{"id":87364,"date":"2025-10-10T19:46:14","date_gmt":"2025-10-10T17:46:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=87364"},"modified":"2025-10-21T18:44:58","modified_gmt":"2025-10-21T16:44:58","slug":"schauspiel-zeigt-handke-stueck-ohne-gesprochenen-text","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/10\/10\/schauspiel-zeigt-handke-stueck-ohne-gesprochenen-text\/","title":{"rendered":"Schauspiel zeigt Handke-St\u00fcck ohne gesprochenen Text"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_87368\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87368 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/07_diestunde_SPLW_c_danaschmidt-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1601\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Empathisch und dennoch immer etwas verwirrt, der Passant, der seinen Koffer auspackt und \u00fcberraschende Sachen auspackt &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Es ist eines der radikalsten Experimente des modernen Theaters. Am Samstag (11.10.25) war im Wuppertaler Theater am Engelsgarten die Premiere. Literarisch wird Handke (Jahrgang 1942) als einer der bedeutendsten Sprach- und Wahrnehmungspoeten der Gegenwart gesehen, ein Star der Literaturszene. \u00d6sterreicher Handke hat in dem am 9. Mai 1992 in Wien uraufgef\u00fchrten Werk beschrieben, dass Sprache einerseits ein Geschenk, andererseits eine Gefahr ist: Sie kann Gef\u00fchle ausdr\u00fccken \u2013 aber auch abnutzen, \u00fcberformen, zerreden.<\/p>\n<h4>Sprache ein Geschenk, aber auch eine Gefahr<\/h4>\n<p>So verzichtet sein Werk auf klassische Handlung und bevorzugt Bewegung, Wahrnehmung und Beobachtung &#8211; Das Sehen selbst wird statt des Sprechens zum Inhalt. Das ist die vorsprachliche Ebene, auf der sich Emotion bildet, bevor sie ausgedr\u00fcckt wird. Handkes Vision einer \u201eSprache jenseits der Sprache\u201c, einer Kommunikation, die noch auf der Ebene der Wahrnehmung bleibt \u2013 vorsprachlich, aber sinnlich und bedeutungsvoll.<\/p>\n<div id=\"attachment_87369\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87369 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/10_diestunde_SPLW_c_uweschinkel-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1032\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eine Szene, in der fast das komplette Ensemble des anspruchsvollen St\u00fcckes zur Geltung kommt &#8211; \u00a9 Uwe Schinkel<\/span><\/div>\n<p>Die Wuppertaler B\u00fchnen veranstalten ihre Inszenierung als &#8222;Stadtprojekt f\u00fcr und mit Wuppertalerinnen und Wuppertalern&#8220;, f\u00fcr das im Vorfeld ein Casting durchgef\u00fchrt wurde. Nicht nur professionelle Schauspielerinnen und Schauspielern sind beteiligt, sondern auch interessierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus Wuppertal, die Seite an Seite mit Ensemblemitgliedern auf der B\u00fchne stehen. Die Proben fanden von Mai bis Juni und September bis Oktober 2025 statt.<\/p>\n<h4>Das Publikum \u201eliest\u201c die Gesten, nicht die Worte<\/h4>\n<p>Die Inszenierung von Charlotte Arndt &amp; Thomas Braus nutzt auf einer v\u00f6llig leeren B\u00fchne unterschiedliche nonverbale Stilmittel, als da sind Pantomime, Commedia, \u00fcberzogene Aktionen (Slapstick) sowie ger\u00e4uschbezogene Elemente, wie Vogelgezwitscher oder Flugzeugl\u00e4rm, Musik mit K\u00f6rpersprache, Bewegungen und Mimik. Das Zusammenspiel von Licht, Bild, Raum, Kost\u00fcm und musikalische Effekte \u00fcbernimmt die Rolle der Ausdr\u00fccke.<\/p>\n<div id=\"attachment_87370\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87370 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/04_diestunde_SPLW_c_danaschmidt-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Komme, was da wolle, die Handys sind immer pr\u00e4sent und scheinen dabei zu helfen, alle Probleme zu l\u00f6sen &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>In diesem poetisch inszenierten St\u00fcck ohne Worte ist das kontrastreiche, wortlose Gehen, Passieren und Beobachten eine Form der Wirklichkeit, die auch theatralisch ist. In dem die Figuren schweigen, wird das Publikum gezwungen, genauer hinzusehen: Jede Bewegung, jede Geste, jede Blickrichtung wird zum Zeichen.<\/p>\n<p>Menschen treten zueinander in Beziehung, ohne etwas zu sagen, und dennoch entsteht zwischen ihnen eine Atmosph\u00e4re, ein Gef\u00fchl von N\u00e4he, Fremdheit, Angst oder Verbundenheit. Eine Frau bleibt stehen, schaut. Ein Kind l\u00e4uft vorbei. Zwei M\u00e4nner begegnen sich, einer z\u00f6gert, beide gehen weiter. Eine Gruppe lacht, einer stolpert. Eine Leiche wird vorbeigetragen. Diese Mini-Szenen wirken zuf\u00e4llig, aber sie entfalten beim Zusehen einen Rhythmus, eine Stimmung, ein Gef\u00fchl von Zusammenleben. Das Publikum \u201eliest\u201c die Gesten, nicht die Worte.<\/p>\n<div id=\"attachment_87371\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87371 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/05_diestunde_SPLW_c_danaschmidt-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"759\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der rote Teppich ist ausgerollt und alle wollen dabei sein, was niemanden \u00fcberraschen wird &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<h4>Gef\u00fchle macht man sich selbst<\/h4>\n<p>\u201eGef\u00fchle kommen nicht \u00fcber Einen &#8211; man macht sie sich, indem man schaut\u201c, sagte Handke einmal in einem Interview und legte mit dem \u00e4sthetisches Prinzip auch einen Baustein moderner Kommunikations- und Verhaltenslehre. Das St\u00fcck liefert hierzu Belege am Flie\u00dfband. Da ist das Angst ausl\u00f6sende Gewitter ebenso wie der \u201crote Teppich\u201c, der die Masse stimuliert und das Individuum zum angebeteten Helden werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Da ist die Frau, die ein neugeborenes Baby im Arm zu halten scheint, die Blicke mystisch religi\u00f6s auf sich zieht und da ist auch die Nutzung von zeitgem\u00e4ssen Handys, welche die Realit\u00e4ten im Umfeld total ausblenden, da sind\u00a0 Pakete in einer Wegwerfgesellschaft, die Gier entstehen lassen.<\/p>\n<div id=\"attachment_87373\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87373 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/01_diestunde_SPLW_c_danaschmidt-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">De Auftaktszene des St\u00fccks: Eine Passantin unterwegs auf dem schlichten Schauplatz des Geschehens &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Der Alltag, Interaktion, Isolation, N\u00e4he und Distanz sind zentrale Motive. Es gibt ein Kommen und Gehen, Szenen, in denen Menschen sich wahrnehmen, ignorieren, zusammenkommen, auseinandergehen. Das St\u00fcck zeigt viele Figuren \u2013 teilweise Einzelpersonen, Paare, Gruppen \u2013 in kurzen Episoden, Begegnungen, teils mit Scherz und Spass, mystische, m\u00e4rchenhafte oder symbolische Elemente treten auf, ebenso \u00dcberzeichnungen,<\/p>\n<h4>Die Motive des Nobelpreis-Komitees<\/h4>\n<p>Besonders beeindruckend ist, wie das Ensemble und das technische Team die logistische Herausforderung gestemmt haben \u2013 von vielen Rollenwechseln bis zur Ausstattung. Die Auff\u00fchrung \u00f6ffnet vor allem Spielr\u00e4ume f\u00fcr eigene Deutungen, was ein gro\u00dfes Plus sein kann. Wenn man es schafft, sich auf diese Form, Sprache jenseits der Sprache, einzulassen, wird die Auff\u00fchrung lohnend sein. Sie ist kein \u201ebequemes\u201c Theater \u2013 sie fordert Aufmerksamkeit, Offenheit und Bereitschaft, sich auf Bilder, Stille und Bewegung einzulassen.<\/p>\n<div id=\"attachment_87377\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87377 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/08_diestunde_SPLW_c_danaschmidt-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1414\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die \u00e4ltere Dame hat noch eine \u00dcberraschung parat: Gleich wird sie ein Baby pr\u00e4sentieren &#8211; \u00a9 Dana Schmidt<\/span><\/div>\n<p>Man erkennt, warum das Osloher Nobelpreis Komitee 2019 den politisch umstrittenen Peter Handke w\u00e4hlte, der die Spezifit\u00e4t menschlicher Erfahrungen stets brillant auslotete. Wer aber konventionelles Theater, klare Sprache oder linear erz\u00e4hlte Handlungen bevorzugt, wird wom\u00f6glich von dieser Auff\u00fchrung irritiert sein. In <i>\u201eVersuch \u00fcber den gegl\u00fcckten Tag\u201c<\/i> (1991) schreibt Peter Handke sinngem\u00e4\u00df: \u201eDer Tag ist gegl\u00fcckt, wenn man sich ihn so macht.\u201c<\/p>\n<p><b>Text: SIEGFRIED J\u00c4HNE<\/b><\/p>\n<h4>\u201eDie Stunde da wir nichts voneinander wu\u00dften\u201c<\/h4>\n<p><strong>Ein Theaterst\u00fcck von Peter Handke<\/strong><\/p>\n<p><b>Besetzung:<\/b><\/p>\n<p>Emma Birkmann &#8211; Regaip \u00c7etin &#8211; Sefa Merve Dalkiran &#8211; Angela del Vecchio &#8211; Giordana Garofalo, Dirk Gauer, Dora Hackenberg &#8211; Gunhild Knecht &#8211; Hans-Peter Koellges &#8211; Angela K\u00f6rner &#8211; Katarzyna Kwiecien &#8211; Marvin L\u00f6ffler &#8211; Christine Loges &#8211; Kristin L\u00f6hken &#8211; Silvia Munz\u00f3n L\u00f3pez &#8211; Katharina Matthes &#8211; Heike M\u00fcller &#8211; David Navaei &#8211; Elli Sophie Pfeffer &#8211; Matthias Pingel &#8211; Anna Linnea Schulz &#8211; Simon Spahlinger &#8211; Silvia Treibert &#8211; Prudence Tsomo &#8211; Nadja Varga &#8211; Oliver Vo\u00df &#8211; Elisa Wierig &#8211; Christl Wolff-Schott<\/p>\n<div id=\"attachment_87374\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87374 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/09_diestunde_SPLW_c_uweschinkel-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1659\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Symbolfotos des St\u00fcckes \u201eDie Stunde da wir nichts voneinander wu\u00dften\u201c &#8211; \u00a9 Uwe Schinkel<\/span><\/div>\n<p><b>Team:<\/b><\/p>\n<p>Inszenierung: Charlotte Arndt &#8211; Thomas Braus<\/p>\n<p>Kost\u00fcme: Anna Jurczak<\/p>\n<p>Performance Leadership: Silvia Munz\u00f3n L\u00f3pez<\/p>\n<p>Requisite: Jennifer G\u00fcnther<\/p>\n<p>Dramaturgie: Elisabeth Hummerich<\/p>\n<p>Regieassistenz: Inspizienz Nele Wahl<\/p>\n<p>Koordination: Timon Figge &#8211; Svenja Schlei<\/p>\n<p>Kost\u00fcmassistenz: Laura Hutta<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten neun angesetzten Vorstellungen: Ab Mittwoch 15. Oktober bis Samstag 15. November<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger Peter Handke steht f\u00fcr jemand, der das scheinbar Unbedeutende wieder ernst nimmt. Mit seinem Werk \u201eDie Stunde da wir nichts voneinander wu\u00dften\u201c zeigt der K\u00e4rtner die Welt ohne Filter der Sprache oder Ideologie, Sprache jenseits der Sprache. 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