{"id":88443,"date":"2025-11-28T23:59:21","date_gmt":"2025-11-28T22:59:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=88443"},"modified":"2026-02-08T10:21:56","modified_gmt":"2026-02-08T09:21:56","slug":"literaturnobelpreis-fuer-den-dramatiker-george-bernard-shaw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/11\/28\/literaturnobelpreis-fuer-den-dramatiker-george-bernard-shaw\/","title":{"rendered":"Literaturnobelpreis f\u00fcr den Dramatiker George Bernard Shaw"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_88448\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88448 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Rennhak-Presse-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1706\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Katharian Rennhak von der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Auen60 Photography<\/span><\/div>\n<p><strong>George Bernard Shaw hat einmal gesagt: \u201eHohe Bildung kann man dadurch beweisen, dass man die kompliziertesten Dinge auf einfache Art zu erl\u00e4utern versteht.\u201c Hat er das in seinen Werken geschafft?<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;Ja, das ist so ein typischer Shaw-Spruch, der \u2013 nicht nur in der englischsprachigen Welt \u2013 oft zitiert wird. Wir motivieren damit ja auch gerne unsere Lehramtsstudierenden. Man braucht eben eine hohe Bildung, um komplizierte Sachverhalte nicht nur selbst zu erfassen, sondern auch anderen verst\u00e4ndlich machen zu k\u00f6nnen. George Bernard Shaw war selbst kein Philosoph und hat die Welt nicht mit eigenen innovativen Theorien bereichert. Aber er studierte die gro\u00dfen Sozialphilosophen und Naturwissenschaftler seiner Zeit, las zum Beispiel Marx und Nietzsche und war fasziniert von der Evolutionstheorie, auch setzte er sich mit den Ideen von Thomas Carlyle und John Stuart Mill auseinander. Auf dieser Basis und bestens vertraut mit der modernen Theaterb\u00fchne verwandelte Shaw das britische Theater im ausgehenden 19. Jahrhundert in eine St\u00e4tte der Aufkl\u00e4rung. Seine Ideen- und Diskussionsdramen wollen die Welt nicht nur erkl\u00e4ren<strong>,<\/strong> sondern auch politisch reformieren. Das war ganz im Sinne der Fabian Society, einer sozialistischen Vereinigung b\u00fcrgerlicher Intellektueller, der Shaw sich anschloss und die \u2013 anders als Marx \u2013 das kapitalistische System von innen reformieren wollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Shaws Ziel war es, gesellschaftliche Missst\u00e4nde und Heucheleien offenzulegen und sein Publikum dazu anzuregen, tradierte Wert- und Moralvorstellungen kritisch zu hinterfragen. Er macht abstrakte Ideen greifbar und lebendig, indem er glaubhafte Figuren auf die B\u00fchne bringt und in eine spannende Handlung verstrickt. Dabei bekommen seine Figuren immer wieder die Gelegenheit, in einer pointierten Alltagssprache komplizierte politische und moralische Fragen \u2013 rund um die Themen Religion, Klassen- und Geschlechtergerechtigkeit sowie Sexualit\u00e4t \u2013 in oft witzigen und stets unterhaltsamen Dialogen vor dem Publikum \u201aauszudiskutieren\u2018. Kurzum, ja! George Bernard Shaw hat das, was er \u00fcber \u201ehohe Bildung\u201c sagt, in seinen Werken selbst eingel\u00f6st.WW<\/p>\n<p><strong>1925 erhielt er den Literaturnobelpreis. Das Nobelpreiskomitee schrieb, sein Schaffen sei \u201esowohl von Idealismus als auch von Humanit\u00e4t getragen, dessen frische Satire sich oft mit einer eigenartigen poetischen Sch\u00f6nheit vereint\u201c. <\/strong><strong>Er revolutionierte das Theater mit seinem kom\u00f6diantischen Drama und seinen sozialkritischen St\u00fccken. Dabei brach er Tabus und stellte Konventionen in Frage.\u00a0K\u00f6nnen Sie mal ein Beispiel nennen, welches sein au\u00dfergew\u00f6hnliches Werk verdeutlicht?<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;Ja, das Nobelpreiskomitee bringt schon wirklich gut auf den Punkt, was George Bernard Shaws St\u00fccke auszeichnet. Ich m\u00f6chte gerne versuchen, das an einem konkreten Beispiel, n\u00e4mlich <em>Mrs. Warren\u2019s Profession<\/em>, zu verdeutlichen. Shaw wagt hier die Auseinandersetzung mit dem hochsensiblen Thema Prostitution und behandelt es weder voyeuristisch noch moralistisch, sondern sozialkritisch. Die Titelheldin, Kitty Warren, ist eine Frau, die aus h\u00f6chster \u00f6konomischer Not eine gesellschaftlich ge\u00e4chtete \u00dcberlebensstrategie w\u00e4hlt. Die Vorgeschichte, die Kittys Vergangenheit aufrollt, h\u00f6ren die Zuschauer quasi zeitgleich mit ihrer Tochter Vivie, die ihre Mutter erst sp\u00e4t kennenlernt. Das ist schon ber\u00fchrend, wenn Kitty von ihrer Vergangenheit erz\u00e4hlt und deutlich macht, dass alleinstehenden Frauen oft schlicht kein anderer Weg offensteht. Typischerweise wendet Shaw einen solchen Enth\u00fcllungsmoment und so eine auch von Armut und Leid gepr\u00e4gte Lebensgeschichte aber nicht ins Sentimentale. Kitty Warren ist n\u00e4mlich \u2013 anders als viele ihrer literarischen Vorg\u00e4ngerinnen im viktorianischen Roman und Drama \u2013 eben keine reuige, verzweifelte und dem Tod geweihte arme S\u00fcnderin, sondern eine durchaus selbstbewusste Frau. Wie sich sp\u00e4ter herausstellt, betreibt sie mittlerweile sehr erfolgreich eine ganze Kette von Bordellen und hat so einigen Reichtum angeh\u00e4uft.<\/p>\n<p>Wenn man so will, sieht man hier Shaws Humanismus gepaart mit einer satirischen Wendung: Das Opfer des kapitalistisch-patriarchalen Systems rettet sich nicht nur, indem es nach dessen Regeln spielt, sondern wird schlie\u00dflich selbst zu einer treibenden Kraft eben dieses Systems. In &#8218;<em>Mrs. Warren\u2019s Profession&#8216; <\/em>erweist sich die Prostitution zudem als ein Gesch\u00e4ft, von dem sehr viele (daher immer nur scheinbar) respektable B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger profitieren, ohne dass sie dies jemals offen zugeben k\u00f6nnten. Prostitution erscheint so nicht als das Metier &#8218;gefallener Frauen&#8216;, sondern als ein strukturelles Problem. Vivie, die eigentliche Heldin des St\u00fccks, eine Verk\u00f6rperung des \u201anew woman\u2018-Ideals, entscheidet sich letztlich gegen alle b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Wirtschaftsmodelle, die Frauen um 1900 offenstehen. Sie will weder vom Reichtum der Mutter profitieren, die inzwischen selbst zum heuchlerischen Establishment geh\u00f6rt, noch will sie eine b\u00fcrgerliche Ehe eingehen \u2013 egal, ob aus Liebe oder zur finanziellen Absicherung.<\/p>\n<p>Die junge Frau mit abgeschlossenem Mathematikstudium von der Universit\u00e4t Cambridge besteht vielmehr auf ihrer absoluten \u00f6konomischen und emotionalen Unabh\u00e4ngigkeit und Integrit\u00e4t. Shaws Sprache ist vor allem in Momenten, in denen harte Realit\u00e4ten und brutale Wahrheiten ausgesprochen werden, nicht nur pointiert und geistreich, sondern aufgrund der emotionalen Authentizit\u00e4t, die sie transportiert, auch von poetischer Kraft.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_88449\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88449 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/George_Bernard_Shaw_1936-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"898\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der ber\u00fchmte Dramatiker und Politiker George Bernard Shaw (1936) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><strong>Shaw lehnte zun\u00e4chst das Preisgeld ab und sagte: \u201eIch kann Alfred Nobel verzeihen, dass er das Dynamit erfunden hat, aber nur ein Teufel in Menschengestalt h\u00e4tte auf die Idee kommen k\u00f6nnen, den Nobelpreis zu erfinden.\u201c Was st\u00f6rte ihn denn so sehr?<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;Ja, das ist auch so typisch Shaw. Man sieht wieder, wie er recht komplexe Problemkonstellationen wunderbar pr\u00e4gnant und brutal auf den Punkt bringt. Seine ablehnende Haltung gegen\u00fcber dem Nobelpreis war Ausdruck seiner Skepsis gegen\u00fcber jeglicher Verstrickung von Kapital, Kunst und Moral. Letztlich sagt Shaw ja, dass er es verzeihlich findet, wenn jemand mit einer Erfindung Geld verdient, die nicht nur positive Wirkungen entfaltet, sondern auch zur Aus\u00fcbung von Gewalt und zu Kriegszwecken eingesetzt werden kann. Problematisch wird es, wenn mit einem so angeh\u00e4uften Verm\u00f6gen interessenlose Stiftungen gegr\u00fcndet werden. Shaws Bemerkung zielt dabei vor allem auf den moralischen Widerspruch zwischen Waffenhandel und einem internationalen Preis ab, der \u2013 so die Definition des Nobelpreises \u2013 diejenigen auszeichnet, \u201edie im verflossenen Jahr der Menschheit den gr\u00f6\u00dften Nutzen geleistet haben\u201c.<\/p>\n<p>Zum einen h\u00e4lt es Shaw schlicht f\u00fcr verlogen, wenn sich Industrielle und Unternehmer, deren Gesch\u00e4ftspraktiken sich ausschlie\u00dflich an den Gesetzen des Marktes und nicht an moralischen Kriterien orientieren, durch die Gr\u00fcndung einer gemeinn\u00fctzigen Stiftung zu Wohlt\u00e4tern stilisieren. Umgekehrt wollte er als Sozialist f\u00fcr sein k\u00fcnstlerisches Werk kein Geld annehmen, das aus einem industriellen Verm\u00f6gen stammte. Grunds\u00e4tzlicher gedacht, bef\u00fcrchtet er, dass Kunstschaffende, Wissenschaffende und Friedenstiftende durch Institutionen wie den Nobelpreis Gefahr laufen, k\u00e4uflich zu werden und so ihre Unabh\u00e4ngigkeit und Integrit\u00e4t zu verlieren. Interessanterweise kann man an Shaws Reaktion auf die Preisverleihung aber auch ablesen, um was f\u00fcr eine komplexe Problemkonstellation es sich hier handelt und wie sehr Shaw in Sachen Nobelpreis mit sich gerungen haben muss: Nachdem er den Nobelpreis zun\u00e4chst ganz ablehnte, nahm er die Ehrung ja schlie\u00dflich doch an und lehnte nur das Preisgeld ab. Auf die Breitenwirkung, die er als ein K\u00fcnstler mit moral-politischem Anspruch dank dieser institutionellen Anerkennung entfalten konnte, wollte er offensichtlich doch nicht ganz verzichten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Er ist der einzige Schriftsteller, der sowohl einen Nobelpreis als auch einen Oscar gewonnen hat. Wof\u00fcr hat er den denn bekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;George Bernard Shaw war tats\u00e4chlich sehr lange der einzige Mensch, der den Literaturnobelpreis und <strong>einen <\/strong>Oscar gewonnen hat. 2016 ist ja dann auch noch Bob Dylan diese Ehre zuteilgeworden. Den Oscar gewann Shaw 1939 in der Kategorie \u201aBestes adaptiertes Drehbuch\u2018. Er hatte f\u00fcr eine gro\u00dfe internationale Produktion seine erfolgreiche Sozialkom\u00f6die &#8218;<em>Pygmalion&#8216;<\/em> f\u00fcr die Leinwand adaptiert. Die Regisseure Anthony Asquith und Leslie Howard setzten seine Ideen meisterhaft um. Shaws Dialoge und seine scharfsinnige Sozialkritik blieben in dem sowohl k\u00fcnstlerisch als auch kommerziell gro\u00dfen Kinoerfolg weitgehend erhalten. Sp\u00e4ter wurde Shaws Drama dann ja bekanntlich \u2013 unter dem Titel &#8218;<em>My Fair Lady<\/em>&#8218;\u2013 noch einmal als Musical adaptiert<em>. <\/em><em>Die auf dem Ovidschen Pygmalion-Mythos basierende Idee, dass ein Mann eine Frau nach seinen eigenen Vorstellungen formt (in Shaws Drama, indem er dem einfachen Blumenm\u00e4dchen beibringt, wie eine Dame der gehobenen Gesellschaft zu sprechen), ist offenbar tats\u00e4chlich zeitlos.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Shaw galt als schwieriger und widerspenstiger Mensch, bekannt f\u00fcr seinen scharfen Verstand, seine kritische Haltung und seine provozierende Pers\u00f6nlichkeit. Wodurch machte sich das bemerkbar?<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;Shaw war zweifelsohne witzig und sein Idealismus und Einsatz f\u00fcr eine bessere Gesellschaft sind bewundernswert. Mit seiner moral-politischen Kompromiss- und Gnadenlosigkeit und seiner scharfen Zunge machte er sich aber nicht nur Freunde. In Bezug auf Shaws Pers\u00f6nlichkeit findet Fintan O\u2019Toole, der irische Journalist und Kulturkritiker, dass George Bernard Shaw eher David Bowie als William Galdstone, eher Bob Dylan als Anthony Trollope \u00e4hnelt, und zwar insofern als er einer der ersten \u201egreat masters of self-invention\u201c war: \u201eA nobody who captured the zeitgeist\u201c. Shaw hat sehr fr\u00fch die Wirkungsmechanismen der Massenmedien durchschaut und erkannt, dass Rollen nicht nur auf der B\u00fchne gespielt werden, sondern \u00fcberall. Er imaginiert also nicht nur literarische Figuren und Welten, sondern kreiert auch seine eigene Persona \u201eGBS\u201c akribisch \u2013 nicht um seinem Publikum etwas vorzuspielen oder es zu t\u00e4uschen, sondern um seine Ziele zu erreichen. Zum Heuchler wird er dabei deshalb nicht, weil er, so Fintan O\u2019Toole, stets wie ein Magier agiert, der seine eigenen Tricks offenlegt.<\/p>\n<p>Diese Art der Selbstinszenierung macht Shaw zu einem fr\u00fchen Vertreter der <em>celebrity culture<\/em>. Das von ihm kreierte K\u00fcrzel GBS (von Pseudonym kann man kaum sprechen) wird eine globale Marke, die Shaw aus eigener Kraft und durch den geschickten Umgang mit allen ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Medien aufbaut. Sein Aussehen beispielsweise wirkt ikonisch. Auf den Abbildungen von Shaw, die massenhaft vervielf\u00e4ltigt und \u00fcber den ganzen Erdball verteilt werden, wird insbesondere der lange rotbraune und sp\u00e4ter wei\u00dfe Bart zum Wiedererkennungszeichen. Interessanterweise bezeugt auch das <em>Oxford English Dictionary<\/em>, dass der Begriff \u201aShavian\u2018, im Sinne von \u201aein Fan von G.B. Shaw\u2018, zuerst von Shaw selbst verwendet und verbreitet wurde. (Die Verwendung von \u201aShavian\u2018 im Sinne von \u201atypisch f\u00fcr Shaw\u2018 und \u201aso wie im Werk von Shaw\u2018 war da schon von anderen in Umlauf gebracht worden.) GBS war \u00fcbrigens schon eine Marke, bevor Shaw ab den sp\u00e4ten 1890ern langsam zum erfolgreichen Dramatiker wurde. In den Jahren davor machte sich Shaw bzw. GBS als Kulturkritiker, Journalist, Verfasser von Leserbriefen und politischer Redner f\u00fcr die Fabian Society einen Namen.<\/p>\n<div id=\"attachment_88450\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88450 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/71UpdmAQ9FS._SL1500_.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"1001\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Pygmalion &#8211; Romanze in 5 Akten&#8220; &#8211; George Bernard Show &#8211; Suhrkamp-Verlag &#8211; 162 Seiten &#8211; ISBN-10: 351818928X &#8211; ISBN-13: 978-5318189283<\/span><\/div>\n<p>Die <em>Sunday World<\/em> konstatierte schon 1891: \u201cEverybody in London knows Shaw. Fabian, Socialist, art and musical critic, vegetarian, ascetic, humourist, artist to the tips of his fingers, man of the people to the tips of his boots. The most original and inspiring of men \u2013 fiercely uncompromising, full of ideas, irrepressibly brilliant\u201d (\u00fcbersetzt: Jeder in London kennt Shaw. Fabianer, Sozialist, Kunst- und Musikkritiker, Vegetarier, Asket, Humorist, K\u00fcnstler durch und durch, Mann des Volkes bis in die Zehenspitzen. Ein \u00fcberaus origineller und inspirierender Mann \u2013 unnachgiebig kompromisslos, voller Ideen, ungemein brillant. (Zitiert nach Christopher Wixson).&#8220;<\/p>\n<p><strong>Inspiriert durch Literatur, wurde er sehr fr\u00fch schon zum Vegetarier. Wie kam das?<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;Shaw war seit seiner Teenagerzeit ein gro\u00dfer Fan des romantischen Dichters Percy Bysshe Shelley; und seine Entscheidung f\u00fcr den Vegetarismus h\u00e4ngt ganz eng mit seiner Faszination f\u00fcr Shelleys politische Dichtung und dessen radikale Kritik an sozialen Ungerechtigkeiten zusammen. In die Rolle des GBS soll Shaw erstmals bei einem Treffen der Shelley Society geschl\u00fcpft sein, als er verk\u00fcndete \u201ewie Shelley ein Sozialist, Atheist und Vegetarier\u201c zu sein. Shaw blieb sein ganzes Leben lang Vegetarier, erkl\u00e4rter Nichtraucher und trank keinen Alkohol. Seine Lebensweise war immer wieder Thema in den Medien und Shaw wurde nicht m\u00fcde zu erkl\u00e4ren, dass er dank seiner Abstinenz und seines Vegetarismus sparsam haushalten und zugleich seiner Gesundheit Gutes tun konnte. In seiner typischen Manier nutzte er das ausgepr\u00e4gte \u00f6ffentliche Interesse an seinem Lebensstil geschickt, um sich f\u00fcr den Tierschutz und die Schaffung eines staatlichen Gesundheitsservices einzusetzen und den medizinisch-industriellen Komplex zu kritisieren.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sie vertreten ja an der Bergischen Universit\u00e4t auch das EFACIS Center for Irish Studies in Wuppertal. Inwiefern kann man George Bernard Shaw als einen irischen Autor bezeichnen? Sein ganzes Schaffen ist ja eng mit London assoziiert.<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;George Bernard Shaws Karriere begann in London, von wo aus er die meiste Zeit seines Lebens agierte. Geboren wurde er allerdings in Dublin, wo er auch die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte. Er wuchs ganz in der N\u00e4he der ber\u00fcchtigten Mietskasernenviertel auf, in denen die Dubliner Arbeiterklasse ihr Dasein fristete. Das Leben in diesen st\u00e4dtischen Slums war gepr\u00e4gt von Arbeitslosigkeit, Armut sowie einem generellen Mangel an Bildungsm\u00f6glichkeiten und Chancen. Das Irland seiner Jugend f\u00fchrte Shaw also jene strukturellen Hindernisse plastisch vor Augen, die individuelle Leistungsentfaltung, gesellschaftlichen Fortschritt, und konstruktive Meinungsbildungsprozesse beeintr\u00e4chtigen \u2013 also eben jene gesellschaftlichen Probleme, deren \u00dcberwindung er sp\u00e4ter zum zentralen Anliegen seines Wirkens machte. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass es sich bei Shaws erstem Kassenerfolg, der seinen Ruf als Dramatiker begr\u00fcndete, um ein St\u00fcck handelt, das sich mit der britischen Herrschaft \u00fcber Irland und mit Fragen des Nationalismus auseinandersetzt: <em>John Bull\u2019s Other Island<\/em> (1904).<\/p>\n<p>In diesem Drama analysiert Shaw die Beziehung zwischen England und Irland schonungslos. Einerseits zeigt er, wie die Engl\u00e4nder Irland zugleich romantisieren und ausbeuten. Andererseits macht er deutlich, wie sich viele Iren im Zustand der Abh\u00e4ngigkeit von Gro\u00dfbritannien und des wirtschaftlichen und sozialen Stillstands gleichsam gem\u00fctlich eingerichtet haben. Ihre Kritik an der Unterdr\u00fcckung und ihr nationales Aufbegehren bleiben bei Shaw reine Rhetorik. Kurzum, <em>John Bull\u2019s Other Island<\/em> ist eine bissige Gesellschaftssatire, die einen kritischen Rundumschlag gegen alle Akteure des kolonialistisch-kapitalistischen Systems f\u00fchrt. Das tut sie allerdings auf so witzige und unterhaltsame Weise, dass K\u00f6nig Eduard VII. bei der Urauff\u00fchrung so sehr lachen musste, dass sein Stuhl zerbrach \u2013 so will es zumindest eine oft erz\u00e4hlte Anekdote.<\/p>\n<p><strong>Shaw war sehr politisch, in seinen \u00c4u\u00dferungen aber auch ambivalent. Teils sympathisierte er mit den Nazis, lehnte sie aber auch vehement ab. Wie kann man sich seine Haltung da erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;Das ist eine sehr wichtige, aber auch schwierige Frage, die eine differenzierte Betrachtung verlangt. Ich m\u00f6chte die Leserinnen und Leser hier nicht mit den oft formelhaften Antworten abspeisen, die man zu diesem Aspekt von Shaws Denken in vielen k\u00fcrzeren \u00dcberblicksdarstellungen findet. Eine h\u00e4ufig anzutreffende Argumentationslinie verweist darauf, dass Shaw sich vielleicht manchmal missverst\u00e4ndlich ausgedr\u00fcckt haben mag oder dass seine Satiren manchmal schlicht nicht von allen richtig verstanden wurden. Diese Argumentation finde ich m\u00fc\u00dfig und gef\u00e4hrlich. Denn ja, klar, jeder \u2013 sogar Shaw \u2013 kann sich mal falsch ausdr\u00fccken oder als Autor Handwerksfehler machen und schlicht eine schlechte Satire schreiben, die ihr Ziel verfehlt. Das ist beides nicht moralisch verwerflich.<\/p>\n<p>Wenn eine Person des \u00f6ffentlichen Lebens aber aus Versehen eine moralisch widerspr\u00fcchliche Aussage t\u00e4tigt oder eine schlechte Satire schreibt, w\u00fcrde ich erwarten, dass die Person sich in der anschlie\u00dfenden \u00f6ffentlichen Debatte um diese moralisch dubiosen, widerspr\u00fcchlichen Aussagen m\u00f6glichst schnell klar positioniert. Das konnte Shaw aber wohl mitunter nicht, weil nicht nur seine Rhetorik, sondern auch seine Haltung in manchen Punkten widerspr\u00fcchlich war. Ein konkretes Beispiel hierf\u00fcr sind seine kontroversen und kontrovers diskutierten \u00c4u\u00dferungen zum damals viel diskutierten Thema der Eugenik, also zur Frage, ob und in welchen F\u00e4llen der Staat Menschenleben t\u00f6ten darf. Shaw spricht sich wiederholt und in ganz verschiedenen Texten und Kontexten f\u00fcr eugenische Praktiken aus. Was davon ernst und was unernst gemeint ist, l\u00e4sst sich letztlich kaum entscheiden, denn es ergibt sich kein klares Gesamtbild. Unzweifelhaft ist und bleibt jedenfalls, dass Shaw phasenweise ein Bewunderer Hitlers, Stalins und Mussolinis war. Kurzdarstellungen \u201eantworten\u201c auf dieses Problem gerne mit dem Satz, dass er zwar vielleicht diese Politiker bewunderte, nicht aber deren politische Programme als Ganzes.<\/p>\n<p>So eine lapidare Aussage hilft aber meines Erachtens keinem weiter. Fintan O\u2019Toole urteilt differenzierter. Er konstatiert unmissverst\u00e4ndlich, dass Shaw wie viele seiner Zeitgenossen von den langwierigen demokratischen Auseinandersetzungen im Parlament frustriert war und sich einen starken Mann w\u00fcnschte, der die schnelle Durchsetzung seiner politischen Ideen versprach. Laut O\u2019Toole lag Shaws Versagen letztlich vor allem darin, dass er als der gro\u00dfe, weise Denker und Seher GBS nicht erkannte, dass die politischen Vorstellungen von Hitler, Stalin und Mussolini keineswegs deckungsgleich mit seinen eigenen waren. \u201eDer gro\u00dfe Skeptiker\u201c, so O\u2019Toole, \u201elie\u00df sich dazu verleiten, genau das zu glauben, was er glauben wollte: dass die totalit\u00e4ren Regime von Mussolini, Hitler und Stalin Vorboten eines echten menschlichen Fortschritts und einer wahren Demokratie seien.\u201c<\/p>\n<p><strong>Shaw starb hochbetagt mit 94 Jahren. Was w\u00fcrden Sie als seine wichtigsten Beitr\u00e4ge zu Kultur und Gesellschaft erachten?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Katharina Rennhak: &#8222;Der Dramatiker Sean O\u2019Casey hat einmal \u00fcber seinen Kollegen gesagt: \u201eObwohl Shaw nie ein sozialistisches St\u00fcck schrieb, war er der gr\u00f6\u00dfte Sozialist der westlichen Welt in seinem Jahrhundert.\u201d Damit spricht er Shaws vielleicht gr\u00f6\u00dfte Leistung an. Als \u00fcberzeugter Sozialist, der seine politische Meinung nie verhehlte, legte er stets Wert darauf, in seinen St\u00fccken unterschiedlichen \u00dcberzeugungen Raum zu geben. Figuren, die Positionen vertreten, die erkennbar Shaws eigenen entsprechen, werden nicht eindimensional positiv gezeichnet. Auch diese Figuren machen Fehler und pr\u00e4sentieren ihre philosophischen Theorien und politischen Standpunkte nicht ohne sich dabei auch mal in Widerspr\u00fcche zu verstricken. Zugleich werden Figuren mit \u00dcberzeugungen, die sich nicht mit denen des Autors decken, nicht negativ \u00fcberzeichnet.<\/p>\n<p>In der Regel sind sie au\u00dferdem rhetorisch ebenso \u00fcberzeugend wie ihre Dialogpartner*innen. Man k\u00f6nnte auch sagen, dass Shaws Vertrauen in das Gute im Menschen und seine Hoffnung, dass sich die Gesellschaft zum Positiven ver\u00e4ndern l\u00e4sst, tief in der Idee verankert sind, dass die konstruktive Auseinandersetzung mit zum Teil kontr\u00e4ren Meinungen das gesellschaftliche Miteinander letztlich immer bereichert. All das ist heute absolut relevant. Kurz und unter R\u00fcckgriff auf aktuellere Schlagw\u00f6rter k\u00f6nnte man sagen: Was wir in Shaws St\u00fccken praktisch und auf eing\u00e4nglich-unterhaltsame Weise vorgef\u00fchrt bekommen, ist das ebenso paradoxe wie positive Zusammenwirken von Ambiguit\u00e4tstoleranz, zielstrebigem politischen Engagement und Dialogf\u00e4higkeit.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_88452\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88452 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Rennhak-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"293\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Katharina Rennhak -\u00a9 Auen60 Photography<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Katharina Rennhak<\/h4>\n<p><em>Katharina Rennhak studierte Anglistik und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen und am St. Patrick\u2019s College Maynooth, Irland. Von 1997 bis 2009 lehrte sie Englische Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t. Seit 2009 ist sie Professorin f\u00fcr Englische Literaturwissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal. <\/em><em>Katharina Rennhak war von 2019-2025 <\/em><em>Pr\u00e4sidentin<\/em><em> der European Federation of Associations and Centres of Irish Studies (EFACIS). <\/em><em>Sie ist seit 2016 Mitglied der IASIL-Exekutive (Europ\u00e4ische Vertreterin) und langj\u00e4hriges Mitglied des Zentrums f\u00fcr Erz\u00e4hlforschung der BUW.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren hat der irische Schriftsteller und Politiker George Bernard Shaw (26.07.1856 &#8211; 02.11.1950) den Literaturnobelpreis erhalten.  Autor Uwe Blass hat sich im Rahmen der beliebten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit Dr. Katharina Rennak, Professorin f\u00fcr englische Literaturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t, \u00fcber den Dramatiker unterhalten, der die Welt mit seinen Dramen reformierte.  <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-88443","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-07 18:11:51","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88443"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88454,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88443\/revisions\/88454"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}