{"id":87403,"date":"2025-10-13T09:18:42","date_gmt":"2025-10-13T07:18:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=87403"},"modified":"2025-10-13T09:18:42","modified_gmt":"2025-10-13T07:18:42","slug":"die-historischen-vertraege-von-locarno","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/10\/13\/die-historischen-vertraege-von-locarno\/","title":{"rendered":"Die historischen Vertr\u00e4ge von Locarno\u00a0"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_87406\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2019px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87406 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Grothe-Pressefoto.jpg\" alt=\"\" width=\"2009\" height=\"1324\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Ewald Grothe, Historiker an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p>\u00dcber diesen denkw\u00fcrdigen historischen Vertrag hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der interessanten, lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit Prof. Dr. Ewald Grothe, Historiker an der Bergischen Universit\u00e4t unterhalten.<\/p>\n<p><strong>Warum war denn diese Vertragsunterzeichnung so wichtig?<\/strong><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Die Vertr\u00e4ge von Locarno waren wichtig, um die internationalen Sicherheitsfragen wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu regeln. Insbesondere war dies zentral f\u00fcr das deutsch-franz\u00f6sische Verh\u00e4ltnis, denn Frankreich sah sich und seine Grenzen durch Verst\u00f6\u00dfe des Deutschen Reiches gegen die Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrags bedroht und wollte seinerseits 1924\/25 Sicherheitsgarantien mit England und Belgien ohne deutsche Beteiligung aushandeln. Kurz: Es gab das franz\u00f6sische Interesse an einer \u201eSicherung gegen etwaige deutsche Angriffsabsichten\u201c.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Welche L\u00e4nder waren denn daran beteiligt, und wer war von deutscher Seite dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Beteiligt waren Frankreich, Belgien, Gro\u00dfbritannien, das Deutsche Reich, Italien, Polen und die Tschechoslowakei. Die deutsche Vertretung repr\u00e4sentierten vor allem Reichskanzler Hans Luther und Au\u00dfenminister Gustav Stresemann. Im Hintergrund wirkte Stresemanns engster au\u00dfenpolitischer Berater Carl von Schubert.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche Ziele verfolgte Au\u00dfenminister Stresemann?<\/strong><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Stresemann wollte durch die Grenzgarantie gegen\u00fcber Frankreich zugleich Deutschland gegen\u00fcber Frankreich sch\u00fctzen und das Rheinland als deutschen Besitz sicherstellen. Hierf\u00fcr war er bereit, die Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich und des Gebiets von Eupen-Malmedy an Belgien anzuerkennen. Zugleich hoffte er, durch die Befriedung der internationalen Lage im Westen eine langfristige friedliche Revision der Grenzen im Osten anstreben zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_87407\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87407 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Stresemann-Chamberlain-und-Briand-CC-BY-SA-3.0.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"466\" \/><span class=\"wp-caption-text\">W\u00e4hrend der Verhandlungen: (v.l.) Gustav Stresemann, Austen Chamberlain und Aristide Briand &#8211; \u00a9 CC BY-SA 3.0<\/span><\/div>\n<p><strong>Eine entscheidende Aufgabe \u00fcbernahm der franz\u00f6sische Au\u00dfenminister Aristide Briand, der auch als Chefarchitekt der Vertr\u00e4ge von Locarno in die Geschichte einging. Was hat er gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Briand war als damaliger Au\u00dfenminister der Verhandlungsf\u00fchrer der franz\u00f6sischen Delegation in Locarno. Sein enges freundschaftliches Verh\u00e4ltnis zu Stresemann hat das Verhandlungsklima beg\u00fcnstigt \u2013 man sprach sp\u00e4ter vom \u201eGeist von Locarno\u201c. Briand f\u00fchrte am 7. Oktober ein informelles vorbereitendes Gespr\u00e4ch mit dem deutschen Reichskanzler Luther in Ascona.<\/p>\n<p>Aber Briand arbeitete auch nach Locarno weiter f\u00fcr eine friedliche Au\u00dfenpolitik in Europa. Ein knappes Jahr nach Locarno kam es im September 1926 zu einem deutsch-franz\u00f6sischen Vers\u00f6hnungstreffen mit Stresemann in Thoiry nahe Genf. 1928 war er Initiator des Briand-Kellogg-Pakts, eines Vertrages \u00fcber den gegenseitigen Verzicht auf Kriege zwischen den Staaten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Vertr\u00e4ge gelten als entscheidender Moment in der europ\u00e4ischen Nachkriegsdiplomatie. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Die Vertr\u00e4ge stellten einen wichtigen Meilenstein zur Wiederherstellung der europ\u00e4ischen Sicherheit dar und leiteten damit einen Prozess internationaler Verst\u00e4ndigungspolitik ein. Durch den Abschluss der Vertr\u00e4ge von Locarno wurde das Deutsche Reich im September 1926 in den V\u00f6lkerbund aufgenommen und kehrte damit nur knapp acht Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs in die internationale V\u00f6lkergemeinschaft zur\u00fcck. Locarno war damit auch das entscheidende Argument f\u00fcr die Verleihung des Friedensnobelpreises an Stresemann und Briand.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_87408\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87408 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ehmaliges-Gerichtsgebaeude-in-Locarno-CC-BY-2.5.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"410\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das ehemalige Gerichtsgeb\u00e4ude in Locarno (Via della Pace, 6), in dem die Vertr\u00e4ge abgeschlossen wurden &#8211; \u00a9 CC BY 2.5<\/span><\/div>\n<p><strong>Durch diese Vertr\u00e4ge wurde Deutschland in den V\u00f6lkerbund aufgenommen. Bis 1919 war das noch unm\u00f6glich. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Deutschland galt international als Hauptschuldiger an der Entstehung des Ersten Weltkriegs. Der Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Vertrags, den das Deutsche Reich Ende Juni 1919 unterzeichnen musste, hatte dies eindeutig festgestellt. Damit war Deutschland au\u00dfenpolitisch zun\u00e4chst isoliert und kaum handlungsf\u00e4hig.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Vereinbarung der Vertr\u00e4ge von Locarno hielt gut 10 Jahre. Was passierte dann?<\/strong><\/p>\n<p>Ewald Grothe: &#8222;Im M\u00e4rz 1936 befahl Reichskanzler Adolf Hitler den Einmarsch der Wehrmacht in das seit 1930 entmilitarisierte Rheinland. Damit war Locarno am Ende. F\u00fcr die Nationalsozialisten waren die Vertr\u00e4ge von 1925 ein Hindernis bei der seit 1933 vorbereiteten gewaltsamen Revision des Versailler Vertrags.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche Bedeutung haben die Vertr\u00e4ge von Locarno heute noch?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ewald Grothe: <\/strong>Die Vertr\u00e4ge selbst haben heute nur noch eine historische Bedeutung als ein Beispiel und Ausgangspunkt friedlicher deutsch-franz\u00f6sischer Beziehungen im fr\u00fchen 20. Jahrhundert. Aber Locarno ist ein wichtiger Erinnerungsort f\u00fcr die friedliche Beilegung internationaler Konflikte und die vertragliche Garantie von Grenzen. Es ist mit seinem Ruf einer vers\u00f6hnungsbereiten Diplomatie geradezu symbolhaft f\u00fcr eine internationale Verst\u00e4ndigungspolitik geworden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_87405\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87405 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Grothe-Pressefoto-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"339\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Ewald Grothe &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Ewald Grothe<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Ewald Grothe studierte Geschichtswissenschaften, \u00d6ffentliches Recht und Rechtsgeschichte in Marburg. Er habilitierte sich 2003 in Wuppertal und lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universit\u00e4t. Seit 2009 ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor. Seit 2011 leitet er das Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung f\u00fcr die Freiheit in Gummersbach. Seit 2017 ist er Vorsitzender der Br\u00fcder Grimm-Gesellschaft in Kassel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vertr\u00e4ge von Locarno (Schweiz) symbolisierten im Oktober 1925 das Streben nach einer dauerhaften Friedensl\u00f6sung in Europa nach dem Ersten Weltkrieg. Die Reparationszahlungen Deutschlands waren bereits durch den Dawes-Plan von 1924 geregelt.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-87403","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-26 10:43:19","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87403","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87403"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87403\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87412,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87403\/revisions\/87412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87403"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87403"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87403"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}