{"id":88825,"date":"2025-12-15T10:28:38","date_gmt":"2025-12-15T09:28:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=88825"},"modified":"2025-12-24T11:44:26","modified_gmt":"2025-12-24T10:44:26","slug":"kreuzwortraetsel-der-mentale-tapetenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/12\/15\/kreuzwortraetsel-der-mentale-tapetenwechsel\/","title":{"rendered":"Kreuzwortr\u00e4tsel: Der mentale Tapetenwechsel"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_88829\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1306px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88829 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Colomo-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"1296\" height=\"1024\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Katarina Colomo, Sprachwissenschaftlerin an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p><strong>Fachleute sagen, diese sprachbasierten R\u00e4tsel festigen den Wortschatz. Stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p>Katarina Colomo: &#8222;Jede aktive Auseinandersetzung mit neuen W\u00f6rtern hilft, wenn man die W\u00f6rter festigen m\u00f6chte. Beim L\u00f6sen von Kreuzwortr\u00e4tseln muss das Wort aktiv aus dem Wortschatz abgerufen werden, es gen\u00fcgt also nicht, es nur wiederzuerkennen. Deshalb k\u00f6nnen Kreuzwortr\u00e4tsel tats\u00e4chlich zum Wortschatztraining eingesetzt werden, ja.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Es gibt einfache, aber auch schwierige R\u00e4tsel, die h\u00f6here Anspr\u00fcche an die Allgemeinbildung stellen. Ein Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re das Zeit-R\u00e4tsel, welches unter dem Titel \u201aUm die Ecke gedacht<\/strong><strong>\u2018<\/strong><strong> in Deutschland sehr popul\u00e4r ist. Wie funktioniert das denn?<\/strong><\/p>\n<p>Katarina Colomo: \u201eUm die Ecke gedacht\u201c ist vor allem deshalb so schwer, weil die L\u00f6sungshinweise so schwer zu deuten sind. Sie k\u00f6nnen nicht w\u00f6rtlich interpretiert werden. Man muss sehr flexibel sein, viele Assoziationen abrufen, auf mehreren Ebenen denken und kreativ sein \u2013 eben \u201eum die Ecke denken\u201c. Die Hinweise enthalten relevante Mehrdeutigkeiten, sekund\u00e4re Bedeutungen, spielen mit Redewendungen oder der sprachlichen Form. Der L\u00f6sungsspielraum scheint zun\u00e4chst riesig zu sein und man wei\u00df gar nicht, in welche Richtung man denken soll. Im Nachhinein ist die richtige Antwort dann nicht unbedingt schwer.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Die Bedeutung von W\u00f6rtern und deren Beziehungen zueinander ist entscheidend f\u00fcr das L\u00f6sen von Kreuzwortr\u00e4tseln. Spieler m\u00fcssen oft Synonyme, Antonyme oder verwandte Begriffe finden. Kann man Kreuzwortr\u00e4tsel eigentlich auch in der Lehre einsetzen?<\/strong><\/p>\n<p>Katarina Colomo: &#8222;Na klar! R\u00e4tsel k\u00f6nnen eingesetzt werden, um das Fachvokabular spielerisch zu festigen. Es gibt auch einige Studien, die das belegen. Beim Lesen gen\u00fcgt es oft, wenn das Fachvokabular passiv vorhanden ist. Um ein Kreuzwortr\u00e4tsel l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, gen\u00fcgt das schon nicht mehr: Die Begriffe m\u00fcssen nicht nur aktiv abgerufen werden, sondern sie werden zugleich auch vernetzt. Im klassischen Kreuzwortr\u00e4tsel ist der Hinweis \u00fcblicherweise ein Synonym, eine Definition oder manchmal auch ein Antonym (also ein gegens\u00e4tzliches Wort). Die W\u00f6rter werden also auch semantisch vernetzt, es wird Bezug auf schon vorhandenes Wissen genommen, und das ist didaktisch sinnvoll. Wir nutzen hier ja die E-Learning-Plattform Moodle. In Moodle kann man relativ leicht mit Hilfe von H5P Kreuzwortr\u00e4tsel einbinden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sogar das Erlernen einer Sprache kann durch Kreuzwortr\u00e4tsel unterst\u00fctzt werden, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Katarina Colomo: &#8222;Ja! Es spielt eigentlich keine Rolle, ob fachspezifisches Vokabular einge\u00fcbt werden soll oder Vokabeln aus einer Fremdsprache. Neben den eben schon genannten Effekten spielt dabei \u00fcbrigens auch die richtige Schreibung eine wichtige Rolle. Im Kreuzwortr\u00e4tsel geht es n\u00e4mlich nicht nur um die Bedeutung, sondern auch um die richtige Form. Neben dem beschreibenden Hinweis gibt es auch formale Hinweise, n\u00e4mlich die Wortl\u00e4nge, die \u00fcber die Zahl der K\u00e4stchen vorgegeben ist, und die schon gefundenen Buchstaben. Erstens muss man genau das richtige Wort finden, ein Synonym gen\u00fcgt nicht: DENTIST oder ZAHNARZT? APFELSINE oder ORANGE? FAHRSTUHL, LIFT oder AUFZUG?<\/p>\n<div id=\"attachment_88830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88830 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Einfaches-Kreuzwortraetsel-mit-schwarzen-Bildern-gemeinfrei.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"506\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Einfaches Kreuzwortr\u00e4tsel mit schwarzen Bildern &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Am Ende passt immer nur eins in das Gitter. Au\u00dferdem muss die Schreibweise stimmen; mit einem Rechtschreibfehler passt das Wort nicht mehr. Die Aufmerksamkeit wird also auch auf die richtige Schreibung gelenkt. Kreuzwortr\u00e4tsel haben deshalb durchaus auch einen Platz im Orthographieerwerb, nicht nur in Fremdsprachen.<br \/>\nApropos Orthographie: Man darf ORTHOGRAPHIE mit &lt;ph&gt; oder mit &lt;f&gt; schreiben, im Kreuzwortr\u00e4tsel passt aber immer nur eine der beiden Varianten. Formale Variation gibt es im Kreuzwortr\u00e4tsel generell nicht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Urspr\u00fcnglich wurden Kreuzwortr\u00e4tsel per Hand erstellt, wobei man zun\u00e4chst das Gitter entwarf. Heute nutzt man Software. Das statista-Portal sagt nach einer Umfrage 2024: \u201e2024 gab es in der deutschsprachigen Bev\u00f6lkerung ab 14 Jahre rund 8,95 Millionen Personen, die in ihrer Freizeit h\u00e4ufig R\u00e4tsel l\u00f6sten.\u201c Was reizt die Menschen an diesen Knobelaufgaben?<\/strong><\/p>\n<p>Katarina Colomo: &#8222;Ich glaube, dass da mehrere Aspekte zusammenkommen. Erstens m\u00fcssen wir uns konzentrieren, um ein R\u00e4tsel zu l\u00f6sen. Das lenkt uns vom Alltag ab \u2013 und so ein mentaler Tapetenwechsel tut gut. Zweitens sind sie grunds\u00e4tzlich l\u00f6sbar! Es f\u00fchlt sich einfach gut an, eine Herausforderung zu meistern. Dazu d\u00fcrfen die R\u00e4tsel aber weder zu schwer noch zu leicht sein. Zum Gl\u00fcck ist das Angebot so gro\u00df, dass sich jeder das passende Niveau heraussuchen kann. Das war auch vor dem Internet schon so: Kreuzwortr\u00e4tsel-Konstrukteure entwerfen R\u00e4tsel, die zu unterschiedlichen Zielgruppen passen. In Kinderzeitschriften wird ein anderer Wortschatz und andere L\u00f6sungsstrategien vorausgesetzt als in Illustrierten, das R\u00e4tsel in der Tageszeitung ist meist leichter als das in der ZEIT.<br \/>\nSch\u00f6n an R\u00e4tseln ist au\u00dferdem, dass man sie alleine oder gemeinsam l\u00f6sen kann. Sie k\u00f6nnen also auch eine soziale Komponente haben \u2013 aber man ist eben nicht darauf angewiesen, dass jemand mitspielt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Es gibt sogar mittlerweile Kreuzwortr\u00e4tsel-Lexika mit mehr als 300.000 Fragen und Antworten. <\/strong><strong>Wissen Sie denn den jugendsprachlichen Begriff f\u00fcr \u201agro\u00dfartig\u2018 mit vier Buchstaben?<\/strong><\/p>\n<p>Katarina Colomo: &#8222;Da fallen mir gleich drei ein. Wenn das heute irgendwo gefragt wird, ist wahrscheinlich <em>MEGA<\/em> gesucht. Es k\u00f6nnte auch <em>GEIL<\/em> oder <em>COOL<\/em> sein. Das w\u00fcrde meine Tochter heute eher sagen. Komischerweise sind das auch die W\u00f6rter, die wir in den 80ern\/90ern als Teenager verwendet haben. <em>MEGA<\/em> ist wohl eigentlich schon wieder veraltet. Jugendsprache hat eine kurze Halbwertszeit! Bis ein jugendsprachlicher Begriff bekannt genug ist, um in einem Kreuzwortr\u00e4tsel vorzukommen, ist er normalerweise schon wieder out. Aber wir wissen und ber\u00fccksichtigen das, wenn wir Kreuzwortr\u00e4tsel l\u00f6sen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Charles Cilard stellte 1985 nach vierj\u00e4hriger Vorarbeit das bislang gr\u00f6\u00dfte Kreuzwortr\u00e4tsel der Welt vor. Es war 870\u00a0m lang, 30\u00a0cm breit und hatte 2.610.000 K\u00e4stchen. Wann haben Sie Ihr letztes Kreuzwortr\u00e4tsel gel\u00f6st?<\/strong><\/p>\n<p>Katarina Colomo: &#8222;Im Sommer, als unsere Nachbarn ihr Zeitungsabo an uns umgelenkt haben \u2013 allerdings nur ein- oder zweimal. Ich suche zwar gern nach passenden W\u00f6rtern, aber in den \u00fcblichen Kreuzwortr\u00e4tseln wird auch viel an Wissen vorausgesetzt, das mich nicht sonderlich interessiert, zum Beispiel \u00fcber ber\u00fchmte Personen oder Geographie. Das wird mir dann schnell zu langweilig. Ich l\u00f6se lieber Sudokus.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_88831\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88831 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Colomo-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"262\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Katarina Colomo &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Katarina Colomo<\/h4>\n<p>Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Katarina Colomo arbeitet als akademische Oberr\u00e4tin im Fach Germanistik in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren wurde in Deutschland das erste Kreuzwortr\u00e4tsel in der Berliner Illustrierten (BIZ) abgedruckt. Grund genug f\u00fcr Autor Uwe Blass, der Enstehunggeschichte des auch heute noch sehr beliebten Zeitvertreibs im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; auf den Grund zu gehen. Den wissenschaftlichen Hintergrund lieferte die Sprachwissenschaftlerin Katarina Colomo.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-88825","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-20 10:36:07","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88825","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88825"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88825\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88900,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88825\/revisions\/88900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88825"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88825"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88825"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}