{"id":87818,"date":"2025-11-03T17:49:53","date_gmt":"2025-11-03T16:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=87818"},"modified":"2025-11-03T17:49:53","modified_gmt":"2025-11-03T16:49:53","slug":"zungenbrecher-ein-beliebtes-spiel-mit-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/11\/03\/zungenbrecher-ein-beliebtes-spiel-mit-der-sprache\/","title":{"rendered":"Zungenbrecher: Ein beliebtes Spiel mit der Sprache"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_87822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1306px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87822 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Colomo-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"1296\" height=\"973\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Katarina Colomo, Sprachwissenschaftlerin an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p>Grund genug f\u00fcr Autor Uwe Blass, sich mit der Sprachwissenschaftlerin Dr. Katarina Colomo von der Bergischen Universit\u00e4t \u00fcber die schwierige Silbenfolge des ber\u00fchmten Zungenbrechers und \u00fcber weitere Beipiele im Rahmen der lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; zu unterhalten.<\/p>\n<p>An der Bergischen Universit\u00e4t hat sich die Linguistin Dr. Katarina Colomo damit auseinandergesetzt und sagt: \u201eEs ist unm\u00f6glich zu sagen, wann der erste Zungenbrecher entstanden ist. Zungenbrecher gibt es ja wahrscheinlich nicht erst, seit wir schreiben \u2013 unsere orale Kultur ist viel \u00e4lter als unsere schriftliche Kultur. Sie geh\u00f6rt zu unserem kulturellen Ged\u00e4chtnis. Wenn man Wissen m\u00fcndlich weitergeben m\u00f6chte, ist es hilfreich, Gedichte oder Lieder zu verwenden. Sprachliche Mittel wie Alliterationen (sprachliches Stilmittel, bei dem zwei oder mehr aufeinanderfolgende W\u00f6rter den gleichen Anfangsbuchstaben oder den gleichen Anfangslaut haben, Anm. d. Red.) oder Reime sind wichtig, weil wir uns Texte dann besser merken k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Leider w\u00fcrde heute nicht mehr viel auswendig gelernt, obwohl das viele Kompetenzen f\u00f6rdere, erkl\u00e4rt Colomo. Nur bei Liedern passiere das noch h\u00e4ufig. \u201eDie meisten Menschen k\u00f6nnen einige Lieder mitsingen, aber sehr wenige Leute k\u00f6nnen heute noch Gedichte aufsagen.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Form vor Bedeutung<\/strong><\/h4>\n<p>Zungenbrecher sind kurze S\u00e4tze oder Wortfolgen, die aufgrund ihrer Lautkombinationen schwer auszusprechen sind, insbesondere, wenn man sie schnell hintereinander wiederholt. Ihre Bedeutung sei vollkommen egal, sagt die Fachfrau, und erkl\u00e4rt: \u201eEs geht nur um die Form. Es muss zwar ein grammatikalisch korrekter Satz sein, und man kann ihn in der Regel auch verstehen, aber die Bedeutung ist total egal.\u201c<\/p>\n<p>Colomo macht das an einem weiteren bekannten Beispiel deutlich: \u201eBlaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid: Das sind zwei tautologische S\u00e4tze. Da sehe ich auch keinen Hintersinn, es geht nur um die Form. Tautologische S\u00e4tze k\u00f6nnen durchaus eine Bedeutung haben. Nehmen wir als Beispiel \u201aKrieg ist Krieg\u2018. Oberfl\u00e4chlich betrachtet ist dieser Satz genauso uninformativ, aber er hat einen Hintersinn: Im Krieg sind bestimmte Dinge typisch, es wird nur nicht verraten, was genau gemeint ist. Oder \u201aLiebe ist Liebe\u2018, da l\u00e4uft das genauso. Aber bei \u201aBlaukraut bleibt Blaukraut\u2018 geht es wohl eher nicht um die Eigenschaften von Blaukraut.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Zungenakrobatik im Mund<\/strong><\/h4>\n<p>Im Englischen hei\u00dfen Zungenbrecher &#8218;Tongue Twister&#8216; \u2013 also Zungen-Wirbelwind. Beim Sprechen passiere erstaunlich viel im Mund, sagt die Linguistin. \u201eAls erstes erzeugen wir einen Stimmton, d.h. wir pressen mit dem richtigen Druck Luft durch unsere Stimmb\u00e4nder und erzeugen damit einen Stimmton. Und dann kommt es darauf an, was wir im Mund damit machen. Das ist die Artikulation. Wir artikulieren mit der Zunge, dem Kiefer, dem Gaumensegel und den Lippen.\u201c<\/p>\n<p>In der Phonetik unterscheide man zwischen Konsonanten und Vokalen zwei wesentlich verschiedene Lauttypen. \u201eVokale sind artikulatorisch relativ einfach. Da geht es darum: Wie hoch ist die Zunge, wie weit vorne liegt sie, runden wir die Lippen? Das ist fast schon alles. Wenn wir [i] sagen, ist die Zunge sehr weit vorne und oben. Wenn wir die Zunge dort lassen und die Lippen runden, wird der Laut automatisch zu einem [y] (\u201e\u00fch\u201c). Alles, was wir ge\u00e4ndert haben, ist, die Lippen zu runden.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_87824\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 650px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87824 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Zungenbrecher-auf-einer-Postkarte-CC-BY-SA-3.0-1.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"418\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein echter Zungenbrecher auf einer alten Postkarte: &#8222;Der Cottbuser Postkutschkutscher putzt den Cottbuser Postkutschlasten&#8220; &#8211; \u00a9 CC BY-SA 3.0<\/span><\/div>\n<p>Ganz anders sehe es aber bei den Konsonanten aus. \u201eBei den Konsonanten erzeugen wir eine Art von Behinderung f\u00fcr den Luftstrom. Damit unterscheiden sie sich deutlich von den Vokalen. Das machen wir an verschiedenen Orten und auf verschiedene Arten, oft mit der Zunge, aber auch mit den Lippen. Die Kombination aus Ort und Art ist elementar daf\u00fcr, welcher Konsonant produziert wird.<\/p>\n<h4><strong>Der Zungenmuskel kann trainiert werden<\/strong><\/h4>\n<p>In der Sprachtherapie werden Zungenbrecher auch eingesetzt. Die Zunge ist ein komplizierter Muskel, den man trainieren k\u00f6nne. \u201eBeim Sport geht es um Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer und Koordination\u201c, erkl\u00e4rt Colomo, \u201eund das gleiche gilt auch f\u00fcr die Artikulation. Sprech\u00fcbungen sind Artikulations\u00fcbungen. Zungenbrecher sind besonders schwierige \u00dcbungen, in denen ganz komplexe Bewegungsabl\u00e4ufe ge\u00fcbt werden.\u201c<\/p>\n<p>Das seien dann schwierige Kombinationen von Konsonanten in schneller Folge mit \u00e4hnlichen, aber dennoch verschiedenen Kombinationen. \u201eBei \u201aBlaukraut\u2018 beginnen beide Silben ganz \u00e4hnlich: Zuerst kommt ein Verschlusslaut, dann ein relativ sonorer Konsonant. Aber die Artikulation findet an ganz unterschiedlichen Orten statt: Der erste Silbenanlaut [bl] wird weit vorn produziert, mit den Lippen und dann der Zungenspitze. Beim zweiten Silbenanlaut [k\u0280] starten wir wieder mit einem Verschlusslaut, dem [k], aber der wird diesmal weit hinten mit dem Zungenr\u00fccken produziert. Beim [\u0280] lassen wir die Zunge noch weiter hinten vibrieren. Wenn wir in schneller Folge zwischen diesen Kombinationen wechseln m\u00fcssen, dann ist das schwierig. In \u201aBrautkleid\u2018 bestehen die Silbenanlaute aus denselben Konsonanten, nur vertauscht: Jetzt m\u00fcssen wir innerhalb des Anlauts von vorn nach hinten springen [b\u0280] oder umgekehrt [kl]. Und dann das Ganze noch schnell hintereinander im Wechsel \u2013 das ist wirklich schwierig!\u201c<\/p>\n<h4>Konstruktives Training f\u00fcr Schauspieler<\/h4>\n<p>Schauspieler setzen oft noch einen drauf und sprechen solche Zungenbrecher mit einem Korken im Mund. Das l\u00f6se die artikulatorische Muskulatur, f\u00f6rdere die Durchblutung und funktioniere genau wie beim Aufw\u00e4rmen im Sport.<\/p>\n<p>Zungenbrecher gibt es auch in anderen Sprachen. Ein sch\u00f6nes Beispiel aus der Schweiz lautet: S&#8216; Christchindli und d\u00e4 Samichlaus \u00e4ss\u00e4d zum Z&#8217;N\u00fcni Guetzli und Ch\u00e4sch\u00fcechli usem Chuchich\u00e4schtli. (Das Christkind und der Nikolaus essen als Pausenbrot Kekse und K\u00e4sekuchen aus dem K\u00fcchenkasten.) Kompliziert? \u201eDas ist das Wesen aller Zungenbrecher\u201c, lacht die Linguistin, \u201eWir spielen einfach gerne mit Sprache. Es ist eine Herausforderung und man kann immer mitmachen. Es macht Spa\u00df und es \u00fcbt.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Der schwierigste Zungenbrecher<\/strong><\/h4>\n<p>Laut dem Guinnessbuch der Rekorde lautet der schwierigste Zungenbrecher im englischen Sprachraum \u201eThe sixth sick sheikh\u2019s sixth sheep\u2019s sick\u201c. Was so viel hei\u00dft wie: Das sechste Schaf des sechsten kranken Scheichs ist krank. Zungenbrecher sind also eine internationale Erscheinung. \u201eZungenbrecher gibt es, glaube ich, wirklich in allen Sprachen. Man k\u00f6nnte sie auf jeden Fall in allen Sprachen bauen. Eine Besonderheit des Deutschen ist, dass wir sehr komplizierte Konsonantenverbindungen haben. Nicht nur am Anfang der Silbe, aber ich glaube, dass die Konsonantenverbindungen am Anfang der Silbe f\u00fcr Zungenbrecher besonders wichtig sind.\u201c<\/p>\n<p>Das k\u00f6nne aber in anderen Sprachen auch anders sein, erkl\u00e4rt die Wissenschaftlerin. Die chinesische Sprache z. B. sei eine Tonsprache. \u201eAuf der lautlichen Ebene sind die Silben ganz einfach. Sie bestehen meistens nur aus einem Konsonanten und einen nachfolgenden Vokal. Aber daf\u00fcr spielt es eine Rolle, ob die Stimme in der Silbe f\u00e4llt, steigt, erst f\u00e4llt und dann steigt oder gleich bleibt. Im Chinesischen sind das dann verschiedene Silben.\u201c Im Deutschen sei das egal. \u201eDas bedeutet, dass ein chinesischer Zungenbrecher aus komplizierten Tonabfolgen bestehen kann. Das ist ein anderes Sprachsystem.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Barbaras Rhabarberbar<\/strong><\/h4>\n<p>Der aktuellste und viralste Zungenbrecher lautet &#8218;Barbaras Rhabarberbar&#8216;, stammt von Bodo Wartke und erlangte 2024 gro\u00dfe Bekanntheit. Er wurde auf Social Media Plattformen wie YouTube und TikTok millionenfach geklickt und sogar von der New York Times erw\u00e4hnt. K\u00f6nnte der Erfolgsschlager &#8218;Zungenbrecher&#8216; denn auch in der Lehre eingesetzt werden?<\/p>\n<p>\u201eIch habe sie noch nie bewusst eingesetzt\u201c, res\u00fcmiert Colomo, \u201eaber, wenn ich Phonetik unterrichte, m\u00f6chte ich auch, dass die Studierenden ihre Artikulationsbewegungen bewusst wahrnehmen. Zungenbrecher lenken die Aufmerksamkeit auf die Artikulation, das k\u00f6nnte schon helfen. Und wenn die Studierenden verstehen, warum sie schwer auszusprechen sind, haben sie auf jeden Fall schon viel gelernt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_87825\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87825 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Colomo-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"258\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Katarina Colomo &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Katarina Colomo<\/h4>\n<p>Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Katarina Colomo arbeitet als akademische Oberr\u00e4tin im Fach Germanistik in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fischers Fritze fischt frische Fische. Frische Fische fischt Fischers Fritze. Wer kennt ihn nicht, diesen bekannten deutschen Zungenbrecher, dessen Schwierigkeit im wiederholten Wechsel zwischen den Lauten [f] und [\u0283] (&#8222;sch&#8220;) liegt. Am 9. November findet in diesem Jahr der internationale Tag des Zungenbrechers statt, der zum Ziel hat, die Sprechf\u00e4higkeiten zu verbessern und nat\u00fcrlich den Spa\u00df am Spiel mit Worten vermitteln soll.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-87818","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-06-26 00:18:46","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87818"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87827,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87818\/revisions\/87827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}