{"id":92939,"date":"2026-07-08T18:28:47","date_gmt":"2026-07-08T16:28:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=92939"},"modified":"2026-07-09T18:29:57","modified_gmt":"2026-07-09T16:29:57","slug":"gertrude-bell-sie-war-die-koenigin-der-wueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/07\/08\/gertrude-bell-sie-war-die-koenigin-der-wueste\/","title":{"rendered":"Gertrude Bell: Sie war die K\u00f6nigin der W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_92955\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 778px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92955 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Gertrude-Bell-undatiert-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"480\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Portrait der Gertrude Bell, K\u00f6nigin der W\u00fcste. Wann und wo das Foto genau entstand, ist bis heute nicht bekannt &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>Am 12. Juli 1926 starb Gertrude Bell in Bagdad. Wer war diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Au\u00dfergew\u00f6hnliche Menschen f\u00fcgen sich selten in ein Raster. F\u00fcr Gertrude Bell sind eine gewisse Rastlosigkeit sowie ein enormer Wagemut charakteristisch \u2013 und die vermeintlichen Gegens\u00e4tze, die ihr Leben ausmachten: k\u00fchne Erstbesteigerin einer ganzen alpinen Gipfelgruppe, aber auch eine furchtlose Kamelreiterin, unterwegs durch die W\u00fcste von Stammesf\u00fchrer zu Stammesf\u00fchrer, gelehrter Ehrgeiz als Arch\u00e4ologin im Orient und ebendort Mitorganisatorin des arabischen Aufstandes gegen das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg, eine offenkundig \u201emoderne\u201c Frau mit selbstbewusster, weitgehend selbstbestimmter Lebensf\u00fchrung und eine scharfe Gegnerin der Einf\u00fchrung des Frauenwahlrechts. Doch bei n\u00e4herer Betrachtung f\u00fcgen sich diese Gegens\u00e4tze eben gut zusammen. Gertrude Bell machte schlichtweg, was sie interessierte \u2013 und sie konnte es sich dank ihrer Herkunft leisten.&#8220;<\/p>\n<p><b>Den Ersten Weltkrieg erlebte Gertrude Bell in Kairo und arbeitete da auch f\u00fcr den Geheimdienst. Wie kam es dazu, und welche Aufgabe hatte sie dort?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Mehrere Umst\u00e4nde f\u00fchrten zu diesem Engagement. Dazu geh\u00f6rte zun\u00e4chst das, was man Bells \u201eNetzwerk\u201c nennen k\u00f6nnte; sie stammte aus einer Stahlindustriellenfamilie, in deren Salon unter anderem der Naturforscher Charles Darwin, der Mitbegr\u00fcnder des \u201eArts and Crafts Movement\u201c William Morris und der Sozialreformer John Ruskin verkehrten. Bell hatte sogar in Oxford studieren d\u00fcrfen und kn\u00fcpfte bei ihren Reisen weitere Kontakte, \u00fcbrigens beispielsweise auch zum deutschen Orientalisten und Generalkonsul Friedrich Rosen sowie zum aus Wuppertal stammenden Arch\u00e4ologen Wilhelm D\u00f6rpfeld. Ihre Meriten als Wissenschaftlerin und Landeskundige bildeten den zweiten wesentlichen Faktor; im Jahre 1914 hatte Bell f\u00fcr ihre k\u00fchne Reise von Damaskus nach Ha&#8217;il, dem Hauptquartier der Ibn Raschid, und zur\u00fcck sogar die renommierte Auszeichnung der National Geographic Society erhalten.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Drittens erlangten ihre exotischen Interessen und Expertisen mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs pl\u00f6tzlich eine strategische Bedeutung, erst recht nach der desastr\u00f6sen Niederlage von Gallipoli; der von Winston Churchill geplante britische Angriff auf die Dardanellen, also gegen das mit dem Deutschen Reich verb\u00fcndete Osmanische Reich, war blutig gescheitert. Nun arbeitete Gro\u00dfbritannien darauf hin, das Osmanische Reich von innen zu zersetzen und auf diese Weise den Nahen Osten f\u00fcr die Entente und f\u00fcr sich selbst zu sichern. Daf\u00fcr brauchte es intime Vertrautheit mit der arabischen (Stammes-)Welt, \u00fcber die nur wenige verf\u00fcgten, darunter eben Gertrude Bell und der Offizier Thomas Edward Lawrence, sp\u00e4ter verewigt durch den Film \u201eLawrence von Arabien\u201c, der ebenso wie Bell \u00fcber profunde Kenntnis aus arch\u00e4ologischen Aktivit\u00e4ten verf\u00fcgte sowie \u00fcber geographische respektive landeskundliche Expertise, die im imperialen Rahmen immer zugleich milit\u00e4rischer Nutzanwendung verpflichtet war. Von den zahlreichen Reiseberichten, die sie verfasst hat, war es inhaltlich kein langer Weg hin zu politischen Memoranden.&#8220;<\/p>\n<p><b>Sie war durch Winston Churchill an der kolonialen Aufteilung des osmanischen Reiches beteiligt. Wodurch hatte sie denn das enorme Wissen \u00fcber den Orient?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Fragt man nach Bells Wissen, aufgrund dessen der damalige Kolonialminister Winston Churchill sie als Orientspezialistin zur wichtigen Cairo Conference des Jahres 1921 hinzuzog, muss man auf ihre Quellen schauen. Zun\u00e4chst einmal war sie eine lernbegierige Leserin, die im Wunsch nach einem Studium die Gelegenheit gesehen hatte, Dilettantismus mit wissenschaftlichen Methoden zu \u00fcberwinden \u2013 und eine geradezu manische Buch- und Briefschreiberin. Sodann machte sie auf zahlreichen Expeditionen eigene Erfahrungen, sie fertigte Karten bislang unbekannter Gebiete an und verzeichnete akribisch arch\u00e4ologische Ausgrabungen. Nicht minder wichtig d\u00fcrften jene Informationen gewesen sein, die sie gespr\u00e4chsweise im Austausch mit Stammesf\u00fchrern und anderen Mitgliedern der Eliten aufnahm, mit denen sie einen intensiven Umgang pflegte, und zwar in der Sprache, ja sogar in den Dialekten der diversen Scheichs, deren N\u00e4he sie suchte.&#8220;<\/p>\n<p><b>Sie war damals sehr beliebt bei den Arabern und engagierte sich f\u00fcr den Erhalt der Kultursch\u00e4tze. Sie gr\u00fcndete sogar das Irakische Nationalmuseum. Wie war das als Frau damals m\u00f6glich?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Vielleicht war Gertrude Bell gerade als Frau etwas m\u00f6glich, was einem Mann mit vergleichbaren F\u00e4higkeiten und vergleichbarem Wissen nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, weil sie kaum im Verdacht stand, in einem m\u00e4nnlich-hierarchischen Umfeld die Autorit\u00e4t und das Prestige hochrangiger Akteure zu gef\u00e4hrden. Genau diese Untersch\u00e4tzung er\u00f6ffnete ihr unverd\u00e4chtige Wirkungsm\u00f6glichkeiten. Es gibt nicht wenige Gruppenaufnahmen, auf denen Bell als einzige Frau unter vielen M\u00e4nnern in Anzug, Uniform und orientalischem Gewand zu sehen ist. Sie glaubten allesamt nicht, dass diese Frau ihnen etwas streitig zu machen vermochte, sondern eher, dass man ihre F\u00e4higkeiten und Kenntnisse ohne wesentliche Gegenleistung ausnutzen k\u00f6nne; dass Gertrude Bell sich gegen die Suffragetten gewandt hatte, mag sie manchen sogar wie eine Bundesgenossin vorgekommen sein. So macht sie sich einen Freiraum zu eigen, den ihr selbst arabische Anf\u00fchrer ohne emanzipatorische Absichten gerne gew\u00e4hrten. Mit einer breiteren Bev\u00f6lkerung geriet sie allerdings kaum in Kontakt, auch im arabischen Raum d\u00fcrfte ihr Name eher der politischen und gelehrten Elite gel\u00e4ufig gewesen sein, die mit Gro\u00dfbritannien kooperierte, ob finun einflussreiche Stammesf\u00fchrer oder von den Briten selbst ausgebildete Beamte im Dienste des neugegr\u00fcndeten Irak.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_92956\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92956 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Portrait-Eckert-foto-Mathias-Kehren.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"376\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der renommierte Historiker Georg Eckert, der an der Bergischen Universit\u00e4t lehrt &#8211; \u00a9 Mathias Kehren<\/span><\/div>\n<p><b>Sie gilt als Architektin des heutigen Irak und hat 1921 \u00fcber die Grenzen des modernen Irak mitentschieden. Sie wollte, dass Christen, Sunniten, Schiiten, Juden und Kurden friedlich zusammenleben. Das blieb aber bis heute eine Utopie, oder?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Die heutigen Erfahrungen machen manche einstige Zuversicht fragw\u00fcrdig, sind aber ohne damals noch nicht absehbare Entwicklungen kaum zu denken: die Masseneinwanderung von Juden in das im Jahre 1948 gegr\u00fcndete Israel, die Verwerfungen des Kalten Krieges, die Iranische Revolution, die irakische Diktatur und manches andere. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Perspektiven andere, denn der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches erm\u00f6glichte neue Optionen, bei denen Gertrude Bell und andere Briten nicht an Nationalstaaten nach europ\u00e4ischem Vorbild dachten, sondern an eine Eingliederung in ein ver\u00e4ndertes britisches Weltreich. Sie sahen im Nahen Osten eher konkurrierende St\u00e4mme, die sich bei kluger Politik gut in einen losen imperialen Verbund integrieren lie\u00dfen, und sie hatten die Erfahrung gemacht, dass mit vielen Gruppen ein Interessenausgleich gut herstellbar war.<\/p>\n<p>Aus Sicht Bells und anderer Orientkenner galt es, durch kluge Kooperation wichtige St\u00e4mme f\u00fcr sich zu gewinnen und die anderen n\u00f6tigenfalls auch milit\u00e4risch zu bek\u00e4mpfen. So geschah es ja im irakischen Aufstand von 1920, der oft auch als Schiitische Revolution bezeichnet wird. Dieser Versuch, die britische Herrschaft und diejenige der mit dem Empire verb\u00fcndeten St\u00e4mme abzusch\u00fctteln, scheiterte auch wegen des von Churchill angeordneten Einsatzes der Royal Air Force. Zumal die hohen Kosten solcher Interventionen best\u00e4rkten die britischen Absichten, die Herrschaft des Empire von einer direkten (also einer kolonie\u00e4hnlichen) in eine indirekte umzuformen, in der die de iure souver\u00e4nen Staaten de facto von Gro\u00dfbritannien abh\u00e4ngig w\u00fcrden. Entlang dieses Prinzips fanden die Beratungen der Cairo Conference des Jahres 1921 statt, deren Teilnehmer Winston Churchill in Anlehnung an ein arabisches M\u00e4rchen etwas despektierlich als die \u201evierzig R\u00e4uber\u201c bezeichnete.&#8220;<\/p>\n<p><b>Sie galt als mutig und unbeugsam. Woran erkannte man das?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Gertrude Bells Leben war auch dadurch charakterisiert, dass sie dank verm\u00f6gender Herkunft ihre wesentlichen Lebensentscheidungen nicht nach monet\u00e4ren Bedenken ausrichten musste; sie konnte sich ein unabh\u00e4ngiges Leben leisten. Momente des Mutes zeigen sich in vielen Situationen: Sie widersprach Lehrern und sp\u00e4ter Professoren, sie setzte ihren Studienwunsch durch, sie pflegte unpopul\u00e4re Ansichten (\u00fcber das Frauenwahlrecht beispielsweise und \u00fcber den christlichen Glauben, den sie in ihrem wissenschaftlichen Rationalismus f\u00fcr einen Aberglauben hielt), sie kletterte auf viele Berggipfel in den Alpen (die Getrudspitze im Berner Oberland ist nach ihr als Erstbesteigerin benannt), im Jahre 1913 machte sie sich auf eine mehrmonatige Reise \u00fcber mehr als 1800 Meilen, bei der sie sogar in Gefangenschaft geriet, sie bewegte sich oft als einzige Frau im arabischen Umfeld und in jenem des britischen Milit\u00e4rs sowie der britischen Kolonialverwaltung, die sich als Elite des Empire verstand, und sie setzte in eigener Initiative die Gr\u00fcndung des irakischen Nationalmuseums durch, zu dessen erster Direktorin sie ernannt wurde: Damals hie\u00df es noch das Bagdader Arch\u00e4ologische Museum, zur Direktorin eines dezidiert nationalen Hauses h\u00e4tte man kaum eine Britin machen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_92957\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1005px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92957 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bell-Koenig-Ibn-Saud-und-Sir-Percy-Cox-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"995\" height=\"636\" \/><span class=\"wp-caption-text\">W\u00e4hrend der Arabischen Revolte: Gertrude Bell bei einem Treffen mit dem sp\u00e4teren K\u00f6nig Ibn Saud und dem Oberbefehlshaber der Briten in Basra, Sir Percy Cox (1916) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>Sie war mit den einflussreichsten M\u00e4nnern im Orient vertraut. Auch Lawrence von Arabien geh\u00f6rte dazu. F\u00fcr den ersten K\u00f6nig des Irak, Faisal I., war sie eine enge politische Vertraute. Bei der offiziellen Autonomie des Landes hatte Gertrude Bell aber auch immer die britischen Interessen im Blick, oder?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Dass Gertrude Bell im Jahre 1917 als Commander of the British Empire ausgezeichnet wurde, also eine hohe imperiale Ehrung erhielt, kam nicht von ungef\u00e4hr. Die meisten Briten aus ihrer Generation \u2013 nur wenige Jahre j\u00fcnger war beispielsweise Winston Churchill, der sie um fast vierzig Jahre \u00fcberleben sollte \u2013 waren es gewohnt, in der Logik des Empire zu denken. Das bedeutete, Geopolitik zur Mehrung des britischen Einflusses auf der gesamten Welt zu betreiben und dabei nicht nur politische, sondern immer mehr auch \u00f6konomische Interessen zu bedenken: aus ihrer Sicht keineswegs nur diejenigen des Mutterlandes, denn die imperialen Akteure waren es gewohnt, ihre Aufgabe als \u201ewhite man\u2019s burden\u201c zu tragen.<\/p>\n<p>Sie sahen sich in einer uneigenn\u00fctzigen T\u00e4tigkeit, die gerade der Entwicklung derjenigen zugutekomme, die wir aus heutiger Sicht meist vor allem als Opfer von Ausbeutung wahrnehmen. Das muss man freilich differenzieren, denn im Einklang mit der britischen Politik standen eben auch m\u00e4chtige lokale Interessen, im Irak beispielsweise diejenigen der Dynastie der Haschimiten. Ihr entstammte K\u00f6nig Faisal I., den die Briten mit der irakischen K\u00f6nigskrone auch f\u00fcr sein Wirken als Anf\u00fchrer in der arabischen Revolte gegen das Osmanische Reich w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs entlohnten (w\u00e4hrend sein Bruder Abdallah I. zum Emir von Transjordanien gemacht wurde). Darin wird sichtbar, wie sich Gro\u00dfbritannien und Frankreich nach dem Krieg als Mandatsm\u00e4chte des V\u00f6lkerbundes den Nahen Osten aufteilten und dabei das postulierte Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker so umsetzten, wie es ihren strategischen Anliegen entsprach.&#8220;<\/p>\n<p><b>Strategisches und wirtschaftliches Kalk\u00fcl stand damals wie heute im Vordergrund. So sehr sich Bell auch f\u00fcr die Erhaltung der Kunstsch\u00e4tze einsetzte, bef\u00fcrwortete sie auch die Ausbeutung der \u00d6lreserven durch die Briten. War sie letztendlich von der Richtigkeit der Kolonialmacht Gro\u00dfbritannien doch \u00fcberzeugt?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Zur imperialen Mentalit\u00e4t geh\u00f6rte es, derlei keineswegs als unvers\u00f6hnliche Gegens\u00e4tze zu begreifen. \u201eErhaltung der Kunstsch\u00e4tze\u201c konnte auch meinen, eben diese in europ\u00e4ische Museen zu verbringen \u2013 Bell sorgte f\u00fcr die Entstehung eines irakischen Gesetzes, auf dessen Grundlage sie selbst entschied, welche Funde im Irak verblieben und welche au\u00dfer Landes gebracht werden durften: einerseits eine damals weitreichende Regelung, die \u00fcberhaupt die Bedeutung des Fundes f\u00fcr den Fundort w\u00fcrdigte und damit die Souver\u00e4nit\u00e4t des Landes auch \u00fcber seine Geschichte festschrieb, andererseits eben doch die Fortschreibung einer kolonialen Praxis. Die kulturelle Dimension solcher Unterfangen sollte man nicht untersch\u00e4tzen, wie die diversen Restitutionsdebatten der letzten Jahre zeigen: etwa um die Benin-Bronzen, die nach Deutschland verschifft wurden und in den letzten Jahren zur\u00fcckgegeben wurden. Derlei bedeutete aus der Warte des Empire eher, in Win-Win-Situationen zu denken: so wie beim \u00d6l, dessen Profite alsbald britischen Unternehmen zugutekamen, aber auch die Taschen mancher St\u00e4mme f\u00fcllten.&#8220;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Ihr Tod 1926 kam dann aber auch \u00fcberraschend. Wie starb sie?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Gertrude Bell starb an einer \u00dcberdosis Schlaftabletten. Ob das ein Versehen war oder Absicht, lassen die Quellen nicht erkennen; die im besten Sinne des Wortes schreibw\u00fctige Frau hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, aber manche Indizien sprechen f\u00fcr die Vermutung eines Suizids. In ihren letzten Monaten war ihr Lebensmut jedenfalls gesunken. Die einst so sportliche Frau, allerdings eben auch jahrelange Kettenraucherin, litt unter anderem an Atembeschwerden; psychische Beschwerden, die man jedenfalls im landl\u00e4ufigen Sinne als Symptome einer Depression bezeichnen k\u00f6nnte, kamen hinzu \u2013 und entt\u00e4uschte Hoffnungen, denn K\u00f6nig Faisal entpuppte sich nicht als der ideale Herrscher, den sie in ihn projiziert hatte, und obendrein zog er sie kaum mehr zu Rate. Ihr geliebter Hund starb au\u00dferdem. Kurzum: Gertrude Bell hatte keinen guten Lauf.&#8220;<\/p>\n<p><b>Wie erinnern wir uns an die zu Lebzeiten als <\/b><b><i>K\u00f6nigin der W\u00fcste<\/i><\/b><b> benannte Frau heute?<\/b><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Es h\u00e4ngt davon ab, wen das \u201eWir\u201c meint. In Deutschland ist Gertrude Bell nicht sonderlich bekannt; hier \u00fcber sie zu sprechen, ist deshalb eine sch\u00f6ne Seltenheit. Bekannt ist ihr Name hierzulande vor allem unter Experten f\u00fcr die Geschichte des Nahen Ostens und der Arch\u00e4ologie. In Gro\u00dfbritannien gibt es eine wesentliche lebhaftere Erinnerung, weil Gertrude Bell tief in die Versuche involviert war, das Empire in eine neue Zeit zu f\u00fchren: indem man neue Abh\u00e4ngigkeiten schuf, die etwa den Irak und andere nunmehr souver\u00e4ne Gemeinwesen eng an ein transformiertes Weltreich binden sollten. Ein Glasfenster des ber\u00fchmten K\u00fcnstlers Douglas Strachan erinnert in St. Lawrence\u2019s Church in East Rounton an sie, ihr umfangreiches Archiv an der Newcastle University geh\u00f6rt mittlerweile zum International Memory of the World Register der UNESCO, bis heute existiert innerhalb der British Academy British das Institute for the Study of Iraq, gegr\u00fcndet im Jahre 1932 in Erinnerung an Gertrude Bell, die f\u00fcr solche Zwecke gro\u00dfz\u00fcgig gespendet hatte \u2013 und das irakische Nationalmuseum w\u00fcrdigt heute (wieder) die Verdienste Gertrude Bells um seine Begr\u00fcndung. Ihr Grab in Bagdad ist \u00fcbrigens gut gepflegt, ein weiteres Indiz f\u00fcr ihre Bedeutung: ein schlichtes, dass sie bescheiden als \u201eOriental Secretary\u201c ausweist. Sie interessierte sich weitaus mehr f\u00fcr die W\u00fcste als f\u00fcrs K\u00f6niginnendasein.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_92958\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92958 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Portrait-Eckert-foto-Mathias-Kehren-2.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"273\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Historiker Georg Ecker &#8211; \u00a9 Mathias Kehren<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Georg Eckert<\/h4>\n<p>Dr. Georg Eckert studierte Geschichte und Philosophie in T\u00fcbingen, wo er mit einer Studie \u00fcber die Fr\u00fchaufkl\u00e4rung um 1700 mit britischem Schwerpunkt promoviert wurde, und habilitierte sich in Wuppertal. 2009 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Geschichte und lehrt heute als Privatdozent in der Neueren Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahre starb Gertrude Bell (*14.07.1868 &#8211; \u202012.07.1926), britische Forschungsreisende, Historikerin, Schriftstellerin, Arch\u00e4ologin, Alpinistin, politische Beraterin und Spionin in Bagdad, Hauptstadt des Irak. Sie hatte sich in ihrem Leben den Beinamen &#8222;K\u00f6nigin der W\u00fcste&#8220; verdient. Autor Uwe Blass stellt die au\u00dfergew\u00f6hnlich Frau in einem Interview mit dem renommierten Historiker Dr. Georg Eckert im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; vor.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-92939","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-07-16 20:47:09","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92939","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92939"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92939\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":92962,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92939\/revisions\/92962"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}