{"id":91046,"date":"2026-04-02T12:18:25","date_gmt":"2026-04-02T10:18:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=91046"},"modified":"2026-04-03T12:18:37","modified_gmt":"2026-04-03T10:18:37","slug":"telefonzellen-die-kleinen-gebaeude-im-stadtraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/04\/02\/telefonzellen-die-kleinen-gebaeude-im-stadtraum\/","title":{"rendered":"Telefonzellen &#8211; die kleinen Geb\u00e4ude im Stadtraum"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_91049\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91049 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Topel-Foto-Sebastian-Jarych-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1619\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Martin Topel, Professor f\u00fcr Industrial Design an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p>Autor Uwe Blass beleuchtet die spannende Geschichte der roten Telefonzelle im Rahmen der lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit dem Industrial Designer Martin Topel, Professor an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.<\/p>\n<p><b>Was hat das Telefonzellen-Modell K2 , das sich im Laufe der Jahre zu einer regelrechten kulturellen Ikone entwickelte, so besonders gemacht?\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Die rote Telefonzelle ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie Gestaltung \u00fcber ihre unmittelbare Aufgabe hinaus Bedeutung erzeugt. Sie ist gleichzeitig Gebrauchsobjekt, architektonisches Element und kulturelles Symbol. Genau diese Mehrdimensionalit\u00e4t macht sie bis heute relevant. Die Telefonzelle wurde nicht wie ein technisches Ger\u00e4t gedacht, sondern wie ein kleines Geb\u00e4ude im Stadtraum. Ihre Proportionen, die Gliederung und das charakteristische Dach zitieren klassische Architektur. Dadurch entsteht eine ungew\u00f6hnliche W\u00fcrde f\u00fcr ein Alltagsobjekt. Gleichzeitig ist sie klar strukturiert und sofort verst\u00e4ndlich \u2013 das ist eine besondere Kombination. Und der Faktor Zeit, der dieses Produkt dank behutsamer Weiterentwicklung mehr als drei Generationen Teil des kollektiven Bewusstseins hat werden lassen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Beim Entwurf des Dachs orientierte sich Scott an einem Mausoleum des Architekten Sir John Soane. Wie sah das denn aus?<\/b><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Scott lie\u00df sich von diesem Mausoleum inspirieren, das sich durch eine markante, leicht gew\u00f6lbte Kuppelform auszeichnet. Dieses Dachmotiv wurde abstrahiert und auf die Telefonzelle \u00fcbertragen. Das Ergebnis ist eine charakteristische, mehrstufige Dachform mit sanft gerundeten Linien. Sie wirkt wie eine Miniatur-Kuppel und hebt sich deutlich von rein funktionalen Flachd\u00e4chern ab. Gerade dieses Detail verleiht der Telefonzelle ihren architektonischen Ausdruck und tr\u00e4gt stark zu ihrem Wiedererkennungswert bei.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><b>Bis Ende der 30er Jahre wurden mehr als 20.000 St\u00fcck aufgestellt, wobei man sich nicht immer an die leuchtendrote Farbe hielt. Warum nicht?<\/b><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;In den St\u00e4dten wurde ausschlie\u00dflich das bekannte Rot verwendet. Diese Farbe sorgt f\u00fcr maximale Sichtbarkeit und schnelle Orientierung im \u00f6ffentlichen Raum. Man darf nicht vergessen, dass St\u00e4dte damals oft von Nebel und schlechter Sicht gepr\u00e4gt waren. Rot wurde hier zu einem funktionalen Gestaltungselement. Gleichzeitig hat diese konsequente Farbwahl \u00fcber die Zeit eine enorme symbolische Kraft entwickelt. Aber in l\u00e4ndlichen Regionen konnten andere Farben gew\u00e4hlt werden. Dieses Farbspektrum ging von gr\u00fcn, gelb, wei\u00df und grau. Au\u00dferdem wurden ab 1930 auch Polizeitelefonzellen aufgebaut, die zur Kennzeichnung in blau lackiert wurden.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_91050\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 810px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91050 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/English-telephone-box-Telefonzelle-des-Typs-K2-am-Parliament-Square-in-London-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"1067\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die rote Telefonzelle des Typs K2 am Parliament Square in London &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>Nach der Thronbesteigung Elisabeths II. wurde 1953 die Krone im Dach modifiziert. Es gibt also Zellen vom Typ K1 bis K8. Was hat sich denn im Laufe der Zeit an der Telefonzelle so alles ver\u00e4ndert?<\/b><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Das erste, in gro\u00dfer Zahl installierte Modell, war die Version K2. Diese f\u00fcr die Serie \u00fcberarbeite Version des Modell K1 hatte einen Grundriss von 90&#215;90 cm, war 2,51 m hoch und wog 750 Kilogramm. Diese teure, gro\u00dfe Version wurde zun\u00e4chst mit 1.200 Einheiten ausschlie\u00dflich in London aufgestellt. Ab 1929 wurde von Scott eine g\u00fcnstigere und wesentlich kompaktere Version entwickelt &#8211; die Version K3. Diese wurde mit 12.000 Einheiten produziert. 1936 erfolgte eine weitere \u00dcberarbeitung anl\u00e4sslich des silbernen Thronjubil\u00e4ums von K\u00f6nig Georg V., die Version K6. Hiervon wurden weitere 60.000 Einheiten im gesamten K\u00f6nigreich aufgestellt. Bei der Weiterentwicklung aller Varianten wurden \u00fcberwiegend Verbesserungen eingebracht, die den Fertigungsaufwand und Kosten reduzierten, oder Funktionsverbesserungen, wie bessere Bel\u00fcftung, einfachere Zug\u00e4nglichkeit, oder gr\u00f6\u00dfere Glasfl\u00e4chen f\u00fcr mehr Transparenz betrafen. Formal beziehen sich jedoch lediglich die Modelle K3, K4 und K6 auf den urspr\u00fcnglichen, weltbekannten Entwurf.&#8220;<\/p>\n<p><b>Auch in Filmen verschiedener L\u00e4nder dienten Telefonzellen als Drehorte und haben sich durch Klassiker wie &#8222;Fahrstuhl zum Schafott&#8220; (1958) mit Jeanne Moreau, &#8222;Dirty Harry&#8220; (1971) mit Clint Eastwood, &#8222;Nicht auflegen&#8220; (2002) mit Colin Farrell oder sogar magisch, etwa in &#8222;Harry Potter und der Orden des Ph\u00f6nix&#8220; (2007), in den K\u00f6pfen von Generationen von Zuschauern manifestiert. 2006 wurde die K2-Telefonzelle zu einer der zehn Designikonen Gro\u00dfbritanniens gew\u00e4hlt. So gesehen, transportiert eine kleine Telefonzelle Kultur in die Welt, oder?<\/b><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Absolut. Die Telefonzelle ist ein hervorragendes Beispiel daf\u00fcr, wie Design kulturelle Bedeutung transportieren kann. Durch ihre starke visuelle Identit\u00e4t wurde sie zu einem Symbol, das weit \u00fcber seine urspr\u00fcngliche Funktion hinausgeht. In Filmen, Fotografien und im Tourismus steht sie stellvertretend f\u00fcr Gro\u00dfbritannien \u2013 \u00e4hnlich wie Doppeldeckerbusse oder schwarze Taxis. Wenn ein Objekt so konsequent gestaltet und \u00fcber Jahrzehnte hinweg sensibel \u00fcberarbeitet wird, wird es Teil des kollektiven Ged\u00e4chtnisses. In diesem Sinne ist die Telefonzelle tats\u00e4chlich ein kultureller Botschafter.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_91051\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1478px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91051 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Green_Manx_phone_box-Gruene-Telefonzelle-Typ-K6-auf-der-Isle-of-Man-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"1468\" height=\"1050\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Gr\u00fcne Telefonzelle Typ K6 auf der Insel &#8222;Isle of Man&#8220; &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>In den 1990er Jahren erreichte die Zahl der Telefonzellen in Gro\u00dfbritannien mit rund 100.000 ihren H\u00f6hepunkt. Doch das ist lange vorbei. Handys haben ihr den Rang abgelaufen. Wie werden denn die unter Denkmalschutz stehenden Zellen heute noch genutzt?<\/b><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Heute werden viele der historischen Telefonzellen kreativ umgenutzt. Einige dienen weiterhin als Telefonstationen, doch der Gro\u00dfteil hat neue Funktionen erhalten.<b> <\/b>Man findet sie beispielsweise als kleine Bibliotheken, Defibrillator-Stationen, WLAN-Hotspots oder Mini-Kioske. Teilweise werden sie auch als touristische Fotokulisse bewusst erhalten.<b> <\/b>Diese Umnutzung ist aus Designperspektive besonders interessant: Sie zeigt, dass langlebige, gut gestaltete Objekte die F\u00e4higkeit besitzen, sich neuen Anforderungen anzupassen. Die Telefonzelle bleibt also relevant \u2013 nicht mehr als Kommunikationsinfrastruktur, sondern als kulturelles und funktionales Artefakt im \u00f6ffentlichen Raum.&#8220;<\/p>\n<p><b>Bis sp\u00e4testens Ende 2026 sollen alle \u00f6ffentlichen Telefonzellen in Deutschland abgebaut werden. Die roten K\u00e4sten aus dem Vereinigten K\u00f6nigreich kann man aber sogar in einigen deutschen St\u00e4dten heute finden. Z. B. hat der Ronsdorfer Heimat- und B\u00fcrgerverein im &#8218;Ronsdorfer Carree&#8216; die Telefonzelle als B\u00fccherzelle aufgestellt. Was verbinden Sie mit der klassischen Telefonzelle?<\/b><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Noch heute kann ich mich gut an den speziellen Geruch der deutschen Telefonzellen erinnern. Diese Mischung aus feuchtem Telefonbuch und \u201eTechnik\u201c. Auch an den Umstand, dass ich damals alle wesentlichen Telefonnummern im Kopf hatte &#8211; unvorstellbar im Zeitalter des Smartphones. Au\u00dferdem habe ich bei meinen Motorradreisen schon \u00f6fters Telefonzellen als Schutz vor \u00fcberraschenden Wolkenbr\u00fcchen genutzt &#8211; in dieser Funktion werde ich sie sicherlich vermissen.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_91053\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-91053 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Topel-Foto-Sebastian-Jarych-1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"286\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Martin Topel &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Martin Topel<\/h4>\n<p>Professor Martin Topel ist Industrie Designer und lehrt seit 1999 als Professor an der Universit\u00e4t Wuppertal im Studiengang Industrial Design. Sein Lehrstuhl besch\u00e4ftigt sich mit der Produktentwicklung von Investitionsg\u00fctern und Produktsystemen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1924 stellte der Londoner Architekt Sir Giles Gilbert Scott seinen Entwurf f\u00fcr die erste rote Telefonzelle Gro\u00dfbritanniens in einem Design-Wettbewerb vor. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde sie landesweit als Modell K2 eingef\u00fchrt. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre eine regelrechte kulturelle Ikone. Damals eine bahnbrechende Innovation, heute eher ein Denkmal oder Exponat f\u00fcrs Museum. <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-91046","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-26 14:06:32","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91046","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91046"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91046\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":91059,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91046\/revisions\/91059"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91046"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91046"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91046"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}