{"id":91408,"date":"2026-04-22T13:57:03","date_gmt":"2026-04-22T11:57:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=91408"},"modified":"2026-04-22T13:57:03","modified_gmt":"2026-04-22T11:57:03","slug":"turandot-die-raetsel-einer-chinesischen-prinzessin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/04\/22\/turandot-die-raetsel-einer-chinesischen-prinzessin\/","title":{"rendered":"&#8222;Turandot&#8220;: Die R\u00e4tsel einer chinesischen Prinzessin"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_91411\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91411 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Pressefoto-Erlach-2.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"598\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Thomas Erlach, Musikwissenschaftler an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p><b>Worum geht es eigentlich in Giacomo Puccini ber\u00fchmter Oper &#8222;Turandot&#8220;?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Die Oper &#8218;Turandot&#8216; spielt in China in sagenhafter Vergangenheit, die zu Grunde liegende m\u00e4rchenhafte Geschichte stammt allerdings aus Persien. Die Titelfigur \u00a0Turandot ist die unverheiratete Tochter des chinesischen Kaisers, die sich eine Aura der Unnahbarkeit zugelegt hat. Es gibt zahlreiche M\u00e4nner, die sich f\u00fcr sie interessieren, aber diese m\u00fcssen drei R\u00e4tsel l\u00f6sen, um Turandots Herz zu gewinnen \u2013 wenn sie jedoch falsch antworten, werden sie hingerichtet. Im Laufe der Oper erf\u00e4hrt man, dass Turandot aufgrund eines uralten schlimmen Vorfalls in der Familiengeschichte so seltsam handelt, also unter einer Art traumatischem Zwang steht. Zu Beginn der Oper sind bereits zahlreiche Bewerber hingerichtet worden, die die R\u00e4tselfragen nicht beantworten konnten, die Stimmung ist deswegen ziemlich bedr\u00fcckend, aber mit Calaf erscheint nun endlich ein aussichtsreicher Kandidat, dem es tats\u00e4chlich gelingt, die R\u00e4tsel zu l\u00f6sen.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Turandot sperrt sich aber trotzdem dagegen, ihn zum Mann zu nehmen, so dass die Aufl\u00f6sung des dramatischen Knotens verz\u00f6gert wird. Calaf stellt ihr eine Art Gegenr\u00e4tsel: Turandot muss bis zum n\u00e4chsten Morgen den Namen des erfolgreichen Bewerbers herausfinden, dann darf sie auch ihn t\u00f6ten lassen. Dies gelingt ihr jedoch nicht, obwohl sie das ganze Land deswegen in Aufruhr versetzt. Eine weitere Frauenfigur, die junge Dienerin Li\u00f9, ist das genaue Gegenteil der kaltherzigen Turandot: Sie liebt Calaf schon seit langer Zeit und kennt als einzige seinen Namen, verr\u00e4t ihn aber nicht, sondern nimmt sich am Ende das Leben, um ihn vor dem Tod zu sch\u00fctzen. Es folgt ein etwas r\u00e4tselhaftes Schlussduett zwischen Calaf und Turandot, in der dieser ihr freiwillig seinen Namen verr\u00e4t, Turandot sich daraufhin v\u00f6llig verwandelt und dem Volk schlie\u00dflich Calaf als ihren k\u00fcnftigen Ehemann pr\u00e4sentiert.&#8220;<\/p>\n<p><b>Turandot ist eigentlich ein schrecklicher Charakter. Trotzdem wurde das Thema im 19. Jahrhundert bereits in verschiedenen deutschen Opern verwandt. Was macht es so spannend?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Die Spannung wird durch verschiedene Aspekte erzeugt. Das Schreckliche an Turandot liegt daran, dass sie aufgrund des erw\u00e4hnten Familienfluchs nicht liebesf\u00e4hig ist. Sie sch\u00fctzt ihre Unber\u00fchrtheit durch R\u00e4tselaufgaben und drakonische Strafma\u00dfnahmen, Calaf aber durchbricht diesen Fluch, weswegen sie in Panik ger\u00e4t und alles unternimmt, um sich nicht ver\u00e4ndern zu m\u00fcssen. Bei aller Fremdartigkeit der Figuren und des chinesischen Ambientes ist die Konstellation tiefenpsychologisch gut nachvollziehbar. Es kommen klassische M\u00e4rchenmotive darin vor wie die \u201eFreierprobe\u201c vor einer Hochzeit, die Dreizahl der R\u00e4tsel und das Rumpelstilzchen-Motiv, die uns vertraut erscheinen, aber ebenso wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass man in der Handlung gewisse Bez\u00fcge zu Puccinis Leben entdecken kann, der selbst ein \u00e4u\u00dferst unzuverl\u00e4ssiger Ehemann war und wohl eine gro\u00dfe Faszination an der Turandot-Figur empfand, weil sie seinem gewohnten Frauenbild widersprach. Zudem sorgen die starken Kontraste in der Oper f\u00fcr Spannung \u2013 gro\u00dfe Chorgruppen und ein riesiges Orchester wirken mit den hochdramatischen und psychologisch aufgeladenen Hauptrollen zusammen und erzeugen viel Abwechslung und einen langen Spannungsbogen. Li\u00f9s Menschlichkeit macht sie zur Sympathietr\u00e4gerin, und dass sie am Ende sterben muss, ist f\u00fcr das Opernpublikum ein \u00e4u\u00dferst bewegender, tragischer Moment des St\u00fccks, der auch immer wieder zu Diskussionen \u00fcber weibliche Rollenbilder f\u00fchrt.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_91412\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91412 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Giacomo-Puccini-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"853\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der italienische Komponist Giacomo Puccini, der mehrere weltber\u00fchmte Opern schuf &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>Am 25. April 1926 wurde <\/b><b><i>Turandot<\/i><\/b><b> in der Mail\u00e4nder Scala unter dem Dirigat von Arturo Toscanini uraufgef\u00fchrt und endete abrupt. Warum?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Puccini hat an &#8218;Turandot&#8216; jahrelang gearbeitet, er starb jedoch 1924, bevor er sie fertigstellen konnte. Aufgrund seiner Lebensweise (er war Kettenraucher) war er an Kehlkopfkrebs erkrankt, was trotz damals moderner Behandlungsmethoden \u2013 er unterzog sich einer Radium-Therapie mit radioaktiven Nadeln im Kehlkopf \u2013 zu einem sehr schmerzhaften Leiden und schlie\u00dflich zum Tod im Alter von 65 Jahren f\u00fchrte. Die komponierte Partitur endet mit dem Tod der Li\u00f9, es fehlte also die Schlussszene, die dann 1926 von Franco Alfano, einem Kollegen Puccinis, nachkomponiert wurde. Alfano war selbst Opernkomponist, er musste aber zu dieser Vervollst\u00e4ndigung eines fremden Werks eigens \u00fcberredet werden, und zwar durch Intervention des italienischen Ministerpr\u00e4sidenten \u2013 so bedeutend war die Urauff\u00fchrung von Puccinis Werk damals. Arturo Toscanini hingegen war damals bereits ein sehr ber\u00fchmter Dirigent, den mit Puccini eine langj\u00e4hrige Freundschaft verbunden hatte, die durch ein st\u00e4ndiges Auf und Ab gepr\u00e4gt war, manche sprechen gar von einer Achterbahnfahrt aus Zerw\u00fcrfnissen und Vers\u00f6hnungen. Obwohl der Schluss der Oper inzwischen vorlag, entschied sich Toscanini daf\u00fcr, sich bei der Urauff\u00fchrung nach dem Tod der Li\u00f9 ans Publikum zu wenden mit den Worten: \u201eHier endet das Werk des Meisters\u201c und die Vorstellung abzubrechen. Schon im Vorfeld der Premiere gab es eine gewisse Aufregung wegen der Weigerung Toscaninis, vor der Auff\u00fchrung die Hymne der italienischen faschistischen Bewegung spielen zu lassen, weswegen Mussolini seine Teilnahme unter einem Vorwand absagte.&#8220;<\/p>\n<p><b>Die Oper wurde also erst nach Puccinis Tod durch den Komponisten Franco Alfano nach den Skizzen Puccinis vollendet. Doch der komponierte einen sehr bombastischen Schluss, den Toscanini aber ab der zweiten Auff\u00fchrung nicht \u00fcbernahm. Warum nicht?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Die Frage des &#8218;Turandot&#8216;-Schlusses ist ein wenig kompliziert. Alfano komponierte zun\u00e4chst einen Schluss von 377 Takten unter Ber\u00fccksichtigung einiger Skizzen Puccinis. Diese Fassung musste jedoch aufgrund von Einwendungen Toscaninis, die er Alfano durch den Verlag Ricordi mitteilen lie\u00df, um fast ein Drittel gek\u00fcrzt werden, weil er sich nicht an Abmachungen gehalten habe. Diese zweite Fassung dauert nur noch 15 Minuten, ist weniger homogen als die erste und l\u00e4sst vor allem f\u00fcr die zentrale Kuss-Szene sehr wenig Zeit, daf\u00fcr enth\u00e4lt sie etwas mehr originale Noten aus Puccinis schlecht lesbaren Skizzen. Toscanini lie\u00df ab der zweiten Auff\u00fchrung diesen verk\u00fcrzten Alfano-Schluss spielen, und das ist bis heute die am h\u00e4ufigsten zu h\u00f6rende Auff\u00fchrungsvariante. Die urspr\u00fcngliche Fassung des Alfano-Schlusses galt lange als verschollen, wurde erst im Jahre 1982 wieder aufgef\u00fchrt, und gelegentlich kann man auch noch die Torso-Fassung der Urauff\u00fchrung h\u00f6ren, die mit Li\u00f9s Tod endet. Schlie\u00dflich wurde im Jahr 2002 ein alternativer Schluss von dem Avantgarde-Komponisten Luciano Berio angefertigt, der heute gelegentlich erklingt und den Bombast der Alfano-Fassungen vermeidet. Hinter dem Schluss-Problem steht die ungel\u00f6ste Frage, wie sich Puccini die Verwandlung Turandots in eine liebende Frau musikalisch vorgestellt hat. Die vorhandenen Skizzen hierzu sind leider nicht aussagekr\u00e4ftig (an einer Stelle schrieb er an den Rand: \u201eMelodie finden!\u201c), und die L\u00f6sung Alfanos ist zu abrupt, um die Verwandlung glaubw\u00fcrdig zu machen. Nach dem tragischen Tod der Li\u00f9 wirkt der triumphale Schluss ziemlich \u00e4u\u00dferlich.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_91413\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 360px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91413 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Montserrat-Caballe-und-Pedro-Lavirgen-in-Turandot-Barc-elona-1980-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"387\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Montserrat Caball\u00e9 und Pedro Lavirgen bei einer Auff\u00fchrung der Oper &#8222;Turandot&#8220; in Barcelona im Jahr 1980 &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>Welche R\u00e4tsel sind denn bei Turandot zu l\u00f6sen?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Der entscheidende Punkt ist zun\u00e4chst: Die R\u00e4tsel dienen vor allem der Abwehr des Liebeswerbens durch Turandot, ihr genauer Inhalt ist demgegen\u00fcber sekund\u00e4r. In Puccinis Oper nehmen die R\u00e4tsel im zweiten Akt zudem die Position des traditionellen Liebesduetts ein, sie haben also auch eine dramaturgische Funktion und sollen die Singstimmen zur Geltung bringen. In den verschiedenen Vorlagen des St\u00fccks bei Gozzi und Schiller werden verschiedene R\u00e4tsel gestellt, die eher wenig mit der sonstigen Geschichte zu tun haben. In Puccinis Fassung hingegen werden diese R\u00e4tsel tiefenpsychologisch zugespitzt, es handelt sich also nicht um Wissensfragen wie in einer Quizsendung, sondern um Fragen nach dem, was in der gegebenen Situation existentiell bedeutsam ist. Es wird jeweils nach einem bestimmten Wort gefragt, und die Antworten Calafs lauten: die Hoffnung, das Blut und Turandot. Das letzte der drei R\u00e4tsel macht zudem deutlich, dass Turandot sich im Grunde selbst ein R\u00e4tsel ist.&#8220;<\/p>\n<p><b>Die Oper spielt in China. Wodurch erreichte Puccini den Eindruck einer fern\u00f6stlichen Klangwelt?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Puccini ist ja ansonsten vor allem als Komponist sch\u00f6ner Melodien bekannt, man denke an seine meistgespielten Opern &#8218;La Boh\u00e8me&#8216; oder &#8218;Tosca&#8216;. In &#8218;Turandot&#8216; ist seine Klangsprache deutlich herber und moderner, schlie\u00dflich ist das Werk erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, zeitgleich mit Sch\u00f6nbergs Zw\u00f6lfton-Kompositionen und unter dem Einfluss von Strawinskys Balletten und Strauss\u2018 Musikdramen. Der Orchesterklang ist \u00e4u\u00dferst farbig, sch\u00f6ne Melodien kommen zwar immer noch vor, aber die Rhythmik und Harmonik sind innovativ und dominieren den H\u00f6reindruck. Die fern\u00f6stliche Klangwelt spielte ja f\u00fcr Puccini bereits in &#8218;Madame Butterfly&#8216; eine Rolle, in &#8218;Turandot&#8216; ist sie aber ausgepr\u00e4gter, nicht im Sinne eines blo\u00dfen Exotismus, sondern als teilweise be\u00e4ngstigend wirkende Fremdartigkeit. Pentatonik spielt dabei eine gro\u00dfe Rolle, also die Arbeit mit nur f\u00fcnf T\u00f6nen, die in einer bestimmten Tonfolge h\u00e4ufig wiederkehren und eine Art Leitmotiv f\u00fcr Turandot bilden. Ebenso hat in &#8218;Turandot&#8216; das umfangreiche Schlagwerk eine gro\u00dfe Bedeutung sowie das st\u00e4ndige Wiederkehren bestimmter komplizierter rhythmischer Konstellationen, wie es in dieser Zeit etwa auch bei Strawinsky zu finden ist. Puccini hat sich ferner f\u00fcr einige Melodien auch von Originalzitaten aus chinesischen Spieldosen anregen lassen und ausf\u00fchrliche Studien dazu betrieben. Interessant sind auch die Figuren der drei Minister Ping, Pang und Pong, die eine Art chinesische Version der \u00fcberlieferten europ\u00e4ischen Kom\u00f6dienfiguren darstellen \u2013 \u00fcbrigens sind das \u00e4u\u00dferst schwierige Partien f\u00fcr die S\u00e4nger.&#8220;<\/p>\n<p><b>In der Schlussszene gibt es einen alles ver\u00e4ndernden Kuss, den man musikalisch bis heute, da Unterlagen von Puccini dazu fehlen, nicht befriedigend l\u00f6sen konnte. Was ist das Problem?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Hierzu muss man sich die Situation im St\u00fcck einmal genau ansehen. Calaf muss gewisserma\u00dfen mehrere Anl\u00e4ufe nehmen, um Turandots Herz zu erobern. Zun\u00e4chst muss er ihre drei R\u00e4tsel l\u00f6sen, aber Turandot verweigert sich ihm nach seinem Erfolg, entgegen der vorher angek\u00fcndigten Bedingungen der Frageprobe, woraufhin Calaf erkl\u00e4rt, dass er ihre frei erwiderte Gegenliebe w\u00fcnscht. Er stellt ihr die Gegenaufgabe, im Laufe der Nacht seinen Namen herauszufinden, was ihr aber bis zum Morgengrauen nicht gelingt. Zudem steht Turandot unter dem starken Eindruck von Li\u00f9s Suizid, den sie als heldenm\u00fctige Tat einer liebenden Frau bewundert \u2013 etwas, das f\u00fcr sie v\u00f6llig neu ist. Nun stehen sich Turandot und Calaf zum ersten Mal allein gegen\u00fcber, aber Turandot ist immer noch nicht bereit oder in der Lage, ihn als Mann zu lieben.<\/p>\n<div id=\"attachment_91414\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91414 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Plakat-Turandot-von-1926-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"780\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ank\u00fcndigungs-Plakat f\u00fcr Auff\u00fchrung der Oper &#8222;Turandot&#8220; im Jahr 1926 &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>In der Partitur hei\u00dft es nun: \u201eEr ergreift mit Gewalt Turandot, schleppt sie vom Pavillon, wirft sie in seinen Armen herum und \u00fcbersch\u00fcttet sie mit K\u00fcssen.\u201c Dieser erzwungene Kuss verunsichert Turandot erheblich, aber erst die dann folgende Preisgabe des Namens durch Calaf selbst bringt sie dahin, ihre Gef\u00fchle f\u00fcr ihn zu ver\u00e4ndern. Insofern ist der Kuss also nicht der letzte, sondern der vorletzte Schritt zur L\u00f6sung des dramatischen Konflikts, und das ist mit Sicherheit auch menschlich die nachvollziehbarere Interpretation.&#8220;<\/p>\n<p><b>Eine weltber\u00fchmte Arie aus dieser Oper ist &#8218;<\/b><b>Nessun dorma&#8216;<\/b><b>\u00a0(Keiner schlafe). Sie geh\u00f6rt zum Standardrepertoire aller gro\u00dfen Ten\u00f6re und hat auch in diversen Filmen Eingang gefunden. Was macht sie so einzigartig?<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Thomas Erlach<i>: <\/i><em>&#8222;&#8218;<\/em>Nessun dorma<em>&#8218;<\/em> ist nur bedingt eine Opernarie im traditionellen Sinn. Sie ist zun\u00e4chst recht kurz und zudem eingebunden in den Handlungskontext. Konkret hei\u00dft das: Puccini hat so komponiert, dass das Publikum am Ende der Arie nicht applaudieren kann, weil das Orchester ohne Unterbrechung kr\u00e4ftig weiterspielt und erst nach einer Weile leiser wird. Das zeigt, dass Puccini nach &#8218;Nessun dorma&#8216; keinen Zwischenapplaus wollte, wie es sonst bei seinen Opern h\u00e4ufig \u00fcblich ist. Eine Herausl\u00f6sung der Arie aus dem Kontext, wie das zum Beispiel in dem ber\u00fchmten Video mit Paul Potts der Fall ist, widerspricht v\u00f6llig dem Sinn und Zweck dieser Komposition. Bemerkenswert ist weiterhin, dass die zweistrophig angelegte Arie nur aus sehr wenigen musikalischen Elementen besteht, die Akkorde allerdings \u00e4u\u00dferst raffiniert gestaltet sind und die unheimliche Atmosph\u00e4re in der n\u00e4chtlichen Situation beschreiben, als Calaf von allen gesucht wird, um seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Dass er trotzdem siegesgewiss ist, wird durch die Steigerung in Tonh\u00f6he und Dynamik am Schluss zum Ausdruck gebracht, wenn er das ber\u00fchmte \u201evincer\u00f2\u201c (ich werde siegen) singt. Die entsprechende Phrase wurde \u00fcbrigens schon vorher am Ende des zweiten Aktes einmal vorweggenommen und tauscht dann ganz am Ende des Alfano-Schlusses wieder auf. Puccini ist eben durch und durch Musikdramatiker \u2013 die zentralen musikalischen Ideen haben immer eine Bedeutung im Gesamtaufbau des St\u00fccks und kehren mehrfach in verschiedener Beleuchtung wieder.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_91415\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91415 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Pressefoto-Erlach.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"279\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Thomas Erlach &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Thomas Erlach<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Thomas Erlach ist seit 2014 Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Didaktik der Musik an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren feierte &#8222;Turandot&#8220;, die Oper des ber\u00fchmten italienischen Komponisten Giacomo Puccini, in der Mail\u00e4nder Scala Premiere. Das opulente Meisterwerk basiert auf einem M\u00e4rchenst\u00fcck von Carlo Gozzi aus dem 18. Jahrhundert, das Puccini in der \u00dcbersetzung von Friedrich Schiller vorlag. \u00dcber die Hintergr\u00fcnde der Oper und deren Entstehung hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit Musikwissenschaftler Thomas Erlach unterhalten.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-91408","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-29 19:28:34","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91408","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91408"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91408\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":91422,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91408\/revisions\/91422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}