{"id":92659,"date":"2026-06-22T18:11:56","date_gmt":"2026-06-22T16:11:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=92659"},"modified":"2026-06-22T18:11:56","modified_gmt":"2026-06-22T16:11:56","slug":"ingeborg-bachmann-wahrheit-ist-menschen-zumutbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/06\/22\/ingeborg-bachmann-wahrheit-ist-menschen-zumutbar\/","title":{"rendered":"Ingeborg Bachmann: Wahrheit ist Menschen zumutbar"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_92668\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92668 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Ingeborg_Bachmann-Foto-Fritz-Peyer-CC-BY-SA-4.0-1.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"490\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die \u00f6sterreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.06.1926 in Klagenfurt (\u00d6sterreich) &#8211; \u2020 17.10.1973 in Rom (Italien) &#8211; \u00a9 Fritz Peyer CC BY- SA 4.0<\/span><\/div>\n<p><b>Ingeborg Bachmann besch\u00e4ftigte sich auch intensiv mit der Rolle der Frau und der Schwierigkeit, in einer zerst\u00f6rten Welt Wahrheit zu finden. Ein zentrales Thema war die \u201eGeschichte im Ich\u201c. Was bedeutet das?<\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Mit der Formel von der &#8218;Geschichte im Ich&#8216; beschreibt Ingeborg Bachmann die Erfahrung, dass Geschichte nicht einfach vergangen ist. In ihrer Frankfurter Poetikvorlesung sagt sie: \u201eDie erste Ver\u00e4nderung, die das Ich erfahren hat, ist, dass es sich nicht mehr in der Geschichte aufh\u00e4lt, sondern dass sich neuerdings die Geschichte im Ich aufh\u00e4lt.\u201c Die Gewalt des Nationalsozialismus endet nicht mit 1945, sondern wirkt in den Menschen, in uns und auch in ihr selbst, weiter: In unserer und ihrer Sprache, in Beziehungen, \u00c4ngsten und im Schweigen. Gerade darin liegt f\u00fcr mich eine der gro\u00dfen St\u00e4rken ihres Werks und das ist es, was uns beim Lesen nah geht. Bachmann interessiert sich nicht nur f\u00fcr politische Systeme oder historische Ereignisse, sondern daf\u00fcr, wie sich Gewalt in Wahrnehmung, Sprache und Alltag einschreibt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Deshalb kann man das Private auch nie vom Politischen trennen. In ihren Texten zeigt sich immer wieder, dass gesellschaftliche Gewalt bis in intime R\u00e4ume hineinreicht: in Liebesbeziehungen, in Gespr\u00e4chssituationen, in die Sprache und die Sprachbilder selbst. Besonders eindr\u00fccklich ist dabei, dass diese Gewalt oft nicht offen sichtbar wird, sondern unterschwellig bleibt, beinahe allt\u00e4glich erscheint. Genau diese schwer greifbaren Formen macht Bachmann literarisch sichtbar. Ihre Literatur, seien es die Gedichte oder Erz\u00e4hlungen, ist deshalb nicht einfach nur Erinnerungsliteratur, sondern eine sehr pr\u00e4zise Analyse davon, wie Geschichte und auch Gewalt im Menschen fortlebt.&#8220;<\/p>\n<p><b>Ihre ersten gr\u00f6\u00dferen Erfolge hatte sie mit der Ver\u00f6ffentlichung ihrer Erz\u00e4hlungen in der Wiener Tageszeitung. Das Verh\u00e4ltnis zu Wien beschrieb sie sp\u00e4ter als st\u00e4ndige Hassliebe. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Wien war f\u00fcr Bachmann ein intellektueller und literarischer M\u00f6glichkeitsraum. Dort hat sie studiert, dort bewegte sie sich in philosophischen und literarischen Kreisen, dort macht sie einschneidende, auch pers\u00f6nlich pr\u00e4gende Beziehungen und begann ihre Laufbahn als Schriftstellerin. Wien, das bedeutete zun\u00e4chst M\u00f6glichkeit: geistige \u00d6ffnung, Begegnungen, \u00e4sthetische Erfahrung, Denken. Hier hat sie begonnen, zu schreiben und zu denken.<\/p>\n<p>Aber gleichzeitig blieb Wien untrennbar mit den verdr\u00e4ngten Kontinuit\u00e4ten der Nachkriegszeit verbunden. Gerade in \u00d6sterreich sah sie fr\u00fch, wie schnell nach 1945 zur Normalit\u00e4t \u00fcbergegangen wurde, ohne die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Diese Gleichzeitigkeit und Spannung pr\u00e4gt ihr Verh\u00e4ltnis zur Stadt. Wien bedeutet immer zugleich kulturelle Intensit\u00e4t und Verdr\u00e4ngung, geistige Offenheit und historische wie gesellschaftliche Gewalt, die sich in Sprache, Umgangsformen und gesellschaftlichen Strukturen fortsetzt. Sie spricht an keiner Stelle nostalgisch \u00fcber Wien, sondern stets mit dieser Mischung aus N\u00e4he und Distanz, die aber auch produktiv ist. Ihr Verh\u00e4ltnis zu Wien l\u00e4sst sich daher kaum in Kategorien wie N\u00e4he oder Ablehnung aufl\u00f6sen. Zumindest literarisch kehrt Bachmann sp\u00e4ter nach Wien zur\u00fcck: vielleicht, weil sich dort f\u00fcr sie als Exempel die Frage verdichtet, wie Geschichte in Menschen und Sprachen weiterlebt. Die Stadt bleibt ein Ort der Bindung und der Zumutung zugleich.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_92675\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 360px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92675 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Dr.-Sabrina-Huber-2-2-2.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"411\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Sabrina Huber, Germanistin an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Ralf Schulthei\u00df<\/span><\/div>\n<p><b>Das Titelgedicht des ersten 1953 erschienenen Lyrikbandes \u201e<\/b><b><i>Die gestundete Zeit<\/i><\/b><b>\u201c enthalte \u201edie Vielfalt der m\u00f6glichen Assoziationen, die Eindringlichkeit der Aufrufe, die an uns ergehen, mitzuschauen, mitzudenken, mitzuempfinden, verwandte Erlebnisse heraufzubeschw\u00f6ren, so lange, bis dieses Wortgeflecht ein Teil von uns geworden ist\u201c, sagte die Schriftstellerin Hilde Spiel. Dieser ungew\u00f6hnliche Lyrikband schlug in der Literaturszene der Nachkriegszeit wie eine Bombe ein. Warum war das so?<\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Die Wirkung von &#8218; Die gestundete Zeit&#8216; hat, glaube ich, viel damit zu tun, dass Bachmann in einer literarischen Situation auftrat, in der Sprache nach 1945 selbst fragw\u00fcrdig geworden war. Ihre Gedichte klingen v\u00f6llig anders als vieles, was damals in der deutschsprachigen (Nachkriegs-)Literatur erschien: Sie reagieren auf diese Erfahrung nicht mit sprachlicher Verarmung, sondern mit einer eigent\u00fcmlichen Verdichtung. Sie verbinden historische Ersch\u00fctterung, existentielle Erfahrung und h\u00f6chste gedanklichen Pr\u00e4zision mit einer enormen Sprachgewalt. Diese Sprache ist gewaltig.<\/p>\n<p>Ingeborg Bachmann verweigert jede beruhigende Sprache. Schon der Titel &#8218;Die gestundete Zeit&#8216; enth\u00e4lt ja dieses Gef\u00fchl einer nur aufgeschobenen Katastrophe, eines prek\u00e4ren Dazwischen. Die Gedichte sprechen von Angst, Bedrohung, Krieg, Verlust und geschichtlicher Ersch\u00fctterung, ohne dabei je in politische, moralische oder auch nur individuell gedachte Eindeutigkeiten zu kippen. Gerade diese Verbindung aus existenzieller Intensit\u00e4t und sprachlicher Strenge war, glaube ich, neu und fesselt uns Leserinnen und Leser an ihre Verse bis heute.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass Bachmann die Sprache selbst zum Problem macht. Ihre Gedichte denken nicht nur \u00fcber Erfahrungen nach, sondern zeigen immer auch die Unsicherheit und Fragilit\u00e4t des Sprechens selbst und das gerade, indem sie gewaltige Bilder einer andernorts artikulierten Sprachlosigkeit entgegenstellen. Ich glaube, dass ihre Lyrik deshalb so stark wirkte und wirkt, weil sie nach 1945 eine neue Form poetischen Denkens er\u00f6ffnete: intellektuell, existentiell und sprachlich radikal zugleich. Sie l\u00e4sst uns nicht entkommen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Sie galt als Dichterin in der \u00d6ffentlichkeit. K\u00f6nnen Sie das mal erkl\u00e4ren?<\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Bachmann wurde in den 1950er Jahren zun\u00e4chst vor allem als Lyrikerin \u00f6ffentlich wahrgenommen. Ihre fr\u00fchen Gedichtb\u00e4nde, die Lesungen bei der Gruppe 47 und ihre enorme Pr\u00e4senz machten sie sehr schnell zu einer zentralen Figur der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Dabei entstand auch eine \u00f6ffentliche Figur als &#8218;Dichterin&#8216;, die Bachmann teilweise bis heute \u00fcberlagert. Aber dieser Begriff ist bei ihr nicht ganz unproblematisch, finde ich. Er hat dazu gef\u00fchrt, dass man Bachmann oft lediglich als lyrische, gar empfindsame Stimme gelesen hat und leicht \u00fcbersehen wurde, wie analytisch, philosophisch und sprachkritisch ihr Schreiben eigentlich ist. Gerade die sp\u00e4tere Prosa zeigt ja mit gro\u00dfer Pr\u00e4zision, wie sich Gewalt, Macht und Geschichte in Sprache und Beziehungen einschreiben. Mich interessiert deshalb an Bachmann weniger die Vorstellung der Dichterin als die enorme gedankliche Sch\u00e4rfe ihres Werks. Ihre Texte sind nicht nur sprachlich eindrucksvoll, sondern literarische Formen intensiven Nachdenkens.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_92663\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 360px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92663 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-1-1.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"554\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ingeborg Bachmann &#8211; S\u00e4mtliche Gedichte &#8211; Piper Taschenbuch &#8211; 240 Seiten &#8211; ISBN-10: 3492239854 &#8211; ISBN-13: 978-3492239851<\/span><\/div>\n<p><b>Bachmann lebte auch einige Jahre in Berlin. Im Mai 1973 sagte sie in einem Interview, Deutschland sei f\u00fcr \u00d6sterreicher sehr schwer zu verstehen: \u201eUnser Denken ist anders, weil unsere Sprache anders ist.\u201c Was meinte sie damit?<\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Der Satz entsteht ja aus einer konkreten Erfahrung heraus: Bachmann lebt in Berlin und denkt offenbar dar\u00fcber nach, dass dieselbe Sprache nicht dieselbe kulturelle Erfahrung bedeutet. Das interessiert mich deshalb, weil sie Sprache hier nicht als etwas Einheitliches begreift. Obwohl \u00d6sterreich und Deutschland augenscheinlich dieselbe Sprache teilen, geht sie offenbar davon aus, dass sich historische Erfahrungen, kulturelle Pr\u00e4gungen und gesellschaftliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten unterschiedlich in diese Sprache einschreiben. Gerade das scheint mir f\u00fcr sie und auch ihr Werk zentral zu sein: Sprache ist nie nur Mittel zur Verst\u00e4ndigung, sondern immer auch ein kultureller Erfahrungsraum. Deshalb achtet ihr Werk so stark auf Tonlagen, Zwischent\u00f6ne, auf das, was im Sprechen mitl\u00e4uft, ohne ausdr\u00fccklich gesagt zu werden.<br \/>\nMan darf dabei vielleicht auch nicht vergessen, dass Bachmann aus K\u00e4rnten kam, also aus einer Grenzregion mit sprachlichen und kulturellen \u00dcberg\u00e4ngen. Vielleicht ist gerade deshalb ihr Werk so aufmerksam f\u00fcr Nuancen, Br\u00fcche und Verschiebungen innerhalb der Sprache selbst. Das scheint mir in diesem Satz mitzuschwingen.&#8220;<\/p>\n<p><b><i>&#8218;Malina&#8216;<\/i><\/b><b>, ihren einzigen zu Lebzeiten ver\u00f6ffentlichtem Roman (1971) bezeichnete Bachmann selber als \u201eeine Autobiographie, aber nicht im herk\u00f6mmlichen Sinn. Eine geistige, imagin\u00e4re Autobiographie.\u201c Und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki liest ihn als \u201epoetischen Krankheitsbericht, als das Psychogramm eines schweren Leidens\u201c. Interessant ist die feministische Rezeption dieses Romans, die sich von anf\u00e4nglicher Ablehnung zu einer zentralen W\u00fcrdigung als Analyse patriarchaler Zerst\u00f6rung wandelte. Ab den 1980ern wurde der Roman als Darstellung weiblicher Selbstausl\u00f6schung in einer m\u00e4nnlich dominierten Welt gelesen. Ist &#8218;<\/b><b><i>Malina&#8216;<\/i><\/b><b> ein wegweisender Roman f\u00fcr das weibliche Schreiben geworden?<\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Es liegt mir ziemlich fern, diesen Roman auf ein weibliches Schreiben oder gar ein Psychogram des Leidens zu verk\u00fcrzen. Man untersch\u00e4tzt &#8218;<i>Malina&#8216;<\/i> sehr, und das scheint mir doch auch eine m\u00e4nnliche Perspektive, gerade, erlauben Sie mir das, mit dem Verweis auf Reich-Ranicki. Nat\u00fcrlich war die feministische Rezeption wichtig, weil sie fr\u00fch erkannt hat, wie pr\u00e4zise Bachmann asymmetrische Beziehungen und m\u00e4nnliche Ordnungssysteme analysiert. Aber die eigentliche Radikalit\u00e4t des Romans liegt f\u00fcr mich woanders. <i>&#8218;Malina&#8216;<\/i> ist doch ein Roman \u00fcber das Zerbrechen von Wirklichkeit und Identit\u00e4t im Erz\u00e4hlen selbst. Das Ich bleibt nie stabil, Gespr\u00e4che kippen, Erinnerungen verschieben sich, Traum und Gegenwart greifen ineinander. Gerade dadurch entsteht dieses eigent\u00fcmliche Gef\u00fchl permanenter Verunsicherung. Der Text entzieht sich jeder einfachen psychologischen oder autobiographischen Lesart.<\/p>\n<p>Deshalb halte ich auch Bachmanns eigene Formulierung einer &#8218;geistigen, imagin\u00e4ren Autobiographie&#8216; f\u00fcr sehr wichtig. <i>Malina<\/i> erz\u00e4hlt nicht einfach Leben nach, sondern untersucht die Bedingungen, unter denen ein Ich \u00fcberhaupt sprechen, erinnern und bestehen kann. Sehr eindr\u00fccklich ist deshalb auch der ber\u00fchmte Schlusssatz: \u201eEs war Mord.\u201c Das ist doch stark. Er verweigert jede beruhigende Erkl\u00e4rung. Der Schlusssatz bleibt stehen wie ein Urteil, das sich nicht mehr zur\u00fccknehmen l\u00e4sst. Hier geht es nicht um eine private Beziehungskatastrophe, sondern um etwas Grunds\u00e4tzlicheres: die Zerst\u00f6rung eines Ichs durch Ordnungen, in denen es keinen wirklichen Ort des Sprechens mehr findet. F\u00fcr mich liegt die anhaltende Bedeutung von &#8218;<i>Malina&#8216;<\/i> deshalb weniger darin, dass der Roman \u201aweibliche Erfahrung\u2018 repr\u00e4sentiert, sondern darin, dass Bachmann eine Form gefunden hat, innere Zerr\u00fcttung, Erinnerung und Identit\u00e4tsverlust literarisch zu gestalten.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_92664\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 360px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92664 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-2-1.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"539\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Malina&#8220; &#8211; Ingeborg Bachmann &#8211; Suhrkamp Verlag&#8220; &#8211; 389 Seiten &#8211; ISBN-10: 3518188569 &#8211; ISBN-13: 978-3518188569<\/span><\/div>\n<p><b>Bachmann vertrat die Ansicht, dass \u201edie Wahrheit dem Menschen zumutbar\u201c sei. Diese Haltung teilten nicht alle Literaten, oder?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Bachmanns Satz ist f\u00fcr mich deshalb so wichtig, weil er Literatur weder moralisch noch dekorativ versteht. \u201aDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar\u2018 hei\u00dft bei ihr eben nicht, dass Literatur eindeutige Wahrheiten besitzt oder einfach \u201ewahre\u201c Botschaften transportiert. Ihre Texte verweigern sich ja bewusst jeder Eindeutigkeit. Es hei\u00dft vielmehr, dass Literatur den Menschen mit Wirklichkeit konfrontieren muss, auch dort, wo sie verst\u00f6rend, widerspr\u00fcchlich oder schmerzhaft wird.<br \/>\nDas h\u00e4ngt stark mit Bachmanns Denken zusammen. Wahrheit erscheint so (und in ihren Texten) nie als stabile Erkenntnis, sondern gerade dort, wo Gewissheiten br\u00fcchig werden. Ihre Texte verweigern sich einfachen politischen Lesarten.<\/p>\n<p><i>&#8218;Malina&#8216;<\/i> ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel: Der Roman erkl\u00e4rt nichts, vielmehr entzieht er seinen Leserinnen und Lesern permanent sicheren Boden. Erinnerung, Identit\u00e4t und Wirklichkeit verschieben sich fortw\u00e4hrend. Der Roman zerlegt Wahrnehmung, Erinnerung und Sprache so radikal, dass Leserinnen und Leser selbst in eine Form von Unsicherheit geraten. Erkenntnis, und vielleicht auch diese gemeinte Wahrheit, entsteht hier nicht durch Botschaften, sondern durch literarische Form. Literatur wird zu einem Raum radikaler Verunsicherung. Gerade darin liegt f\u00fcr mich auch die politische Dimension ihres Schreibens. Vielleicht ist genau das die Zumutung, von der Bachmann spricht: dass Literatur nicht Botschaften und Positionen transportiert, sondern die F\u00e4higkeit hat, vertraute Wirklichkeit infrage zu stellen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Wenn man sich mit ihrer Biographie besch\u00e4ftigt, hat man den Eindruck, Ingeborg Bachmann war zeitlebens rast- und ruhelos. Wodurch kam das?<\/b><\/p>\n<p><b>Sabrina Huber:<\/b> Ich w\u00e4re vorsichtig damit, Bachmanns Leben vorschnell als pers\u00f6nliche Rastlosigkeit zu psychologisieren. Gerade bei ihr entsteht dieser Eindruck auch deshalb, weil sie sich konsequent gegen jede Form der Einordnung gewehrt hat: gegen nationale Zuschreibungen, gegen literarische Rollenbilder, gegen die Vorstellung einer festen Identit\u00e4t. Und auch nicht selten, weil man die Frau immer noch und immer wieder, vor allem mit ihren Beziehungen zu m\u00e4nnlichen Schriftstellern charakterisiert. Das tut ihr und ihrem Werk doch unrecht und verk\u00fcrzt es schamlos.<br \/>\nAuff\u00e4llig ist ja, dass Bachmann immer wieder R\u00e4ume sucht, die intellektuelle Bewegung erm\u00f6glichen: Wien, Berlin, Neapel, Rom. Das sind keine blo\u00dfen Ortswechsel, sondern verschiedene kulturelle und sprachliche Konstellationen. Mich interessiert daran besonders, dass ihr Schreiben stark von Bewegungen und \u00dcberg\u00e4ngen lebt: zwischen Orten, Stationen, aber auch zwischen Philosophie und Literatur, Musik und Sprache, Denken und Imagination.<br \/>\nVielleicht liegt darin auch die eigentliche Unruhe ihres Werks. Nicht in biografischer Ruhelosigkeit, was soll diese Lesart denn bringen, sondern in einem sehr hohen Anspruch an Denken und Sprache, das gerade die Bewegungen und \u00dcberg\u00e4nge zentriert, dort wo etwas nicht fest ist. Bachmann gibt sich mit fertigen Antworten nie zufrieden<\/p>\n<p><b>Durch Brandverletzungen, die sie sich tablettens\u00fcchtig und alkoholkrank durch eine brennende Zigarette in ihrer Wohnung in Rom zuzog, starb Ingeborg Bachmann 1973. Sie gilt heute als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Was fasziniert <\/b><b><i>Sie<\/i><\/b><b> denn heute an dieser Schriftstellerin, die vor 100 Jahren, am 25. Juni 1926, geboren wurde?<\/b><\/p>\n<p>Sabrina Huber: &#8222;Kennengelernt habe ich Bachmann \u00fcber die Erz\u00e4hlungen im Band &#8218;<i>Das drei\u00dfigste Jahr&#8216;<\/i>. Diese Texte haben mich damals tief beeindruckt, weil sie mit einer enormen sprachlichen Pr\u00e4zision Momente existentieller Verunsicherung erfassen: Das sind echte Krisen und wir finden darin das Gef\u00fchl, dass ein Leben, eine Beziehung oder eine Vorstellung von sich selbst pl\u00f6tzlich br\u00fcchig wird. Es ging mir unter die Haut, wie man solch existenzielle Erfahrungen in und durch Sprache ausdr\u00fcckt, ohne sie zu erkl\u00e4ren. Bis heute fasziniert mich ihre sprachliche Radikalit\u00e4t, in Prosa und der Lyrik. Vor allem in ihren kleinen Formen, weniger im gro\u00dfen Roman. Bachmann schreibt mit einer unglaublichen Genauigkeit, aber ihre Texte bleiben offen, mehrdeutig und oft verst\u00f6rend. Man liest sie immer wieder und entdeckt immer wieder Neues. Sie traut Literatur zu, Wahrnehmung zu ver\u00e4ndern. Vielleicht ist das der Punkt, der mich am meisten beeindruckt: dass Literatur bei ihr nicht Illustration von Erfahrung und Wirklichkeit ist, sondern qua Lekt\u00fcre eine eigene Form der Erkenntnis.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_92665\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-92665 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Dr.-Sabrina-Huber-2-1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"235\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Sabrina Huber &#8211; \u00a9 Ralf Schulthei\u00df<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Sabrina Huber<\/h4>\n<p>Dr. Sabrina Huber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Jugend der ber\u00fchmten \u00f6sterreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wurde vom Schrecken des Nationalsozialismus \u00fcberzogen. Diese Erfahrung pr\u00e4gte ihre Sprache, ihre Gedanken, ihr ganzes Werk. Am 25. Juni w\u00fcrde sie, die eine der bedeutendsten deutschsprachigen  Autorinnen war, 100 Jahre alt. Autor Uwe Blass hat sich mit der Germanistin Sabrina Huber unterhalten und das Leben und und Wirken der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Frau in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; gew\u00fcrdigt.  <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-92659","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-06-29 20:50:21","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92659","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=92659"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92659\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":92676,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/92659\/revisions\/92676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=92659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=92659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=92659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}