{"id":86599,"date":"2025-09-11T07:41:03","date_gmt":"2025-09-11T05:41:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=86599"},"modified":"2025-09-11T07:47:31","modified_gmt":"2025-09-11T05:47:31","slug":"die-erlebte-wirklichkeit-der-malerin-frida-kahlo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/09\/11\/die-erlebte-wirklichkeit-der-malerin-frida-kahlo\/","title":{"rendered":"Die erlebte Wirklichkeit der Malerin Frida Kahlo"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_86601\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1539px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-86601 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Portraetfoto-Lodermeyer-Privat.jpg\" alt=\"\" width=\"1529\" height=\"1136\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Kunsthistoriker Peter Lodermeyer von der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p><strong>Ein Verkehrsunfall am 17. September 1925, bei dem sich eine Stahlstange das Becken von Frida Kahlo durchbohrte, war letztendlich der Ausl\u00f6ser f\u00fcr ihr malerisches Schaffen. Ihre Kunst wird sehr fr\u00fch als magischer Realismus bezeichnet. Was bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Peter Lodermeyer: &#8222;Der Begriff \u00b4Magischer Realismus` ist, wie alle Etiketten, die man einem so originellen und unverwechselbaren \u0152uvre wie dem von Frida Kahlo anzuheften versucht, nicht unproblematisch. Das hat zun\u00e4chst damit zu tun, dass er in einem anderen Zusammenhang entstanden ist. Der Kunsthistoriker und -kritiker Franz Roh benutzte den Begriff erstmals Mitte der 1920er-Jahre, um damit eine besondere Spielart der Neuen Sachlichkeit zu kennzeichnen, die sich vom Verismus, also dem ganz harten, n\u00fcchternen Realismus, dadurch unterschied, dass sie traumhafte, irreale oder phantastische Elemente in die Darstellungen integrierte. In den 1960er-Jahren wurde der Terminus dann zunehmend auch auf die Literatur gewisser lateinamerikanischer Autoren, nicht zuletzt auf die Romane von Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez, angewandt. Das sind also zwei Kontexte, in die Frida Kahlos Werk nicht hineingeh\u00f6rt.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Wenn man aber den Begriff &#8218;Magischer Realismus&#8216; nicht streng kunsthistorisch versteht und damit eine Malerei meint, die erlebte Wirklichkeit mit Mitteln des Phantastischen und Symbolischen, gegebenenfalls auch mittels religi\u00f6ser oder mythologischer Anspielungen, zum Ausdruck bringt, dann ist er durchaus brauchbar, um Frida Kahlos Malerei zu charakterisieren. Man denke nur etwa an ihre Selbstdarstellung als einen von zahlreichen Pfeilen verwundeten Hirsch oder als Halbakt mit offenem Oberk\u00f6rper, in dem sich eine rissige, br\u00f6ckelnde ionische S\u00e4ule zeigt. Das sind sehr eindr\u00fcckliche bildliche Metaphern f\u00fcr die Realit\u00e4t ihrer Empfindungen, die k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen, die seelischen Verletzungen, die das Leben dieser K\u00fcnstlerin in so hohem Ma\u00dfe bestimmten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sie sagte: \u201eMan hielt mich f\u00fcr eine Surrealistin. Das ist falsch. Ich malte niemals Tr\u00e4ume. Was ich abbildete, war meine Wirklichkeit.\u201c\u00a0Wie zeigte sie das denn in ihren Bildern?<\/strong><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Auf der Theorieebene ist die Begr\u00fcndung Frida Kahlos daf\u00fcr, keine Surrealistin zu sein, wenig \u00fcberzeugend. Nicht nur, weil sie gelegentlich tats\u00e4chlich Tr\u00e4ume gemalt hat. Ein Gem\u00e4lde von 1940 etwa zeigt sie schlafend in einem Bett, auf dessen Baldachin ein gro\u00dfes, mit Feuerwerksk\u00f6rpern versehenes Skelett liegt. Der Titel ist: &#8218;Der Traum&#8216;. Vor allem aber gibt sie die Grundidee der surrealistischen Kunst nicht korrekt wieder. Surrealismus hei\u00dft eben nicht, Tr\u00e4ume zu malen. Max Ernst, einer der wichtigsten surrealistischen K\u00fcnstler \u00fcberhaupt, schrieb 1934 in seinem Essay &#8218;Was ist Surrealismus&#8216;: \u201eWenn man also von den Surrealisten sagt, sie seien Maler einer stets wandelbaren Traumwirklichkeit, so darf das nicht etwa hei\u00dfen, dass sie ihre Tr\u00e4ume abmalen (das w\u00e4re deskriptiver, naiver Naturalismus) oder dass sich ein jeder aus Traumelementen seine eigene kleine Welt aufbaue (\u2026).\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_86606\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 617px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-86606 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Frida-Kahlo-Die-zwei-Fridas-1939-gemeinfrei.png\" alt=\"\" width=\"607\" height=\"610\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Gem\u00e4lde &#8222;Die zwei Fridas&#8220;, 1939 &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Wenn er dann deutlich macht, dass die Surrealisten \u201esich auf dem physikalisch und psychisch durchaus realen (\u201asurrealen\u2018), wenn auch noch wenig bestimmten Grenzgebiet von Innen- und Au\u00dfenwelt frei, k\u00fchn und selbstverst\u00e4ndlich bewegen, einregistrieren, was sie dort sehen und erleben, und eingreifen, wo ihnen ihre revolution\u00e4ren Instinkte dazu raten\u201c, dann sehe ich keinen Grund, diese Aussage nicht eins zu eins auf die Malerei Frida Kahlos anzuwenden. Genau im Grenzgebiet zwischen der realen Au\u00dfenwelt und ihrem inneren Erleben bewegt sich ihre Malerei, und an revolution\u00e4ren Instinkten mangelte es ihr ohnehin nicht: Obwohl sie 1907 geboren wurde, \u00e4nderte sie ihr Geburtsjahr sp\u00e4ter auf 1910, nicht etwa, um sich j\u00fcnger zu machen, sondern weil 1910 mit dem Sturz des diktatorisch regierenden Pr\u00e4sidenten Porfirio Di\u00e1z die Mexikanische Revolution begann.<\/p>\n<p>Ich denke, man sollte den oft zitierten und immer wieder kontrovers diskutierten Satz, sie sei keine Surrealistin, nicht \u00fcberbewerten. Sie hat ihn 1939 ge\u00e4u\u00dfert, sicher auch, weil sie von den Surrealisten, die sie in Paris kennengelernt hatte, entt\u00e4uscht war, hat aber dennoch ein Jahr sp\u00e4ter an der <em>Exposici\u00f3n Internacional del Surrealismo <\/em>in Mexiko-Stadt teilgenommen. Wie wichtig ihr diese gro\u00dfe Surrealisten-Schau gewesen ist, zeigt sich schon daran, dass sie eigens daf\u00fcr ihre beiden gr\u00f6\u00dften Bilder \u00fcberhaupt gemalt hat: das ber\u00fchmte Doppelselbstportrait \u00b4Die zwei Fridas` und das leider verlorengegangene Bild &#8218;Der verwundete Tisch&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Kahlo war mit dem weltbekannten mexikanischen Maler Diego Rivera sogar zwei Mal verheiratet. Beeinflusste diese Amour fou sie auch k\u00fcnstlerisch?<\/strong><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Heute w\u00fcrde man wohl eher sagen: Diego Rivera war mit der weltbekannten mexikanische Malerin Frida Kahlo verheiratet. Auch wenn Rivera als Maler keineswegs in Vergessenheit geraten ist, schon gar nicht in Mexiko, hat seine Ehefrau ihn doch an Ber\u00fchmtheit l\u00e4ngst \u00fcberfl\u00fcgelt. Ja, die turbulente Beziehung mit Diego Rivera hat Frida Kahlo k\u00fcnstlerisch enorm beeinflusst. Man kann sagen, dass diese Ehe neben ihrer k\u00f6rperlichen Versehrtheit der zweite entscheidende Motor f\u00fcr ihre Malerei gewesen ist. Das zeigt sich in vielen Bildern nur indirekt, zum Beispiel, wenn sie tr\u00e4nen\u00fcberstr\u00f6mt, in trauriger Stimmung zu sehen ist, was oft mit ihrem Leiden an Diegos st\u00e4ndigen Seitenspr\u00fcngen zu tun hatte.<\/p>\n<p>Er leistete sich ja sogar eine Aff\u00e4re mit ihrer j\u00fcngeren Schwester Cristina. 1939 lie\u00df Frida sich scheiden, doch schon 1940 heirateten die beiden wieder, weil sie ohne einander nicht leben konnten. Dass auch sie es irgendwann mit der ehelichen Treue nicht mehr allzu genau nahm, ist hinl\u00e4nglich bekannt. Wie ungemein wichtig Rivera f\u00fcr die Malerin war, wird vor allem in den Gem\u00e4lden deutlich, auf denen er selbst zu sehen ist. Es gibt Selbstbildnisse von ihr, wo sie ein Konterfei Riveras auf der Stirn tr\u00e4gt wie ein drittes Auge, was deutlich macht, dass er ihr Denken und F\u00fchlen beherrschte.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist auch, wie sehr die Bewunderung und die Verehrung, die sie f\u00fcr ihren Mann empfand, mit der Zeit immer weiter zunahmen. In dem Gem\u00e4lde &#8218;Diego und Frida 1929\u20131944&#8216; malte sie einen Kopf, der sich aus ihrer linken und Diegos rechter Gesichtsh\u00e4lfte zusammensetzt, ein klarer Hinweis auf ihr Gef\u00fchl der inneren Zusammengeh\u00f6rigkeit, eine Verschmelzungsphantasie, k\u00f6nnte man sagen. Die Gesichtsh\u00e4lften erg\u00e4nzen einander wie die helle und die dunkle Seite des Mondes, die man im Bild ebenfalls sieht. In einer Tagebuchaufzeichnung von etwa 1947 nennt sie Diego ihren Vater, ihre Mutter, ihren Sohn, sie schreibt \u201eDiego = ich\u201c und sogar \u201eDiego Universum\u201c. Ihre Verehrung f\u00fcr ihn nahm zuweilen fast religi\u00f6se Z\u00fcge an.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Anfang der 1940er Jahre notierte die Malerin die Bedeutung ihrer Farben in ihrem Tagebuch. Muss man die Bedeutung ihrer Farben erst kennen, um ihre Bilder zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Nein, das muss man nicht. Die S\u00e4tze, die Frida Kahlo \u00fcber die Bedeutung der Farben notierte, bilden alles andere als eine systematisch ausgearbeitete, konsistente Farbtheorie, die ihren Gem\u00e4lden zugrunde l\u00e4ge. Es sind vielmehr assoziative und zum Teil widerspr\u00fcchliche Aussagen. Zum Beispiel schrieb sie \u00fcber die Farbe Gelb: \u201eIrrsinn, Krankheit, Angst. Teil der Sonne und der Freude\u201c. Bei jeder gelben Blume oder Frucht in Frida Kahlos Werk nun zu \u00fcberlegen, ob sie vielleicht Wahnsinn, Angst oder doch Freude signalisiert, w\u00e4re reichlich verfehlt. Mit der Farbe Blattgr\u00fcn (&#8218;Hoja Verde&#8216;) assoziierte sie: \u201eBl\u00e4tter, Traurigkeit, Wissenschaft. Ganz Deutschland hat diese Farbe\u201c.<\/p>\n<p>Traurigkeit, Wissenschaft, Deutschland \u00ad\u2013 diese Trias ist mindestens so interpretationsbed\u00fcrftig wie ihre Bilder selbst, was auch zu der Frage f\u00fchren w\u00fcrde, welches Bild von Deutschland die K\u00fcnstlerin denn hatte \u2013 nicht zu vergessen, dass ihr Vater Wilhelm Kahlo ein Deutscher war, ein Fotograf aus Pforzheim. Also, die Farbbedeutungen, die Kahlo in ihrem Tagebuch notierte, bieten keinen Generalschl\u00fcssel f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis ihrer Gem\u00e4lde. Dennoch ist es gut, sie zu kennen, weil man dann noch einmal genauer hinschaut und f\u00fcr sich selbst \u00fcberlegen kann, ob Bild und Text in \u00dcbereinstimmung zu bringen sind oder eben nicht.<\/p>\n<p>Wenn man zum Beispiel das hochsymbolische Gem\u00e4lde &#8218;Die Liebesumarmung des Universums, die Erde (Mexico), ich, Diego und Herr X\u00f3lotl&#8216; von 1949 anschaut, bemerkt man die unterschiedliche Farbigkeit der beiden Bildh\u00e4lften. Links dominiert Braun, die Erde, rechts findet sich ein giftiges, helles Gelbgr\u00fcn. Hier ist es schon aufschlussreich zu wissen, dass die Malerin notiert hatte: \u201e(Hellgelbgr\u00fcn) Mehr Irrsinn und Mysterien. Alle Gespenster tragen Kleider von dieser Farbe oder zumindest solche Unterw\u00e4sche.\u201c Aber wenn man auf manchen Selbstbildnissen Motive wie gelbgr\u00fcne Bl\u00e4tter oder Papageien bemerkt, wird man kaum annehmen d\u00fcrfen, dass es sich dabei um Gespenster handelt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Kahlo war auch sehr politisch, als \u00fcberzeugte Kommunistin stand sie zun\u00e4chst Trotzki nahe, mit dem sie auch eine Aff\u00e4re hatte, folgte dann aber Stalin, von dem sie sogar zwei Portraits malte. Vor allem ihre Hinwendungen zur vorkolonialen Kultur der Indios und folkloristischen sowie mythologischen mexikanischen Themen sind erst vor dem Hintergrund der verschiedenen kulturellen Debatten im Nachklang der mexikanischen Revolution begreifbar. Wie zeigt sich denn ihre tiefe Zuneigung zum kulturellen Erbe ihres Landes in ihren Bildern?<\/strong><\/p>\n<p>Peter Lodermeyer: &#8222;Die Verbundenheit mit ihrer Heimat zeigt sich in zahlreichen Bildsujets, die aus der Geschichte und der Volkskultur Mexikos stammen. So finden sich Motive wie Statuetten der pr\u00e4kolumbianischen Nayarit-Kultur oder der X\u00f3loitzcuintle, der Mexikanische Nackthund, der mit dem furchterregenden X\u00f3lotl, dem aztekischen Gott des Blitzes, des Feuers und des Todes, in Verbindung steht. Aus der Volkskultur stammen etwa die Skelette und Totenk\u00f6pfe, die vor allem vom ber\u00fchmten D\u00eda de los Muertos her bekannt sind, und die Judasfigur, die mit Feuerwerksk\u00f6rpern versehen ist und am Karsamstag rituell verbrannt wird. Manche Bilder Frida Kahlos sind volkst\u00fcmlichen Votivbildern nachempfunden, die man in Kirchen etwa zum Dank f\u00fcr die Heilung von Krankheiten anbrachte. Frida Kahlo und ihr Mann hatten eine Sammlung mit Hunderten dieser naiven Bildchen.<\/p>\n<p>Am auff\u00e4lligsten ist das Bekenntnis zur mexikanischen Kultur jedoch in ihrem Kleidungsstil, der Tehuana-Tracht, die sie seit der Hochzeit mit Diego Rivera meistens trug. Damit wollte sie ihre \u201eMexicanidad\u201c dokumentieren.\u00a0 Kleider im Tehuana-Stil, wie sie sie auch auf den meisten ihrer Selbstbildnisse tr\u00e4gt, zitieren die Tracht der Zapotekinnen im Bundesstaat Oaxaca. Diese Frauen hatten den Ruf, besonders stolz, sch\u00f6n und tapfer zu sein. Wenn man ganz streng ist, k\u00f6nnte man der K\u00fcnstlerin kulturelle Aneignung vorwerfen, einige Kritiker haben das auch tats\u00e4chlich getan, denn schlie\u00dflich war Kahlo keineswegs eine Angeh\u00f6rige der indigenen Zapoteken, der Urbev\u00f6lkerung Mexikos, sondern stammte aus dem vornehmen, westlich gepr\u00e4gten Coyoac\u00e1n, das 1929 zu einem Stadtbezirk von Mexiko-Stadt wurde.<\/p>\n<p>Interessant ist, dass k\u00fcrzlich die Sportartikelfirma Adidas Sandalen vom Markt nehmen musste, die ein traditionelles Motiv aus Oaxaca zitierten. Die Indigenen hatten dagegen Protest eingelegt und eine Entschuldigung des Konzerns erwirkt. Was \u00fcbrigens Frida Kahlos politische Haltung angeht, ist diese sicherlich der problematischste Aspekt ihrer \u00e4u\u00dferst faszinierenden K\u00fcnstlervita. Als sie starb, stand ein noch unvollendetes Portrait Stalins auf ihrer Staffelei. Man muss sich das einmal vorstellen: Sie und ihr Mann waren mit Leo Trotzki befreundet, sie hatte sogar eine kurze Aff\u00e4re mit ihm und schenkte ihm eines ihrer Selbstportraits. Dann wurde Trotzki am 20. August 1940 von Ram\u00f3n Mercader, einem Agenten des sowjetischen Geheimdienstes NKDW, mit einem Eispickel der Sch\u00e4del eingeschlagen, nur wenige Gehminuten von Kahlos Haus, der Casa Azul, entfernt. Dass sie Stalin, dem Auftraggeber dieses politischen Mordes, zuletzt noch ein Huldigungsbild widmete, ist ziemlich verst\u00f6rend und zeigt ihre unkritische Haltung zur kommunistischen Ideologie.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Nach ihrem Tod wurde es still um ihre Werke, erst durch die Frauenbewegung in den 1970er Jahren wurde sie wiederentdeckt. Heute ist sie eine Identifikationsfigur f\u00fcr Frauen auf der ganzen Welt. Woran macht man das fest?<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Peter Lodermeyer: Dazu zun\u00e4chst eine pers\u00f6nliche Beobachtung. 2024 wurde auf der Biennale in Venedig die Hauptausstellung \u201eStranieri Ovunque \u2013 Foreigners Everywhere\u201c\u00a0gezeigt, die von dem Brasilianer Adriano Pedrosa kuratiert wurde. In einem der Ausstellungsr\u00e4ume waren Dutzende, zum Teil gro\u00dfformatige Gem\u00e4lde zu sehen. Doch die Mehrzahl der Besucher versammelte sich vor einem winzigen, nur etwa 30 mal 25 Zentimeter messenden Bildchen: Frida Kahlos Selbstbildnis \u00b4Diego und ich` von 1949. Ich war mehrmals dort, jedesmal bildeten sich Schlangen davor. Der Andrang war so gro\u00df, dass eigens f\u00fcr dieses Bild eine Wachperson abgestellt war. Das Ganze hatte den Charakter einer Pilgerst\u00e4tte. Dort ist mir noch einmal deutlich geworden, dass Frida Kahlo l\u00e4ngst den Status einer Ikone innehat.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit bin ich im Netz auf einen Artikel gesto\u00dfen, in dem sie als \u201eKultfigur, Stilkone und Supergirl\u201c tituliert wurde. Bei einer so komplexen und widerspr\u00fcchlichen Pers\u00f6nlichkeit wie Frida Kahlo kann man zahlreiche Ansatzpunkte f\u00fcr Identifikation finden, sie ist eine Projektionsfigur f\u00fcr unterschiedlichste Anliegen. Die Feministinnen der 1970er-Jahre haben sie vor allem als Opfer ihres notorisch untreuen Ehemanns wahrgenommen, der in einem erheblichen Ma\u00dfe zu ihrer Leidensgeschichte beigetragen habe. Sp\u00e4ter hat man dann ihre Bisexualit\u00e4t hervorgehoben, die Tatsache, dass sie Liebesverh\u00e4ltnisse auch mit Frauen unterhielt. Das und auch die Bilder, die sie in M\u00e4nnerkleidung zeigen, haben die Aufmerksamkeit der queeren Community auf sich gezogen.<\/p>\n<div id=\"attachment_86607\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 287px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-86607 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Frida_Kahlo_self_portrait-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"277\" height=\"360\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Frida Kahlo mit Affen: Selbstportrait von 1940 &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Selbst k\u00f6rperliche Eigenheiten wie ihre zusammengewachsenen Augenbrauen und der Oberlippenflaum, den man auf vielen Fotos und Selbstbildnissen erkennen kann, hat man als Zeichen daf\u00fcr gefeiert, dass sie sich nicht an g\u00e4ngige weibliche Sch\u00f6nheitsnormen gehalten und sich selbst so angenommen habe, wie sie war \u2013 Stichwort <em>Body Positivity<\/em>. Da in den letzten Jahren Themen wie Postkolonialismus und nichteurop\u00e4ische Kunst, insbesondere aus dem Globalen S\u00fcden, im Kunstbetrieb sehr viel Beachtung finden, ist Kahlos \u201eMexicanidad\u201c, vor allem ihr an der Tehuana-Tracht orientierter Kleidungsstil, besonders hervorgehoben worden. Aber am meisten Bewunderung hat sie sicherlich daf\u00fcr erfahren, dass sie ihren k\u00f6rperlichen und seelischen Schmerz fruchtbar gemacht, dass sie sich mithilfe der Malerei gegen ihr Schicksal aufgelehnt und etwas Bleibendes geschaffen hat, und das in einer Kunstwelt, die damals noch ganz von M\u00e4nnern wie Diego Rivera dominiert war \u2013 Self-<em>Empowerment<\/em> w\u00e4re daf\u00fcr das modische Schlagwort.<\/p>\n<p><strong>Es gibt 143 Gem\u00e4lde von ihr, viele davon d\u00fcrfen nur in Mexiko gezeigt werden. Wie w\u00fcrden Sie heute ihre Werke beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><strong>Peter Lodermeyer:<\/strong> Man kann zun\u00e4chst einmal \u00fcber die Zahl 143 nachdenken. Ist das viel oder wenig? Wenn man zum Vergleich an einen Maler wie Edvard Munch denkt, der ja auch seine pers\u00f6nlichen Leiden und existenziellen Befindlichkeiten in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt hat, dann ist das schon ein Unterschied, denn sein Werkverzeichnis listet etwa 1.800 Gem\u00e4lde auf, dazu kommt noch ein riesiges druckgraphisches Werk. Dagegen erscheint Frida Kahlos \u0152uvre sehr klein. Aber wenn man bedenkt, dass selbst von einem weltber\u00fchmten Maler wie Johannes Vermeer wohl nur 36 oder 37 oder von Caravaggio etwa 70 Bilder auf uns gekommen sind, relativiert sich das wieder.<\/p>\n<p>Und man darf nicht vergessen, dass Frida Kahlo unter erschwerten gesundheitlichen Bedingungen gemalt hat und nur 47 Jahre alt geworden ist. Zweifellos gibt es zwischen den 143 Gem\u00e4lden Qualit\u00e4tsunterschiede. Etliche Bilder wirken nicht ausgereift, gerade in ihren Anf\u00e4ngen als Malerin, und dann lie\u00dfen in den letzten Lebensjahren ihre Kr\u00e4fte doch merklich nach. Aber es gibt mindestens zwei oder drei Dutzend Gem\u00e4lde, die nicht ohne Grund einen geradezu ikonischen Status erlangt haben und ins kollektive Bildged\u00e4chtnis eingegangen sind.<\/p>\n<p>Diese Arbeiten lassen einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil mit hohem Wiedererkennungswert erkennen, sie ber\u00fchren nach wie vor emotional, und das sicherlich deshalb, weil hier menschliche Grundbefindlichkeiten wie Verletzlichkeit, Schmerz, Trauer, Liebe, Eifersucht, aber auch ein unb\u00e4ndiger Lebenswille in eindr\u00fccklicher Weise zum Thema werden. Wenige Tage vor ihrem Tod am 13. Juli 1954 vollendete sie ein Stillleben mit Wassermelonen, das den Titel &#8218;Viva la Vida&#8216; tr\u00e4gt: Es lebe das Leben!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_86603\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-86603 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Portraetfoto-Lodermeyer-Privat-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"298\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Kunsthistoriker Peter Lodermeyer &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Peter Lodermeyer<\/h4>\n<p>Der Kunsthistoriker, Autor, Kritiker und Kurator Dr. Peter Lodermeyer lehrt Kunstgeschichte in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Design und Kunst an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frida Kahlo ist eine der bekanntestsn und bedeutensten Malerinnen Lateinamerikas. Ein Verkehrsunfall spielte in ihrem normalen, aber auch im K\u00fcnstlerleben eine bedeutende Rolle. \u00dcber die interessante K\u00fcnstlerin hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit dem Kunsthistoriker Peter Lodermeyer unterhalten.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-86599","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-04 11:25:03","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86599","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=86599"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86599\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":86613,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/86599\/revisions\/86613"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=86599"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=86599"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=86599"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}