{"id":93953,"date":"2026-09-07T19:08:15","date_gmt":"2026-09-07T17:08:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=93953"},"modified":"2026-09-07T19:08:15","modified_gmt":"2026-09-07T17:08:15","slug":"die-aufnahme-deutschlands-in-den-voelkerbund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/09\/07\/die-aufnahme-deutschlands-in-den-voelkerbund\/","title":{"rendered":"Die Aufnahme Deutschlands in den V\u00f6lkerbund"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_93959\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1176px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93959 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Grothe-Pressefoto.jpg\" alt=\"\" width=\"1166\" height=\"754\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Ewald Grothe lehrt als Historiker an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p><b>Wie kam es \u00fcberhaupt zur Gr\u00fcndung des V\u00f6lkerbundes?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Langfristig wirkten sich die Friedensbewegung und die Bestrebungen der Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 aus. Der Gr\u00fcndung unmittelbar vorausgegangen war aber die furchtbare Katastrophe des Ersten Weltkrieges. So wurde die Satzung des V\u00f6lkerbundes in den Versailler Friedensvertrag von 1919 integriert. Nach der Ratifizierung wurde er im Januar 1920 gegr\u00fcndet.&#8220;<\/p>\n<p><b>Wie viele Staaten traten denn dem V\u00f6lkerbund bei?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Es gab 32 Gr\u00fcndungsmitglieder, das waren vor allem die Siegerm\u00e4chte des Ersten Weltkriegs. 1920 wurden 13 neutrale Staaten eingeladen, dem V\u00f6lkerbund beizutreten. In den 26 Jahren seines Bestehens haben insgesamt 63 Staaten ihren Beitritt erkl\u00e4rt. Es fehlten allerdings von Anfang bis zum Ende die Vereinigten Staaten von Amerika, obwohl deren Pr\u00e4sident Woodrow Wilson einer der Initiatoren gewesen war.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><b>Normalerweise folgte der Satzungsratifikation einer internationalen Organisation durch einen Staat die Mitgliedschaft. Das war aber im Falle Deutschlands erst einmal nicht so. Wie und warum hat man das umgangen?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Nach der Ratifikation der V\u00f6lkerbundsatzung im Januar 1920 musste das Deutsche Reich die Satzung einer internationalen Organisation ratifizieren, ohne ihr selbst beitreten zu d\u00fcrfen. Es musste nicht nur die Rechtspers\u00f6nlichkeit des V\u00f6lkerbunds anerkennen, sondern auch alle seine Beschl\u00fcsse und Entscheidungen akzeptieren. Artikel 1 der V\u00f6lkerbundsatzung f\u00fchrte den Begriff der urspr\u00fcnglichen Mitglieder ein, die in einem Anhang zur V\u00f6lkerbundsatzung benannt wurden. Deutschland und seine Verb\u00fcndeten befanden sich nicht darunter. Das ging vor allem auf den diplomatischen Einfluss Frankreichs zur\u00fcck.&#8220;<\/p>\n<p><b>Die Aufnahme in den V\u00f6lkerbund am 10. September 1926 bedeutete f\u00fcr Deutschland acht Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges die Wiederaufnahme in die Staatengemeinschaft und war ein gro\u00dfer Erfolg der Au\u00dfenpolitik unter Gustav Stresemann. Wie hat Stresemann das hingekriegt?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Stresemann hatte bereits bei den Verhandlungen \u00fcber den Vertrag von Locarno mit den Westm\u00e4chten England und Frankreich 1925 zugesichert, dem V\u00f6lkerbund beizutreten. Heikel war dies, weil innenpolitisch die Mehrheit der Deutschen Vorbehalte hatte und auch au\u00dfenpolitisch die sowjetische Skepsis, Deutschland w\u00fcrde in eine antisowjetische Front eintreten, \u00fcberwunden werden musste. Dies gelang durch den im April 1926 geschlossenen Berliner Vertrag, der den Rapallo-Vertrag von 1922 bekr\u00e4ftigte (<a href=\"https:\/\/www.uni-wuppertal.de\/de\/third-mission\/wissenschaftskommunikation\/jahr100wissen\/2022\/der-vertrag-von-rapallo\/\">https:\/\/www.uni-wuppertal.de\/de\/third-mission\/wissenschaftskommunikation\/jahr100wissen\/2022\/der-vertrag-von-rapallo\/<\/a>)<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>und beide Staaten zu gegenseitiger Neutralit\u00e4t verpflichtete. Das bedeutete zwar kein \u201eOst-Locarno\u201c, sicherte aber doch zu, dass bei einem Krieg der Sowjetunion mit Polen, die Deutschen den Franzosen kein Durchmarschrecht zur Unterst\u00fctzung Polens gew\u00e4hren durften.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Aufnahme Deutschlands in den V\u00f6lkerbund war ein gro\u00dfer diplomatischer Erfolg Stresemanns und brachte ihm jene internationale Anerkennung ein, die den Weg zur Verleihung des Friedensnobelpreises im Juni 1927 ebnete.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_93993\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93993 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Sitzung-des-Voelkerbundes-in-Lugano-1928-gem-einfrei.jpeg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"913\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Sitzung des V\u00f6lkerbundes in Lugano 1928. Au\u00dfenminister Gustav Stresemann ist die 5. Person von links am Tisch &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>Was bedeutete der V\u00f6lkerbund f\u00fcr Europa?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Der V\u00f6lkerbund sollte sowohl die internationale Kooperation f\u00f6rdern, in Konfliktf\u00e4llen vermitteln, als auch die Einhaltung von Friedensvertr\u00e4gen \u00fcberwachen. Dadurch, dass nahezu s\u00e4mtliche europ\u00e4ische Staaten dem V\u00f6lkerbund beitraten, sammelte man hier Erfahrungen bei der internationalen Konsensfindung. Zugleich musste man feststellen, dass einige Konflikte, wie die Korfu-Krise 1923, trotz Eingreifen des V\u00f6lkerbunds nicht gel\u00f6st werden konnten.&#8220;<\/p>\n<p><b>Die deutsche Reichsregierung versuchte, die internationale Diskussion durch einen eigenen V\u00f6lkerbundentwurf zu beeinflussen. Dieser Entwurf wurde aber von den Alliierten abgelehnt. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Deutschlands Vorschl\u00e4ge wurden von dem liberalen V\u00f6lkerrechtler und Pazifisten Walther Sch\u00fccking (1875-1935) vorgebracht. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr eine internationale Schiedsgerichtsbarkeit, eine Beitrittsm\u00f6glichkeit aller Staaten (auch Deutschlands) unabh\u00e4ngig von der Regierungsform und die Wahl der Delegierten durch die nationalen Parlamente. Auch sollte die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Staaten gest\u00e4rkt werden. Die Alliierten f\u00fcrchteten, dass bei Annahme dieser Vorschl\u00e4ge das Deutsche Reich als Sieger des Weltkriegs gewirkt h\u00e4tte.&#8220;<\/p>\n<p><b>V\u00f6lkerrechtlich gesehen bestand die absurde Situation, dass Deutschland mit dem Versailler Vertrag die Satzung einer internationalen Organisation ratifizieren musste, ohne der Organisation selbst beitreten zu d\u00fcrfen. Aus dieser rechtlichen Konstruktion erwuchsen dem Reich nur Pflichten, aber keine Rechte. Das war frustrierend, oder?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Das war vor allem hochproblematisch, weil das Deutsche Reich von den vom V\u00f6lkerbund getroffenen territorialen Regelungen unmittelbar betroffen war. So wurde der V\u00f6lkerbund Treuh\u00e4nder des Saargebiets, weil Frankreich seinen Anspruch auf eine Annexion nicht durchsetzen konnte. Die negative Wahrnehmung des V\u00f6lkerbunds in der deutschen \u00d6ffentlichkeit erwies sich als ein nur zeitweilig zu \u00fcberwindendes Problem.&#8220;<\/p>\n<p><b>Au\u00dferdem verwaltete der V\u00f6lkerbund nicht nur ehemals deutsche Gebiete, er war auch an der \u00dcbertragung deutscher Territorien auf andere Staaten beteiligt. Nach Artikel 119 des Versailler Vertrags musste das Deutsche Reich sogar seine Kolonien an die Alliierten und assoziierten Hauptm\u00e4chte abtreten. Tats\u00e4chlich lief die Verteilung aber ohne eine Stellungnahme des V\u00f6lkerbunds ab. Wie ging das?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Die fr\u00fcheren deutschen Kolonien durften aufgrund des Widerstands der USA von den alliierten M\u00e4chten nicht annektiert werden. So kam es zu einer \u00dcbertragung sogenannter Mandate, die der V\u00f6lkerbund allerdings nicht steuern, sondern nur nachtr\u00e4glich autorisieren konnte. \u00dcber die Verwaltung der Mandatsgebiete musste an den V\u00f6lkerbund berichtet werden. Die Mandatsverwaltung der fr\u00fcheren Kolonien gab den Gegnern des V\u00f6lkerbunds in Deutschland die M\u00f6glichkeit, angebliche alliierte Missbr\u00e4uche anzuklagen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Der V\u00f6lkerbund stellte den ersten Versuch dar, ein System der kollektiven Sicherheit in die Praxis umzusetzen. Der Gedanke, dass der potenzielle Angreifer auch Teil eines B\u00fcndnissystems sein konnte, war neu und revolution\u00e4r. Warum wurde er dann 1946 aufgel\u00f6st?<\/b><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Der Grundgedanke des V\u00f6lkerbunds war die Solidarit\u00e4t seiner Mitglieder und die Beistandspflicht im Konfliktfall. Dieses System internationaler Sicherheit konnten aber nur die Gro\u00dfm\u00e4chte wirklich garantieren. Au\u00dferdem waren gleichartige Sicherheitsinteressen und die Erhaltung des Status quo die Voraussetzungen f\u00fcr das Funktionieren eines solchen internationalen B\u00fcndnisses. Die \u00dcberzeugung der Mitglieder, dass man gemeinsam auf Abr\u00fcstung hinwirken m\u00f6chte, schwand sehr schnell.<\/p>\n<p>Der V\u00f6lkerbund scheiterte daran, dass wichtige Staaten wie die USA ihm nicht oder nur zeitweise beitraten, wie Italien, die Sowjetunion und Japan. Die Beschl\u00fcsse des V\u00f6lkerbunds wurden dar\u00fcber hinaus von den eigenen Mitgliedern konterkariert, indem man diplomatische Zugest\u00e4ndnisse machte, um den V\u00f6lkerbund zu umgehen. Am Ende wog das Eigeninteresse der Mitglieder schwerer als das gemeinsame Bem\u00fchen um einen friedlichen Konsens.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs l\u00f6sten die verbliebenen 34 Mitglieder den V\u00f6lkerbund im April 1946 selbst auf, zumal bereits im Jahr zuvor mit den Vereinten Nationen eine internationale globale Staatengemeinschaft gegr\u00fcndet worden war.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_93958\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93958 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Grothe-Pressefoto-2.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"313\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Ewald Grothe &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Ewald Grothe<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Ewald Grothe studierte Geschichtswissenschaften, \u00d6ffentliches Recht und Rechtsgeschichte in Marburg. Er habilitierte sich 2003 in Wuppertal und lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universit\u00e4t. Seit 2009 ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor. Seit 2011 leitet er das Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung f\u00fcr die Freiheit in Gummersbach. Seit 2017 ist er Vorsitzender der Br\u00fcder Grimm-Gesellschaft in Kassel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1926 wurde Deutschland in den V\u00f6lkerbund, der ersten weltweiten Organisation zur Friedenssicherung, aufgenommen. Ein Grund f\u00fcr Autor Uwe Blass, sich im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit dem Historiker Prof. Dr. Ewald Grothe \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Aufnahme zu unterhalten.  <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-93953","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-09-14 19:51:27","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93953","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=93953"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93953\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":93995,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93953\/revisions\/93995"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=93953"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=93953"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=93953"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}