{"id":88597,"date":"2025-12-09T16:11:19","date_gmt":"2025-12-09T15:11:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=88597"},"modified":"2025-12-09T22:39:15","modified_gmt":"2025-12-09T21:39:15","slug":"endspiel-radikalste-ausformung-des-absurden-theaters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/12\/09\/endspiel-radikalste-ausformung-des-absurden-theaters\/","title":{"rendered":"Endspiel: \u201eRadikalste Ausformung des Absurden Theaters\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_88600\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88600 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Endspiel_2025__c_danaschmidt__9_-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1691\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Thomas Braus, Wuppertals Schauspiel-Star und Schauspielintendant in Personalunion, verk\u00f6rperte den Thyrannen &#8222;Hamm&#8220; in Samuel Becketts Klassiker &#8222;Endspiel&#8220; in grandioser, unnachahmlicher Weise &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Jetzt feierte die Inszenierung von Henner Kallmeyer sowie der Dramaturgie von Moritz M\u00fcller im Theater am Barmer Engelsgarten Premiere. Das Schauspiel &#8222;Endspiel&#8220; trifft in seiner Urfassung eine tief pessimistische und existenzielle Aussage. Sie dreht sich im Kern um die scheinbare Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins in einer postapokalyptischen, sinnentleerten Welt.<\/p>\n<p>Die deutsche Premiere 1957 in Berlin stie\u00df auf so gro\u00dfes Unverst\u00e4ndnis, dass das St\u00fcck bereits nach acht Vorstellungen abgesetzt wurde. Erst Sam Becketts eigene Berliner Inszenierung, zehn Jahre sp\u00e4ter, brachte es auf 150 Vorstellungen und wurde von der Kritik gefeiert.<\/p>\n<p>Becketts existenzielle Darstellung von menschlichem Leben basiert auf philosophischen Fragen, die von den 1950er und -60er Jahre gepr\u00e4gt wurden. Die Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die folgende atomare Aufr\u00fcstung f\u00fchrten europaweit zu einer intellektuellen Krise und viele Denker zu dem Schluss, dass die menschliche Existenz kaum einen inh\u00e4renten (innewohnenden) Sinn oder eine Essenz haben k\u00f6nne.<\/p>\n<h4>\u201eErleben der Zeitlichkeit und der Verg\u00e4nglichkweit\u201c<\/h4>\n<p>Ausgehend von diesem Denken f\u00fchrte Beckett die Reduktion von Bedeutung und Handlung, die in seinem erfolgreichen \u201eWarten auf Godot\u201c bereits angelegt war, im Werk \u201eEndspiel\u201c radikal weiter\u201c. (Zitat NTM). Eine biografische Ebene sind Erfahrungen mit dem Tod seines an Lungenkrebs erkrankten Bruders, den er in den letzten drei Monaten seines Lebens pflegte.<\/p>\n<div id=\"attachment_88601\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88601 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Endspiel_2025__c_danaschmidt__4_-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1440\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Thyrann Hamm (Thomas Braus) und sein Diener Clov (l. &#8211; Kevin Wilke) bek\u00e4mpften sich unerbittlich &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Der renommierte deutsche Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker Thomas Anz bezeichnete das St\u00fcck 2006 aus Anlass des\u00a0 100. Geburtstag vo Beckett als \u201eradikalste Ausformung\u201c des \u201eAbsurden Theaters\u201c und der britische Theaterwissenschaftler Martin Esslin nannte das St\u00fcck 1961 in seinem Buch \u201eThe Theatre of the Absurd\u201c die Offenbarung eines archetypische \u201eErleben der Zeitlichkeit und der Verg\u00e4nglichkeit\u201c, das das Gef\u00fchl \u201eder Hoffnungslosigkeit vermittle, welches den Menschen in Zust\u00e4nden tiefer Depression befalle\u201c.<\/p>\n<p>Die Dramaturgie in der Beschreibung der Wuppertaler B\u00fchnen liest sich so: \u201eDer Himmel ist grau oder vielleicht hellschwarz, die Sonne\u00a0ein f\u00fcr alle Mal untergegangen. Die Wogen am Horizont\u00a0sind aus Blei, die Samen in der Erde keimen nicht\u00a0mehr. Alles ist vorbei. Hamm und Clov sind \u00fcbrig geblieben,\u00a0nach dem Ende der Welt. Das \u201eEndspiel\u201c stelle danach Zuschauerinnen und Zuschauer seit\u00a0seiner Londoner Urauff\u00fchrung im Jahr 1957 (Originaltitel: Fin de partie) vor scheinbar unaufl\u00f6sbare\u00a0R\u00e4tsel.<\/p>\n<h4>Ein St\u00fcck voller bitterb\u00f6ser, zynischer Komik<\/h4>\n<p>Das &#8222;Endspiel&#8220; handelt von dem blinden, gel\u00e4hmten Hamm (Thomas Braus) und\u00a0 seinem Diener Clov (Kevin Wilke), die letzten \u00dcberlebenden einer unbestimmten Katastrophe, die auf das unabwendbare Ende warten. Sie leben in einem kahlen Unterschlupf und warten halb sehns\u00fcchtig, halb \u00e4ngstlich auf das absolute Ende. In Kallmeyers Inszenierung ist die B\u00fchne karg (B\u00fchne &amp; Kost\u00fcme Silke Rekord), bis auf den Stuhl, auf dem Hamm sitzt und einer Klappleiter, die Clov hin und wieder nutzt, um in die Ferne zu schauen. Mehr gibt es nicht.<\/p>\n<div id=\"attachment_88602\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88602 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Endspiel_2025__c_danaschmidt__3_-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1802\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Mond\u00e4ne Kost\u00fcme und ein minimalistisches B\u00fchnenbild: Thomas Braus und Kevin Wilke f\u00fcllten den Raum mit ihrer Schauspielkunst genial aus &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Die Beziehung zwischen dem blinden, gel\u00e4hmten Tyrannen Hamm und seinem Diener Clov, eine Hass-Liebe, ist ein zentraler Ausdruck dieser Absurdit\u00e4t. Es ist alles absurd, alles unklar. Hamm ist auf die Pflege seines Dieners\u00a0Clov angewiesen, um zu \u00fcberleben. Doch es kommt der Tag,\u00a0an dem Clov seinem Herrn verk\u00fcndet, dass er ihn verlassen\u00a0wird, denn \u201eirgendetwas gehe seinen Gang\u00ab. Hamms Leben h\u00e4ngt von Clov ab, w\u00e4hrend Clov ohne Hamms Vorr\u00e4te nicht \u00fcberleben k\u00f6nnte. Keiner hat die Kraft, den Kreislauf zu durchbrechen.<\/p>\n<h4>Brillante Schauspieler contra Tristes<\/h4>\n<p>Die Figuren versuchen die schmerzhafte Wartezeit mit Anekdoten und Wortspielen zu \u00fcberbr\u00fccken. Die Aneinanderreihung teilweise v\u00f6llig unsinniger Dialoge, von Thomas Braus und Kevin Wilke in knapp 90 Minuten brillant vorgetragen, haben dann tats\u00e4chlich Absurdes: \u201eIch sage mir manchmal, Clov, du musst noch besser\u00a0leiden lernen, wenn du willst, dass man es satt kriegt,\u00a0dich zu strafen\u201c.\u00a0 Oder Hamm: \u201eDu verpestest die Luft. Mach mich fertig, ich will mich schlafen legen.\u201c Clov: &#8222;Ich habe dich gerade geweckt.\u201c Hamm: \u201eJa, na und?\u201c &#8211; Clov: &#8222;Ich kann dich nicht alle f\u00fcnf Minuten wecken und wieder schlafen legen, ich habe zu tun\u201c.<\/p>\n<h4>\u201eNichts ist komischer als das Ungl\u00fcck&#8220;<\/h4>\n<p>Der Diener wird beherrscht vom blinden und gel\u00e4hmten Hamm, der in einem Rollstuhl sitzt. Neben ihm wartet auf steifen Beinen Clov, den Hamm vor langer Zeit \u201ewie einen Sohn\u201c aufgenommen hat und der ebenfalls nur noch m\u00fchsam gehen, aber auf keinen Fall sitzen kann. Hamms Eltern, Nagg und Nell, die bei einem Unfall ihre Beine verloren haben, hausen, unf\u00e4hig, dem Raum zu entkommen, in zwei M\u00fclltonnen und werden in dieser Theater-Version nur kurz als Puppen dargestellt, die das ber\u00fchmte Zitat von Hamms Mutter zum Thema Leiden zum Ausdruck bringen: \u201eNichts ist komischer als das Ungl\u00fcck.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_88603\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88603 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Endspiel_2025__c_danaschmidt__11_-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Kevin Wilke gl\u00e4nzte in der Rolle des Dieners Clov &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Trotz der offensichtlichen Ausweglosigkeit spielen die Figuren ihre allt\u00e4glichen Rituale, ihre Machtspiele und ihre Beziehungen weiter. Sie wiederholen dieselben Fragen und Antworten, ein zwanghaftes Weitermachen oder Warten auf das Nichts. Das St\u00fcck will verdeutlichen, dass das Ende bereits im Anfang liegt und man doch weiter mache.<\/p>\n<p>Die Botschaft des St\u00fccks thematisiert das Warten, die Sinnlosigkeit und die paradoxe Vitalit\u00e4t, die im unaufh\u00f6rlichen &#8222;Weiterspielen&#8220; liegt, bis nichts mehr \u00fcbrig ist. Die Welt au\u00dferhalb des Raumes ist tot oder verschwunden, aber innerhalb der Mauern wird das Leben, wenn auch als qualvolle Farce, fortgesetzt.<\/p>\n<h4>Das Ende ist im Endspiel ein z\u00e4her, unaufh\u00f6rlicher Zustand<\/h4>\n<p>Das Ende ist in \u201eEndspiel\u201c kein Abschluss, sondern ein z\u00e4her, unaufh\u00f6rlicher Zustand. Zitat: \u201cEs ist Zeit, dass es endet. Schluss damit. Und doch z\u00f6gere ich, ich z\u00f6gere noch\u201c. Zusammenfassend ist &#8222;Endspiel&#8220; ein schmerzend komischer Abgesang auf menschliche Gewissheiten, Hoffnungen und der Illusion eines h\u00f6heren Sinns, der das menschliche Dasein auf seine existenzielle Einsamkeit und die Vergeblichkeit des Handelns reduziert.<\/p>\n<div id=\"attachment_88604\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88604 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Endspiel_2025__c_danaschmidt__7_-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1867\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Blind, gel\u00e4hmt, verbittert, b\u00f6sartig: Hamm (l. -Thomas Braus) macht seinem Diener Clov (Kevin Wilke) das Leben zur H\u00f6lle &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Trotz des ernsten Themas ist das St\u00fcck voller bitterb\u00f6ser, zynischer Komik. \u201eMan lacht dar\u00fcber, solange es neu ist, aber es ist immer dasselbe\u201c. Im finalen Stadium dann: \u201eIch sehe mein Licht, das stirbt. Es gibt keine Natur mehr. Die Natur hat uns vergessen\u201c.<\/p>\n<h4>Die Sinn stiftende Kraft des Spielens<\/h4>\n<p>Samuel Beckett stellt den Sinn-Begriff selbst in Frage. Danach gebe es keine h\u00f6here Macht, keine Hoffnung auf Besserung oder Erl\u00f6sung. Der Mensch sei auf seine Existenz reduziert, ohne dass ein transzendenter (\u00fcbersinnlicher) Sinn erkennbar w\u00e4re. Das gesamte Leben erscheine, gleich der letzten Phase eines Schachspieles, als ein &#8222;von jeher verlorenes Endspiel.\u201c<\/p>\n<p>Der Text wurde seither als Parabel auf\u00a0das nukleare Zeitalter der Massenvernichtungswaffen\u00a0oder die katastrophalen Folgen des Klimawandels auf\u00a0die B\u00fchne gebracht, kann aber auch als St\u00fcck \u00fcber das\u00a0Theater selbst und die Sinn stiftende Kraft des Spielens\u00a0verstanden werden.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: \u201eEndspiel\u201c ist ein kulturelles Werkzeug, das von den Interpreten genutzt wird, um existenzielle Dringlichkeit thematisch zu adaptieren. So aktuell z.B. auch, um die Folgen der Umweltkrise darzustellen. Das Schauspiel Wuppertal zeigt Sam Becketts \u201eEndspiel\u201c im Theater am Engelsgarten bis April 2026. Die n\u00e4chste Vorstellung ist am 16. Januar.<\/p>\n<p><strong>Text: SIEGFRIED J\u00c4HNE\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Link zur Webseite der Wuppertaler B\u00fchnen:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de\">http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist \u201eabsurdes Theater\u201c im klassischen Sinne. Das Schauspiel Wuppertal hat das \u201eEndspiel\u201c des irischen Nobelpreistr\u00e4gers Samuel Beckett auf die B\u00fchne gebracht; eine humorvolle und ber\u00fchrende Neuinterpretation.\u00a0Die Sinn-Freiheit der Welt mit orientierungslosen Menschen ist in diesem St\u00fcck nur eine von vielen Deutungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-88597","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-02 13:05:27","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88597"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88635,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88597\/revisions\/88635"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}