{"id":84223,"date":"2025-05-27T16:11:50","date_gmt":"2025-05-27T14:11:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=84223"},"modified":"2025-06-01T11:10:14","modified_gmt":"2025-06-01T09:10:14","slug":"100-geburtstag-von-bariton-dietrich-fischer-dieskau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/05\/27\/100-geburtstag-von-bariton-dietrich-fischer-dieskau\/","title":{"rendered":"100. Geburtstag von Bariton Dietrich Fischer-Dieskau"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_84226\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-84226 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Pressefoto-Erlach.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"598\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Thomas Erlach, Musikp\u00e4dagoge an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p><strong>Leonard Bernstein nannte ihn: \u201eThe most significant singer of the 20th century\u201c. Wie kam er zu dieser Einsch\u00e4tzung?<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Bernstein wusste, was er sagt, denn er war selbst ein Ausnahmemusiker und erkannte in seinem etwas j\u00fcngeren deutschen Kollegen einen ebenb\u00fcrtigen Partner, mit dem er auch gelegentlich zusammen auftrat und Schallplatten einspielte. Fischer-Dieskau besa\u00df das optimale Gesamtpaket an musikalischer Intelligenz: eine wohlklingende Stimme, eine erstaunliche Technik, Sinn f\u00fcr Sprache und Lautf\u00e4rbung, Begabung f\u00fcr Schauspiel und Charakterzeichnung und, wie Bernstein, gro\u00dfe Vermittlungsqualit\u00e4ten. W\u00e4hrend viele Stars\u00e4nger Ten\u00f6re sind und waren, war \u201eFiDi\u201c, wie er unter Kollegen oft genannt wurde, ein Bariton, also die mittlere m\u00e4nnliche Stimmlage zwischen Tenor und Bass. Dar\u00fcber \u00e4u\u00dferte er einmal etwas launig: \u201eDer Bariton ist ein Zwitter und verbringt sein Leben im Niemandsland zwischen Lyrik und Dramatik.\u201c<\/p>\n<p>Er stammte zwar nicht aus einer Musikerfamilie, aber aus einem musikfreundlichen Elternhaus. Schon als Kind f\u00fchrte er zu den Kl\u00e4ngen einer Schallplatte mit seinem Puppentheater den &#8218;Freisch\u00fctz&#8216; (eine Oper von Carl Maria von Weber) auf. Zun\u00e4chst wollte er n\u00e4mlich lieber dirigieren als singen, was er dann viel sp\u00e4ter, mit knapp 50 Jahren, auch tats\u00e4chlich verwirklichte. Seine Gesangsausbildung begann er mit 16, ein erster \u00f6ffentlicher Auftritt fand 1942 in Berlin statt. Schon damals sang er fast die gesamte &#8218;Winterreise&#8216;, aber das Konzert musste wegen eines dreist\u00fcndigen Fliegerangriffs unterbrochen werden und wurde anschlie\u00dfend fortgesetzt. Sicher eine pr\u00e4gende Erfahrung f\u00fcr ein Debut in diesem Alter.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Er wurde dann zur Wehrmacht eingezogen und unter anderem in Russland bei einer Veterin\u00e4reinheit zur Rettung von verletzten Armeepferden eingesetzt, denen er zur Beruhigung etwas vorsang. Sp\u00e4ter studierte er an der Berliner Musikhochschule, was aber eine untergeordnete Rolle in seiner Berufsausbildung spielte, denn die F\u00f6rderung und Beratung durch den Dirigenten Wilhelm Furtw\u00e4ngler und andere Mentoren waren f\u00fcr ihn wichtiger. Heinz Tietjen, Intendant der Berliner Oper, an der FiDi ab 1948 auftrat, erm\u00f6glichte ihm eine vielseitige Karriere, da er ihn f\u00fcr Konzerte vom regul\u00e4ren Spielbetrieb beurlaubte \u2013 schon damals ein seltenes Privileg. Fischer-Dieskau leistete au\u00dferdem, ohne gro\u00dfes Aufsehen darum zu machen, wichtige Beitr\u00e4ge zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. So wirkte er 1962 bei der Urauff\u00fchrung von Benjamin Brittens <em>War Requiem<\/em> in der wieder aufgebauten Kathedrale von Coventry mit und war 1971 der erste deutsche K\u00fcnstler, der in Israel auftrat.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ein erster H\u00f6hepunkt in seiner Karriere war seine Darstellung des Wolfram im <em>Tannh\u00e4user<\/em> 1954 in Bayreuth unter dem Dirigat von Wilhelm Furtw\u00e4ngler. \u00d6ffnete ihm das die T\u00fcren zu den ganz gro\u00dfen Opernh\u00e4usern?<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Ja, aber er trat als Operns\u00e4nger vorwiegend im deutschsprachigen Raum in Erscheinung, w\u00e4hrend er international vor allem mit seinen Kunstlied-Interpretationen bekannt wurde. Um Opernrollen bewarb er sich nicht, sie wurden ihm angetragen, und er war durchaus w\u00e4hlerisch, wenn es ihm m\u00f6glich war. Am liebsten sang er immer nur eine Opernpartie gleichzeitig, um konzentrierter dabei zu sein \u2013 etwas, das im normalen deutschen Repertoirebetrieb eigentlich nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Er hatte ein paar Idealpartien, nach eigener Aussage waren das: Almaviva (in Mozarts <em>Figaro<\/em>), Wolfram, Falstaff und Mandryka (in Strauss\u2018 <em>Arabella<\/em>). Bestimmte Leid ausdr\u00fcckende Musik (Schuberts <em>Winterreise<\/em>, Brahms\u2018 <em>Vier ernste Ges\u00e4nge<\/em> und Opernrollen wie <em>Wozzeck<\/em> und <em>Lear<\/em> von Aribert Reimann) konnte er besonders \u00fcberzeugend verk\u00f6rpern, sicherlich auch aufgrund eigener Erfahrungen im Krieg und durch den fr\u00fchen Tod seiner ersten Frau, die bei einer Geburt starb. Einige Wagner-Rollen \u00fcbernahm er auch gerne, vor allem, wie erw\u00e4hnt, Wolfram, aber auch Hans Sachs (in den <em>Meistersingern<\/em>) und Amfortas (im <em>Parsifal<\/em>), also gro\u00dfe Partien, die Reife und Entsagung verk\u00f6rpern. Nur an Wotan (in <em>Walk\u00fcre<\/em> und <em>Siegfried<\/em>) traute er sich nicht heran, da ihm nach eigener Aussage daf\u00fcr die \u201edurchschlagende Tiefe\u201c fehlte.<\/p>\n<div id=\"attachment_84228\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 340px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-84228 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Dietrich_Fischer-Dieskau.jpg\" alt=\"\" width=\"330\" height=\"439\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dietrich Fischer-Dieskau (1985) &#8211; \u00a9 CC BY 4.0<\/span><\/div>\n<p>Sein Opern-Repertoire umfasste \u00fcber 70 Partien, er sang auch seltener gespielte Werke, z. B. Bizets <em>Perlenfischer<\/em>, Busonis <em>Faust<\/em> oder Wolfgang Fortners <em>Bluthochzeit<\/em>, und setzte sich f\u00fcr Opern des 20. Jahrhunderts ein, auch f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Neukompositionen. Interessant ist auch sein Eintreten f\u00fcr Auff\u00fchrungen in Originalsprache \u2013 damals ein Novum im Opernbetrieb \u2013 auch wenn er die Partien phonetisch lernen musste (z. B. sang er Bart\u00f3ks <em>Blaubart<\/em> auf Ungarisch). Hingegen war er skeptisch gegen\u00fcber einer zu \u201emodernen\u201c Opernregie, die dem Werk nicht dienen will und h\u00e4ufig auf Unkenntnis der Musik beruht. Er empfand solche Konzepte als ideologisch (\u201eAgitpropaganda\u201c), denn in der Oper ist f\u00fcr ihn die Musik vorrangig.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sein Repertoire umfasste etwa dreitausend Lieder von etwa hundert verschiedenen Komponisten. Das kann man kaum glauben, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Ja, nach eigener Aussage hat er rund 1.500 Lieder auswendig gesungen, zus\u00e4tzlich zu den bereits erw\u00e4hnten Opernrollen. Seine besondere Zuneigung galt den Klassikern des deutschen Kunstliedes, also Schubert, Schumann, Brahms und Hugo Wolf. Er machte sich aber auch f\u00fcr damals wenig beachtete Liedzyklen stark wie die <em>Lieder eines fahrenden Gesellen<\/em> von Gustav Mahler, die durch die NS-Zeit aus dem Konzertbetrieb verdr\u00e4ngt waren. Es gelang ihm 1951, den Dirigenten Furtw\u00e4ngler von deren Qualit\u00e4t zu \u00fcberzeugen und machte sie dadurch dem Publikum erst richtig bekannt. Eine Besonderheit bei Fischer-Dieskau war auch seine damals ungew\u00f6hnliche Programmgestaltung. Bei Liederabenden brach er mit dem damals \u00fcblichen \u201eKessel Buntes\u201c und f\u00fchrte stattdessen durchdachte Zusammenstellungen von Liedern eines einzigen Komponisten, Lieder zu Texten eines einzigen Dichters oder innovative Kombinationen wie Schubert und Anton Webern auf, also \u00e4ltere und neuere Werke, die sich gegenseitig spiegeln sollten. Das f\u00f6rderte sicherlich das intellektuelle Niveau der Konzerte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Er gilt als einer der ber\u00fchmtesten Vertreter des Kunstliedes. Was ist das genau? <\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Kunstlieder sind Vertonungen lyrischer Gedichte f\u00fcr eine Singstimme und Klavier, vor allem aus der Zeit zwischen 1800 und 1950. Anders als z. B. Volkslieder oder Popsongs sind es stets in Notenschrift verbindlich fixierte Werke, deren fachgerechte Ausf\u00fchrung eine klassisch ausgebildete Stimme und einen entsprechend vorgebildeten Pianisten voraussetzt. Diese Gattung wurde vor allem von deutschsprachigen Komponisten gepflegt, beginnend mit Franz Schubert, endend mit Richard Strauss, seitdem liegt die Produktion eher brach. \u201eLiederabende\u201c, auf denen Kunstlieder aufgef\u00fchrt werden, sind ein Teil der europ\u00e4ischen b\u00fcrgerlichen Musikkultur und fanden anfangs im privaten Rahmen als sogenannte \u201eSchubertiaden\u201c, sp\u00e4ter in Konzerts\u00e4len vor gr\u00f6\u00dferem (und zahlendem) Publikum statt. Durch den Siegeszug der Tontr\u00e4ger und sp\u00e4ter des Internets hat die Anzahl solcher Liederabende in Deutschland stark abgenommen. Zu Beginn von Fischer-Dieskaus Karriere fanden aber noch h\u00e4ufiger Liederabende statt, auch in kleineren deutschen St\u00e4dten.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_84232\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-84232 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/71NRgJiNtFL._SL1425_.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"500\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dietrich Fischer-Dieskau &#8211; A Centenary Tribute &#8211; Somm Recordings &#8211; ASIN: BODYPDJBRS<\/span><\/div>\n<p><strong>Das Besondere an seinen Interpretationen war die saubere Diktion. Dazu sagte er selber einmal: \u201eMir wurde ja \u00fcbelgenommen, dass man mich verstand, dass der Text deutlich ausgesprochen wurde\u201c. Hat er da im Musikgesch\u00e4ft ein Tabu gebrochen?<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: Fischer-Dieskau betrachtete eine gute Textdeklamation als Teil des s\u00e4ngerischen Handwerks. Sprache und Gesang sollen miteinander verschmelzen und eine Einheit bilden. Damit grenzte er sich von einer Gesangstradition ab, die ausschlie\u00dflich auf einen sch\u00f6nen Stimmklang setzte, aber Textverst\u00e4ndlichkeit und sinngem\u00e4\u00dfe Interpretation hintanstellte. \u201eFiDi\u201c wollte vor allem die bekannten Schubert-Lieder von einer Auff\u00fchrungstradition befreien, die er als \u201es\u00fc\u00dflich und sentimental\u201c empfand. Die Fachpresse schrieb \u00fcber seine Interpretation der <em>Sch\u00f6nen M\u00fcllerin<\/em>, sie sei \u201emehr vom Intellekt als vom Gef\u00fchl gezeichnet\u201c, gleichzeitig wurden aber seine Pr\u00e4zision und sein Stimmsitz gelobt.<\/p>\n<p>Interessant ist ein Vergleich zwischen Fischer-Dieskau und seinem ber\u00fchmten \u201eRivalen\u201c Hermann Prey, auch einem Bariton, der zudem ein \u00e4hnliches Repertoire pflegte. Beide S\u00e4nger verstanden sich gut und betrachteten die Konkurrenz als herausfordernd, hatten aber in der Interpretation unterschiedliche Schwerpunkte. Fischer-Dieskau bezeichnete Prey in einem Interview aussagekr\u00e4ftig als \u201eOhrenschmeichler\u201c. In jedem Fall kann man Fischer-Dieskau als einen sehr selbstkritischen S\u00e4nger bezeichnen. Er h\u00f6rte gerne und oft Schallplatten mit eigenen und fremden Aufnahmen, um seinen Klang und seine Interpretation zu \u00fcberpr\u00fcfen und sich k\u00fcnstlerisch weiterzuentwickeln.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Unter seinen internationalen Preisen sind auch sechs Grammys bei insgesamt 25 Nominierungen. Hat Fischer-Dieskau sozusagen das \u201eKunstlied\u201c in die Welt getragen?<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: Das kann man schon sagen. Fischer-Dieskau hat mit etwa 150 Klavierbegleitern zusammen musiziert. 1951 hatte er seine erste Begegnung mit Gerald Moore, den er sp\u00e4ter als \u201eK\u00f6nig der Begleiter\u201c bezeichnete, mit dem er fast 20 Jahre lang zusammen auftrat und in der Zeit um 1970 s\u00e4mtliche Schubert-Lieder f\u00fcr M\u00e4nnerstimme auf Schallplatte einspielte, das sind \u00fcber 500 teilweise sehr selten gespielte Lieder. Diese Aufnahmen zeichnen sich durch rhythmische Pr\u00e4gnanz und optimale Abstimmung aus, sind also musterg\u00fcltig und pr\u00e4zise ausgearbeitet. Die beiden ber\u00fchmtesten Schubert-Zyklen <em>Winterreise<\/em> und <em>Sch\u00f6ne M\u00fcllerin<\/em> hat er sogar mehrmals komplett aufgenommen. Er hat aber niemals einen Exklusivvertrag mit einem Plattenlabel abgeschlossen, weil er als K\u00fcnstler ein freier Mensch bleiben wollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_84233\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-84233 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/41hWQklXe9L.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"570\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dietrich Fischer-Diskau &#8211; Hans A. Neunzig &#8211; Henschel Verlag in E.A. Seemann Henschel GmbH &amp; Co. KG &#8211; 207 Seiten &#8211; ISBN-10: 3894874996 &#8211; ISBN-13: 978-3894874995<\/span><\/div>\n<p>Seine Musikpartner berichten, dass er sich auch bei Live-Auff\u00fchrungen in Tempo und Nuancen genau an die Absprachen bei den Proben hielt, aber dabei niemals pedantisch war. Dem s\u00e4ngerischen Nachwuchs riet er an, mit dem Studium von Kunstliedern zu beginnen und erst sp\u00e4ter zum Opernstudium \u00fcberzugehen, da das Opernsingen die Stimme st\u00e4rker belastet und der Opernbetrieb zudem mit sch\u00e4dlicher Routine verbunden ist. Bez\u00fcglich der Zukunft des Kunstlieds als Kompositionsgattung war er allerdings skeptisch. Anders als im Bereich der Oper glaubte er nicht, dass es hier k\u00fcnftig noch wesentliche Neukompositionen geben werde \u2013 da k\u00f6nnte er Recht behalten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Nach seinem Tod \u00fcberschl\u00e4gt sich die Presse mit Superlativen. Le Monde in Paris beschreibt seine Gesangskunst z. B. als \u201ean ein Wunder grenzend\u201c. Kolleginnen und Kollegen loben seine \u201efreundschaftliche\u201c, aber auch \u201enat\u00fcrliche Autorit\u00e4t\u201c.\u00a0 Was hatte der Mann, was Anderen fehlt?<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: &#8222;Schon rein \u00e4u\u00dferlich war Fischer-Dieskau eine respektable Erscheinung: \u00dcber 190 cm gro\u00df, gepflegt und beweglich, ernsthaft, zur\u00fcckhaltend und ruhig im Ton. Er galt als etwas menschenscheu, mochte keine Publicity, trat nicht gerne im Fernsehen auf und gab wenig aus seinem Privatleben preis \u2013 also das Gegenteil eines heutigen Influencers. In Interviews \u00e4u\u00dferte er sich h\u00e4ufig sehr bescheiden und verbat sich Fragen auf Illustrierten-Niveau. Nach eigener Aussage hatte er kein Sendungsbewusstsein, aber viele Selbstzweifel, wollte nur dem Werk dienen und erlebte keine gro\u00dfen Sinnkrisen.<\/p>\n<p>Er pflegte intensive Freundschaften mit ausgew\u00e4hlten Menschen, vorwiegend K\u00fcnstlern. Seine Lebensweise war sehr diszipliniert: an Konzerttagen sprach und lachte er wenig, um die Stimme zu schonen, er trieb wenig Sport, h\u00fctete sich vor Zugluft und Klimaanlagen und mied lange \u201eNachtsitzungen\u201c nach Auff\u00fchrungen mit Rauch und Alkohol. Er war eher ein unpolitischer Mensch, arbeitete an sich und am Kunstwerk, galt mitunter als etwas humorlos und \u201eteutonisch\u201c ernst, war aber auf der B\u00fchne charismatisch und fesselte die Aufmerksamkeit des Publikums.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Obwohl er bereits 2012 verstarb, ist er bis heute eine Autorit\u00e4t im Klassischen Gesang. Woran merkt man das?<\/strong><\/p>\n<p>Thomas Erlach: Er ist bis heute pr\u00e4sent in Referenzaufnahmen, die nach wie vor weit verbreitet sind, und in der gesangsp\u00e4dagogischen Praxis. Sicherlich liegt das vor allem an seinem Streben nach Werktreue, seinem Anspruch an eine sinnvolle Zusammenstellung von Konzertprogrammen, an seinem Kampf gegen \u201eRoutine\u201c, also Schlendrian im Konzert- und Opernbetrieb, an seiner Forderung, jede neue Einstudierung m\u00fcsse so engagiert erfolgen wie bei der Erstauff\u00fchrung. Aber auch an seiner Vielseitigkeit: er malte auch und schrieb zahlreiche B\u00fccher \u00fcber Musik, besch\u00e4ftigte sich also mit Kontexten, Hintergr\u00fcnden und Zusammenh\u00e4ngen \u2013 ein \u201ewissender S\u00e4nger\u201c.<\/p>\n<p>Rein organisatorische Aufgaben delegierte er an einen Privatsekret\u00e4r, was ein Vorbild f\u00fcr alle geistig arbeitenden Menschen sein k\u00f6nnte. Einflussreich ist sicher auch seine musikp\u00e4dagogische T\u00e4tigkeit \u2013 er war seit 1983 Professor an der Berliner Musikhochschule und gab zahlreiche Meisterkurse, die zum Teil gefilmt wurden und heute im Internet zu finden sind. Er w\u00fcnschte f\u00fcr angehende S\u00e4nger eine vielseitige Ausbildung mit fundierten musikhistorischen Kenntnissen und trennte im Unterricht nicht zwischen \u201eGesang\u201c und \u201eInterpretation\u201c, sondern betrachtete beides als Einheit.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_84227\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-84227 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Pressefoto-Erlach-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"283\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Thomas Erlach &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Thomas Erlach<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Thomas Erlach ist seit 2014 Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Didaktik der Musik an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28. Mai 1925 wurde in Berlin der deutsche Bariton Dietrich Fischer-Dieskau geboren. Mit \u00fcber 400 Schallplattenproduktionen gilt er als der S\u00e4nger, von dessen Interpretationen auf Tontr\u00e4gern die meisten Einspielungen existieren. Grund genug f\u00fcr Autor Uwe Blass, sich Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit dem Musikwissenschaftler Thomas Erlach \u00fcber den bedeutendsten Bariton des 20. 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