{"id":83607,"date":"2025-05-01T10:13:51","date_gmt":"2025-05-01T08:13:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=83607"},"modified":"2025-05-08T11:40:33","modified_gmt":"2025-05-08T09:40:33","slug":"anna-katharina-emmerick-provokation-fuer-die-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/05\/01\/anna-katharina-emmerick-provokation-fuer-die-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Anna Katharina Emmerick: Provokation f\u00fcr die Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_83618\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1325px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83618 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Albert-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"1315\" height=\"938\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Astrid Albert, Historikerin an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Foto: UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p>Die Wuppertaler Historikerin Astrid Albert hat sich mit dem Leben und Leiden der ehemaligen Nonne und deren gesellschaftlicher Bedeutung besch\u00e4ftigt. Autor Uwe Blass hat das spannende Thema im Rahmen der beliebte Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; aufgegriffen.<\/p>\n<p>Wer Anna Katharina Emmerick wirklich war, lasse sich nur schwer beantworten, beginnt die Historikerin und sagt: \u201eWas wir gesichert wissen, ist, dass sie 1774 in eine kleinb\u00e4uerliche Familie in Coesfeld in Westfalen geboren wurde. Sie hat dann einige Jahre im Kloster Agnetenberg in D\u00fclmen gelebt, bevor das Kloster 1812 von den Franzosen s\u00e4kularisiert wurde. Ab 1813 \u2013 sie war inzwischen 38 Jahre alt &#8211; lebte sie als Haush\u00e4lterin eines Geistlichen in D\u00fclmen. In diese Zeit fallen dann die ersten Ger\u00fcchte, denen zufolge sie stigmatisiert (mit den Wunden Jesu Christi gezeichnet, Anm. d. Red.) worden sei.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Es hie\u00df, sie weise die 5 Wundmale Christi auf, ern\u00e4hre sich nur von der Hostie und habe Visionen \u00fcber das Leben und Sterben Christi. Emmerick selber habe keine Quellen hinterlassen, erkl\u00e4rt Albert, h\u00f6chstwahrscheinlich konnte sie nicht einmal lesen. Aber ihre Geschichte sorgte zwischen 1813 und 1824 f\u00fcr besondere publizistische Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>\u201eDas ist die erste wichtige Information \u00fcber Anna Katharina Emmerick\u201c, betont die Wissenschaftlerin, \u201ewir sehen nicht die historische Person, sondern wir sehen, wie sie von ihrer Umwelt wahrgenommen wurde.\u201c Emmerick sei ein Ph\u00e4nomen ihrer Zeit und durch ihre Wunden ein Objekt der zeitgen\u00f6ssischen Diskussion.<\/p>\n<h4><strong>Zeitgen\u00f6ssischen Diskussion um die Deutung der Stigmata<\/strong><\/h4>\n<p>Astrid Albert hat \u00fcber die ehemalige Nonne ein Buch geschrieben, in dem sie der damaligen Auseinandersetzung um die Deutung der Stigmata nachgeht. Der Fall Emmerick hatte f\u00fcr gro\u00dfen Wirbel in der Gesellschaft gesorgt. \u201eDer Fall war \u00fcberall\u201c, stellt die Forscherin unmissverst\u00e4ndlich klar und erkl\u00e4rt, \u201eda waren zum einen die vielen Menschen, die nach D\u00fclmen reisten, um Anna Katharina Emmerick mit eigenen Augen zu sehen. Viele erz\u00e4hlten danach in Briefen ihren Bekannten von dem, was sie in D\u00fclmen gesehen hatten, und auch die Mundpropaganda, die nat\u00fcrlich nur indirekte Spuren in den Quellen hinterlassen hat, war massiv: Menschen redeten \u00fcber den Fall von der Dorfkneipe bis hin zu katholisch- romantischen Zirkeln, wie dem Kreis von M\u00fcnster um die F\u00fcrstin Amalie von Gallitzin.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83619\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 736px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83619 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Gabriel_von_Max_Die_ekstatische_Jungfrau_Katharina_Emmerich-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"726\" height=\"900\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Gem\u00e4lde: Die ekstatische Jungfrau Katharina Emmerick von Gabriel von Max 1885 &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Auf der anderen Seite habe es eine breite publizistische Auseinandersetzung um die Wunden in der Presselandschaft bis hin zu medizinischen Fachkreisen und Fachzeitschriften, mit unterschiedlichen Lesarten und Erkl\u00e4rungen, gegeben. \u201eDa waren zum einen diejenigen, die davon ausgingen, dass die Wunden tats\u00e4chlich Stigmata seien, und dass sich Gott hier im Leben einer sehr gl\u00e4ubigen Frau manifestiere. Dem gegen\u00fcber standen diejenigen, die von einem nat\u00fcrlichen Ursprung ausgingen: Entweder sei die Frau eine Betr\u00fcgerin, die aus den selbst hergestellten Wunden profitieren wollte, oder die Frau sei eine Kranke, deren hysterische Imagination sich in den K\u00f6rper einpr\u00e4ge.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Der preu\u00dfische Staat greift ein<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eDiese Diskussionen um den Ursprung der Wunden wurden schlie\u00dflich von Amsterdam bis nach Leipzig gef\u00fchrt, und wir k\u00f6nnen in den Quellen nachverfolgen, dass es insbesondere diese \u00fcberregionale publizistische Auseinandersetzung war, die dazu f\u00fchrte, dass schlie\u00dflich der preu\u00dfische Staat aktiv wurde.\u201c<\/p>\n<p>Als der Fall auf der Leipziger Buchmesse 1817 diskutiert wurde, nahm die Berliner Regierung dies zum Anlass, die westf\u00e4lische Provinzialverwaltung unter Oberpr\u00e4sident Ludwig von Vincke zu Handlungen aufzufordern. Das bedeutete, er sollte einen m\u00f6glichen Betrug offiziell ermitteln lassen, weil man die \u00f6ffentliche Ordnung bedroht sah. Das wiederum nahm die Presse freudig zum Anlass, weiter \u00fcber den Fall zu berichten.<\/p>\n<h4><strong>Kirche oder Staat \u2013 wer war zust\u00e4ndig?<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eDer Fall um die Wunden fiel in eine Zeit der Unsicherheit und des \u00dcbergangs in Westfalen\u201c, erkl\u00e4rt Albert. \u201eAls Emmerick 1774 geboren wurde, lag D\u00fclmen noch im katholischen Konfessionsstaat des F\u00fcrstbischofs von M\u00fcnster. Der wiederum stammte meist aus dem europ\u00e4ischen Hochadel und war nicht nur geistliches Oberhaupt \u00fcber sein Bistum, sondern auch weltlicher Herr \u00fcber seine Untertanen. Alle Belange des Lebens, ob nun Taufe oder Schulbesuch der Kinder, die zu zahlenden Steuern, der Rechtsstreit mit dem Nachbarn, der Milit\u00e4rdienst der M\u00e4nner oder die Bestattung der Toten, wurde in M\u00fcnster durch das Bistum geregelt und verwaltet. Weltliche und geistliche Herrschaft lagen in einer Hand.\u201c<\/p>\n<p>Doch als die ehemalige Nonne 1824 starb, hatte sich die Lage ge\u00e4ndert. \u201eDurch die napoleonischen Kriege angesto\u00dfen, wurde das Heilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation 1806 aufgel\u00f6st. Damit gab es nicht nur das Reich nicht mehr, sondern auch die Reichskirche, die sogenannte Germania Sacra, h\u00f6rte auf zu existieren.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83620\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 595px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83620 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Clemens_Brentano-von-Emilie-Linder-um-1837-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"585\" height=\"867\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Dichter Clemens Brentano &#8211; gemalt von Emilie Linder &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>D\u00fclmen und die Untertanen des katholischen F\u00fcrstbischofs von M\u00fcnster wurden zu Untertanen des preu\u00dfischen K\u00f6nigs. Zwar blieb die Zust\u00e4ndigkeit des Bistums als geistliche Institution f\u00fcr das katholische Leben in M\u00fcnster bestehen, doch die Grenzen zwischen einem geistlichen und einem staatlich\/weltlichen Leben waren nicht gekl\u00e4rt.<strong><br \/>\n<\/strong>\u201eIn diese massive Umbruchsphase fielen nun die Wunden Anna Katharina Emmericks. Und auch bei den Wunden war nicht klar, wer die Zust\u00e4ndigkeit \u00fcber den Fall haben sollte\u201c, schildert Albert weiter.<\/p>\n<p>Es ging also konkret darum, wer das Recht habe, eine Frau, die zus\u00e4tzlich noch eine ehemalige Nonne war, zu untersuchen. Sowohl das Bistum als auch der preu\u00dfische Staat beanspruchten die Deutungshoheit \u00fcber den Fall f\u00fcr sich. \u201eDabei verhandelten sie allerdings nicht nur die jeweilige Deutungshoheit \u00fcber die Frau und ihre Wunden, sondern stritten auch darum, wo die neu zu ziehenden Grenzen zwischen Staat und Kirche verlaufen sollten. Damit fielen die Diskussionen um die Wunden nicht nur in eine Zeit des Umbruchs, sie waren wiederum selbst Ausdruck eben jenes Wandels.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Clemens Brentano und die Visionen der Anna Katharina Emmerick<\/strong><\/h4>\n<p>Der Schriftsteller Clemens Brentano h\u00f6rte 1818 von den Wunden der D\u00fclmenerin. \u201eZu jener Zeit befand sich der junge Romantiker selbst in einer Sinnkrise und suchte neue Stoffe, neue Inhalte, die er literarisch verarbeiten konnte\u201c, sagt Albert. \u201eDa boten sich diese Wunden in ihrer Ambiguit\u00e4t an, um Fragen der Zeit, wie die Fragen nach dem Wesen der Welt, des Menschen und auch Gott, zu verarbeiten. Brentano suchte dabei nach einer vermeintlich guten alten Zeit, in der ein Katholizismus und eine patriarchische Gesellschaft noch das Leben der Menschen bestimmten.\u201c<\/p>\n<p>In D\u00fclmen fand er in dem Fall Anna Katharina Emmerick\u00a0f\u00fcr sich eine neue sinnstiftende Aufgabe und sa\u00df fortan sechs Jahre an ihrem Krankenbett, um ihre Visionen aufzuschreiben. Dies tat er allerdings nicht als reiner Protokollant. Dazu Albert: \u201eAus Brentanos Sicht boten die Aussagen und das Leben der Anna Katharina Emmerick lediglich den Steinbruch, denn die Aufgabe des Dichters sah er darin, das Geoffenbarte erst aus dem Rohmaterial der Visionen zu extrahieren und zu formen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_83621\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83621 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anna_Katharina_Emmerick_Zeichnung_von_Clemens_Brentano-CC-BY-SA-4.0.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"960\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Anna Katharina Emmerick, Zeichnung von Clemens Brentano &#8211; \u00a9 CC BY-SA 4.0<\/span><\/div>\n<p>In seinem Selbstverst\u00e4ndnis habe sich der Autor nicht nur als autorisierter Sekret\u00e4r der Visionen gesehen, sondern vielmehr als \u00dcbersetzer der g\u00f6ttlichen Botschaft und zog weitere literarische, biblische und christlich-ikonographische Quellen hinzu, um ein neues Ganzes zu schaffen. \u201eBrentano wollte ein siebenb\u00e4ndiges Weltepos erschaffen, wobei drei B\u00e4nde dem Leben und Sterben Jesu gewidmet werden sollten und vier dem Leben Anna Katharina Emmericks. An diesem Epos sa\u00df Brentano dann von 1824 bis zu seinem Tod 1842.\u201c<\/p>\n<p>Zu seinen Lebzeiten erschien dann lediglich der erste Band, weitere B\u00e4nde wurden posthum von anderen Autoren fertiggestellt. Brentanos Schriften geben dem heutigen Leser zwar einen Eindruck in das katholisch-romantische, das gesellschaftliche und politische Programm jener Zeit, als Quelle \u00fcber die historische Person Anna Katharina Emmerick taugten sie allerdings nicht, da sie die tats\u00e4chlichen Aussagen verfremden.<\/p>\n<h4><strong>Eine gesichtswahrende L\u00f6sung, die nicht umgesetzt wurde<\/strong><\/h4>\n<p>Preu\u00dfische Kommissare untersuchten Emmerick drei Wochen lang und waren sich abschlie\u00dfend einig, dass es sich bei ihr um Betrug handele. \u201eSo schrieben sie in ihrem Abschlussbericht, dass sie gen\u00fcgend Indizien f\u00fcr einen Betrug gefunden h\u00e4tten Die Frau esse wieder feste Nahrung, die Wunden seien nun verheilt und auch von Visionen habe die Kommission nichts feststellen k\u00f6nnen\u201c, best\u00e4tigt Albert, allerdings blieb die Kommission einen Beweis schuldig und der schwarze Peter ging an das Berliner Innenministerium zur\u00fcck, welches entscheiden sollte, wie mit der Frau zu verfahren sei.<\/p>\n<p>\u201eDer westf\u00e4lische Oberpr\u00e4sident Ludwig von Vincke schlug deshalb eine L\u00f6sung vor, durch die alle beteiligten Parteien ihr Gesicht wahren konnten. Er riet dem Innenministerium dazu, Emmerick als Kranke in die Obhut der Barmherzigen Schwestern von der allerseligsten Jungfrau und schmerzhaften Mutter Maria in M\u00fcnster zu geben. Mit diesem Schachzug w\u00e4re sie der \u00d6ffentlichkeit entzogen, die \u00f6ffentliche Ordnung, die die Berliner Regierung durch die Ereignisse bedroht sah, wiederhergestellt, und die fraglichen Wunden zugleich als medizinisches Problem behandelt worden. Gegen dieses Arrangement h\u00e4tten wohl weder sein kirchlicher Antagonist Clemens August Droste zu Vischering, der Stifter des Ordens war, noch Anna Katharina Emmerick ernsthaft Einw\u00e4nde erheben k\u00f6nnen. Aber die Berliner Regierung blieb tatenlos.\u201c Die staatliche Untersuchung schloss ohne ein greifbares Resultat.<\/p>\n<h4><strong>Seligsprechung 2004 <\/strong><\/h4>\n<p>2004 wurde Anna Katharina Emmerick von der Katholischen Kirche seliggesprochen. In der Begr\u00fcndung distanzierte sich die Katholische Kirche aber ausdr\u00fccklich von den Schriften Brentanos. \u201eTats\u00e4chlich ist der erste Seligsprechungsprozess zu Beginn des 20. Jahrhunderts eben wegen dieser Brentano-Schriften gescheitert, denn in einem Kanonisationsprozess gilt es zu kl\u00e4ren, ob die Person als heilig gelten kann, also unter anderem, ob ihre Aussagen der katholischen Orthodoxie entsprechen und ob sie ein heiligenm\u00e4\u00dfiges Leben gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Dahingehend pr\u00fcfte man auch die Aussagen Anna Katharina Emmericks, wof\u00fcr die Emmerick-Schriften Brentanos dabei die wichtigste Quelle darstellten. Diese entsprachen dabei mitnichten der katholischen Orthodoxie und manche Aussagen widersprachen der offiziellen Lehre der katholischen Kirche. Deshalb musste der Beatifikationsprozess zun\u00e4chst ruhen \u2013 denn man hatte kaum andere Quellen \u00fcber Anna Katharina Emmerick zur Verf\u00fcgung.\u201c<\/p>\n<p>Die Ritenkongregation lie\u00df die Brentano-Schriften auf ihre Urheberschaft hin analysieren und kam zu dem Schluss, dass die Schriften keine authentischen Emmerick-Schriften seien, in denen die ehemalige Nonne zu Wort komme. Sie seien eine literarische Verarbeitung eines mitunter auch politischen Programms des romantischen Dichters, der sich damit auch selbst ein Denkmal setzten wolle.<\/p>\n<div id=\"attachment_83626\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83626 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/71uiUyVFCGL._SL1181_-1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"827\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Passion Christi &#8211; Regie: Mel Gibson &#8211; Studio Alive &#8211; ASIN: BOO132APF2<\/span><\/div>\n<p>Damit wurden Brentanos Schriften, in denen sein wichtigstes Anliegen es war, Anna Katharina Emmerick als Mystikerin und Heilige bekannt zu machen, zum gr\u00f6\u00dften Hemmschuh. \u201eDer Augustiner Winfried H\u00fcmpfner sammelte daraufhin so viele Quellen wie m\u00f6glich aus dem Umfeld Anna Katharina Emmericks und edierte sie f\u00fcr die Heiligsprechung. Nachdem nun gen\u00fcgend Quellen gesammelt worden waren, konnte Anna Katharina Emmerick seliggesprochen werden.\u201c F\u00fcr eine weitere Heiligsprechung fehlt augenblicklich noch ein weiteres Wunder.<\/p>\n<h4><strong>Von D\u00fclmen nach Hollywood<\/strong><\/h4>\n<p>Die Faszination am Leben und den Visionen dieser Frau haben sogar zu einem Hollywood-Film gef\u00fchrt. \u201e2004 kam der Film die &#8222;Passion Christi&#8220; ins Kino. Dabei nutzte der Produzent und Regisseur Mel Gibson das &#8222;Bittere Leiden&#8220;, also das einzige fertiggestellte Emmerick-Werk Brentanos als Grundlage, um die Geschichte f\u00fcr die gro\u00dfe Leinwand zu produzieren. Mel Gibson nutzte dar\u00fcber hinaus Malereien von Caravaggio und eine italienische Matth\u00e4us-Evangelium-Verfilmung von Pasolini von 1964, um der Schrift Brentanos eine bekannte, traditionelle Bildsprache beizustellen, die half, das literarische Werk auf die gro\u00dfe Leinwand zu \u00fcbersetzen.\u201c<\/p>\n<p>Im Unterschied zu Brentanos Schiften werden allerdings im Film Gewaltdarstellungen gezeigt, die es so im Buch nicht gebe. \u201eHier werden Schmerzen in einen Schuld-S\u00fchne-Kontext eingebettet. Die individuelle Marter wird als S\u00fchne f\u00fcr eine davor entstandene Schuld gewertet, die durch das Leiden abgegolten wird. Der K\u00f6rper ist ein Ort der Metamorphose, an dem S\u00fcnde durch k\u00f6rperliches Leiden in S\u00fchne verwandelt wird.\u00a0 Damit wird der S\u00fcndenfall der Menschen ges\u00fchnt, Satisfaktion f\u00fcr die S\u00fcnden der Menschen geschaffen und die Bedeutung Christi f\u00fcr die Menschheit hervorgehoben. Dies nutzt der Film als Basis, um es dann mit den expliziten Folterszenen in Szene zu setzen.\u201c<\/p>\n<p>Der Film habe ein sehr gespaltenes Echo hervorgerufen und folge damit einer Tradition, wenn es um die Emmerick-Schriften Brentanos bzw. die urspr\u00fcnglichen Wunden Anna Katharina Emmericks gehe.<\/p>\n<h4><strong>Eine Provokation f\u00fcr die moderne Gesellschaft<\/strong><\/h4>\n<p>An ihrem 250. Geburtstag, am 9. September 2024, sagte Bischof Felix Genn auf einem Gottesdienst in Coesfeld \u00fcber Anna Katharina Emmerick, sie sei \u201eeine Provokation f\u00fcr die moderne Gesellschaft\u201c. Hier spiele der Bischof auf eine postulierte Dichotomie (Zweispaltung) zwischen Glauben und Modernit\u00e4t an, sagt Albert. \u201eWer modern ist, kann zum Beispiel nicht an Wunder glauben. Glaube gilt als unmodern, denn Glaube widerspreche den modernen Grunds\u00e4tzen von Rationalit\u00e4t, Fortschritt und Vernunft, und diese scheint Anna Katharina Emmerick auf den ersten Blick zu unterwandern.\u201c<\/p>\n<p>Der Fall wirft die Frage danach auf, was als modern, rational und vern\u00fcnftig gelten k\u00f6nne und sei damit kein R\u00fcckzugsgefecht einer konservativen Kirche und ihrer Logiken, sondern der Kampf einer Vorhut f\u00fcr die weiteren Diskussionen um Vernunft, Rationalit\u00e4t, Glaube und Katholizismus sowie dem Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirche im 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>\u201eIn D\u00fclmen traten neue M\u00e4nner, neue Experten und neue Katholiken auf, die den Fall nutzten, um die eigene Position zu st\u00e4rken und Argumente, Strategien und Mittel in neuen \u00d6ffentlichkeiten zu erproben.\u201c Das sei letztlich auch das Spannende, das Aktuelle und das Bleibende an dem Fall in D\u00fclmen, erkl\u00e4rt Albert abschlie\u00dfend. Er sei hochgradig uneindeutig, er bleibe ungel\u00f6st, und damit bleibe es auch jedem und jeder einzelnen anheimgestellt, eine eigene Antwort auf die Gretchenfrage zu finden, die der Fall aufwerfe.<\/p>\n<p>\u201eDer Fall Anna Katharina Emmerick ist Ausdruck und Faktor von Modernisierungsprozessen in Staat und Kirche gleicherma\u00dfen. Der Wunderglaube ist nicht irrationaler als der Glaube an die medizinische Evidenz. Sie schlie\u00dfen sich aber gegenseitig aus.\u201c<\/p>\n<p><strong>Buchtipp:<\/strong> Astrid Albert: Wem geh\u00f6ren diese Wunden, Die Deutung Anna Katharina Emmericks im Spannungsfeld von Bistumsleitung, preu\u00dfischer Provinzialregierung, Medizin und Romantik (1813-1852), Aschendorf-Verlag 2022<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_83622\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83622 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Albert-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"294\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Astrid Albert &#8211; \u00a9 Foto: UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Astrid Albert<\/h4>\n<p>Dr. Astrid Albert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal. Sie studierte Geschichte und Anglistik\/Amerikanistik an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal und der University of Stirling (Schottland).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kr\u00e4nkelnde Frau des 19. Jahrhunderts fasziniert mit ihren Visionen bis heute Millionen Menschen weltweit. Durch Filme, Ausstellungen und Seligsprechung bekannt, besch\u00e4ftigte die D\u00fclmenerin Anna Katharina Emmerick zu Lebzeiten bereits Regierungsmitarbeiter und Kirchenm\u00e4nner.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-83607","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-15 11:52:37","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83607","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83607"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83607\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83632,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83607\/revisions\/83632"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83607"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83607"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83607"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}