{"id":83223,"date":"2025-04-22T16:16:11","date_gmt":"2025-04-22T14:16:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=83223"},"modified":"2025-04-23T15:59:28","modified_gmt":"2025-04-23T13:59:28","slug":"pina-bauschs-todsuenden-haben-nichts-an-relevanz-eingebuesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/04\/22\/pina-bauschs-todsuenden-haben-nichts-an-relevanz-eingebuesst\/","title":{"rendered":"Pina Bauschs &#8218;Tods\u00fcnden&#8216; haben nichts an Relevanz eingeb\u00fc\u00dft"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_83231\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2372px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83231 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/8402.jpg\" alt=\"\" width=\"2362\" height=\"1539\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Begeisterten das Publikum im Wuppertaler Opernhaus: Emily Castelli (l.) und Ute Lemper &#8211; \u00a9 Ralf Silberkuhl<\/span><\/div>\n<p>Sie war ihrer Zeit weit voraus, schreiben heutige Kritiker. Sicher eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihren weltweiten Ruhm und ihr internationales Publikum. Diesmal sorgte nicht zuletzt der Auftritt von Welt-Star Ute Lemper in f\u00fcnf Vorstellungen f\u00fcr ein total ausverkauftes Wuppertaler Opernhaus.<\/p>\n<p>Uraufgef\u00fchrt wurde das Werk am 07.\u00a0Juni 1933, als \u201eDie sieben Tods\u00fcnden der Kleinb\u00fcrger\u201c am <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Th%C3%A9%C3%A2tre_des_Champs-%C3%89lys%C3%A9es\">Th\u00e9\u00e2tre des Champs-\u00c9lys\u00e9es<\/a> in Paris. Geschrieben hatte es der weltber\u00fchmte deutsche Autor Bertolt Brecht, der mit seinen Werken in seiner Zeit die Theaterwelt ver\u00e4nderte. Seine literarischen Arbeiten stellten oft, wie hier, den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft im Allgemeinen und dem Kontrast zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten im Besonderen heraus.<\/p>\n<h4>\u201eB\u00fchneng\u00f6ttin\u201c Ute Lemper mit rauchig-verf\u00fchrerischer Stimme<\/h4>\n<p>Die Urauff\u00fchrung des Tanzabends\u00a0mit den beiden Teilen \u201eDie sieben Tods\u00fcnden und F\u00fcrchtet Euch nicht\u201c nach Texten von Bertolt Brecht (1898 \u2013 1956) und der Musik von Kurt Weill (1900-1950) fand am 15. Juni 1976 in Wuppertal statt. In diesem Jahr \u00a0wird der 125. Geburtstag des deutsch-amerikanischen Komponisten Kurt Weill \u00a0gefeiert.<\/p>\n<p>Und genau das war der Grund f\u00fcr das Tanztheater Pina Bausch in Intendanz von Boris Charmatz, das zweiteilige Brecht\/Weill-St\u00fcck in der diesj\u00e4hrigen Osterzeit noch einmal an gleicher Stelle aufzuf\u00fchren. Diesmal unter der gro\u00dfartigen, musikalischen Leitung von Jan Michael Horstmann mit dem Wuppertaler Sinfonieorchester, dem singenden Herrenquartett der Oper und dem Ensemble des Tanztheaters.<\/p>\n<h4>Hochkar\u00e4tige, internationale K\u00fcnstler<\/h4>\n<p>Daneben konnten hochkar\u00e4tige G\u00e4ste aus dem In- und Ausland auf die B\u00fchne geholt werden, so die in New York lebende \u201eB\u00fchneng\u00f6ttin\u201c und gefeierte Broadway-Star Ute Lemper (61), mit ihrer rauchig-verf\u00fchrerischen Stimme.<\/p>\n<p>Vordergr\u00fcndig tritt im ersten Teil\u00a0vor allem die Unzucht in Szene, aber auch Habgier und Stolz, daneben die Faulheit, die V\u00f6llerei sowie der Neid und zuweilen auch der Zorn. Anna 1 (Ute Lemper) trifft auf und Anna II (Stephanie Troyak), dem manipulativen Medium.<\/p>\n<p>Sie wird in all ihren Gef\u00fchlen der Lebens- und Leidensstationen als eine junge, tr\u00e4ge, aber auch sch\u00f6ne und ein wenig verr\u00fcckte Anna dargestellt. Gab es hier etwa Anleihen bei Siegmund Freud und dessen Thesen der \u201eIch-Funktionen\u201c mit flie\u00dfenden Denk- und Orientierungsst\u00f6rungen in einer Person, hier zu sehen bei Anna I und II?<\/p>\n<div id=\"attachment_83237\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83237 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Lucieny-Kaabral-Ralf-Silberkuhl-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"919\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Luci\u00e9ny Kaabral aus Kap Verde, eine begnadete T\u00e4nzerin des Tanztheaters Pina Bausch, mit beeindruckender Performance in &#8222;Die sieben Tods\u00fcnden&#8220; &#8211; \u00a9 Ralf Silberkuhl<\/span><\/div>\n<p>Dialoge aus dem Brecht-Libretto von der gottesf\u00fcrchtigen Familie Annas werden in Gesangsform dargeboten: \u201eSie war immer folgsam und den Eltern treu ergeben. Der Herr erleuchte unsere Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand f\u00fchrt, er gebe Ihnen Kraft, nicht zu s\u00fcndigen gegen die Gesetze, die reich und gl\u00fccklich machen.\u201c Es geht der Familie darum, ein kleines Haus in Louisiana am Fluss Mississippi zu erwerben. Ihren Eltern und ihren beiden Br\u00fcdern wird sie daf\u00fcr, folgsam wie sie ist, ihr verdientes Geld schicken.<\/p>\n<h4>Anna II zahlt einen sehr hohen Preis<\/h4>\n<p>Sieben Jahre verbrachte sie in amerikanischen St\u00e4dten, um ihr Gl\u00fcck zu suchen. Begonnen hat die Reise mit einer Anstellung als T\u00e4nzerin. Sie wollte K\u00fcnstlerin sein in einem Cabaret, doch schon bald erf\u00e4hrt sie, dass sie f\u00fcr Geld etwas von ihrem K\u00f6rper preisgeben muss und dass diejenige, die ihre Bl\u00f6\u00dfe versteckt, auf keinen Fall mit Beifall rechnen darf.<\/p>\n<p>Anna II wurde schlie\u00dflich als Hure ausstaffiert. Am Ende zahlt sie einen hohen Preis. Der Epilog: \u201eJetzt steht es da unser kleines Haus in Louisiana am Mississippi-Fluss. Geschafft. Nicht wahr, Anna? Anna II, ja Anna\u201c.<\/p>\n<h4>Ausbeutung, Vergewaltigung, Kapitalismus und Gier<\/h4>\n<p>Im zweiten Teil \u201eF\u00fcrchtet Euch nicht\u201c ging es Pina Bausch erst recht um K\u00f6rper, um die menschliche Geschichte von Ausbeutung, Vergewaltigung und \u00dcberlebenstrieb, Kapitalismus und Gier. Es gilt als das h\u00e4rteste und tiefgr\u00fcndigtes St\u00fcck der Choreographin, weil hier die Unterdr\u00fcckung der Frauen besonders drastisch herausgestellt wird. Kurios dabei, auch M\u00e4nner tanzen hier in Frauenkost\u00fcmen und werde so zu einer besonderen Art von Ware und Objekt.<\/p>\n<p>Die T\u00e4nzerin Stephanie Troyak (29) spielt ein verletzliches junges M\u00e4dchen, das letztlich von einem \u00e4lteren, sogenannten feinen Herrn mit schickem, gut sitzendem Anzug und Handschuhen bekleidet (dargestellt von Steffen Laube, 64) b\u00f6se vergewaltigt wurde.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcrchte Dich nicht, sitzest Du auch im S\u00fcndenpfuhl, Gottes Auge verl\u00e4sst Dich nicht, er setzt Dich auf den goldenen Stuhl\u201c, so seine sanfte Stimme, bevor er sich mit Gewalt nimmt, was ihm Anna freiwillig nicht geben konnte und\u00a0 wollte. Dazu passte eine hysterisch-aggressive Lachsalve voller Verzweiflung und Wut in den \u00a0Liedern der australischen S\u00e4ngerin und Schauspielerin Melissa Madden Gray. \u201eWeiber spielen sich lustvoll auf in ihrer \u00fcppigen Pelz-Garderobe\u201c.<\/p>\n<h4>T\u00e4nzerinnen als lebende Puppen<\/h4>\n<p>Frauen als T\u00e4nzerinnen werden als lebende, weibliche Puppen zu Marionetten, als sie von Erika Skrotzki um ein Schaukelpferd zum Matrosen-Tango wie in einer Puppenstube gruppiert werden. Bis zu 26 T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer f\u00fcllen die B\u00fchne in einer mitrei\u00dfenden Revue. Tanz, Spiel und Gesang werden virtuos miteinander in Einklang gebracht. Pina Bauschs Kreation zu \u201eDie sieben Tods\u00fcnden\u201c hat auch nach einem halben Jahrhundert \u00a0reichlich Beifall bekommen und an Relevanz nichts eingeb\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p><strong>Text: Siegfried J\u00e4hne<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Streben nach allem, was dem Menschen ein gutes Gef\u00fchl gibt, Hedonismus, ist so alt wie die Menschheit selbst. Pina Bausch hat in ihrer Kreation \u201eDie sieben Tods\u00fcnden\u201c sehr eindrucksvoll eingearbeitet, welche tiefgreifenden Auswirkungen die Sehnsucht nach dem \u201egro\u00dfen Gl\u00fcck\u201c hat oder haben kann.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-83223","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-20 10:35:13","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83223"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83223\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83241,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83223\/revisions\/83241"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}