{"id":83345,"date":"2025-04-27T13:16:31","date_gmt":"2025-04-27T11:16:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=83345"},"modified":"2025-04-27T13:16:31","modified_gmt":"2025-04-27T11:16:31","slug":"fraeulein-julie-strindbergs-radikales-und-umstrittenes-werk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/04\/27\/fraeulein-julie-strindbergs-radikales-und-umstrittenes-werk\/","title":{"rendered":"&#8218;Fr\u00e4ulein Julie&#8216;: Strindbergs radikales und umstrittenes Werk"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_83348\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83348 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/SchSpW_FRAEULEIN_JULIE__c__Anna_Schwartz_08-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1930\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Nora Koenig und Thomas Braus in der Badewanne: Szene aus dem St\u00fcck &#8222;Fr\u00e4ulein Julie&#8220; von August Strindberg &#8211; \u00a9 Anna Schwartz \/ Wuppertaler B\u00fchnen<\/span><\/div>\n<p>Die Inszenierung von Stefan Maurer hatte am Samstag (26.04.) Premiere im Theater am Engelsgarten. Stefan Maurer nennt Strindberg einen Autor voller Widerspr\u00fcche, der immer wieder extreme Dinge herausgehauen habe, Dinge, die sich naturgem\u00e4\u00df auch in dem aktuellen Theaterst\u00fcck widerspiegeln. In Strindbergs autobiografischen Roman sind es Phasen der Gl\u00e4ubigkeit, dann der Ungl\u00e4ubigkeit, die des Frauen-Hassers, dann wieder die Liebeserkl\u00e4rung an Frauen. Die Rede ist von Eifersuchts- und Verfolgungswahn. Strindberg war in den 1880er-Jahren Anh\u00e4nger des Sozialismus, sp\u00e4ter aber eher ein Anh\u00e4nger der rechten Politik.<\/p>\n<h4>Wenn sch\u00f6pferische Leistung und Wahnsinn zusammentreffen<\/h4>\n<p>In seiner ethnographischen Analyse wollte Strindbergs Zeitgenosse, der deutsch-schweizerische Psychiater und Philosoph Karl Jaspers, bei ihm nicht von ungef\u00e4hr schizophrene Z\u00fcge erkannt haben. Autor Jasper: \u201eNirgends tritt dieses &#8222;Moment der Unverstehbarkeit&#8220; deutlicher zutage als in F\u00e4llen, wo in einem Menschen sch\u00f6pferische Leistung und Wahnsinn zusammentreffen\u201c.<\/p>\n<p>Zum Inhalt von \u201eFr\u00e4ulein Julie&#8220;: Es handelt von der jungen wohlhabenden Tochter des Gutsbesitzers Julie, ihrem Diener Jean (Thomas Braus) und ihrem Verh\u00e4ltnis zueinander. Julie (Nora Koenig) versucht, ihrem durch gesellschaftliche Normen gepr\u00e4gten Dasein zu entfliehen und etwas Spa\u00df zu haben. Auf dem j\u00e4hrlichen Mittsommerfest tanzt sie mit der Dienerschaft und setzt sich damit \u00fcber g\u00fcltige Standesregeln hinweg. Sie f\u00fchlt sich zu dem \u00e4lteren Diener Jean hingezogen, der in der Welt herumgekommen ist und sowohl gut erzogen als auch gebildet ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_83350\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83350 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/SchSpW_FRAEULEIN_JULIE__c__Anna_Schwartz_03-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Szene aus dem St\u00fcck &#8222;Fr\u00e4ulein Julie&#8220; von August Strindberg: Silvia Munz\u00f3n L\u00f3pez (l.) und Nora Koenig. Im Hintergrund Thomas Braus &#8211; \u00a9 Anna Schwartz \/ Wuppertaler B\u00fchnen<\/span><\/div>\n<p>W\u00e4hrend der Nacht entwickelt sich aus dem Flirt zwischen Julie und Jean eine vollendete Liebesbeziehung und im Licht des neuen Morgens sind die Rollen vertauscht: Jean ist Herr der Lage, Julie die Gefallene und Gedem\u00fctigte. Danach unterhalten sich beide in der K\u00fcche des Herrensitzes von Julies Vater. Jeans Verlobte, die K\u00f6chin Kristin (Silvia Munz\u00f3n L\u00f3pez), h\u00e4lt sich teilweise auch dort auf. Das brisante Geschehen um Liebe und Macht nimmt ihren Lauf.<\/p>\n<h4>Brisante Geschehen um Liebe und Macht<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Julies standesgem\u00e4\u00dfer Platz sie zun\u00e4chst \u00fcber Jean erhebt, \u00fcbt Jean durch seine Bildung und seine M\u00e4nnlichkeit Macht \u00fcber sie aus und wird im Laufe der Zeit zum st\u00e4rkeren Part in der Zweier-Beziehung. Jean ist Julie moralisch \u00fcberlegen, denn Jean ist ein Mann und Julie eine \u201everkommene\u201c Frau. Diese Unterschiede pr\u00e4gen den Gro\u00dfteil der Handlung des St\u00fccks, in dem\u00a0 Jean dominiert. Sein Urteil: \u201eDas Fr\u00e4ulein, um von ihr zu reden, gibt nicht acht auf sich und ihre Person. Ich m\u00f6cht\u2019 sagen, sie hat keine Finesse\u201c.<\/p>\n<h4>Den geliebten Vogel eiskalt get\u00f6tet<\/h4>\n<p>Jean gibt dem Dr\u00e4ngen Julies, mit ihr zu kommen, aber schlie\u00dflich nach. Zwar mag er heute noch Diener sein, doch schon bald k\u00f6nne er es zum reichen Hotelbesitzer bringen und sich sogar den Grafentitel kaufen. Ihrem Wunsch aber, ihren kleinen Vogel im K\u00e4fig mitzunehmen, widersetzt er sich. Julie besteht darauf: Bevor sie den Vogel dal\u00e4sst, soll Jean ihn lieber t\u00f6ten. Doch nachdem Jean das Tier eiskalt t\u00f6tete, ist Julie au\u00dfer sich. Soll er sie doch gleich auch noch t\u00f6ten! Sie m\u00f6chte Jean hingerichtet sehen, und mit ihm am besten gleich alle M\u00e4nner.<\/p>\n<div id=\"attachment_83351\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1717px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83351 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/SchSpW_FRAEULEIN_JULIE__c__Anna_Schwartz_06-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"1707\" height=\"2560\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Beeindruckende Schauspiel-Leistungen: Nora Koenig und Thomas Braus &#8211; \u00a9 Anna Schwartz \/ Wuppertaler B\u00fchnen<\/span><\/div>\n<p>Als Kristin (Jeans Verlobte) dazu kommt, bitte Julie sie, ihr zu helfen. Sie k\u00f6nnten zu dritt in die Schweiz gehen. Doch Kristin hat nur Verachtung f\u00fcr sie \u00fcbrig und ist stolz darauf, niemals unter ihrem Stand geliebt zu haben. Auch Julie erinnert sich nun wieder an ihre Herkunft. Hat Jean gedacht, sie, die Tochter eines Graf Toter Vogel w\u00fcrde einen Knecht heiraten und ihm Kinder geb\u00e4ren?<\/p>\n<p>Regisseur Stefan Maurer verzichtete in seiner Wuppertaler Auff\u00fchrung auf das grausige Ende der Originalfassung, in der sich die gedem\u00fctigte Julie auf Jeans Befehl umbringt. Stattdessen l\u00e4sst er seine Akteure in einer Badewanne den Satz mehrfach sprechen: \u201e..geht doch, geht doch&#8230;\u201c<\/p>\n<h4>Seit den 1990er Jahren ist Strindberg wieder da<\/h4>\n<p>Die Frage, warum man im 21. Jahrhundert noch sein \u201eFr\u00e4ulein Julie\u201c inszeniert, beantwortete Stefan Maurer im \u201eEngels Newsletter\u201c: \u201eSeit den 1990er Jahren ist Strindberg wieder da und wird wieder \u00fcberall gespielt. Das liegt daran, dass Strindberg\u00a0 vielleicht auf der Suche nach der Mitte keine Antworten hat. Das Spiel um Liebe und Macht findet heute eher im pseudorealen Fernsehen statt\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_83352\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83352 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/SchSpW_FRAEULEIN_JULIE__c__Anna_Schwartz_04-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dramatische Szene in &#8222;Fr\u00e4ulein Julie&#8220;: Nora Koenig und Thomas Braus &#8211; \u00a9 Anna Schwartz \/ Wuppertaler B\u00fchnen<\/span><\/div>\n<p>Die Geschlechterrollen scheinen sich nicht komplett ver\u00e4ndert zu haben. Auf die Frage, warum haben die Menschen Spa\u00df an solchen Geschichten antwortete Maurer: \u201eJede Generation, wenn sie gro\u00df wird, muss sich aufs Neue damit auseinandersetzen. Man muss selber mit der Identit\u00e4t klarkommen. Ob man sie abgrenzt oder ob man damit spielerisch umgeht, das muss jeder f\u00fcr sich selbst aufs Neue finden.<\/p>\n<h4>Hysterischen Charaktere im Blickpunkt<\/h4>\n<p>August Strindberg war ein Skandalautor, der die menschliche Psyche meisterhaft erforschte und die Ausdrucksformen seiner Zeit \u00fcberschritt. Seine fr\u00fche Arbeit war stark vom Naturalismus mit dem Ziel gepr\u00e4gt, seine Umgebung glaubw\u00fcrdig und \u201eungesch\u00f6nt\u201c darzustellen. Ein besonderes Anliegen war es ihm, die Konfrontation mit damaligen Gegenwartsproblemen, haupts\u00e4chlich Figuren der unteren Gesellschaftsschichten, auf die B\u00fchne zu bringen.<\/p>\n<p>Nicht auf die Handlung, sondern auf die zerrissenen, widerspr\u00fcchlichen, teils hysterischen Charaktere sollte sich der Blick des Zuschauers richten. Das ist ihm auch dank der herausragenden schauspielerischen Leistungen von Koenig, Braus und Munz\u00f3n L\u00f3pez eindrucksvoll gelungen, wie der Beifall im Theater am Engelsgarten am Premierenabend zeigte.<\/p>\n<p><b>Text: Siegfried J\u00e4hne\u00a0<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>FR\u00c4ULEIN JULIE<\/h4>\n<p>von August Strindberg<\/p>\n<p>Eine Koproduktion mit dem Th\u00e9\u00e2tre National du Luxembourg.<\/p>\n<p>Mit: Nora Koenig &#8211; Thomas Braus &#8211; Silvia Munz\u00f3n L\u00f3pez<\/p>\n<p>Regie: Stefan Maurer<\/p>\n<p>B\u00fchne &amp; Kost\u00fcme: Luis Graninger<\/p>\n<p>Dramaturgie: Florian Hirsch<\/p>\n<p>Regieassistenz: Johanna Landsberg, Laura Hutta<\/p>\n<p>Ausstattungsassistenz: Anna Jurczak<\/p>\n<p>Inspizienz: Ilja Betser<\/p>\n<p>Theater am Engelsgarten &#8211; Engelstr. 18 &#8211; 42283 Wuppertal<\/p>\n<p>Weitere Termin: 27.04. &#8211; 09.05 &#8211; 11.05. &#8211; 30.05. &#8211; 14.06.<\/p>\n<p>Alle Fotos \u00a9 Anna Schwartz \/ Schauspiel Wuppertal<\/p>\n<p>Link zur Webseite der Wuppertaler B\u00fchnen:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de\">http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFr\u00e4ulein Julie\u201c ist das radikalste und zugleich umstrittenste St\u00fcck des schwedischen Autors August Strindberg. Geschrieben hat er sein meist gespieltes Theaterst\u00fcck 1888. Es geht geht um Klassenunterschiede zwischen Arm und Reich, Liebe und Macht, Selbstbehauptung und Unterwerfung, sozialer Status, Rollenerwartungen und deren \u00dcberschreitung.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-83345","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-12 18:26:05","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83345"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83345\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83358,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83345\/revisions\/83358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}