{"id":90000,"date":"2026-02-21T13:36:53","date_gmt":"2026-02-21T12:36:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=90000"},"modified":"2026-02-26T19:34:57","modified_gmt":"2026-02-26T18:34:57","slug":"paedagogische-und-oekonomische-interessen-treffen-aufeinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2026\/02\/21\/paedagogische-und-oekonomische-interessen-treffen-aufeinander\/","title":{"rendered":"P\u00e4dagogische und \u00f6konomische Interessen treffen aufeinander"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_90005\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1214px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-90005 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Kindergartengruppe-CC-BY-3.0.jpeg\" alt=\"\" width=\"1204\" height=\"871\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Gut gelaunt Kids einer Kindergartengruppe mit ihrer freundlichen Betreuerin &#8211; \u00a9 CC BY 3.0<\/span><\/div>\n<p>Der Wuppertaler Kindheitsforscher Marius Mader hat kommerzielle und gemeinn\u00fctzige Kindertageseinrichtungen aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet. Er ging der Frage nach: \u201eWas motiviert Leute dazu, teilweise so viel Geld f\u00fcr Kindertagesbetreuung auszugeben, wenn man es vielleicht auch anders haben k\u00f6nnte?\u201c<\/p>\n<p><b>Kommerzielle oder gemeinn\u00fctzige Kindertageseinrichtung<\/b><\/p>\n<p>Um die Unterschiede verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsse man zun\u00e4chst die strukturelle Ebene, also die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen betrachten, erkl\u00e4rt Mader. \u201eDie sind zum einen unterschiedlich finanziert und haben eine andere Rechtsform. Kindertagesbetreuung als soziale Dienstleistung wird in der Regel als e.V. oder gGmbH gemeinn\u00fctzig organisiert und arbeitet nicht gewinnerzielend.\u201c Demgegen\u00fcber habe die kommerzielle Kindertageseinrichtung h\u00e4ufig die Rechtsform der GmbH oder GBR (Gesellschaft b\u00fcrgerlichen Rechts, Anm. d. Red.), bei gr\u00f6\u00dferen Unternehmen kann es sogar auch schon mal eine Aktiengesellschaft sein. \u201eMit dieser Rechtsform sind auch unterschiedliche Handlungsm\u00f6glichkeiten verkn\u00fcpft. Kommerzielle Kindertageseinrichtungen k\u00f6nnen im Gegensatz zu gemeinn\u00fctzigen mit den Gewinnen, die sie erwirtschaften, frei umgehen. Gemeinn\u00fctzige m\u00fcssen ihren Gewinn immer in den Betriebszweck zur\u00fcck investieren.\u201c Kirchliche Einrichtungen seien meist freie bzw. private Einrichtungen, die aber \u00fcblicherweise frei-gemeinn\u00fctzig oft als e.V. oder gGmbH organisiert w\u00fcrden, denn letzteres lasse sich leichter managen.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><b>Zahlende Eltern sind Kunden<\/b><\/p>\n<p>\u201eBei dem hochpreisigen Segment, das mich interessiert hat, ist es so, dass sich mit dem Status als Kunde auch die Beziehung zwischen dem Wohlfahrtsstaat oder \u00f6ffentlichen Instanzen wie dem Jugendamt und den Eltern ver\u00e4ndert\u201c, sagt Mader. \u201eZwischen Eltern als den Inanspruchnehmenden und den Einrichtungen als ausf\u00fchrende Instanzen, verschiebt sich das Verh\u00e4ltnis.\u201c Wenn der Wohlfahrtsstaat nicht mehr finanzierende und kaum regulierende Instanz ist, sei es so, dass die Eltern die eigentlichen Finanziers w\u00fcrden. Und das hei\u00dfe auch, dass sich da ein selbstbestimmter Handlungsraum zwischen Eltern als K\u00e4ufer\/Inanspruchnehmenden und den Anbietenden entwickele. Da kann dann verhandelt werden, was in gemeinn\u00fctzigen Einrichtungen nicht m\u00f6glich ist. Zu p\u00e4dagogischen Interessen treten dann auch potentiell \u00f6konomische Interessen dazu.\u201c<\/p>\n<p><b>Die Wahl der richtigen Kindertageseinrichtung kann schwer fallen<\/b><\/p>\n<p>\u201eDie einschl\u00e4gige Studienlandschaft zeigt, dass die Inanspruchnahme von Kindertagesbetreuung Sinn macht. Kinder k\u00f6nnen davon profitieren, das ist mittlerweile so gut wie unbestritten.\u201c Elterliche Entscheidungen f\u00fcr oder gegen Kindertagesbetreuung stellen sich in der Forschung divers dar. Die Gr\u00fcnde, die daf\u00fcr oder dagegen spr\u00e4chen reichen von Unkenntnis bis zum unterschiedlichen Zugang zu \u00f6konomischen, soziokulturellen und sprachlichen Ressourcen. \u201eUnd im Hinblick auf das kommerzielle Segment h\u00e4ngt es nat\u00fcrlich sehr stark vom finanziellen Verm\u00f6gen ab, ob man sich so eine Einrichtung leisten kann\u201c, f\u00e4hrt Mader fort, \u201edie Kosten f\u00fcr einen kommerziellen Platz sind bis zu viermal so hoch wie f\u00fcr einen Platz in einer vergleichbaren gemeinn\u00fctzigen Eirichtung. Das kann bis zu 1600 Euro monatlich gehen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_90006\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-90006 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Mader-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"400\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Wissenschaftler Dr. Marius Mader, Kindheitsforscher und Sozialp\u00e4dagoge an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p><b>Das leidige Thema des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz<\/b><\/p>\n<p>Eltern haben einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, aber die Realit\u00e4t sieht anders aus. \u201eJa und nein\u201c, antwortet der Wissenschaftler, \u201etats\u00e4chlich verschiebt sich da im Moment auch etwas. Der Rechtsanspruch, der gilt f\u00fcr Kindertagesbetreuung erst ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Der Platz gilt nicht ausschlie\u00dflich f\u00fcr Kindertageseinrichtungen, sondern auch f\u00fcr einen Platz in der Tagespflege.\u201c Die Frage nach dem Platzmangel sei ambivalent und stelle sich in den verschiedenen Bundesl\u00e4ndern auch unterschiedlich dar. Dazu Mader: \u201eIm Westen ist es tats\u00e4chlich so, dass wir hier sehr lange in der Familienbildungspolitik eine Politik hatten, die sehr stark am b\u00fcrgerlichen Familienmodell festgehalten hat. Daher haben wir hier an vielen Stellen einen Platzmangel, hei\u00dft, eine hohe Nachfrage bei zu geringem Angebot. Das gilt insbesondere f\u00fcr den Bereich der Versorgung von Pl\u00e4tzen f\u00fcr Kinder unter drei Jahren. Bei Kindern \u00fcber drei Jahren sieht das dann besser aus. Dazu kommt, dass sich die elterliche Nachfrage nicht nur auf die reinen Pl\u00e4tze bezieht, sondern auch auf die Dauer des Betreuungsumfangs. Eltern bekommen nicht immer so viel Betreuungszeit vom Jugendamt zugesprochen wie sie gerne h\u00e4tten oder br\u00e4uchten.\u201c Zwischen Osten und Westen h\u00e4tten wir es zudem mit unterschiedlichen Traditionen zu tun. Heute zeige sich in verschiedenen Regionen im Osten, dass es dort ein zu hohes Platzangebot gebe und sogar Kita-Pl\u00e4tze zur\u00fcckgebaut w\u00fcrden.<\/p>\n<p><b>Angebote der Einrichtungen variieren<\/b><\/p>\n<p>Kommerziell oder gemeinn\u00fctzig: Die Angebote in den unterschiedlichen Einrichtungen variieren. Das h\u00e4nge auch mit Marketingstrategien und Inszenierungen zusammen, erkl\u00e4rt Mader. \u201eDa gibt es dann l\u00e4ngere und flexiblere \u00d6ffnungszeiten, bilinguale Angebote sowie Dienstleistungen \u00fcber das P\u00e4dagogische hinaus. Das geht bis hin zum Fris\u00f6r, der in die Einrichtung kommt. Da wird den Eltern ein Teil der Alltagsarbeit abgenommen.\u201c<\/p>\n<p><b>Wo k\u00f6nnen Eltern denn mehr mitgestalten?<\/b><\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man meinen, dass Eltern dort auch mehr zu sagen haben, wo sie Zahlende sind und das Prinzip der Kunde ist K\u00f6nig gilt. Doch das zeigte sich in Maders Studie nicht. \u201eIn der gemeinn\u00fctzigen Einrichtung, die ich mir auch angesehen habe, waren die Eltern sehr nahe am Einrichtungsgeschehen dran. Au\u00dferdem haben beispielsweise alle gemeinn\u00fctzigen Einrichtungen einen Elternbeirat, d.h., es gibt ein politisches Mitsprachegremium. Das ist als kollektives Sprachrohr schon etwas Bedeutsames. Das gab es in der kommerziellen Einrichtung nicht. Und diese Kollektivierungsprozesse innerhalb von Elternschaft, w\u00fcrde ich sagen, spielten auch f\u00fcr die Eltern eine Rolle. Die gemeinn\u00fctzige Einrichtung lag in einem sozialen Brennpunkt. Es gab erwerbslose Eltern, die dann auch Zeit in der Einrichtung verbringen konnten. Sie begleiteten z. B. Gruppen und wurden Teil des Einrichtungsalltags, woraus sich auch zum Teil sehr enge pers\u00f6nliche Beziehungen gebildet haben.\u201c Das stelle sich in der kommerziellen Einrichtung anders dar, denn dort sei die Kunden- Anbieterbeziehung latent immer relevant und habe auch Auswirkungen auf das Miteinander. Der Kunde bezahle viel und erwarte auch viel. \u201eDas f\u00fchrt zu \u00f6konomisch oder betriebswirtschaftlich motivierten Kosten-Nutzenkalkulationen. Das hebt eine Beziehung auf eine andere Ebene und f\u00fchrt auch zu einer emotionalen Distanzierung.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_90007\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-90007 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Kinder-im-Spiel-vereint-Pixabay.jpeg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"1160\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Kinder beim Spielen in einer Kindertagesst\u00e4tte &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><b>Die Kita ist ein sozialp\u00e4dagogischer Raum<\/b><\/p>\n<p>\u201eDie Kita ist mehr als ein Ort fr\u00fchp\u00e4dagogischer Arbeit, es ist ein Ort, in dem es nicht nur um Bildung geht\u201c, stellt Mader unmissverst\u00e4ndlich fest. \u201eKindertageseinrichtungen sind auch soziale, personenbezogene Dienstleister, die offiziell nicht Teil des Bildungssystems sind. Neben Bildung sind dort auch Betreuung und Erziehung zentrale Aufgaben. Zunehmend geht es auch um Fragen des Kinderschutzes und sozialer Hilfen. Praktisch zeigt sich das dann in Form von Elternbildungsprogrammen, Kita-Sozialarbeit oder Familienzentren, vor allem auch mit Blick auf das Thema soziale Ungleichheiten.\u201c<\/p>\n<p><b>Erste Anlaufstelle: Jugendamt<\/b><\/p>\n<p>Kindertageseinrichtungen im Bergischen Land sind in unterschiedlicher Tr\u00e4gerschaft. Das Jugendamt k\u00f6nne da als erste Informationsquelle dienen, da es den Auftrag habe, Eltern in Fragen der Kindertagesbetreuung zu beraten. Das passiere inzwischen auch online, sagt Mader. \u201eEs gibt Kinderbetreuungsportale, wo Eltern sich \u00fcber unterschiedliche Angebote und Einrichtungen informieren und auch die st\u00e4dtischen Einrichtungen direkt kontaktieren k\u00f6nnen, um einen Platzbedarf anzumelden. Die kommerziellen Einrichtungen sind dort ab und zu auch verzeichnet.\u201c Eine andere M\u00f6glichkeit, Informationen zu erhalten, seien auch Freunde und Bekannte, also Mundpropaganda, sowie der Besuch eines Spielplatzes, auf dem man andere Eltern ansprechen k\u00f6nne. \u201eUnter anderem zeigt sich, dass Eltern viel im Netz recherchieren, zumal, wenn sie noch nicht an dem Ort wohnen, wo das Kind dann betreut werden soll. Und dann gibt es auch Leute, die fahren rum, fragen vor Ort oder nutzen Tage der offenen T\u00fcr oder Elternabende, um auch ein Bauchgef\u00fchl zu entwickeln.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_90008\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-90008 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Mader-Presse-2.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"326\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Marius Mader &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Marius Mader<\/h4>\n<p>Dr. Marius Mader ist Mitarbeiter am Arbeitsbereich Sozialp\u00e4dagogik\/Sozialpolitische Grundlagen an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Human- und Sozialwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je j\u00fcnger, desto teurer. F\u00fcr Eltern von Kindern unter drei Jahren ist die kommerzielle Kita-Betreuung teuer. Was in anderen L\u00e4ndern schon lange Gang und g\u00e4be ist, w\u00e4chst auch in Deutschland langsam aber stetig, denn der Bedarf an Betreuungspl\u00e4tzen ist nach wie vor hoch. Der Wuppertaler Kindheitsforscher und Sozialp\u00e4dagoge Marius Mader hat sich mit diesem Ph\u00e4nomen, zu dem es wenig Forschung gibt, auseinandergesetzt. Grund genug f\u00fcr Autor Uwe Blass, das spannende Thema in der beliebten und lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; aufzugreifen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-90000","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-11 07:51:15","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90000","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=90000"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90000\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90011,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90000\/revisions\/90011"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90000"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=90000"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90000"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}