{"id":83797,"date":"2025-05-09T13:44:29","date_gmt":"2025-05-09T11:44:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=83797"},"modified":"2025-05-16T11:58:09","modified_gmt":"2025-05-16T09:58:09","slug":"die-bedeutung-von-licht-und-farben-in-unserer-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/05\/09\/die-bedeutung-von-licht-und-farben-in-unserer-welt\/","title":{"rendered":"Die Bedeutung von Licht und Farben in unserer Welt"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_83801\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83801 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Axel-Buether-Presse.png\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"733\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Axel Buether, lehrt Didaktik der visuellen Kommunikation an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Martin Japp<\/span><\/div>\n<p>Autor Uwe Blass hat sich mit Axel Buether, dem Erkl\u00e4rer der Farben und Deutschlands f\u00fchrender Farbexperte, im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; \u00fcber dieses spannende, &#8222;Farbige&#8220; Thema unterhalten.<\/p>\n<p>Axel Buether: \u201eIch habe tats\u00e4chlich mit einer Handwerksausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer angefangen, bevor ich Architektur studiert habe\u201c, beginnt der Wissenschaftler. Er arbeitete als Restaurator in Kathedralen, die ihn nachhaltig beeindruckten. \u201eWenn das Licht durch so ein gotisches Fenster f\u00e4llt, dann merkt man, diese Kirche l\u00e4sst sich nicht durch die Steine, die ich einsetze, erkl\u00e4ren, sondern die besteht aus Atmosph\u00e4ren von Farben und Licht, die dann den ganzen Innenraum illuminieren.\u201c<\/p>\n<p>Der Raum schaffe w\u00e4hrend der Gottesdienste eine transzendente Atmosph\u00e4re und verbinde den gl\u00e4ubigen Menschen mit seinem Gott. Nur so k\u00f6nne man auch die H\u00f6he eines solchen Sakralbaus erkl\u00e4ren, der nicht, wie in der Moderne, nach zwei Meter drei\u00dfig und zwei Meter sechzig, ende. Die Faszination an diesen R\u00e4umen f\u00fchrten ihn dann zum Architekturstudium, wo er bald aber ern\u00fcchtert feststellte, dass es auch da mehr um Funktionalit\u00e4t und Materialit\u00e4t ging, als um die, durch einen Bau entstehenden, Atmosph\u00e4ren.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Axel Buether begann zu Licht und Farben zu forschen, und sagt: \u201eIch brauchte eine Theorie der visuellen Wahrnehmung, weil mich diese visuelle Wahrnehmung durch Licht und Farben interessiert hat. Ich bin dann dazu gekommen, mir wirklich alles erst einmal anzugucken, was man in der Architektur so an Theorien \u00fcber Licht und Farben hatte. Und da gibt es eine ganze Menge.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ein Spaziergang mit blinden Menschen wird zur Initialz\u00fcndung<\/strong><\/p>\n<p>Die Idee, herauszufinden, wie R\u00e4ume auf Menschen wirken und was Farben dabei verst\u00e4rken k\u00f6nnen, kam Axel Buether bei einem zuf\u00e4lligen Spaziergang mit zwei blinden Menschen, die er fragte, wie sie den Raum und die Stadt, in der sie lebten, wahrnahmen. \u201eSie haben mir dann ihre Welt erkl\u00e4rt, die n\u00e4mlich keine Farben und kein Licht hat, aus Ger\u00fcchen, Ger\u00e4uschen und Haptik besteht und die sie mit ihrem Stock quasi empfinden. Ich habe dann meine ganze Promotion zur Seite gelegt und von vorne angefangen und besch\u00e4ftigte mich mit dem, was diese blinden Menschen nicht empfinden k\u00f6nnen: mit der Stadt aus Licht und Farben.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83802\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 666px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83802 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Farbkreis-CC0.png\" alt=\"\" width=\"656\" height=\"531\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Einfacher 6-teiliger Farbkreis (Der einfache, sechsteilige Farbkreis umfasst die wichtigsten Farben. Dies sind die drei Prim\u00e4rfarben der additiven Farbmischung Rot (-orange), Blau (-violett) und Gr\u00fcn und die drei Prim\u00e4rfarben der subtraktiven Farbmischung Magenta, Gelb und Cyan. Theoretisch lassen sich alle Farben aus drei Prim\u00e4rfarben (Grundfarben) zusammensetzen, und zwar entweder durch additive Mischung der farbigen Lichter Rot (-orange), Blau (-violett) und Gr\u00fcn oder durch subtraktive Mischung der K\u00f6rperfarben (materielle Farben) Magenta, Gelb und Cyan.) &#8211; \u00a9 CC0<\/span><\/div>\n<p>Unsere Lebenswirklichkeit sei so gestaltet, dass wir unsere Welt mit Licht und Farben verweben und vernetzen. \u201eDie Formen, das Bild unserer Lebenswirklichkeit, dass wir f\u00fcr real halten, was aber f\u00fcr blinde Menschen \u00fcberhaupt nicht existiert, und so auch nicht real sein kann, ist quasi eine, aus unserer Sinneswahrnehmung aufgebaute, visuelle Welt, die sich f\u00fcr uns real anf\u00fchlt, aber eigentlich eine Simulation ist. Und wenn ich in so einer simulierten Welt gestalte, kann ich nat\u00fcrlich auch Dinge f\u00fcr den Menschen tun, die vielleicht in den anderen Welten gar nicht vorhanden sind. Das ist eine spannende Theorie der visuellen Wahrnehmung gewesen und deshalb habe ich im Grenzgebiet zwischen Wahrnehmungspsychologie und der Raumtheorie promoviert. Da hat dann meine wissenschaftliche Laufbahn begonnen.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Was macht ein Farbforscher?<\/strong><\/h4>\n<p>Axel Buether taucht in die Geschichte ein und erkl\u00e4rt, wie Farben, einst als sch\u00f6ner Schein abgetan, mehr und mehr in Wissenschaft und Kunst Eingang gefunden haben. Farben geh\u00f6rten lange Zeit in das Wissenschaftsfeld der Physik. Goethe habe im ersten Teil seiner Farbenlehre mit Spektren experimentiert und die Physik auch als Leitwissenschaft genannt, was diese aber vehement ablehnte. Erst im zweiten Teil des Buches widmete er sich der sinnlich-sittlichen Wirkung der Farben, der Psychologie der Farben.<\/p>\n<p>\u201eEr hat angefangen, die Wahrnehmung von Farben zu beschreiben, also den Einsatz von Farben in der Kunst, in der Umweltgestaltung und hat dann gesehen, es gibt Bedeutungen in den Kulturen, die sich auch \u00e4ndern. Und das macht ein Farbforscher.\u201c Er besch\u00e4ftige sich mit den empirischen Grundlagen und der Frage, woher die Farbwahrnehmung eigentlich komme, denn Farben seien ja nicht einfach da.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Goethe besch\u00e4ftigt sich der 200 Jahre sp\u00e4ter geborene Wissenschaftler mit der Biologie und fragt: \u201eWarum nehmen wir Farben wahr? Wie hat sich die Farbwahrnehmung entwickelt? Warum gibt es so viele Farben in der Welt? Warum gibt es 300 Tausend Bl\u00fctenpflanzen, die unterschiedliche Farben und Fr\u00fcchte haben? Warum ist die ganze Natur von Farben aufgebaut?\u201c Axel Buethers Buch &#8218;Die geheimnisvolle Macht der Farben&#8216; geht diesen Fragen intensiv nach, denn Farben sind Bestandteil des Lebens, der Evolution und Diversit\u00e4t.<\/p>\n<div id=\"attachment_83803\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83803 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Goethes-Farbenkreis-1810-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"913\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Goethes Farbkreis (Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens. Die aquarellierte Federzeichnung von Goethe (1809) illustriert das Kapitel \u201eAllegorischer, symbolischer, mystischer Gebrauch der Farbe\u201c in Goethes Farbenlehre von 1810. Farbkreis)<\/span><\/div>\n<p>\u201eDas ist ein wichtiges T\u00e4tigkeitsfeld f\u00fcr mich, als Begr\u00fcnder der evidenzbasierten Farbpsychologie, zu sagen, es gibt Evidenz, und zwar in der Biologie. Es gibt tausende von Experimenten, wie ich ja auch in meinem Buch zusammengetragen habe, warum Tiere Farben wahrnehmen und wie die tats\u00e4chlich ihr Verhalten an der Farbe orientieren.\u201c Aufgrund dieser Grundlage m\u00fcsse man nun in nahezu allen Disziplinen, also im Design, in der Kommunikation, in der Architektur, in der Kultur oder in der Kunst \u00fcber Farben sprechen.<\/p>\n<p>\u201eWir brauchen eine Evidenz, nicht mehr das Bauchgef\u00fchl des Farbschaffenden, sondern wir brauchen in den Wissenschaften jemanden, der Farben erkl\u00e4rt. Und ich bin jetzt momentan im gesamten deutschsprachigen Raum und oft auch bereits dar\u00fcber hinaus, der, der die Wirkungen von Farben auf das menschliche Erleben und Verhalten auf empirischer Grundlage erkl\u00e4rt.<\/p>\n<h4><strong>Eine farblich gestaltete Umwelt<\/strong><\/h4>\n<p>Farben spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle und bestimmen auch unser Gem\u00fct. In den dunklen Monaten, wenn es drau\u00dfen trist, grau und nass ist, freuen sich alle auf den Fr\u00fchling mit all seinen bunten, bl\u00fchenden Farben. Und dann liest man, die Pantone Farbe des Jahres 2025 (Pantone Color of the year 2025) hei\u00dft Mocca Mousse, also braun.<\/p>\n<p>\u201eBraunt\u00f6ne, also so gedeckte Naturfarben, die heute sehr stark in der Mode verbreitet sind, die haben was mit Nachhaltigkeit zu tun. Unsere Zeit, wenn man die mal sp\u00e4ter bewertet, hatte das Schwerpunktthema Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Farben, die gesund aussehen, wird man dann sagen, waren ein gro\u00dfes Thema. Ich bekomme am Tag ein oder zwei Anrufe von Journalisten, die genau solche Fragen erkl\u00e4rt haben wollen, also lebensnahe Fragen, die uns alle besch\u00e4ftigen. Was haben Farben f\u00fcr einen Einfluss auf unser Gem\u00fct, auf unsere Stimmung? Und dann bin ich wieder der Erkl\u00e4rer.&#8220;<\/p>\n<p>Axel Buether weiter: &#8222;Man merkt dann, die Farben des Sonnenlichtes, also nicht nur die Intensit\u00e4t des Lichtes, sondern auch die Farbtemperatur z. B., hat Einfluss auf unseren Hormonhaushalt, auf unser vegetatives Nervensystem und auf unsere Motivation. Und dann kann man sich ganz gut vorstellen, wenn es gar nicht so richtig hell wird, der Himmel grau ist, dann sinkt auch die Motivationskurve, man kommt nicht so richtig aus dem Bett, ist m\u00fcde und zerschlagen und bestimmte Gl\u00fcckshormone, wie das Dopamin, werden nicht gen\u00fcgend gebildet. Dann ist es wichtig, Menschen mit einer bestimmten Beleuchtung und auch mit einer farbgestalteten Umwelt diese Energie zur\u00fcckzugeben. Und das geht!\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83804\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 970px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83804 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/street-market-1283306_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"640\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Farbige Gew\u00fcrze, wie man sie auf orientalischen M\u00e4rkten findet &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Man m\u00fcsse dann optimale Umgebungen schaffen, die gut f\u00fcr die Gesundheit seien, die Menschen f\u00fchlten sich dann ges\u00fcnder, motivierter und wertgesch\u00e4tzter. \u201eIn jedem entsprechenden Raum kann man sagen, wenn wir versuchen, die Natur des Menschen zu erkennen und zu gucken, wie \u00fcbersetzt man das jetzt \u2013ich kann keine Blumenwiese im Innenraum machen, ich muss das \u00fcbersetzen \u2013 in Umgebungen, das f\u00e4ngt beim Kunstlicht an, oder dem Zugang zum Tageslicht und geht dann weiter zur Gestaltung aller Oberfl\u00e4chen im Raum: also Fu\u00dfboden, W\u00e4nde, Decke, aber auch das ganze Interieur. Und dann fragt man, wo schlafe oder fr\u00fchst\u00fccke ich denn gerne? Wo ruhe ich mich aus? Wo bin ich sehr aktiv? Und auf einmal merkt man, in so einer Landschaft gibt es bestimmte Orte, wo wir Dinge lieber tun, besser tun. Wenn ich diese Atmosph\u00e4re in Innenr\u00e4umen \u00fcbersetze, dann stelle ich fest, ein Badezimmer sieht anders aus als ein Wohnzimmer, Schlafzimmer oder ein Arbeitsraum, oder auch ein Lernraum in der Schule. Ich kann f\u00fcr jede Situation Atmosph\u00e4ren schaffen, die das f\u00f6rdern. Und wenn ich das richtig mache, habe ich tats\u00e4chlich ges\u00fcndere, motiviertere, lebensfreudigere, arbeitswilligere Menschen als vorher.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Farben sind das gr\u00f6\u00dfte Kommunikationssystem der Erde<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eWenn man Farben in der Natur wegnehmen w\u00fcrde\u201c, erkl\u00e4rt Axel Buether, \u201ez. B. die Bl\u00fctenfarben, dann w\u00e4ren die Insekten sofort orientierungslos, weil die sich auf Entfernung an den Farben der Bl\u00fcten orientieren und dar\u00fcber wieder die Bl\u00fcten best\u00e4uben. Das ganze System w\u00fcrde sofort in sich zusammenbrechen. Korallenriffe funktionieren genauso, die sind nicht einfach quietschbunt, sondern alle Farben dort haben eine biologische Funktion. Und wenn man die genau untersucht, merkt man, warum Farben wichtiger sind als Ger\u00fcche, oder Kl\u00e4nge, denn durch die Evolution haben sich Farben in einer unglaublichen Komplexit\u00e4t entwickelt, damit die Kommunikation in artenreichen Lebenswelten auch \u00fcber gro\u00dfe Entfernungen perfekt funktioniert.\u201c<\/p>\n<p>Auch in menschlichen Umgebungen haben sich farbliche Kommunikationssysteme bew\u00e4hrt. Dazu der Fachmann: \u201eEin gutes Beispiel ist ein gro\u00dfer Bahnhof oder ein Flughafen, wo sie \u00fcber Farbleitsysteme Menschenstr\u00f6me ganz einfach aneinander vorbei und durcheinander navigieren k\u00f6nnen. Das k\u00f6nnte man mit Worten nicht erkl\u00e4ren, und auch, wenn man es aufschreiben w\u00fcrde, dauerte es zu lange, um es richtig lesen zu k\u00f6nnen. Wenn ich aber wei\u00df, gelb ist mein Taxistand, dann folge ich einfach dieser Farbe ungeachtet der irritierenden Menschenmengen und der meist un\u00fcberschaubaren Komplexit\u00e4t des Raums.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83805\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 970px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83805 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/colours-7439758_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"640\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein abstraktes, farbiges Kunstwerk &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Und auch in anderen Kulturkreisen funktioniere das genauso. Textilfarben indigener Kulturen erkl\u00e4rten ohne Worte, aus welchem Dorf eine Person kommt und zu welcher Familie sie geh\u00f6rt. \u00a0Japanische Kimonos wiesen auf den Familienstand hin, die Farben unserer Lebenswelt funktionieren wie ein offenes Buch, in dem man viele wichtige und triviale Informationen lesen kann.<\/p>\n<h4><strong>Farbcodierungen \u00e4ndern sich<\/strong><\/h4>\n<p>In seinem neuen Buch geht Axel Buether den alten Farbcodierungen nach, die sich langsam verlieren, wobei neue Codierungen an ihre Stelle treten. \u201eWenn man sich das Bild von Venedig anguckt, kann man sofort sehen, wer in welchem Haus wohnte, was f\u00fcr Berufe die Menschen hatten und in welchen sozialen Kontexten sie zu Hause waren.\u201c Alte Innenst\u00e4dte seien ein Lesebuch. Heutige Codierungen zielen dagegen auf das Design unsere Gebrauchsgegenst\u00e4nde ab.<\/p>\n<p>\u201eDa kann man genau sehen, wer benutzt welche Gegenst\u00e4nde, aus welchem soziokulturellen Milieu kommt die Person, ist sie alt oder jung, arm oder reich etc. Es gibt ganz komplexe Codierungen im Design, jeder Gebrauchsgegenstand ist praktisch f\u00fcr eine Zielgruppe codiert und in der visuellen Kommunikation merken wir, ich kann Produkte \u00fcber Werbung, aber auch bestimmte Webseiten und Blogs, die alle ihre Zielgruppen haben, farblich kommunizieren. Man sagt beim Produktdesign, der Verkauf von \u00e4hnlichen Produkten ist zu 70 Prozent vom Farbdesign abh\u00e4ngig.\u201c<\/p>\n<p>Teure Produkte werden dabei farbneutraler, das k\u00f6nne man beispielsweise bei Autos beobachten. Bei preiswerteren Produkten hingegen spiele auch die Modefarbe eine Rolle, die sich dann auch wieder \u00e4ndere. \u201eJedes Jahrzehnt hat eine Stilrichtung, aber auch ihre Farbcodierung, an der man z. B. Filme und Interiors den 20er, 50er oder 70er Jahre zuordnen kann, man nimmt die farblich codierte Atmosph\u00e4re des Filmraums wahr und wei\u00df sofort, in welcher Zeit man sich befindet.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83806\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 970px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83806 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/pedzle-9309479_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"720\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Farben spielen gerade in der Kunst eine sehr wichtige Rolle &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<h4><strong>Die manipulative Nutzung von Farben in der Lebensmittelbranche<\/strong><\/h4>\n<p>Axel Buether sagt: \u201eBis zu 70 Prozent unserer Hirnkapazit\u00e4t ist mit der Erkennung und Decodierung von Farben besch\u00e4ftigt, wobei es nicht prim\u00e4r um Farben geht, sondern die hier\u00fcber mitgeteilten Inhalte. Das ist vergleichbar mit der Lautsprache, wo das Medium tats\u00e4chlich ebenso erheblichen Einfluss auf den verbalisierten Inhalt nimmt.\u201c Der ber\u00fchmte Philosoph Marshal McLuhan sagte einst dazu treffend: \u201eThe Medium is the Message.\u201c<\/p>\n<p>Eine solche Erkenntnis wird daher auch in Politik und Wirtschaft gerne manipulativ benutzt. Das funktioniere z. B. mit dem Bild vom leckeren Essen und auch von Getr\u00e4nken, indem ich die Verpackungsfarben manipuliere, denn 90 Prozent unserer Waren sind verpackt. \u201eIch suche meine Pizza raus, die aussieht als ob sie gesund und lecker w\u00e4re. Wenn ich mir das aber ohne Farbstoffe und Verpackung angucken w\u00fcrde, dann w\u00fcrde ich das nicht essen.\u00a0 Denn genau das, was Farben machen, also Appetit machen, meinen Blutzuckerspiegel absenken, so dass ich Hunger bekomme, meine Enzyme im Magen-Darmtrakt auf die Nahrungsaufnahme vorbereiten, das passiert nur, wenn sie f\u00fcr mich gesund aussehen.\u201c<\/p>\n<p>Wenn der Kunde dann das Produkt aus dem Regal genommen habe, habe er es im Prinzip schon gekauft. Der Mensch entscheide visuell, ob die Milch oder das Fleisch frisch sei, oder der Apfel schmackhaft, daher s\u00e4hen unsere Produkte im Gesch\u00e4ft auch so makellos aus. \u201eDas perfekte Aussehen l\u00e4sst uns zugreifen. Und da ist es wieder meine Aufgabe, die Absicht und Wirkung dieser Manipulationen zu erkl\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Was sagen Farben \u00fcber den Charakter aus?<\/strong><\/h4>\n<p>In seinem ersten Buch wollte Axel\u00a0 Buether aufkl\u00e4ren und wissenschaftliche Erkenntnisse f\u00fcr die Zivilgesellschaft nutzbar machen. Das habe in Teilen auch funktioniert, jedoch sei es dennoch noch sehr theoretisch gewesen. \u201eIch habe viele Meldungen erhalten von Personen und Institutionen, die sich praktische Hilfe bei der Produkt- oder Raumgestaltung oder beim Marketing und \u00d6ffentlichkeitsarbeit w\u00fcnschten. Ein Gro\u00dfteil des Konsums funktioniert ja auch, weil Leute Modefarben kaufen, die schon im n\u00e4chsten Jahr wieder unmodern sind, aber auch st\u00e4ndig Dinge kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen und nicht zu ihnen passen oder nicht nachhaltig sind.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_38392\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-38392\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/01003065-01-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1732\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Junior Uni &#8211; bunt wie ihr Bildungsangebot &#8211; Im Vordergrund die vom weltber\u00fchmten Bildhauer Tony Cragg gestiftete Skulptur &#8211; \u00a9 Achim Otto<\/span><\/div>\n<p>Jeder kenne den klassischen Satz, wenn jemand vor seinem Kleiderschrank steht und sagt: Ich habe nichts anzuziehen, weil die meisten Farben nicht zur eigenen Pers\u00f6nlichkeit und den allt\u00e4glichen Situationen passen. Der Wissenschaftler arbeitet daher in seinem neuen Buch mit einem erweiterten Farbspektrum von insgesamt 2.000 Farben. \u201eUnd dann habe ich mich gefragt, wie kann man denn von dem einzelnen Menschen ausgehen? Was beschreibt denn auch das, was ein einzelner Mensch an Farben braucht? Das hat sehr stark mit einem selbst zu tun, also mit dem Charakter, der Eigenart einer Person.\u201c<\/p>\n<p>So definiert Axel Buether nun Farbvorlieben von verschiedenen Personen und schaut, ob er anhand der Farben messen kann, welche Pers\u00f6nlichkeitsstruktur die Person hat. In Tests lie\u00df er dazu die Kleiderschr\u00e4nke von hundert Probandinnen und Probanden ausr\u00e4umen und zu Farbkreisen arrangieren, bei der Form und Label nicht erkennbar waren, seine Probanden konnten allein anhand der Farbvorlieben der Person die wesentlichen Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale bestimmen. \u201eIch kann sagen, wie offen oder verschlossen, wie extravertiert oder introvertiert eine Person ist. Ist sie gewissenhaft oder spontan.\u201c<\/p>\n<p>Zwar n\u00e4hme jeder Mensch Einordnungen und Bewertungen bei jeder Begegnung oder dem Besuch eines Raumes vor, aber man wisse nicht, warum man das tue. \u201eWenn man dar\u00fcber mehr wei\u00df, kann jeder f\u00fcr sich auch Farben f\u00fcr seine Wohnung, seine Kleidung, f\u00fcr seine Gebrauchsgegenst\u00e4nde aussuchen, die mehr zu ihm\/ihr passen oder einen bestimmten kommunikativen Zweck bei wichtigen Anl\u00e4ssen wie Bewerbungsgespr\u00e4chen oder \u00f6ffentlichen Auftritten erf\u00fcllen. Diese ganzen praktischen Fragen, versuche ich durch evidenzbasierte Forschung und einen Pers\u00f6nlichkeitstest, der im Buch inkludiert sein wird und der auch zu den Farbvorlieben der Person f\u00fchren wird, zu beantworten.\u201c<\/p>\n<p>In der Vortragsreihe der Bergischen Universit\u00e4t spricht Axel Buether am 19. Mai um 19.00 Uhr in der Remscheider Klosterkirche \u00fcber sein Buch &#8222;Die geheimnisvolle Welt der Farben&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_83808\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83808 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Axel-Buether-Presse-Kopie.png\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"260\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Axel Buether &#8211; \u00a9 Martin Japp<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Axel Buether<\/h4>\n<p>Axel Buether ist Medienwissenschaftler, Wahrnehmungspsychologe und Architekt mit den Forschungsschwerpunkten Farbe, Licht und Raum. Er ist Professor f\u00fcr Didaktik der visuellen Kommunikation an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man sein Leben damit verbringen, \u00fcber Farben zu forschen? \u201eIch habe den sch\u00f6nsten Beruf der Welt\u201c, antwortet Dr. Axel Buether, Professor f\u00fcr Mediendesign und Designtechnik an der Bergischen Universit\u00e4t darauf und erkl\u00e4rt, wie er \u00fcberhaupt zum heute f\u00fchrenden Farbforscher Deutschlands wurde.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-83797","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-20 14:45:37","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83797"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83797\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83811,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83797\/revisions\/83811"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}