{"id":88129,"date":"2025-11-17T07:27:32","date_gmt":"2025-11-17T06:27:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=88129"},"modified":"2025-11-17T16:28:01","modified_gmt":"2025-11-17T15:28:01","slug":"farben-foerdern-das-wohlbefinden-und-die-gesundheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/11\/17\/farben-foerdern-das-wohlbefinden-und-die-gesundheit\/","title":{"rendered":"Farben f\u00f6rdern das Wohlbefinden und die Gesundheit"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_88135\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88135 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Axel-Buether-34710-web.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Professor Dr. Axel Buether von der Fakult\u00e4t Design und Kunst an der Bergischen Universit\u00e4t und Deutschlands f\u00fchrender Farbexperte &#8211; \u00a9 Martin Jepp<\/span><\/div>\n<p>F\u00fcr Autor Uwe Blass Grund genug, dass spannende, bunte Thema in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; aufzugreifen und sich mit Axel Buether, Deutschlands f\u00fchrender Farbexperte \u00fcber die Farben in \u00f6ffentlichen Einrichtungen, dar\u00fcber zu unterhalten.<\/p>\n<p><strong>Klinische Umgebung oder Wohlf\u00fchlumgebung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir haben am Helios Universit\u00e4tsklinikum Wuppertal im Jahr 2016 mit einer Studie begonnen\u201c, berichtet Axel Buether. \u201eDamals war das Jahr des Delirs ausgerufen worden \u2013 ein h\u00e4ufiges postoperatives Symptom. Ein Delir wird in der klinischen Praxis h\u00e4ufig medikament\u00f6s mit Psychopharmaka behandelt. Patienten werden damit beruhigt, insbesondere, wenn sie unter Halluzinationen leiden oder starke Angstzust\u00e4nde entwickeln.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Das Problem: Diese Medikamente haben teils erhebliche Nebenwirkungen und erh\u00f6hen bei frisch operierten Patientinnen und Patienten das Risiko f\u00fcr Komplikationen \u2013 bis hin zu einer gesteigerten Sterblichkeit. Vor diesem Hintergrund stellte die Chef\u00e4rztin die Frage, ob auch Umweltfaktoren \u2013 konkret die Atmosph\u00e4re eines Raumes \u2013 dazu beitragen k\u00f6nnten, die Belastung f\u00fcr die Patienten zu reduzieren und damit den Einsatz von Psychopharmaka zu verringern.<\/p>\n<p>\u201eIm Rahmen anstehender Renovierungsarbeiten haben wir daraufhin lediglich W\u00e4nde und Decken neu streichen lassen und die Leuchtmittel ausgetauscht\u201c, erkl\u00e4rt Buether. \u201eZum Einsatz kamen moderne, energiesparende LED-Leuchten mit einem hohen Farbwiedergabeindex von 90, die eine nahezu nat\u00fcrliche Lichtatmosph\u00e4re schaffen. Die Farben im Raum bleiben authentisch, weil das volle Farbspektrum erhalten bleibt \u2013 ein entscheidender Faktor f\u00fcr die visuelle Wahrnehmung von Vitalit\u00e4t und zwischenmenschlicher Resonanz.\u201c<\/p>\n<p>Diese Ma\u00dfnahme war nahezu kostenneutral und f\u00fchrte zu einer sp\u00fcrbaren Verbesserung der Atmosph\u00e4re. \u201eDer Patient wirkt pl\u00f6tzlich nicht mehr so blass und kr\u00e4nklich. Auch bei den Pflegekr\u00e4ften ist emotionale Anteilnahme wieder sichtbar \u2013 etwa \u00fcber die nat\u00fcrliche Gesichtsr\u00f6tung. Genau diese visuellen Indikatoren von Gesundheit und Empathie werden durch das unnat\u00fcrliche Licht von Neon- und Energiesparlampen sowie durch ung\u00fcnstige Raumfarben weitgehend eliminiert. Diese Lichtquellen reduzieren das warme Spektrum, Gesichter erscheinen fahl, R\u00e4ume wirken kalt und distanziert.\u201c<\/p>\n<h4>Einfache und kosteng\u00fcnstige L\u00f6sungen<\/h4>\n<p>Der Effekt war messbar: Die einfache, kosteng\u00fcnstige farbliche und lichttechnische Intervention f\u00fchrte auf allen Intensivstationen zu einem R\u00fcckgang des Psychopharmaka-Einsatzes um durchschnittlich 30 Prozent. Auch beim Personal zeigte sich ein deutlicher Nebeneffekt: In den neu gestalteten Fluren und Pausenr\u00e4umen sank der Krankenstand im darauffolgenden Jahr im Schnitt um ein Drittel.<\/p>\n<p>Axel Buethers Appell an Entscheidungstr\u00e4ger ist eindeutig: \u201eAchten Sie bei der Planung von Gesundheits-, Bildungs-, B\u00fcro- und Wohngeb\u00e4uden konsequent auf atmosph\u00e4rische Faktoren wie Licht und Farbe. Sie haben einen signifikanten Einfluss auf Wohlbefinden, Gesundheit und Motivation der Nutzer.\u201c Ein ver\u00e4nderter Raum f\u00f6rdert nicht nur die Genesung, sondern auch das soziale Miteinander. \u201eIm Pausenraum reden die Mitarbeitenden pl\u00f6tzlich nicht mehr nur \u00fcber ihre Arbeit. Sie schalten wirklich ab, widmen sich dem Essen, der Regeneration \u2013 und sprechen mehr \u00fcber private Themen. Das reduziert Stress und st\u00e4rkt die sozialen Bindungen am Arbeitsplatz.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_88138\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88138 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Philipp-Otto-Runges-Farbkugel-von-1810-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Philipp Otto Runges Farbkugel um 1810.\u00a0 Die Farbkugel ist eine von vielen M\u00f6glichkeiten, die Farbt\u00f6ne in einem dreidimensionalen Farbsystem anzuordnen &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Besonders bemerkenswert: Die Umsetzung dieser Ma\u00dfnahmen ist mit keinen oder nur minimalen Mehrkosten verbunden. \u201eAlles, was ich vorschlage, ist entweder kostenneutral oder spart sogar langfristig Geld. Es braucht lediglich eine bewusste Entscheidung im Vorfeld. Ob eine Wand wei\u00df oder in einem Ockerton gestrichen wird, macht f\u00fcr den Handwerker keinen Unterschied. Auch bei B\u00f6den oder M\u00f6beln ist die Farbwahl in der Regel preislich unerheblich.\u201c<\/p>\n<p>Der Wissenschaftler betont: \u201eIch bin nicht der Innenarchitekt, der ein Projekt teurer macht. Ich zeige, wie man mit dem gleichen Budget eine deutlich positivere Wirkung f\u00fcr alle Beteiligten erzielen kann.\u201c \u201eMan kann Bauherren und Planer durchaus zu einem Kulturwandel inspirieren\u201c, sagt der Fachmann. \u201eWas wir in Wuppertal begonnen haben, hat inzwischen eine enorme Strahlkraft entfaltet: Die Konzernf\u00fchrung von Helios hat beschlossen, diese Erkenntnisse in Zukunft zu ber\u00fccksichtigen, was bei den etwa 100 Kliniken des Konzerns einen Kulturwandel mit sich bringt.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Axel Buether steht dabei vor allem eines im Zentrum: \u201eDiese Form der empirisch fundierten, angewandten Forschung verschafft uns als Gestaltenden eine gesellschaftliche Wirksamkeit, die weit \u00fcber das hinausgeht, was ein einzelnes Designprojekt leisten kann. Die Aufkl\u00e4rung und der Wissenschaftstransfer sind mir wichtiger als eine einzelne lokale Intervention \u2013 denn genau darin liegt unsere Verantwortung im Rahmen universit\u00e4rer Forschung: notwendige gesellschaftliche Transformationsprozesse aktiv mitzugestalten.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Farben k\u00f6nnen Angst messbar senken<\/strong><\/h4>\n<p>In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl f\u00fcr Klinische Psychologie hat Buether einen aktuellen Antrag auf Forschungsf\u00f6rderung gestellt. Ziel ist es, die Angst brustkrebserkrankter Patientinnen vor einer Strahlentherapie wissenschaftlich zu erfassen und gezielt zu senken. \u201eGemeinsam mit medizinischen Forschungspartnerinnen und -partnern wollen wir durch gezielte Interventionen in der Farb- und Lichtgestaltung die Angst vor der Strahlentherapie reduzieren \u2013 und zugleich ein \u00fcbertragbares Modellprojekt f\u00fcr diesen Bereich schaffen\u201c, erkl\u00e4rt Axel Buether.<\/p>\n<p>Bereits vor drei Jahren gr\u00fcndete er das Institut f\u00fcr evidenzbasierte Farbpsychologie, das diesen Ansatz verfolgt. \u201eWir arbeiten partizipativ \u2013 mit einer repr\u00e4sentativen Auswahl der tats\u00e4chlichen Nutzerinnen und Nutzer. Bei uns sitzt nicht der Klinikleiter am Tisch, sondern die Pflegekraft oder die Person, die in den bisher klinisch wei\u00dfen R\u00e4umen ver\u00e4ngstigten Frauen erkl\u00e4ren muss, wie die Strahlentherapie abl\u00e4uft.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_88139\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88139 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Ein-klassisches-Krankenzimmer.jpeg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"912\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein tristes, klassisches Krankenzimmer in einer Klinik &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Ein zentrales Element der Intervention ist die gezielte Gestaltung der Blickrichtung: Die Patientin sitzt mit dem R\u00fccken zum Ger\u00e4t und schaut auf eine farblich gestaltete Wand, die positive Assoziationen weckt, w\u00e4hrend die Fachkraft ihr in ruhiger Atmosph\u00e4re die Abl\u00e4ufe erkl\u00e4rt. \u201eWenn wir mit unserer Intervention erfolgreich sind, entsteht eine neue Raumatmosph\u00e4re, die zur Entspannung beitr\u00e4gt und die \u00c4ngste der Patientinnen sp\u00fcrbar reduziert.\u201c<\/p>\n<p>Prof. Axel Buether betont: \u201eFarben haben keine rein \u00e4sthetische Funktion \u2013 sie sind eine Sprache, die auf biologisch erkl\u00e4rbaren Prinzipien beruht. Sie pr\u00e4gt das Erleben des Menschen und kann zu messbaren Verhaltens\u00e4nderungen f\u00fchren.\u201c Was sich wissenschaftlich belegen l\u00e4sst, ist also nicht die \u201eSch\u00f6nheit\u201c von Farbe \u2013 sondern ihr Effekt. \u201eWas ich messen kann, ist der psychologische Einfluss von Farben auf Angst, Stress und Orientierung. Was ich dagegen nicht messen will, ist die Frage, ob jemand eine bestimmte Farbe pers\u00f6nlich sch\u00f6n findet. Das ist subjektiv \u2013 und soll es auch bleiben.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Therapief\u00e4higkeit wieder herstellen<\/strong><\/h4>\n<p>Axel Buether betreut an seinem Lehrstuhl f\u00fcr Mediendesign und Designtechnik an der Bergischen Universit\u00e4t Doktorandinnen und Doktoranden und Masterstudierende, die sich zunehmend mit der Wirkung von Farbe befassen. \u201eIch nehme sie beispielsweise mit in eine forensische Psychiatrie\u201c, erz\u00e4hlt er, \u201ewo sie erforschen, wie sich durch einen gezielten Atmosph\u00e4renwechsel selbst bei Patientinnen und Patienten, die laut \u00e4rztlicher Einsch\u00e4tzung als nicht therapief\u00e4hig gelten, Zug\u00e4nge f\u00fcr eine therapeutische Arbeit er\u00f6ffnen lassen.\u201c<\/p>\n<p>Axel Buether berichtet von einem besonders eindr\u00fccklichen Fall: Ein als therapieunf\u00e4hig eingestufter Patient wurde von einer seiner Doktorandinnen mit zw\u00f6lf gro\u00dfformatigen Bildern archetypischer Landschaften konfrontiert \u2013 darunter Gebirge, K\u00fcsten, Steppen. W\u00e4hrend der Patient auf einige dieser Bilder apathisch reagierte, zeigten sich bei bestimmten Motiven starke emotionale Reaktionen, begleitet von eindeutigen Ver\u00e4nderungen im Verhalten. \u201eDiese Reaktionen lassen erkennen, welche Bildinhalte Resonanz ausl\u00f6sen \u2013 und geben uns Hinweise, wie R\u00e4ume gestaltet sein m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt erst einen Zugang zur Person zu erm\u00f6glichen\u201c, so der renommierte Wissenschaftler<\/p>\n<h4><strong>Farben in unserem Alltag &#8211; zwischen Wirkung und Wahrnehmung<\/strong><\/h4>\n<p>Farben sind allgegenw\u00e4rtig \u2013 und dennoch nehmen wir sie meist unbewusst wahr. \u201eDas liegt daran\u201c, erkl\u00e4rt Buether, \u201edass in unserem Gehirn unterschiedliche Bereiche f\u00fcr Sprache und Farbempfinden zust\u00e4ndig sind. W\u00e4hrend wir sprachlich fast immer bewusst kommunizieren, ist unser Erfahrungswissen \u00fcber Farben intuitiv und entzieht sich in den meisten Alltagssituationen daher der direkten bewussten Kontrolle.\u201c Das f\u00fchrt dazu, dass wir t\u00e4glich Entscheidungen aufgrund von Farben treffen \u2013 beim Einkaufen, bei der Auswahl von Produkten, bei der Einsch\u00e4tzung von Menschen oder R\u00e4umen \u2013 ohne genau zu wissen, nach welchen Kriterien wir urteilen.<\/p>\n<div id=\"attachment_88140\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 970px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88140 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/wall-416060_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"540\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Farbige W\u00e4nde haben eine enorme, positive Wikung auf Menschen &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eGerade deshalb sind wir in diesem Bereich manipulierbar \u2013 und treffen nicht selten falsche Entscheidungen\u201c, warnt Buether. Als gefragter Farbexperte wird er oft um Rat gebeten \u2013 insbesondere, wenn gut gemeinte Gestaltung zu unerw\u00fcnschten Effekten f\u00fchrt. Ein typisches Beispiel: \u201eMan h\u00f6rt oft, Kinder br\u00e4uchten eine bunte Umgebung. Das ist zum Teil auch richtig, denn monochromatische Umgebungen wie reinwei\u00dfe Umgebungen haben negative Effekte wie sensorische Deprivation. Aber wenn man es zu bunt gestaltet, f\u00f6rdert man \u00fcberm\u00e4\u00dfige Aktivit\u00e4t, ausgelassenes Verhalten \u2013 was in vielen Situationen gerade nicht erw\u00fcnscht ist. \u00dcberstimulation kann sogar Symptome wie ADHS beg\u00fcnstigen, weil Kinder permanent aktiviert werden \u2013 anstatt zur Ruhe zu kommen oder sich zu konzentrieren.\u201c<\/p>\n<p>Besonders eindr\u00fccklich war f\u00fcr Axel Buether der Fall einer Kinderintensivstation, die ein K\u00fcnstler in bestem Glauben mit knallbunten Farben gestaltet hatte \u2013 als vermeintlich angstfreie Umgebung. \u201eDas Ergebnis war das Gegenteil: Das Personal, das sich dort den ganzen Tag aufhalten musste, litt unter massiven Konzentrationsproblemen \u2013 es gab keine M\u00f6glichkeit zur mentalen Erholung.\u201c<\/p>\n<p>Bei der Neugestaltung orientierte sich Buether an den altersbedingten Bed\u00fcrfnissen der Kinder \u2013 und des Personals. \u201eKleine Kinder ben\u00f6tigen eine altersgerechte Umgebung, je nach Nutzung aktivierende und beruhigende Atmosph\u00e4ren. Kr\u00e4ftige Signalfarben wie Blutrot, Giftgr\u00fcn oder Neonorange sowie Farbkombinationen wie Gelb-Schwarz oder Rot-Schwarz f\u00f6rdern Unruhe \u2013 das sind biologisch verankerte Warnfarben.\u201c D\u00fcstere Farben sind f\u00fcr viele Kinder ein Problem, denn sie k\u00f6nnen \u00c4ngste ausl\u00f6sen und f\u00fchren dazu, dass R\u00e4ume gemieden werden.<\/p>\n<p><strong>Beim renommierten Wuppertaler Maler Christian von Grumbkow spielen Farblehre und Farben die Hauptrolle bei seinem Schaffen. Seine Werke sind weltweit begehrt. Sein Motto:\u00a0<\/strong><\/p>\n<h4><em>Ich male keine Botschaften, keine Gedanken, ich male Farbe!<\/em><\/h4>\n<p><em>&#8222;Hier sehen Sie einen \u00dcberblick der Werke, die &#8222;aus der Farbe heraus&#8220; entstanden sind. D.h., dass die Bilder nicht konzeptionell, sondern erst im malerischen Prozess\u00a0 entwickelt wurden. Dabei ist mir bewusst, dass die Farbe\u00a0 in psychologischer Hinsicht\u00a0 durchaus auch als eine Botschaft aufgefasst werden kann. ( Siehe Goethe: &#8220; Die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben&#8220;)&#8220;\u00a0 &#8211; Christian von Grumbkow\u00a0<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_88141\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 710px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88141 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/a07d9952-d404-4e5d-a54f-62c12637cf68.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"436\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Christian von Grumbkows Werk &#8222;Erhellung 4&#8220; aus dem Jahr 2023 &#8211; \u00a9 CvG<\/span><\/div>\n<p>Axel Buether bringt es auf den Punkt: \u201eEs ist wie beim Kochen: Wenn Sie keine Gew\u00fcrze verwenden, schmeckt das Essen fad. Wenn Sie zu viele hinzuf\u00fcgen, verderben Sie das beste Gericht. Wer mit Farben arbeitet, muss ihre komplexen Wirkungen auf die menschliche Natur verstehen und dosiert einsetzen.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Meine ganz pers\u00f6nlichen Farben<\/strong><\/h4>\n<p>In seinem ersten Buch &#8222;Die geheimnisvolle Macht der Farben&#8220; wollte Axel Buether \u00fcber die biologischen und kulturellen Ursachen der Wirkungen von Farben aufkl\u00e4ren &#8211; und wissenschaftliche Erkenntnisse f\u00fcr die Zivilgesellschaft nutzbar machen. In seinem neuen Werk geht der Wissenschaftler nun einen Schritt weiter: Er arbeitet mit einem Spektrum von \u00fcber 2.000 Farbt\u00f6nen und stellt den Menschen in den Mittelpunkt. \u201eJeder Mensch besitzt einen Kleiderschrank\u201c, sagt Axel Buether.<\/p>\n<p>\u201eLaut Nachhaltigkeitsforschung besitzt die durchschnittliche Frau in Deutschland rund hundert verschiedene Oberteile, ein Mann etwa siebzig. Wenn davon nur die H\u00e4lfte farblich \u2013 auch in Nuancen \u2013 voneinander abweicht, ergeben sich Millionen m\u00f6glicher Kombinationen. Doch die meisten greifen jeden Morgen zu denselben bew\u00e4hrten St\u00fccken \u2013 aus Unsicherheit oder Angst, dass andere Kombinationen nicht funktionieren.\u201c<\/p>\n<p>Wer jedoch versteht, welche Wirkung Farben auf das eigene Wohlbefinden und auf die Au\u00dfenwirkung haben, kann bewusster und nachhaltiger entscheiden \u2013 beim Kleiderkauf, bei der Wohnraumgestaltung oder der Auswahl von Alltagsgegenst\u00e4nden.<\/p>\n<p>\u201eIch kann meine Wohnung so einrichten, dass sie mir guttut. Farben liefern meinem Nervensystem innerhalb von Sekundenbruchteilen eine emotionale Information \u2013 lange bevor ich bewusst wahrnehme, was ich sehe. Ich betrete einen Raum, die Farbe stimmt mich ein \u2013 und sofort beginne ich unbewusst nach Gr\u00fcnden zu suchen, warum ich mich dort wohlf\u00fchle.\u201c<\/p>\n<p>Axel Buether ist \u00fcberzeugt: Wer mehr \u00fcber Farben wei\u00df, kann fundierte, stimmige Entscheidungen f\u00fcr sich selbst treffen \u2013 in Kleidung, Einrichtung oder Produktwahl. Genau diese alltagspraktischen Fragen m\u00f6chte er im neuen Buch beantworten \u2013 auf Basis evidenzbasierter Forschung. Herzst\u00fcck ist dabei ein Pers\u00f6nlichkeitstest, der im Buch enthalten ist und Leserinnen und Lesern hilft, ihre pers\u00f6nlichen Farbvorlieben und deren Bedeutung zu entdecken.<\/p>\n<div id=\"attachment_88142\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1287px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88142 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/studio-7845873_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"1277\" height=\"981\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Angenehme Farben in den eigenen vier W\u00e4nden bringen Wirkung und sorgen f\u00fcr Wohlgef\u00fchl &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<h4><strong>Die meistgenannte Lieblingsfarbe ist blau<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eWenn man in Deutschland Leute nach ihrer Lieblingsfarbe fragt, dann kommt Blau meist auf den ersten Platz\u201c, erkl\u00e4rt Buether. \u201eAuch weltweit steht Blau ganz vorne \u2013 w\u00e4hrend Braun meist das Schlusslicht bildet.\u201c Interessanterweise spiegelt sich das aber nicht in unserem Alltag wider: \u201eIn vielen Wohnungen finden sich Holzm\u00f6bel, Textilien aus Leinen, und unz\u00e4hlige Alltagsgegenst\u00e4nde in nat\u00fcrlichen Braun- und Erdt\u00f6nen. Fast alle Naturtextilien sind braun, ebenso viele Gew\u00fcrze und M\u00f6bel \u2013 und dennoch wird diese Farbe kaum als Lieblingsfarbe genannt.\u201c<\/p>\n<p>Der Grund liegt f\u00fcr Buether in der sozialen Wahrnehmung: \u201eWenn wir gefragt werden, nennen wir etwas, das uns positiv repr\u00e4sentiert. Blau steht f\u00fcr Offenheit, Weite, Vertrauen \u2013 das kommt gut an. Braun hingegen wirkt auf viele spie\u00dfig, altmodisch oder schwer einzuordnen \u2013 also wird es vermieden. Die Antworten sind also oft sozial gefiltert und nicht authentisch.\u201c<\/p>\n<p>Ein eindrucksvolles Beispiel liefert ein Experiment, das Axel Buether f\u00fcr eine ZDF-Fernsehserie mit Schulkindern durchf\u00fchrte: \u201eAlle Kinder haben ihre Kleiderschr\u00e4nke ausger\u00e4umt und die Kleidungsst\u00fccke in einer Turnhalle im Kreis ausgelegt. Dann haben wir gefragt: K\u00f6nnt ihr anhand der Farben erraten, wem welcher Kreis geh\u00f6rt?\u201c Erstaunlicherweise ordneten alle 30 Kinder ihre Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fcler korrekt zu \u2013 und konnten ihre Zuordnungen begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Doch auf die zuvor gestellte Frage nach der Lieblingsfarbe stimmte keine einzige Angabe mit den tats\u00e4chlichen Farben der Kleidung \u00fcberein. \u201eJungs, die eigentlich Rosa oder Lila mochten, erkl\u00e4rten, dass diese Farben f\u00fcr Jungen nicht cool seien. Sie wollten nicht riskieren, dass Mitsch\u00fcler dar\u00fcber l\u00e4stern\u201c, berichtet Buether. Die soziale Umgebung \u2013 das Milieu \u2013 beeinflusst also stark, welche Farben Menschen sich selbst zugestehen. \u201eEin Junge, der als Sechsj\u00e4hriger noch Apricot mochte, sagt als Siebenj\u00e4hriger: Das zieh ich nicht mehr an. Die Farben verschwinden dann aus dem Kleiderschrank \u2013 nicht, weil sie nicht mehr gemocht werden, sondern weil sie sozial nicht akzeptiert sind.\u201c<\/p>\n<p>Das sei die eigentliche \u201eMacht der Farben\u201c, sagt Buether. Wer die falsche Farbe w\u00e4hlt, verliert Resonanz \u2013 Produkte werden nicht gekauft, Wohnungen nicht vermietet, Hotels und Restaurants nicht gebucht. \u201eKrankenh\u00e4user m\u00fcssen belegt werden \u2013 doch bei falscher Farbgestaltung f\u00fchlen sich Menschen dort kr\u00e4nker. Schulen m\u00fcssen gef\u00fcllt sein \u2013 aber Kinder lernen schlechter und Lehrkr\u00e4fte f\u00fchlen sich schneller ersch\u00f6pft, wenn die Atmosph\u00e4re nicht stimmt.\u201c Sein Fazit ist deutlich: \u201eWir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, in so einfachen Kategorien wie der \u201aLieblingsfarbe\u2018 zu denken. Sie f\u00fchrt in die v\u00f6llig falsche Richtung.\u201c.<\/p>\n<h4><strong>Farben motivieren zum Lernen<\/strong><\/h4>\n<p>Wichtig sei, so Buether, sich bewusst mit dem Gebrauch von Farben auseinanderzusetzen \u2013 und immer wieder Fragen zu stellen: \u201eWo kommen bestimmte Farben in der Natur vor? Welche Charaktereigenschaften und Bed\u00fcrfnisse sprechen sie an? Und wie wirken sie konkret auf unser Verhalten?\u201c Gerade im schulischen Kontext k\u00f6nnen Farben das Lernverhalten ma\u00dfgeblich beeinflussen.<\/p>\n<div id=\"attachment_88151\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 650px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88151 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/color-2068005_640-1.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"430\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Farben versch\u00f6nern nicht nur die Wohnung f\u00fcrs Auge, sie sind auch gut f\u00fcsr Wohlgef\u00fchl und f\u00fcr die Gesundheit &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eIn Klassenr\u00e4umen, in denen konzentriert gearbeitet werden soll, wirkt eine helle, k\u00fchle Atmosph\u00e4re unterst\u00fctzend\u201c, erkl\u00e4rt Axel Buether. Ideal seien leicht abget\u00f6nte wei\u00dfe W\u00e4nde und Decken, kombiniert mit einer farbigen Akzentwand in ged\u00e4mpften Blau- oder Gr\u00fcnt\u00f6nen wie Taubenblau oder Salbeigr\u00fcn. Ein warmer Boden \u2013 etwa in Holzoptik \u2013 sorge f\u00fcr den n\u00f6tigen Ausgleich und verleihe dem Raum eine freundliche, einladende Grundstimmung. Erg\u00e4nzt werde das Ganze durch Leuchten, die kaltwei\u00dfes, tageslicht\u00e4hnliches Licht abstrahlen \u2013 \u00e4hnlich dem Sonnenlicht zur Mittagszeit.<\/p>\n<p>F\u00fcr Axel Buether ist klar: Ein guter Schulbau braucht nicht eine Atmosph\u00e4re, sondern viele. Denn Lernen, Kreativit\u00e4t, Erholung, Bewegung und soziale Interaktion stellen jeweils ganz unterschiedliche Anforderungen an die r\u00e4umliche Umgebung \u2013 und damit auch an Licht, Farbe, Materialit\u00e4t und Raumstruktur. \u201eF\u00fcr konzentriertes Arbeiten braucht es eine k\u00fchle, helle und zur\u00fcckhaltende Atmosph\u00e4re \u2013 klar, strukturiert und ohne visuelle Reize, die ablenken.\u201c Ganz anders sieht es in Kreativr\u00e4umen aus: \u201eHier darf es inspirierend sein, fantasieanregend, mit lebendigeren Farbakzenten und offener Raumgestaltung, die gestalterisches Denken f\u00f6rdert.\u201c<\/p>\n<p>Erholungsbereiche und Orte der sozialen Kommunikation hingegen profitieren von wohlig warmen, beruhigenden Farben, die Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. In Mensa- und Essensbereichen sei eine sinnlich aktivierende Gestaltung gefragt \u2013 appetitanregend, gesellig und offen. Und f\u00fcr Sport- und Freizeitbereiche brauche es mobilisierende Atmosph\u00e4ren, die Bewegung f\u00f6rdern, Energie freisetzen und Gruppendynamik unterst\u00fctzen. \u201eJede dieser Atmosph\u00e4ren wirkt \u00fcber Licht, Farbe und Raum unmittelbar auf unser Verhalten \u2013 und kann, richtig eingesetzt, das Lernen, das Wohlbefinden und die soziale Qualit\u00e4t im Schulalltag erheblich verbessern\u201c, fasst Buether zusammen.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_88136\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-88136 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Axel-Buether-34710-web-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"262\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Axel Buether &#8211; \u00a9 Martin Jepp<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Professor Axel Buether<\/h4>\n<p>Axel Buether ist Professor f\u00fcr Didaktik der visuellen Kommunikation an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal mit den Forschungsschwerpunkten Medienwissenschaft, Wahrnehmungspsychologie, Farbpsychologie und visuelle Kommunikation im Raum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Farben spielen unbewusst eine gro\u00dfe Rolle in unserem Leben. 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