{"id":92894,"date":"2026-07-06T16:46:30","date_gmt":"2026-07-06T14:46:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=92894"},"modified":"2026-07-06T16:46:30","modified_gmt":"2026-07-06T14:46:30","slug":"may-wests-komoedie-sex-doppelmoral-der-oberschicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/07\/06\/may-wests-komoedie-sex-doppelmoral-der-oberschicht\/","title":{"rendered":"May West&#8217;s Kom\u00f6die \u201eSex\u201c: Doppelmoral der Oberschicht"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_92907\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 810px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92907 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mae-West.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"642\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Mae West, Schauspielerin, S\u00e4ngerin und Autorin, sorgte mit ihrer Kom\u00f6die &#8222;Sex&#8220; 1926 f\u00fcr einen handfesten Skandal &#8211; \u00a9 CC BY 4.0<\/span><\/div>\n<p><b>Obwohl die Kritiken der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Kom\u00f6die &#8222;Sex&#8220; durchweg schlecht waren, entwickelte sich das St\u00fcck zu einem Erfolg. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Der Erfolg verdankte sich gerade auch den schlechten Kritiken. Negative Kritik kann die allerbeste Werbung sein, und im Fall von \u201eSex\u201c war sie es auch. Kritiker hatten zwar auch die mangelnde k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t des St\u00fccks beklagt, aber das hatte kaum abschreckende Wirkung, denn was dieser Theaterproduktion zur Bekanntheit verhalf, war prim\u00e4r ihr Inhalt: die Geschichte der Prostituierten Margy LaMont, gespielt von Mae West selbst. Dass das St\u00fcck, dessen erster Akt im Rotlichtbezirk spielt, in den Rezensionen als unmoralisch, obsz\u00f6n und jugendgef\u00e4hrdend bezeichnet wurde, verst\u00e4rkte nur die Neugier darauf. In der Psychologie nennt man das Reaktanz: Wenn eine Handlung verboten oder tabuisiert wird, weckt genau dies das Bed\u00fcrfnis, sie auszuf\u00fchren. Man sollte auch nicht vergessen, dass sich die USA 1926 mitten in der Prohibitionszeit befanden. Damals waren die Herstellung, der Verkauf und der Transport alkoholischer Getr\u00e4nke verboten. Bekanntlich hatte dies keineswegs dazu gef\u00fchrt, dass den Amerikanern die Lust auf Whiskey oder Champagner ausgetrieben worden w\u00e4re.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Illegale Kneipen, sogenannte Speakeasies, sprossen zu Tausenden wie Pilze aus dem Boden. Ganz \u00e4hnlich war es mit \u201eSex\u201c: Je verruchter das St\u00fcck erschien, desto gr\u00f6\u00dfer war das Interesse, es sich anzuschauen. Aus der Sicht der heutigen Theaterszene \u2013 man denke nur etwa an die exzessive K\u00f6rperlichkeit in den Auff\u00fchrungen der Choreografin Florentina Holzinger, deren Beitrag zur Biennale in Venedig ich mir vor Kurzem angeschaut habe, \u2013 kann man die Aufregung um \u201eSex\u201c kaum mehr nachvollziehen. Anders als es der plakative Titel erwarten l\u00e4sst, geht es in dem St\u00fcck nicht besonders hei\u00df her. Theaterst\u00fccke zum Thema Prostitution gab es schon fr\u00fcher, aber bei Mae West, die \u201eSex\u201c \u00fcbrigens unter dem Pseudonym Jane Mast verfasste, ist die Protagonistin keine gefallene S\u00fcnderin, sondern eine positive Heldin, die selbstbewusst ihren Weg geht und dabei die Verlogenheit und Doppelmoral der Oberschicht blo\u00dfstellt. Vermutlich war das der eigentliche Skandal.&#8220;<\/p>\n<p><b>Die Autorin und Hauptdarstellerin Mae West war zeitlebens eine lebendige Provokation. Woran erkannte man das?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer:<i> &#8222;Sex sells<\/i> \u2013 der bekannte Spruch trifft auf Mae Wests Karriere eindeutig zu. Mit dem Theaterst\u00fcck \u201eSex\u201c von 1926 hatte sie ihren Durchbruch, auch finanziell, nur ein Jahr sp\u00e4ter packte sie mit ihrem St\u00fcck \u201eThe Drag\u201c tabuisierte Themen an: m\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t, Cross-Dressing, die Kritik an der \u201eKonversionstherapie\u201c zur Heilung der angeblich pathologischen homoerotischen Neigung. Queerness (wie man das sp\u00e4ter nannte) auf die B\u00fchne zu bringen war zu dieser Zeit schon sehr gewagt und rief auch bald die Zensur auf den Plan. Mae West war zeitlebens unerschrocken, wenn es um das Thema Sexualit\u00e4t ging; das war der Kern ihrer provokativen Pr\u00e4senz in der \u00d6ffentlichkeit. Mit ihrem Wortwitz und ihrer Schlagfertigkeit bediente sie immer wieder die Erwartungen an erotische Anspielungen und Anz\u00fcglichkeiten. Ihre Outfits, die k\u00f6rperbetonte Kleidung, platinblond gef\u00e4rbte Haare beziehungsweise Per\u00fccken, eine ganz auf erotische Ausstrahlung getrimmte K\u00f6rpersprache, dazu ihr loses Mundwerk, rundeten ihre Person ab und machten sie zu einer Kunstfigur, einer Marke, von der sie selbst zuweilen in der dritten Person sprach.<\/p>\n<div id=\"attachment_92896\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92896 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Portraetfoto-Lodermeyer-Privat.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"367\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Kunstgeschichtler Dr. Peter Lodermeyer von der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p><b>Nach 375 Vorstellungen beendete das New York Police Departement die von mittlerweile 325.000 Zuschauern besuchte Auff\u00fchrung, und Mae West musste sogar ins Gef\u00e4ngnis, was aber ihrer Popularit\u00e4t keinen Abbruch tat, oder?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Das ist doch wirklich Realsatire: Von April 1926 bis Februar 1927 hatte \u201eSex\u201c ganze 375 Vorstellungen mit durchschnittlich fast 900 Besuchern pro Auff\u00fchrung. Das war ein grandioser Erfolg, das St\u00fcck war l\u00e4ngst Kult, viele Menschen gingen gleich mehrmals hin. Man wei\u00df auch, dass hochgestellte Pers\u00f6nlichkeiten aus Polizei und Justiz mit ihren Ehefrauen im Publikum sa\u00dfen. Und dann wollte man ganz pl\u00f6tzlich bemerkt haben, dass das St\u00fcck sittenwidrig und eine Gefahr f\u00fcr die Jugend sei? Mae West sollte 500 Dollar Strafe bezahlen und f\u00fcr 10 Tage ins Gef\u00e4ngnis gehen. Mit einer Kautionszahlung h\u00e4tte sie sich Letzteres leicht ersparen k\u00f6nnen, aber als die geniale Selbstvermarkterin, die sie war, wusste sie ihre Haft zur Selbstinszenierung zu nutzen. Sie lie\u00df sich zum Gef\u00e4ngnis in einer Limousine vorfahren und erz\u00e4hlte sp\u00e4ter, dass sie w\u00e4hrend ihrer Inhaftierung mit dem Gef\u00e4ngnisdirektor und seiner Frau zu Abend gegessen habe.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich lie\u00df sie es sich auch nicht nehmen, zu erw\u00e4hnen, dass sie keine Gefangenenkleidung anziehen musste und stattdessen seidene Unterw\u00e4sche getragen habe. Wegen guter F\u00fchrung wurde ihre Haftzeit \u00fcbrigens um zwei Tage verk\u00fcrzt. Falls es die Intention der Sittenpolizei gewesen ist, Mae West mundtot zu machen, war dies gr\u00fcndlich missgl\u00fcckt. Der Gef\u00e4ngnisaufenthalt steigerte ihre Popularit\u00e4t als Broadway-Star betr\u00e4chtlich. Aber weltber\u00fchmt wurde sie erst \u00fcber das Medium Film. Ihre ersten Hollywood-Produktionen, \u201eNight after Night\u201c von 1932 und \u201eShe Done Him Wrong\u201c ein Jahr sp\u00e4ter, waren Riesenerfolge. Mae West, damals immerhin schon 40 Jahre alt, wurde zur bestbezahlten Schauspielerin \u00fcberhaupt \u2013 und zudem zum Sexsymbol, obwohl sie dem Sch\u00f6nheitsideal Hollywoods, das damals noch von Jean Harlow, sp\u00e4ter von Marilyn Monroe idealtypisch verk\u00f6rpert wurde, nur bedingt entsprach.&#8220;<\/p>\n<p><b>Ihr Sexappeal beeinflusste jedenfalls die kulturelle Welt. Eine der fr\u00fchesten Mae West-Anlehnungen war die Coca-Cola-Flasche. Was hat es damit auf sich?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Die geschwungene Coca-Cola-Flasche, auch Konturflasche genannt, ist ein wahrer Designklassiker mit hohem Wiedererkennungswert. 1950 schaffte sie es auf das Titelbild des Time Magazine. Sp\u00e4testens seit Andy Warhol 1961\/62 sie zum Motiv etlicher gro\u00dfformatiger Bilder machte, ist sie auch in die Kunstgeschichte eingegangen.<\/p>\n<div id=\"attachment_92897\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92897 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Beatles-Sgt.-Peppers-Lonely-Hearts-club-Band-fotografiert-im-Beatles-Museum-in-Liverpool-von-Ronald-Saunders-CC-BY-SA-2.0.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"960\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Vergr\u00f6\u00dfertes Plattencover des Beatles-Albums &#8222;Sgt. Pepper&#8217;s Lonely Hearts Club Band&#8220; im Beatles-Museum in Liverpool. Mae West ist die dritte Person ganz oben links &#8211; \u00a9 CC B-SA 2.0 5.<\/span><\/div>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde die Konturflasche in den 1920er- und 30er-Jahren zuweilen auch als Mae-West-Flasche bezeichnet, aber eine Anlehnung an die Schauspielerin war ihr Design keineswegs. Coca-Cola ist ja schon seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf dem Markt. Die Flaschen waren zun\u00e4chst ziemlich konventionell gestaltet, daher entschied die Coca-Cola Company 1915, einen Wettbewerb auszuschreiben, um eine unverwechselbare Flaschenform zu kreieren. Sieger war ein kleines Team um Earn Dean von der in Indiana beheimateten Root Glass Company.<\/p>\n<p>Die bauchige Form der Konturflasche beruhte lustigerweise auf einem produktiven Missverst\u00e4ndnis. Dean war der irrigen Meinung, dass zur Herstellung von Coca-Cola auch Kakao verwendet w\u00fcrde und orientierte sich f\u00fcr seinen Entwurf an der Form von Kakaofr\u00fcchten. Die Flasche, die 1916 in Produktion ging, war letztlich deutlich schlanker als der Prototyp seines Entwurfs, aber doch ausladend genug, um in ihr, wenn man partout m\u00f6chte, die Kurven eines weiblichen K\u00f6rpers zu sehen. Und dabei war Mae West, die sich durch ihren k\u00f6rperbetonten Kleidungsstil zu einem <i>curvy icon<\/i> stilisiert hatte, der naheliegende Vergleich \u2013 zumindest f\u00fcr einige Zeit. W\u00e4re die Coca-Cola-Flasche 40 Jahre sp\u00e4ter erfunden worden, h\u00e4tte man sie sicherlich <i>Marilyn Monroe Bottle<\/i> genannt.&#8220;<\/p>\n<p><b>1934 schuf Salvador Dal\u00ed das Gem\u00e4lde \u201eDas Gesicht der Mae West, das als Wohnung genutzt werden kann\u201c. Was ist an diesem surrealen Meisterwerk so besonders?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Wenn man sich fragt, wie die Motive aus der Filmindustrie Hollywoods in die Kunst kamen, denkt man sicherlich zun\u00e4chst an Andy Warhol und seine Darstellungen von Marilyn Monroe, Liz Taylor und Elvis Presley. Doch Salvador Dal\u00ed war deutlich fr\u00fcher mit dem Thema besch\u00e4ftigt. 1939 malte er den Kinderstar Shirley Temple und 1955 den britischen Schauspieler Laurence Olivier als Richard III. Er arbeitete 1945 f\u00fcr den Film \u201eSpellbound\u201c mit Alfred Hitchcock zusammen und mit Walt Disney an dem animierten Kurzfilm \u201eDestino\u201c. Und er \u00fcbermalte 1934\/35 ein Zeitschriftenfoto von Mae West mit Gouache und Graphit und verwandelte ihr Gesicht in ein perspektivisch aufgefasstes Interieur. Das nur knapp 27 Zentimeter hohe Bildchen befindet sich im Art Institute of Chicago. Handelt es sich um ein surreales Meisterwerk? Sicher nicht f\u00fcr Andr\u00e9 Breton, den Mastermind des Surrealismus. F\u00fcr ihn war Dal\u00eds Hollywood-Engagement blo\u00df schn\u00f6de Kommerzialisierung, der geistige Ausverkauf des Surrealismus, daher sein b\u00f6ses Anagramm, in dem er die Buchstaben des Namens Salvador Dal\u00ed umstellte zu <i>\u00e1vida dollars <\/i>\u2013 gierig nach Dollars. Auf jeden Fall ist Dal\u00eds Gesicht Mae Wests als Apartment ein gutes Beispiel f\u00fcr seine \u201eparanoisch-kritische Methode\u201c, die darin besteht, in Bilder etwas anderes hinein zu imaginieren, eine doppelte oder dreifache Bedeutungsebene einzuziehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_92898\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92898 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Premierenplakat-des-Theaterstuecks-Sex-von-1926-gemeinfr-ei.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"639\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Premierenplakat des Theaterst\u00fccks \u201eSex\u201c von 1926 &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Das Bild funktioniert durch den Konflikt zwischen Fl\u00e4che und Raum. In der Fl\u00e4che sehen wir gen\u00fcgend Fragmente des \u00fcbermalten Gesichts von Mae West, um sie wiederzuerkennen. Im illusionistischen Raum, der mit dem klassischen Mittel der Zentralperspektive entworfen ist, staffeln sich jedoch die einzelnen Gesichtspartien in die Tiefe und werden zu einem Interieur arrangiert. Die Frisur wird dabei zu einem Vorhang, der den Blick in die Wohnung \u00f6ffnet, die Lippen zu einem Sofa, das mitten im Raum steht, die Nase zu einer bizarren Art von Kamin, die Augen zu goldgerahmten Bildern an der Wand. Es ist, als w\u00fcrde man in das Gesicht Mae Wests ein Zimmer hineinhalluzinieren, oder aber umgekehrt in eine Wohnung das obsessiv auftauchende Gesicht der Schauspielerin.<\/p>\n<p>Es ist bekannt, dass Dal\u00ed, der geradezu besessen war von der Besch\u00e4ftigung mit der Psychoanalyse, Sigmund Freuds \u201eTraumdeutung\u201c gelesen hat. Dort k\u00f6nnte er auf die Symbolik des Zimmers als Zeichen f\u00fcr die Frau gesto\u00dfen sein: \u201eIn den Tr\u00e4umen von Franzosen und anderen Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese V\u00f6lker nichts dem deutschen \u201aFrauenzimmer\u2018 Analoges kennen.\u201c Um doch noch einmal auf Andy Warhol zur\u00fcckzukommen: Auch er hat ja ein eigenwilliges Portr\u00e4t von Mae West angefertigt. Das geschah 1956, als er noch gar nicht als K\u00fcnstler, sondern als Werbegrafiker unterwegs war. Zu dieser Zeit fertigte er seine \u201eGolden Slippers\u201c, fantasievolle Schuhentw\u00fcrfe aus Tinte und \u201eBlattgold\u201c (in Wirklichkeit blo\u00df Rauschgold), die Prominenten wie Julie Andrews, Truman Capote und James Dean gewidmet waren \u2013 und eben auch Mae West. Ihr Bild zeigt in einem ungew\u00f6hnlichen Hochformat einen wohlgeformten, bestrumpften Unterschenkel, der in einer hochhackigen Stiefelette mit silberfarbigem Besatz steckt. Daneben sieht man eine silberne Rose aus gestanzter Folie \u2013 alles sehr elegant, glamour\u00f6s und gewollt kitschig. Das passt perfekt zu Mae West.&#8220;<\/p>\n<p><b>Ihr Bild war auf dem Cover des Beatles-Albums \u201eSgt. Pepper\u2019s Lonely Hearts Club Band\u201c zu sehen, ihre Lippen inspirierten Salvador Dal\u00ed 1972 erneut zu einem ber\u00fchmten M\u00f6belst\u00fcck. Um was handelt es sich dabei?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Die 1967 von dem britischen Pop-Art-K\u00fcnstler Peter Blake und seiner damaligen Ehefrau Jann Haworth entworfene H\u00fclle f\u00fcr das Beatles-Album \u201eSgt. Pepper\u2019s Lonely Hearts Club Band\u201c d\u00fcrfte das ber\u00fchmteste Plattencover in der Geschichte der Pop-Musik \u00fcberhaupt sein. Seine Ikonographie ist so komplex, dass der Kunsthistoriker Walter Grasskamp ihm 2004 ein ganzes Buch widmete. Tats\u00e4chlich ist dort links oben ein Schwarzwei\u00df-Foto der jungen Mae West zu entdecken. Es wird berichtet, dass die Beatles sie wegen der Abbildung um Erlaubnis gefragt hatten, und dass sie mit ihrem typischen Humor abgesagt haben soll: \u201eWhat would I be doing in a Lonely Hearts Club?&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_92899\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92899 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mae-West-Lips-Sofa-von-Salvador-Dali-CC-BY-3.0.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1638\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das ber\u00fchmnte, rote &#8222;Mae West Lips Sofa&#8220; des K\u00fcnstlers Salvador Dali &#8211; \u00a9 CC BY 3.0<\/span><\/div>\n<p>Doch die Beatles lie\u00dfen nicht locker und schrieben ihrem mittlerweile 74j\u00e4hrigen Idol aus Jugendtagen einen sehr schmeichelhaften Brief, woraufhin sie dann doch ihr Einverst\u00e4ndnis gab, und so taucht ihr Konterfei zusammen mit Karl Marx und Albert Einstein, Edgar Allan Poe, verschiedenen indischen Gurus, Marilyn Monroe und vielen anderen auf der Plattenh\u00fclle auf. \u00a0Was Salvador Dal\u00eds Sofa in Form der Lippen von Mae West betrifft, so geht dies nat\u00fcrlich auf das bereits erw\u00e4hnte Bild \u201eMae West\u2019s Face which May be Used as a Surrealist Apartment\u201c zur\u00fcck. Der schottische Multimillion\u00e4r Edward James, der ein begeisterter Anh\u00e4nger des Surrealismus und pers\u00f6nlicher Freund Dal\u00eds war, hatte die Idee, das Sofa des Bildes als reales M\u00f6belst\u00fcck bauen zu lassen.<\/p>\n<p>1938 wurden f\u00fcnf Exemplare realisiert, zwei davon f\u00fcr James\u2018 Landsitz Monkton House. Diese waren aus roter Filzwolle in Form von Mae Wests Kussmund gefertigt, am unteren Rand mit schwarzen Wollfransen versehen und oben mit gr\u00fcnen Filzapplikationen in Form von Larven geschm\u00fcckt. Das schreit nat\u00fcrlich nach psychoanalytischer Deutung. 1972 beauftragte Dal\u00ed den Architekten und Designer \u00d3scar Tusquets damit, den Mae-West-Raum f\u00fcr sein Museum in Figueres als Installation einzurichten. Im Jahr 2004 begann Tusquets mit seiner Firma BD Barcelona Design, das Sofa dann in Serie zu produzieren. Es ist nach wie vor lieferbar, aus Polyethylen gefertigt und au\u00dfenraumtauglich, aber nicht ann\u00e4hernd so formsch\u00f6n und elegant wie Edward James\u2018 Entwurf.&#8220;<\/p>\n<p><b>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs wurden die Rettungswesten der alliierten Luftstreitkr\u00e4fte \u201eMae Wests\u201c genannt, auch das eine Anspielung, oder?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Auf der Website wordhistory.net, die dem Ursprung sprachlicher Ausdr\u00fccke nachgeht, wird mitgeteilt, dass \u201eMae West\u201c als Name f\u00fcr die aufblasbaren Rettungswesten der Royal Air Force erstmals im Januar 1940 nachweisbar ist. Es war nicht un\u00fcblich, dass die Flieger Teilen ihrer umfangreichen Ausr\u00fcstung mehr oder minder witzige Spitznamen gaben. \u201eMae West\u201c statt \u201eLife Vest\u201c ist zun\u00e4chst nur ein albernes Wortspiel, nicht viel geistreicher als \u201eElvis Pressluft\u201c, aber psychologisch doch sehr interessant. Die Rettungswesten waren fr\u00fcher mir Kork gef\u00fcllt und ziemlich sperrig, die neuen aufblasbaren Exemplare, die weich und rund am Oberk\u00f6rper sa\u00dfen, erinnerten die Soldaten offenbar an weibliche Br\u00fcste. Dass sie dabei spezifisch an Mae West dachten, zeigt, wie prominent sie 1940 tats\u00e4chlich war, und wie ihre K\u00f6rperlichkeit die m\u00e4nnliche Fantasie befeuerte. Die Bezeichnung hat sich dann durchgesetzt und Eingang in die W\u00f6rterb\u00fccher gefunden. Im Merriam-Webster steht unter dem Stichwort \u201eMae West\u201c: <b>\u201e<\/b>an inflatable life jacket in the form of a collar extending down the chest that was worn by fliers in World War II.\u201c (\u201eeine aufblasbare Schwimmweste in Form eines Kragens, der bis auf die Brust hinabreichte und von Fliegern im Zweiten Weltkrieg getragen wurde\u201c)<\/p>\n<div id=\"attachment_92900\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92900 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Cocacola_bottle.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"647\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Diese erste Version der ber\u00fchmten Coca Cola-Flasche ging 1916 in Produktion &#8211; \u00a9 Gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Im Netz findet man einige Fotos, die Mae West zusammen mit Soldaten zeigen, die luftgef\u00fcllte Rettungswesten tragen, w\u00e4hrend sie in ihren \u00fcblichen engen Kleidern zu sehen ist, die ihre Rundungen betonen \u2013 kuriose, zugleich ein wenig befremdliche Aufnahmen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Auch in Deutschland gibt es auf dem Effnerplatz in M\u00fcnchen seit 2011 ein Kunstwerk der K\u00fcnstlerin Rita McBride mit dem Titel Mae West. Um welches Kunstwerk handelt es sich da?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Es handelt sich um eine riesige, 52 Meter hohe Skulptur, die aus 32 schr\u00e4g gestellten, mit Karbonfasern verst\u00e4rkten Kunststoffr\u00f6hren besteht, welche so im Kreis aufgestellt sind, dass sich eine taillierte Silhouette ergibt. Die amerikanische K\u00fcnstlerin Rita McBride, seit 2003 Professorin an der D\u00fcsseldorfer Kunstakademie, gab dem Gebilde urspr\u00fcnglich den sachlichen Titel \u201eTower\u201c, \u00e4nderte ihn w\u00e4hrend der Planungsphase aber in \u201eMae West\u201c. Wie sie sp\u00e4ter selbst einr\u00e4umte, sei diese Entscheidung nur ein Ablenkungsman\u00f6ver gewesen, um die kontroversen Diskussionen \u00fcber technische Details und die Kosten des Projekts in eine andere Richtung zu lenken. Ehrlich gesagt, \u00fcberzeugt mich der neue Titel \u00fcberhaupt nicht. Die Skulptur hat einen ganz und gar technoiden Charakter, sie besticht gerade durch ihre streng geometrisch angelegte Form und das zeitgen\u00f6ssische Material.<\/p>\n<p>Es handelt sich um einen sogenannten einschaligen Rotationshyperboloid, eine Form, wie sie vergleichbar auch bei K\u00fchlt\u00fcrmen f\u00fcr Kraftwerke zum Einsatz kommt. In der Bev\u00f6lkerung hatte das Werk auch Spitznamen wie Strickliesel oder Eierbecher bekommen. Ich wei\u00df nicht, wie und warum eine so gigantische Struktur Assoziationen an einen weiblichen K\u00f6rper hervorrufen soll und worin ein sinnvoller inhaltlicher Bezug zu Mae West bestehen k\u00f6nnte. Es ist ja nicht ehrenr\u00fchrig \u2013 ganz im Gegenteil \u2013, wenn eine solche Monumentalplastik an Industriearchitektur oder funktionales Design erinnert. Wenn die S\u00fcddeutsche Zeitung zur Einweihung der Skulptur im M\u00e4rz 2011 titelte: \u201eEine Sex-G\u00f6ttin f\u00fcr M\u00fcnchen\u201c, ist das doch ziemlich daneben.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_92901\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92901 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Skulptur-Mae-West-auf-dem-Effnerplatz-in-Muenchen-CC-BY-SA-3.0.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"824\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Skulptur &#8222;Mae West&#8220; auf dem Effnerplatz in M\u00fcnchen &#8211; \u00a9 CC BY-SA 3.0<\/span><\/div>\n<p><b>Von ihr stammt das Zitat: \u201eSex ist in Bewegung umgesetztes Gef\u00fchl.\u201c Ihre humorvolle und direkte Art war eine bewusste Gegenreaktion auf die damalige Pr\u00fcderie. 2023 musste eine Lehrerin in Florida ihre Stelle aufgeben, weil sie Sch\u00fclern den nackten David von Michelangelo gezeigt hatte. Da hat sich seit Mae Wests Skandalst\u00fcck \u201eSex\u201c vor 100 Jahren scheinbar wenig in den USA getan, oder?<\/b><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;\u00dcber den Fall der Schulleiterin Hope Carrasquilla, die ihren Job an der Tallahassee Classical School verlor, wurde seinerzeit sehr viel, aber oft auch ein wenig einseitig berichtet. Das Problem war wohl weniger die Tatsache, dass sie 11- bis 12-j\u00e4hrigen Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen Abbildungen von Renaissancewerken wie Michelangelos \u201eDavid\u201c und \u201eDie Erschaffung Adams\u201c sowie Botticellis \u201eGeburt der Venus\u201c gezeigt hatte, sondern dass die Eltern nicht vorab dar\u00fcber informiert worden waren, dass ihre Kinder mit Darstellungen von Nacktheit konfrontiert w\u00fcrden. In Florida ist seit Juni 2022 der \u201eParental Rights in Education Act\u201c in Kraft, ein Gesetz, das den Eltern gro\u00dfe Mitspracherechte bei den Lehrinhalten zugesteht. Dieses Gesetz ist ein Teil der Kulturk\u00e4mpfe, der <i>culture wars<\/i>, die in den USA immer wieder aufflammen und deren Ursprung sicherlich darin liegt, dass in der kulturellen DNA dieses Landes zwei Prinzipien stecken, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind: das puritanische Erbe mit seiner religi\u00f6s-konservativen Werteordnung einerseits, die starke Betonung individueller Freiheitsrechte andererseits. Der Zusammenprall beider hat zuweilen Folgen, die aus europ\u00e4ischer Sicht nur schwer zu verstehen sind. Das oben schon erw\u00e4hnte Prohibitionsgesetz ist nur eine davon. Mae West hat das Problem am eigenen Leib erfahren: Ihre St\u00fccke und Filme wurden skandalisiert und zensiert, zugleich war sie ungemein beliebt und wurde zu einer wahren popkulturellen Ikone. Mit ihrem trockenen Humor hat sie diesen Widerspruch ultimativ auf den Punkt gebracht: <b>\u201e<\/b>I believe in censorship. I made a fortune out of it.\u201c (\u201eIch glaube an Zensur. Ich habe damit ein Verm\u00f6gen gemacht.\u201c)<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_92902\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92902 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Portraetfoto-Lodermeyer-Privat-2.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"328\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Peter Lodermeyer &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Peter Lodermeyer<\/h4>\n<p>Der Kunsthistoriker, Autor, Kritiker und Kurator Dr. Peter Lodermeyer lehrt Kunstgeschichte in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Design und Kunst an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Doppelmoral der Oberschicht! Am 26. April 1926 feierte die Kom\u00f6die \u201eSex\u201c von und mit Mae West am Broadway Premiere. Autor Uwe Blass hat das Skandalst\u00fcck gemeinsam mit dem Kunstgeschichtler Dr. Peter Lodermeyer in der beliebten und lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; beleuchtet.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-92894","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-07-13 19:53:43","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92894"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92894\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":92916,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92894\/revisions\/92916"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}