{"id":85351,"date":"2025-07-14T11:23:40","date_gmt":"2025-07-14T09:23:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=85351"},"modified":"2025-07-14T11:23:40","modified_gmt":"2025-07-14T09:23:40","slug":"zensur-und-verbote-in-kunstwerken-der-neuzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/07\/14\/zensur-und-verbote-in-kunstwerken-der-neuzeit\/","title":{"rendered":"Zensur und Verbote in Kunstwerken der Neuzeit"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_85355\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-85355 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Foto-Lehmann-privat.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"577\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Doris Lehmann, Kunsthistorikerin an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 privat Foto: Privat<\/span><\/div>\n<p><strong>Sie haben sich gerade in Ihrem neuen Buch mit 18 F\u00e4llen von K\u00fcnstlerstreitigkeiten im Zeitraum von 1525 bis 1763 besch\u00e4ftigt, die sich in ihren Werken widerspiegeln. Wie hat man denn damals bildlich oder grafisch gestritten?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Es gab kein Patentrezept f\u00fcr den Entwurf eines Streitbildes, also eines Kunstwerks, das einen anschaulichen Beitrag zur Austragung einer Auseinandersetzung leistete. Streit lief damals ja auch nicht emotionslos ab, K\u00fcnstler sind auch nur Menschen. Die Ergebnisse waren darum ebenso unterschiedlich wie die beteiligten Personen, die jeweiligen Umst\u00e4nde und der Ausl\u00f6ser. Klar unterscheidbar sind zwei M\u00f6glichkeiten der Streitf\u00fchrung: entweder wurde ein bildpolemisches Detail in ein Kunstwerk integriert, solche Beispiele finden sich sogar in Auftragsarbeiten. Oder aber ein ganzes Objekt wurde in Reaktion auf den Streit eigens angefertigt. Die Bandbreite reicht vom komplexen allegorischen Gem\u00e4lde \u00fcber eine Zeichnung, die einem Brief beigelegt wurde, bis hin zum gedruckten K\u00fcnstlerpamphlet. Es gab auch Antikritiken, also Kunstwerke, die als Entgegnung auf ein vorangegangenes Streitbild angefertigt wurden.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Es geht dabei um den kreativen Umgang mit Verleumdung, Zensur und moralischen Verboten beleidigender Personendarstellungen. Wie erkennt man sowas heute?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Es gibt verschiedene M\u00f6glichkeiten solche Beispiele zu erkennen. Zum einen gibt es historisch dokumentierte F\u00e4lle, in denen uns erhaltene Briefe, Pamphlete oder Gerichtsakten auf umstrittene Darstellungen hinweisen. F\u00fcr die Lesbarkeit einiger Motive sorgten die streitlustigen K\u00fcnstler selbst, indem sie sich auf Schimpf- und Sprichw\u00f6rter bezogen. Vergleiche und Bildanalysen zeigen zudem den besonders spannenden Bereich der Selbstzensur: heikle Motive wurden getilgt oder an eine tolerable Stelle verschoben. Schwieriger zu erkennen waren und sind doppel- oder mehrdeutige Zeichen, mit denen versucht wurde die Zensur zu umgehen. Entdecken k\u00f6nnen wir diese, weil sie wie Webfehler die Blicke auf sich ziehen, zum Nachdenken anregen und die Aufmerksamkeit vom Hauptgegenstand auf den Streit lenken.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_85359\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-85359 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Der-barmherzige-Samariter-von-Rembrandt-1633-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"598\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der barmherzige Samariter von Rembrandt (1633) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><strong>Welche Leitmotive der Bildsprache nutzten K\u00fcnstler denn z. B., um ihre Kritik zu \u00e4u\u00dfern?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Ein wichtiges Thema war die Ignoranz von Auftraggebern oder Kritikern. Als Motiv zeigten dies Midasohren: die \u00e4hneln Eselsohren und werden oft mit diesen verwechselt. Inhaltlich verschiebt der Unterschied aber die Aussage, denn Midas war ein legend\u00e4r schlechter Richter. Der Verweis auf ihn eignete sich also exzellent, um Gegnern Kritikkompetenz abzusprechen. Auch die Inszenierung von Augenfehlern diente als Sinnbild fehlender Urteilsf\u00e4higkeit. Ein ungenutztes Ruder hingegen klagte fehlende F\u00fchrungskompetenz an. Der Vorwurf der Faulheit wurde getarnt als Schlaf. Satyrn repr\u00e4sentierten Spott und Verleumdung. Da es meistens auch um Zahlungsmoral ging, finden wir oft (Geld-)S\u00e4cke im Bild.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Als ein Motiv f\u00fcr Kritik werden auch h\u00e4ufig bildliche Darstellungen von Hunden eingesetzt. Welche Bedeutung hatten sie in Bildern?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Hunde z\u00e4hlen zu den mehrdeutigen Motiven. Wenn sie bildpolemisch eingesetzt wurden, dann stehen ihre Darstellungen in einer moralphilosophischen Tradition, die auf die respekt- und schamlose Kritik von Kynikern wie Diogenes und Zoilos zur\u00fcckgeht. Kyniker hielten sich als Au\u00dfenseiter der Gesellschaft nicht an deren Regeln und wiesen auf soziale Missst\u00e4nde hin. Das Sprichwort \u201eDer Hund ist k\u00fchn auf seinem Mist\u201c, das im Umfeld des Humanisten Erasmus von Rotterdam nachweisbar ist, rechtfertigte beispielsweise Rembrandts Darstellung eines Hundes, der sein Gesch\u00e4ft verrichtet. Die damit verkn\u00fcpfte Aussage war: mein Kritiker ist keine Autorit\u00e4t in Kunstfragen, auch wenn er sich daf\u00fcr h\u00e4lt. So ein Kommentar war zwar nicht edel aber eindeutig.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_85358\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-85358 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Druck-aus-der-Serie-La-Carceri-dinventione-1761-von-Giovanni-Battista-Piranesi.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"550\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Druck aus der Serie \u00b4Die erfundenen Gef\u00e4ngnisse` (1761) von Giovanni Battista Piranesi &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><strong>Welche Auswirkungen konnte denn so ein bildpolemischer K\u00fcnstlerstreit haben? Kann man das heute noch herausfinden?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Ja, es gibt Belege wie Briefe oder Gerichtsakten zu Auswirkungen bildpolemischen K\u00fcnstlerstreits. Eine Anzeige konnte zur Beschlagnahmung des Werkes, einer Zensur und einer Ehrenstrafe f\u00fchren. Federico Zuccari musste sich in einem Verleumdungsprozess verantworten, nachdem er mit einem Gem\u00e4lde und dessen Erl\u00e4uterung Personen aus dem Umfeld von Papst Gregor XIII. beleidigt hatte. 1581 verbannte das p\u00e4pstliche Tribunal den Maler aus dem Kirchenstaat. Andere Maler wie Rembrandt hingegen wurden nicht belangt, verprellten aber Auftraggeber und b\u00fc\u00dften Unterst\u00fctzung ein.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Jeder K\u00fcnstler musste besonders kreativ sein, wenn es darum ging, f\u00fcr seine kritischen und beleidigenden \u00c4u\u00dferungen nicht belangt zu werden. K\u00f6nnen Sie da mal ein Beispiel nennen?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Giovanni Battista Piranesi ist ein herausragendes Beispiel f\u00fcr einen Grafiker, der die Zensur wiederholt umging. Es ist bekannt, dass er verbotene Drucke verkaufte, verschickte und archivierte. F\u00fcr sein Pamphlet lie\u00df er den Text in Florenz drucken und heimlich nach Rom bringen. Er verbreitete sogar eine zweite Auflage desselben, daf\u00fcr \u201eentsch\u00e4rfte\u201c er brisante Bilddetails, indem er Druckplatten \u00fcberarbeitete und Inschriften tilgte, die ihn in Gefahr bringen konnten. Zeitgenossen konnten die abgek\u00fcrzten Namen dennoch ohne gro\u00dfe Schwierigkeiten identifizieren.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_85360\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-85360 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/91b2YjMRG7L._SL1500_.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"658\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Bildpolemischer K\u00fcnstlerstreit &#8211; Von Leonbruno bis Hogarth &#8211; Doris H. Lehmann &#8211; Verlag &#8222;ad picturam&#8220; &#8211; 398 Seiten &#8211; ISBN-10: 3942919052 &#8211; ISBN-13: 978-3942919050<\/span><\/div>\n<p><strong>Sie schreiben in ihrem Buch, dass die K\u00fcnstler es verstanden, ihre Kunstwerke als Medium des Streits bis hin zur Waffe gegen den Gegner einzusetzen. Wie muss ich mir das vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Wir m\u00fcssen uns klar machen, wie massiv Gef\u00fchle und Ehre durch pers\u00f6nlich adressierte Bilder verletzt werden k\u00f6nnen. Deswegen wurde die Anfertigung schimpflicher und sch\u00e4ndlicher Gem\u00e4lde verboten. Wenn K\u00fcnstler in Reaktion auf Kritik an ihrer Arbeit Gewaltfantasien visualisierten und ausstellten oder verbreiteten, dann waren die emotionale Kr\u00e4nkung des Gegners und seine gesellschaftliche Abwertung das Ziel. Die Bildtradition stammt aus dem Mittelalter und die Angst hiervor haben K\u00fcnstler gesch\u00fcrt, indem sie entsprechende Erz\u00e4hlungen in der Erinnerungskultur verankert haben. Solche Anekdoten sind bis heute weit verbreitet. Schauen wir in das von Piranesi ausgestattete Pamphlet, so finden wir eine ganze Ansammlung symboltr\u00e4chtiger Ehrenstrafen, darunter die prominente Inszenierung des zerschlagenen Familienwappens seines ehemaligen Auftraggebers. Das zielte bildsprachlich auch unter die G\u00fcrtellinie. Friedliche Konfliktl\u00f6sungen sehen so nicht aus.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche weiteren Forschungsm\u00f6glichkeiten bietet ihr neuer Zugang zu Bildwerken f\u00fcr die Wissenschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Doris Lehmann: &#8222;Methodisch und thematisch er\u00f6ffnen sich Forschungsfelder und neue Perspektiven f\u00fcr k\u00fcnstlersozialgeschichtliche Untersuchungen und die interdisziplin\u00e4re Kontroversenforschung. Es gibt zum Beispiel noch keine vernetzte Forschung speziell zu K\u00fcnstlerpamphleten. Ich selbst forsche bereits weiter zum K\u00fcnstlerstreit nach 1763. Da gibt es noch viel wiederzuentdecken und aufzuarbeiten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_85356\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-85356 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Foto-Lehmann-privat-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"271\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Kunsthistoriker Dr. Doris Lehmann &#8211; \u00a9 Privat<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Doris H. Lehmann<\/h4>\n<p>Dr. Doris H. Lehmann ist gelernte Fotografin und studierte Kunstgeschichte, Klassische Arch\u00e4ologie, Provinzialr\u00f6mische Arch\u00e4ologie und Lateinische Philologie an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln und wurde 2005 ebenda promoviert. 2018 habilitierte sie sich an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t Bonn mit einer Arbeit zu den Streitstrategien bildender K\u00fcnstler in der Neuzeit und ist seitdem Privatdozentin. Seit Oktober 2018 lehrt sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunstgeschichte an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Rolle spielen Zensur und Verbote in Kunstwerken der Neuzeit? Dar\u00fcber hat sich Autor Uwe Blass in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit der Kunstdozentin Dr. Doris Lehmann von der Bergischen Universit\u00e4t unterhalten, die gerade ihr neues Buch mit dem Titel \u201eBildpolemischer K\u00fcnstlerstreit\u201c ver\u00f6ffentlicht hat. <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-85351","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-25 15:01:44","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85351"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85351\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85364,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85351\/revisions\/85364"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}