des Gesamtorganismus erh\u00f6hen. Der entscheidende evolutionsbiologische Punkt ist damit \u00e4hnlich wie bei Semelparit\u00e4t auf Organismenebene: Der Tod einer einzelnen Zelle, eines Gewebes oder eines Organs kann die Fitness des Gesamtorganismus erh\u00f6hen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_94586\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-94586 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Preisfeld-Presse-Privat-2.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"234\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Gela Preisfeld &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Gela \u00a0Preisfeld<\/h4>\n<p>Professorin Dr. Gela Preisfeld studierte, promovierte und habilitierte an der Universit\u00e4t in Bielefeld. Nach kurzen Forschungsaufenthalten in Australien und einer Vertretung an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main nahm sie den Ruf auf den Lehrstuhl Biologie und ihre Didaktik, Zoologie an der Bergischen Universit\u00e4t an, den sie von 2006 bis 2026 inne hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wuppertaler Biologin Gela Preisfeld hat sich mit dem Ph\u00e4nomen der &#8222;Semelparit\u00e4t&#8220; befasst, einem Lebenszyklus, bei dem sich der betreffende Organismus nur einmal in seinem Leben sexuell fortpflanzt. Ein spannendes Thema, das Autor Uwe Blass in der belieb ten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; aufgreift.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-94581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-10-19 16:15:42","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=94581"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":94597,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94581\/revisions\/94597"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=94581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=94581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=94581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}