{"id":93125,"date":"2026-07-20T22:17:52","date_gmt":"2026-07-20T20:17:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=93125"},"modified":"2026-07-20T22:17:52","modified_gmt":"2026-07-20T20:17:52","slug":"wenn-wissenschaft-den-kinderwunsch-erfuellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/07\/20\/wenn-wissenschaft-den-kinderwunsch-erfuellt\/","title":{"rendered":"Wenn Wissenschaft den Kinderwunsch erf\u00fcllt"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_93142\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93142 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Baranzke-Presse-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1910\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Ethikerin Dr. Heike Baranzke, war Lehrbeauftragte f\u00fcr Theologische Ethik der katholischen Theologie in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p>Seit den 1960er Jahren ger\u00e4t die Familienplanung mehr und mehr in den Einflussbereich der Life Sciences. Dieser im Deutschen auch Bio- oder Lebenswissenschaften genannte Forschungsansatz entwickelte sich nach der Entschl\u00fcsselung des genetischen Codes 1953 durch die Wissenschaftler James Watson und Francis Crick (Watson und Crick postulierten 1953 eine Doppelhelix f\u00fcr die Molekularstruktur der DNA, Anm. d. Red.), durch die biologische Teildisziplinen, die sich mit Strukturen und Prozessen von Lebewesen besch\u00e4ftigen, eine gemeinsame theoretische Grundlage erhalten haben.<\/p>\n<p>\u201eSeitdem sind die Subdisziplinen der Biologie u.a. auch in den Bereichen Embryologie und Zellforschung immer mehr zusammengewachsen\u201c, sagt Dr. Heike Baranzke, ehemalige Ethikerin in der Katholischen Theologie der Bergischen Universit\u00e4t. Der entscheidende Punkt aber sei, dass dadurch biologische Prozesse auch immer mehr biotechnologisch kontrollierbar und manipulierbar werden.<\/p>\n<h4>Der Mensch verliert die Kontrolle \u00fcber seine Fruchtbarkeit<\/h4>\n<p>\u201eAntibabypille und In-vitro-Fertilisation (IVF) (k\u00fcnstliche Befruchtung au\u00dferhalb des K\u00f6rpers, Anm. d. Red.) sind zwei Seiten derselben Medaille, menschliche Fruchtbarkeit zu kontrollieren, indem der lebensweltliche Zusammenhang sexueller Begegnung als notwendiger Voraussetzung f\u00fcr menschliche Fortpflanzung aufgel\u00f6st wird\u201c, sagt Baranzke und betont: \u201eEs ist nichts dagegen einzuwenden, die sexuelle Lust zu genie\u00dfen und eine verantwortliche Familienplanung zu betreiben.\u201c Aber jede Technologie habe einen Preis. Der Preis der reproduktiven Biotechnologie sei, dass der menschliche K\u00f6rper zunehmend zum Forschungsmaterial und Experimentierfeld der Biowissenschaften werde.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>\u201eWenn man, um eine Familie zu gr\u00fcnden, in die In-vitro-Technologie einsteigt, dann kann man das nicht zu Hause im eigenen privaten Schlafzimmer machen, sondern man geht dazu in ein Labor, d.h. in den \u00f6ffentlichen Raum. Man begibt sich in die H\u00e4nde von entsprechenden Wissenschaftlern und einer zunehmend komplexen Reproduktionstechnologie, und die Frage ist dann, wie lange man noch selber die Lage steuert?\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>In-Vitro-Befruchtung \u2013 Einstieg in die Technologisierung menschlicher Familiengr\u00fcndung<b><\/b><\/h4>\n<p>Wenn Paare mit Kinderwunsch keine Kinder auf nat\u00fcrlichem Wege bekommen k\u00f6nnen, erhoffen sich viele, mit Hilfe der In-Vitro-Befruchtung doch noch genetisch eigene Kinder zu erzeugen. Steigt man aber in eine Technologie erst einmal ein, werden neue Anwendungsm\u00f6glichkeiten entdeckt, die meist neue Fragen bez\u00fcglich gesellschaftlicher und psychologischer Folgen f\u00fcr die von den wissenschaftlich-technischen Entwicklungen Betroffenen aufwerfen, f\u00fcr die aber vielfach erst einmal kein Problembewusstsein existiert. Insbesondere die Kindeswohlperspektive wurde lange ignoriert und wird bis heute durch den Kinderwunsch der Eltern dominiert.<\/p>\n<p>\u201eBei der Einf\u00fchrung der IVF-Technologie stand die Selektionsthematik in Form der seit 2011 im Fall von genetisch belasteten Hochriskopaaren erlaubten Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID) sehr im Vordergrund\u201c, sagt Baranzke. \u201eDabei wird ein fr\u00fcher Embryo in der Petrischale daraufhin diagnostiziert, ob er die krankheitsausl\u00f6senden Gene seiner Eltern geerbt hat\u201c, erkl\u00e4rt die Ethikerin. Darauf folgte die Designerbaby-Debatte, d.h. mit Auslese von Embryonen in der Petrischale auch weitergehende Ziele verfolgen zu k\u00f6nnen. So kann ein erbgesundes Kind dazu bestimmt werden, als Helfergeschwister f\u00fcr ein krankes Kind, das auf eine Knochenmarkspende angewiesen ist, geboren zu werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_93143\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93143 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Zwillinge-Foto-Colourbox-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"2410\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eineiige Zwillinge bilden einen nat\u00fcrlichen Klon &#8211; \u00a9 Colourbox<\/span><\/div>\n<p>Neue gentechnologische Methoden, wie die viel diskutierte Genschere CRISPR-Cas, erm\u00f6glichen nicht nur eine passive Auslese wie die PID, sondern aktive Verbesserungen der genetischen Ausstattung. Zwar hat sich die westliche Welt ein Moratorium der Anwendung der Methode beim Menschen auferlegt, da diese nicht nur die ver\u00e4nderten Individuen betreffen, sondern einen vererbbaren Eingriff in deren Genom darstellen w\u00fcrde. Jedoch hat sich in China ein Wissenschaftler dar\u00fcber hinweggesetzt und 2018 die Geburt des ersten genmanipulierten Zwillingspaars verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>\u201eDie Reduzierung biomedizinethischer Debatten auf die technische Machbarkeit und deren medizinische Chancen und Risiken unter Ausblendung der gesellschaftlichen Effekte ist die Regel. Im reproduktionstechnologischen Diskurs kommt die systematische Ausblendung der biopsychosozialen Bedeutung f\u00fcr die betroffenen Kinder hinzu, die besonders deutlich wird, wenn Wunscheltern Keimzellen Dritter verwenden.\u201c, klagt Heike Baranzke. Mit dem Verein &#8218;Spenderkinder&#8216; \u00a0melden sich daher seit einigen Jahren Betroffene selbst zu Wort. Der Verein setzt sich auch mit dem etablierten Vokabular &#8218;Spende&#8216; und &#8218;Spender&#8216; kritisch auseinander. Denn einerseits verdeckt die Sprache die \u00f6konomische Seite des Kinderwunschmarktes, andererseits setzen sie sich durch die Selbstbezeichnung &#8218;Spenderkinder&#8216; zu ihren Keimzelllieferanten in eine Beziehung, die seitens der rechtlichen Eltern in der Regel gerne ausgeblendet werden.<\/p>\n<p>\u201eBei der Spendersamenbehandlung in sogenannten &#8218;Fertilit\u00e4tskliniken&#8216; wurde der Frau die Identit\u00e4t des Samenspenders, mit dessen Samen sie bzw. ihre Eizelle letztendlich befruchtet wurde, nicht mitgeteilt\u201c, erkl\u00e4rt Baranzke. \u201eDabei werden die sogenannten Keimzellspender praktisch auf ihre Keimzellen reduziert, die wie eine Unfruchtbarkeitsarznei betrachtet werden, obwohl sie die genetische Information der Keimzellspenderperson auf das Kind \u00fcbertragen. Dass es aber wichtig ist, die familiensystemischen und biopsychosozialen Folgen der Familienmitglieder, allen voran f\u00fcr die daraus hervorgehenden Kinder, zu bedenken, daf\u00fcr bestand und besteht z.T. bis heute kaum Problembewusstsein und wenig Bereitschaft.\u201c<\/p>\n<p>Vielmehr empfahlen Reproduktionsmediziner den Wunscheltern bis weit in die 1990er Jahre hinein, die Inanspruchnahme von Fremdsamen gegen\u00fcber dem Kind zu verschweigen. Diese Praxis aber versto\u00dfe gegen das Menschenrecht auf Kenntnis seiner biologischen Herkunft, wor\u00fcber die \u00c4rzteschaft sich schon seit den 1970ern im Klaren war. Dem wird in Deutschland seit 2018 partiell durch das Samenspenderregistergesetz (SaRegG) Rechnung getragen, seitdem die Samenspenderanonymit\u00e4t durch die Vereinfachung genetischer Vaterschaftsnachweise ohnehin nicht mehr garantiert werden kann.<\/p>\n<div id=\"attachment_93144\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 401px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93144 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Spermium-und-Eizelle.jpg\" alt=\"\" width=\"391\" height=\"265\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Spermium und Eizelle &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Daher war ein treibender Faktor f\u00fcr die Gesetzesentwicklung, registrierte Samenspender davor zu sch\u00fctzen, von ihren biologischen Kindern sp\u00e4ter als rechtliche V\u00e4ter in Anspruch genommen werden zu k\u00f6nnen. Eizellspende und Leihmutterschaft seien in dem Gesetz nicht mit erfasst, da sie in Deutschland verboten sind. Aber auch die gesetzlich ungeregelte Embryonenspende fall nicht unter das Gesetz.<\/p>\n<h4>Samenspende erlaubt \u2013 Eizellspende verboten<\/h4>\n<p>In Deutschland ist die Samenspende erlaubt, die Eizellspende jedoch durch das Embryonenschutzgesetz (ESchG) von 1990 verboten. \u201eHier sind zwei Faktoren zu nennen: Zum einen wollte man auf dem Hintergrund eines konservativen Frauenbildes eine gespaltene Mutterschaft verhindern, ohne die Problematik anonymer biologischer Vaterschaft \u00fcberhaupt auf dem Schirm zu haben. Zum andern ist die Samenspende technologisch unaufw\u00e4ndig und stellt kein gesundheitliches Risiko f\u00fcr die M\u00e4nner dar\u201c, erkl\u00e4rt Dr. Heike Baranzke. \u201eDas stellt sich bei der Eizellspende ganz anders dar. Von liberaler Seite wird ihre Zulassung gefordert mit dem Argument, dass das Verbot eine Diskriminierung von Frauen und ein Versto\u00df gegen Artikel 3 des Grundgesetzes sei.\u201c<\/p>\n<p>Dabei w\u00fcrden aber die medizinischen Risiken f\u00fcr die Frau stark relativiert, weil man die Eizellen der Frauen nicht einfach so entnehmen k\u00f6nne, sondern Frauen sich entsprechend vorher einer hormonellen Stimulation unterziehen m\u00fcssten und die Eizellen dann auch aus dem Bauchraum entnommen werden m\u00fcssen. \u201eEs wird auch au\u00dfer Acht gelassen, dass im Unterschied zu M\u00e4nnern, die ihr ganzes Leben lang Spermien produzieren, bei Frauen schon im Embryonalstadium nur ein begrenzter Vorrat an Vorl\u00e4uferzellen von Eizellen angelegt wird. Daher ist die weibliche Eizellreserve begrenzt. Das sind Asymmetrien, \u00fcber die f\u00fcr den Fall einer Aufhebung des gesetzlichen Verbotes der Eizellspende ebenfalls gesetzlich verbindlich ernsthaft aufgekl\u00e4rt werden m\u00fcsste. Denn es ist klar, dass der dahinterstehende Kinderwunschmarkt hier auch starke \u00f6konomische Interessen hat, die ein reales Ausbeutungsrisiko f\u00fcr Frauen bergen.\u201c<\/p>\n<h4>Wer ist der unbekannte Samenspender?<b><\/b><\/h4>\n<p>Baranzke warnt vor einer naiven Nutzung der modernen Reproduktionstechnologie und sagt: \u201eDas Problem liegt darin, dass man letztlich nur die biologische oder biotechnische Sichtweise der Machbarkeit einnimmt und so die genetischen Eltern auf die Funktion von Keimzelllieferanten reduziert. Deren bleibende biologische und psychosoziale Bedeutung f\u00fcr die daraus entstehenden Kinder wird nicht mitbedacht. Daher dokumentiert der Verein &#8218;Spenderkinder&#8216; auf seiner Website nicht nur Selbsterfahrungsberichte, sondern unterst\u00fctzt betroffene Personen, die erfahren haben, dass sie nicht mit Teilen ihrer rechtlichen Eltern biologisch verwandt sind \u2013 es handelt sich praktisch immer um den Vater \u2013, bei der Suche nach ihrem biologischen Vater. Denn jede m\u00e4nnliche oder weibliche Keimzelle ist zu 5 Prozent verantwortlich f\u00fcr unsere leibliche Identit\u00e4t, von der Blutgruppe bis hin zu Charakterz\u00fcgen und Talenten. Die daraus entstehenden Kinder verdanken dann Aspekte ihrer Pers\u00f6nlichkeit einer Person, die sie nicht kennen.\u201c<\/p>\n<p>Ferner wird die Bedeutung einer unbekannten, z.T. hohen Zahl m\u00f6glicher Halbgeschwister in Deutschland bislang nur sehr selektiv wahrgenommen, w\u00e4hrend in den USA bereits seit dem Jahr 2000 ein \u201edonor sibling registry\u201c existiert, dass Spenderkinder bei der Suche nach ihren Halbgeschwistern unterst\u00fctzt. Die Perspektive der Spenderkinder werde sowohl von Wunscheltern wie von den Akteuren des Kinderwunschmarktes meist ausgeblendet. \u201eDen bleibenden Einfluss der Samenspender auf die k\u00f6rperliche und psychische Identit\u00e4t des Kindes bringen Samenbanken den meist jungen Samenspender bis heute nicht wirklich nahe, obwohl aus der Adoptionsforschung die Bedeutsamkeit des meist in der Pubert\u00e4t aufkommenden Wunsches, mehr \u00fcber die eigene Herkunft zu erfahren, wohlbekannt ist.<\/p>\n<p>Von der Wunschelternseite her werde die genetische Abstammung der Kinder gerne als Problem der Kinder relativiert mit dem Argument: &#8218;Du bist doch das absolute Wunschkind gewesen&#8216;!\u201c Daher sei es doch v\u00f6llig egal, woher die H\u00e4lfte oder gar alle Gene des Kindes k\u00e4men. Auf der anderen Seite untern\u00e4hmen Wunscheltern gro\u00dfe Anstrengungen, das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Ausma\u00df einer genetischen Verwandtschaft auf dem v.a. international ungeregelten Kinderwunschmarkt f\u00fcr sich selber oder zumindest durch wiederholten Zugriff auf denselben Spendersamen f\u00fcr eine genetische Vollverwandschaft der Geschwister untereinander herzustellen oder durch sogenanntes genetisches matching der Ph\u00e4notypen zwischen Eltern und Samenspender zumindest optisch zu simulieren.<\/p>\n<p>Aber auch die m\u00f6glichen psychosozialen R\u00fcckwirkungen einer unbedachten Kinderwunscherf\u00fcllung mit Keimzellen Dritter auf Wunscheltern selbst werde untersch\u00e4tzt. Denn das Wissen um die genetische Fremdherkunft ihrer Kinder bleibe im Familiensystem virulent. \u201eNat\u00fcrlich gleichen sich auch Eltern immer wieder mit ihren Kindern ab, sowohl in physischer, als auch in psychischer Hinsicht. Typische, sich oft an Familienalben entz\u00fcndende Geschichten, ob das Kind mehr dem Gro\u00dfvater v\u00e4terlicher- oder m\u00fctterlicherseits \u00e4hnele, bleiben unerz\u00e4hlt oder werden zu einem Familiengeheimnis\u201c, sagt Heike Baranzke.<\/p>\n<p>\u201eAus der Kinderperspektive kommt dann in der Pubert\u00e4t, wo der eigene K\u00f6rper, die eigene Sexualit\u00e4t sich entwickeln, hinzu, dass nun die Kinder sich mit den Eltern nicht abgleichen k\u00f6nnen. Und wer dann \u2013 vielleicht durch Zufall \u2013 erf\u00e4hrt, dass der Vater nicht der leibliche Vater ist, ger\u00e4t in eine Vertrauenskrise, die das gesamte Familiensystem ersch\u00fcttern kann. F\u00fcr diese weitergehenden Verantwortungsdimensionen f\u00fchlen sich die Akteure des Kinderwunschmarktes nicht zust\u00e4ndig\u201c, betont die Ethikerin.<\/p>\n<p>\u201eVielmehr setzen sie mit Aufwandsentsch\u00e4digungen \u00f6konomische Anreize, die durch die Aufkl\u00e4rung \u00fcber eine lebenslange Leiblichkeitsbeziehung zwischen Samenspendern und ihren Nachkommen konterkariert werden.\u201c Das Samenspenderregistergesetz (SaRegG) garantiere nun zwar den Zugang zu den Personendaten f\u00fcr 110 Jahre, verpflichte den Samenspender jedoch nicht, dem Wunsch seiner Nachkommenschaft zur Kontaktaufnahme nachkommen zu m\u00fcssen. Die Wahrscheinlichkeit einer existentiellen Kr\u00e4nkung sei hier hoch, erkl\u00e4rt Baranzke.<\/p>\n<h4>Leihmutterschaft \u2013 Risiko f\u00fcr Frauen, Entwertung der Schwangerschaft<b><\/b><\/h4>\n<p>Die Leihmutterschaft ist in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten. \u00dcber die Medien erfahren wir aber jedoch immer wieder von prominenten F\u00e4llen, die sich \u00fcber das deutsche Verbot hinwegsetzen. \u201eErst k\u00fcrzlich im April ist Hendrik Streeck, der Bonner Virologe und Regierungsbeauftragter f\u00fcr Sucht- und Drogenfragen, mit seinem Ehemann aus den USA zur\u00fcckgekehrt und hat die Geburt ihres gemeinsamen Kind verk\u00fcndet.\u201c, sagt Baranzke. Offensichtlich hat der CDU-Bundestagsabgeordnete die in den USA legale Leihmutterschaft in Anspruch genommen. Doch auch bei der Leihmutterschaft, die gerne unter dem Label der reproduktiven Autonomie von Frauen angepriesen werde, gebe es einiges zu bedenken.<\/p>\n<div id=\"attachment_93150\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1010px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93150 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bild.png\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"533\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Tiere werden schon seit l\u00e4ngerer Zeit geklont &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eJede Schwangerschaft ist ein medizinisches Risiko und man muss sich fragen, mit welchem Recht nehme ich hierf\u00fcr eine Frau in Anspruch. Sicher erh\u00e4lt sie eine in den USA sogar durchaus ansehnliche Aufwandsentsch\u00e4digung. Es gibt allerdings Billigl\u00e4nder im asiatischen oder osteurop\u00e4ischen Raum, in denen die Armut von Frauen ausgenutzt wird und sie zus\u00e4tzlich zu dem immer gegebenen medizinischen Risiko einer Schwangerschaft auch noch das der gesellschaftlichen \u00c4chtung in ihren Heimatl\u00e4ndern eingehen. Au\u00dferdem wird ausgeblendet, dass mit einer Schwangerschaft eine pr\u00e4natale Beziehungsgeschichte zwischen einer Frau und dem in ihrem K\u00f6rper heranwachsenden Kind beginnt. Diese wird aber im Fall der Leihmutterschaft durch ein ausgekl\u00fcgeltes Gef\u00fchlsmanagement von den Firmen abgeschnitten und die Frau faktisch auf die Funktion einer Brutmaschine reduziert. Denn in der Regel ist bei dem Wunschelternpaar die Bereitschaft, die Bauchmama ihres bestellten Kindes in ihre private Beziehung zu integrieren, nicht gegeben.\u201c Stattdessen werde das Kind zum Vertragsgegenstand.<\/p>\n<h4>Embryonenadoption<b><\/b><\/h4>\n<p>Neben der Keimzellspende gibt es auch die Embryonenadoption. \u201eBei der Embryonenadoption handelt es sich um befruchtete Eizellen von Paaren, die sich einer assistierten Reproduktion unterzogen haben. Da in dem Verfahren oft mehr befruchtete Eizellen entstehen als das Paar selber austragen will, liegen die &#8218;\u00fcberz\u00e4hligen Embryonen&#8216; kryokonserviert in Biobanken. Ein f\u00fcr den Lebensschutz engagierter bayrischer Verein hat sich vor Jahren \u00fcberlegt, die kryokonservierten Embryonen kinderlosen Paaren zur Verf\u00fcgung zu stellen, um sie nicht vernichten zu m\u00fcssen oder der embryonalen Stammzellforschung zu \u00fcberlassen.\u201c<\/p>\n<p>Im Unterschied zu einigen anderen Staaten sei diese urspr\u00fcnglich bayerische Lebensschutzinitiative in Deutschland nicht gesetzlich geregelt, aber auch nicht verboten. Die Embryonenadoption werde vielmehr privatrechtlich notariell geregelt zwischen den Eigent\u00fcmern \u00fcberz\u00e4hliger Embryonen, deren Kinderwunschbehandlung abgeschlossen ist, und den unfruchtbaren Wunschelternpaaren. Da die Wunschmutter den Embryo selbst austrage, gilt sie nach dem B\u00fcrgerlichen Gesetzbuch als rechtm\u00e4\u00dfige Mutter des von ihr geborenen Kindes und ihr Ehemann werde automatisch zum rechtsg\u00fcltigen Vater. In der Schwangerschaft der Wunschmutter und dem durch die Geburt begr\u00fcndeten Automatismus rechtlicher Elternschaft liege die gr\u00f6\u00dfte Differenz zu der bekannteren Kindsadoption.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eDiese Lebensschutzinitiative kommt auf den ersten Blick einer &#8217;nat\u00fcrlichen&#8216; Familiengr\u00fcndung sehr nahe, zumal die Beziehungsgeschichte zwischen dem Embryo und der Wunschmutter bereits mit der Schwangerschaft beginnen kann. Doch bei n\u00e4herer Betrachtung wird deutlich, dass auch die Embryonenadoption sich nicht f\u00fcr eine Kleinfamilienidylle in privater Abgeschiedenheit eignet, wenn der Erlebnisperspektive so geborener Kinder Rechnung getragen werden soll.\u201c Im Samenspenderregistergesetz (SaRegG) sei die Embryonenadoption nicht erfasst. Jedoch k\u00f6nne dem Menschenrecht der Kinder auf Kenntnis ihrer biologischen Herkunft wenigstens durch die Identit\u00e4t der Vertragspartner Rechnung getragen werden, sofern dem Kind der Vertrag bekannt gemacht werde.<\/p>\n<p>\u201eDurch Embryonenadoption geborene Kinder unterscheiden sich von z.B. Samenspenderkindern aber in einem wesentlichen Punkt\u201c, stellt Baranzke klar, \u201eanstelle von eventuell Dutzender Halbgeschwister besitzen sie einige genetische Vollgeschwister in einer anderen Familie. Insofern k\u00f6nnten sie sich einmal fragen, warum sie denn in ihrer genetischen Familie nicht mehr gewollt gewesen w\u00e4ren. Solche Fragen m\u00fcssen nicht unbedingt ein Problem sein, aber sie k\u00f6nnen es werden, wenn darauf keine Antworten gegeben werden, die den kindlichen Seelenfrieden wiederherstellen, der zum Kindeswohl dazugeh\u00f6rt. Mit welchem Recht d\u00fcrften wir das erwachende Interesse an dem genetischen Anteil der eigenen Pers\u00f6nlichkeit verschweigen oder etwaige Beziehungsw\u00fcnsche zu den genetischen Eltern vom Tisch wischen, nur, weil sie in den elterlichen Kinderwunscherf\u00fcllungsszenarien nicht eingeplant waren?\u201c fragt sich die Theologin.<\/p>\n<h4>Klonen\u2013 die genetisch-identische Kopie des zeitversetzten Zwillings<\/h4>\n<p>Das Klonen als Reproduktionsmethode im Humanbereich wird weltweit abgelehnt. \u201eDaran will, zumindest in der westlichen Welt, bislang niemand r\u00fchren.\u201c, sagt Baranzke. Beim Klonen entstehen genetisch-identische Kopien von Lebewesen. Die sogenannte Dolly-Methode, genannt nach dem ber\u00fchmten Schaf, das vor 30 Jahren auf diese Weise erstmals produziert wurde, unterscheide sich von der auch nat\u00fcrlich vorkommenden Zwillingsbildung aber erheblich. Letztere geschehe durch Zerfall eines sehr fr\u00fchen Embryos in seinen ersten Tagen.<\/p>\n<p>\u201eDas ber\u00fchmte erste Klonschaf Dolly ist jedoch aus dem Zellkern einer Euterzelle ihrer genetischen Mutter entstanden, der in eine entkernte Eizelle eingef\u00fchrt und so in einen embryonalen Zustand zur\u00fcckversetzt wurde. Auf nat\u00fcrlichem Wege geborene eineiige Zwillinge sind genetisch identische Geschwister, also Klone. Wenn wir das aber nun mit erwachsenen Menschen machen, dann ist das geklonte Kind praktisch ein zeitversetzter genetischer Zwilling seiner Mutter. Wir haben eine zeitversetzte Geschwisterbildung, bei der die Mutter zugleich die Schwester des Klons ist. Das sprengt unsere tradierten Familienkonstruktionen.\u201c<\/p>\n<p>Im Tierbereich sei die Dolly-Klonierungsmethode mittlerweile so ausgereift, dass sie in vielen Bereichen angewandt werde. Beispiele w\u00e4ren etwa die Turbomilchk\u00fche oder besondere Rassepferde, wo man die Leistungsf\u00e4higkeit erhalten wolle. \u201eReiche Leute lassen sich auch ihre verstorbenen Haustiere nach der Dolly-Methode klonen. Mittlerweile ist es auch auf Primatenniveau gelungen\u201c, erkl\u00e4rt die Ethikerin, \u201eund von daher sind wir schon ziemlich nah am Menschen dran.\u201c<\/p>\n<h4>Reform des Familienrechts notwendig<\/h4>\n<p>Unabh\u00e4ngig von den enormen Gewinnen, \u00fcber die in der Bioethikdebatte oder Biomedizin nicht gerne gesprochen werde, habe sich ein Kinderwunscherf\u00fcllungsmarkt entwickelt, den sowohl heterosexuelle als auch queere Paare unter dem Aspekt erweiterter M\u00f6glichkeiten zur Familiengr\u00fcndung nutzen w\u00fcrden, ohne von irgendwelchen Institutionen \u00fcber die psychosozialen Konsequenzen der Technologienutzung hinreichend aufgekl\u00e4rt zu werden. \u201eDie betroffenen Spenderkinder versuchen seit fast zwei Jahrzehnten zwar, sich national und international zu vereinen, um f\u00fcr ihre Erlebnisperspektive und ihre Anliegen Geh\u00f6r zu finden, aber es gibt bislang noch wenige Kr\u00e4fte, die sich mit ihnen solidarisieren. Im Gegenteil: Der reproduktionstechnologiegetriebene Kinderwunschmarkt wei\u00df die Sehns\u00fcchte ungewollt kinderloser Paare in einer Weise zu nutzen, die das \u00b4eigene Kind` zu einem Lifestyleprodukt macht und den Diskurs \u00fcber eine notwendige Reform des Familienrechtes ma\u00dfgeblich pr\u00e4gt\u201c, konstatiert die Wissenschaftlerin.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_93145\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-93145 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Baranzke-Presse-2.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"270\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Heike Baranzke &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Heike Baranzke<\/h4>\n<p>Dr. Heike Baranzke war Lehrbeauftragte f\u00fcr Theologische Ethik der katholischen Theologie in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Kinderwunsch in den H\u00e4nden der Wissenschaft liegt. Autor Uwe Blass hat sich im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit der Ethikerin Dr. Heike Baranzke \u00fcber psychosoziale Dimensionen der Reproduktionstechnologie, u.a. auch \u00fcber k\u00fcnstliche Befruchtung au\u00dferhalb des K\u00f6rpers unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-93125","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-07-28 15:44:41","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93125","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=93125"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93125\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":93151,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/93125\/revisions\/93151"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=93125"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=93125"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=93125"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}