{"id":88207,"date":"2025-11-19T14:21:39","date_gmt":"2025-11-19T13:21:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=88207"},"modified":"2025-11-19T14:21:39","modified_gmt":"2025-11-19T13:21:39","slug":"die-dolchstosslegende-eine-konstruierte-geschichtsfaelschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/11\/19\/die-dolchstosslegende-eine-konstruierte-geschichtsfaelschung\/","title":{"rendered":"Die Dolchsto\u00dflegende: Eine konstruierte Geschichtsf\u00e4lschung\u00a0\u00a0\u00a0"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_88210\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88210 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Arne-Karsten-Foto-Sebastian-Jarych-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">PD Dr. Arne Karsten, Historiker an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p><strong>Warum kam dieser M\u00fcnchner Dolchsto\u00dfprozess, der vom 19. Oktober bis zum 20. November 1925 dauerte, \u00fcberhaupt zustande?<\/strong><\/p>\n<p>Arne Karsten: &#8222;Weil der Redakteur der sozialdemokratischen \u201eM\u00fcnchner Post\u201c, Martin Gruber, den Herausgeber der \u201eS\u00fcddeutschen Monatshefte\u201c in M\u00fcnchen, Paul Nicolaus Cossmann, verklagte, der in einer ganzen Serie von Heften im Sommer 1924 mit Blick auf die Reichstagswahlen systematisch die Geschichtsklitterung betrieb, dass die deutsche Armee 1918 den Krieg verloren habe, nicht, weil sie vom Gegner milit\u00e4risch besiegt worden sei, sondern, weil eine unheilige Allianz aus Sozialdemokraten, Anarchisten und Juden von innen die Wehrkraft ausgezehrt habe und dadurch die im \u201eFelde\u201c unbesiegte Truppe durch Verrat und Aktivit\u00e4ten im Inneren in ihrer Moral zerst\u00f6rt worden sei.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Was bedeutet der Begriff Dolchsto\u00df in diesem Zusammenhang?<\/strong><\/p>\n<p>Arne Karsten: &#8222;Das ist schlicht der Dolchsto\u00df von hinten, heimt\u00fcckisch von Verr\u00e4terhand gef\u00fchrt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>In diesem Prozess wurden hunderte Zeugen vernommen. Wo kamen die denn \u00fcberall her?<\/strong><\/p>\n<p>Arne Karsten: &#8222;Die Zeugen kamen, entsprechend der Bedeutung dieser Frage f\u00fcr das Selbstbild der Deutschen, aus allen Bereichen, sowohl des Milit\u00e4rs, der Politik sowie der Wirtschaft. Es ging eben um eine Gesamtbestandsaufnahme, warum der Krieg verloren ging.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Obwohl die Dolchsto\u00dflegende faktisch widerlegt wurde, erhielt der Redakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung M\u00fcnchener Post, Martin Gruber (1866 &#8211; 1936) dennoch eine Strafe von 3000 Reichsmark. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Arne Karsten: &#8222;Weil es dem Verteidiger des Herrn Cossmann gelang, die Fehldeutung der historischen Ereignisse als Irrglauben, nicht als mutwilligen Vorsatz darzustellen. Das war ein juristischer Schachzug, mit dem diese Wendung dann erzielt wurde.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_88212\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88212 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Dolchstosslegende.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"955\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dolchsto\u00dflegende, Wahlplakat der Deutschnationalen Volkspartei &#8211; \u00a9 Deutschnationale Schriftenvertriebsstelle GmbH Berlin (1924) &#8211; Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.:P 61\/1591<\/span><\/div>\n<p><strong>Die umstrittene Frage nach den Ursachen der milit\u00e4rischen Niederlage im Ersten Weltkrieg lie\u00df sich im Prozess nicht kl\u00e4ren,<\/strong> oder?<\/p>\n<p>Arne Karsten: &#8222;Ja und nein. Eine so gro\u00dfe Frage l\u00e4sst sich sowieso schwer kl\u00e4ren. Auf der anderen Seite war da gar nichts zu kl\u00e4ren. Im M\u00e4rz 1918, vor der letzten gro\u00dfen deutschen Offensive im Westen, fragte der sp\u00e4tere, kurzfristige Reichskanzler Max von Baden den Kopf der Obersten Heeresleitung Erich Ludendorff: \u201eWas passiert, wenn es schiefgeht?\u201c Und daraufhin sagte Ludendorff: \u201eDann muss Deutschland eben zugrunde gehen.\u201c Den f\u00fchrenden Milit\u00e4rs war im Grunde genommen schon mit dem Scheitern der Fr\u00fchjahrsoffensive 1918 klar, dass der Krieg verloren ging. Was dann folgte, war eine lange schuldhafte Agonie, weil sich nach einer ganzen Reihe gescheiterter Offensiven der Zusammenbruch anbahnte. Das war die historische Wirklichkeit. Nur, die historische Wahrheit hat es immer schwer, wo politische Interessen ins Spiel kommen. F\u00fcr die Deutschen war es nat\u00fcrlich angenehmer, die Niederlage zu leugnen. Das Feindbild im Innern \u201edie Linken, die Sozialdemokraten haben uns verraten!\u201c, das ist etwas, was sich als politisches Instrument im Wahlkampf einsetzen lie\u00df.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wie wirkte sich denn die Dolchsto\u00dflegende im Dritten Reich dann aus?<\/strong><\/p>\n<p>Arne Karsten: &#8222;Da wurde sie sozusagen zu einem der Grundlagenmythen, dieses ja auf mythischer Geschichtsf\u00e4lschung beruhenden Systems, eingebaut in eine Weltdeutung, die eben ganz klar aus politischen \u00dcberlegungen heraus ein Feindschema stilisierte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Heute ist die Bedeutung der Dolchsto\u00dflegende vor allem darin zu sehen, dass sie als Beispiel f\u00fcr die Instrumentalisierung von Verschw\u00f6rungsmythen zur politischen Destabilisierung dient. Die Behauptungen \u00fcber Wahlbetrug im Zusammenhang mit der US-Pr\u00e4sidentschaftswahl 2020 k\u00f6nnte man da doch als modernes Beispiel nennen, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Arne Karsten: &#8222;Moderne Massengesellschaften kommen generell ganz unabh\u00e4ngig von ihrer Ausrichtung ohne Mythen, mit denen sich Mehrheiten mobilisieren lassen, nicht aus. Das ist eine alte Erkenntnis der Soziologen. Die Gefahr, dass solche Mythen dann wahrheitswidrig instrumentalisiert werden, sind immer und \u00fcberall gegeben. Daran wird sich auch nie etwas \u00e4ndern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_88211\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88211 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Arne-Karsten-Foto-Sebastian-Jarych-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"267\" \/><span class=\"wp-caption-text\">PD Dr. Arne Karsten &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber PD Dr. Arne Karsten<\/h4>\n<p>PD Dr. Arne Karsten (*1969) studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in G\u00f6ttingen, Rom und Berlin. Von 2001 bis 2009 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. Seit dem Wintersemester 2009 lehrt er als Junior-Professor, seit der Habilitation 2016 als Privatdozent f\u00fcr Geschichte der Neuzeit an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Dolchsto\u00dflegende &#8211; warum haben die Deutschen den Krieg 1918 verloren? Ein Ehrverletzungsprozess zwischen zwei Redakteuren wollte diese Frage 1925 kl\u00e4ren. Dieses spannende Geschichts-Ereignis hat Autor Uwe Blass in der lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; in einem Gespr\u00e4ch mit dem Historiker PD Dr. Arne Karsten thematisiert.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-88207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-14 21:41:35","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88207"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88214,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88207\/revisions\/88214"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}