{"id":83022,"date":"2025-04-08T09:54:21","date_gmt":"2025-04-08T07:54:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=83022"},"modified":"2025-04-18T08:52:45","modified_gmt":"2025-04-18T06:52:45","slug":"medikamentenfreier-therapieansatz-bei-demenzerkrankten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/04\/08\/medikamentenfreier-therapieansatz-bei-demenzerkrankten\/","title":{"rendered":"Medikamentenfreier Therapieansatz bei Demenzerkrankten"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_83025\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2278px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83025 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Foto-Lalgi-privat.jpg\" alt=\"\" width=\"2268\" height=\"1779\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Psychologin Tania Lalgi, die an der Bergischen Universit\u00e4t studierte &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p><strong>Sie haben Ihren Master in Psychologie an der Bergischen Universit\u00e4t gemacht. Im Zuge eines Forschungspraktikums haben Sie sich am Forschungsinstitut CRE Alzheimer Salamanca in Spanien mit demenzkranken Menschen besch\u00e4ftigt. Wie sind Sie da \u00fcberhaupt zu gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Tania Lalgi: &#8222;Das Thema habe ich \u00fcber eine etwas ungew\u00f6hnliche Verbindung entdeckt. W\u00e4hrend meines Masterstudiums habe ich als Werkstudentin im Bereich UX Design gearbeitet, wobei ich mich intensiv mit Usability-Testing besch\u00e4ftigt habe. Das hei\u00dft, ich habe gelernt, wie man digitale Anwendungen benutzerfreundlich gestaltet und testet \u2013 immer mit dem Fokus auf die Bed\u00fcrfnisse der Nutzer.<\/p>\n<p>Zum Forschungsinstitut in Salamanca kam ich durch Dr. Carmen P\u00e9rez Gonz\u00e1lez, die Mitentwicklerin von Golden Memories, das mit Unterst\u00fctzung der milkmoney GmbH entstanden ist. Sie suchte gezielt jemanden, der bei einem Forschungsprojekt zur Evaluation der App unterst\u00fctzt. Ihre Idee war es, die App in einem Usability-Test mit Menschen mit Demenz zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dabei sollten nicht nur technische H\u00fcrden untersucht werden, sondern auch, wie gut die Inhalte emotionale Reaktionen hervorrufen.<\/p>\n<p>Dementsprechend kam es im Rahmen einer Kooperation zwischen der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal und dem Forschungsinstitut CRE Alzheimer in Salamanca zur Etablierung einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit, wobei ich dann f\u00fcr das Forschungspraktikum nach Spanien gegangen bin, um dort die App mit Patientinnen und Patienten zu testen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Das Institut ist international f\u00fcr seine besondere Ausrichtung auf nicht-pharmakologische Therapien bekannt. Was bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p>Tania Lalgi: &#8222;Nicht-pharmakologische Therapien sind Ans\u00e4tze, die ohne Medikamente auskommen und darauf abzielen, das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz zu f\u00f6rdern. Das CRE Alzheimer Institut nutzt hierf\u00fcr das No-Do-Programm (<em>Non-Drug Therapies for Dementia<\/em>), das unter anderem Reminiszenz-, Musik- und Kunsttherapie sowie Bewegungstherapie umfasst. Ein Beispiel ist die Arbeit mit biografischen Inhalten wie Fotos, Musik oder Alltagsgegenst\u00e4nden, die Erinnerungen aktivieren und positive emotionale Reaktionen hervorrufen.<\/p>\n<div id=\"attachment_83026\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83026 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Das-Projekt-Golden-Memories-Foto-Carmen-Gonzalez.png\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"403\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Projekt Golden Memories &#8211; \u00a9 Carmen Gonz\u00e1lez<\/span><\/div>\n<p>So k\u00f6nnen Patientinnen und Patienten etwa durch ein bekanntes Lied oder vertraute Gegenst\u00e4nde an Momente aus ihrer Kindheit erinnert werden. Diese Methoden st\u00e4rken nicht nur die emotionale Verbindung zu Angeh\u00f6rigen, sondern auch das Selbstwertgef\u00fchl und die Lebensqualit\u00e4t der Betroffenen \u2013 ein ganzheitlicher Ansatz. Dementsprechend genie\u00dft das Institut in diesem Bereich einen herausragenden internationalen Ruf, weil es innovative Methoden wie das No-Do-Programm nicht nur erforscht, sondern auch erfolgreich in die Praxis umsetzt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sie haben dort mit der Anwendung von \u201eGolden Memories\u201c, die von Dr. Carmen P\u00e9rez Gonz\u00e1les, einer in Wuppertal t\u00e4tigen Wissenschaftlerin zusammen mit der Experience Design Agentur milkmoney entwickelt wurde, gearbeitet. Um welche Anwendung handelt es sich dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Tania Lalgi: &#8222;Golden Memories ist eine digitale Anwendung, die Reminiszenztherapie auf eine moderne und zug\u00e4ngliche Weise erm\u00f6glicht. Die App verwendet personalisierte Inhalte wie Fotos und Geschichten, um Menschen mit Demenz dabei zu helfen, ihre Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Ein Angeh\u00f6riger kann alte Familienfotos in die App hochladen und sie mit kleinen Geschichten versehen. Die Patientin oder der Patient kann dann durch diese Bildergalerie navigieren. Das weckt oft starke emotionale Reaktionen und hilft, verloren geglaubte Erinnerungen zu aktivieren.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche Erfahrungen konnten Sie mit den Patienten machen?<\/strong><\/p>\n<p>Tania Lalgi: &#8222;Eine Situation ist mir besonders im Ged\u00e4chtnis geblieben: W\u00e4hrend einer Sitzung zeigte ich einer Patientin ein Bild, das eine typische Flussszene in Spanien aus den 1930er- und 1940er-Jahren zeigte. Dieses und viele weitere Bilder wurden uns freundlicherweise vom &#8218;Archivo de la Diputaci\u00f3n de Salamanca&#8216; zur Verf\u00fcgung gestellt. Zun\u00e4chst war die Patientin ruhig, betrachtete das Bild nur \u2013 doch nach einer Weile begann sie zu l\u00e4cheln und erz\u00e4hlte pl\u00f6tzlich lebhaft von ihrer Kindheit. Das Bild erinnerte sie daran, wie ihre Mutter am Fluss W\u00e4sche gewaschen hat und sie als kleines M\u00e4dchen geholfen hat. W\u00e4hrend sie sprach, begann sie sogar, die Lieder zu singen, die die Frauen damals am Fluss sangen. Dieser Moment war sehr bewegend. Es war, als h\u00e4tte das Bild die Erinnerung und die damit verbundenen Emotionen auf wundervolle Weise wiederbelebt. Solche Momente zeigen eindrucksvoll, wie kraftvoll Bilder sein k\u00f6nnen, um Erinnerungen zu aktivieren und eine Br\u00fccke zu l\u00e4ngst vergangenen Zeiten zu schlagen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sie sagen: \u201eDiese Erkenntnisse unterstreichen das Potenzial von &#8218;Golden Memories&#8216; als wertvolles, nicht-pharmakologisches Werkzeug zur Unterst\u00fctzung der Erinnerungsarbeit und zur F\u00f6rderung bedeutungsvoller Verbindungen\u201c. Diese Anwendung kann im Prinzip auch von Laien im privaten Bereich genutzt werden, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Tania Lalgi: &#8222;Ja, definitiv. Die App ist sehr niedrigschwellig gestaltet und leicht zu bedienen. Angeh\u00f6rige k\u00f6nnen sie im privaten Rahmen nutzen, um Reminiszenztherapie zu leisten. Man kann alte Familienfotos digitalisieren und in der App mit kleinen Anekdoten oder Audioaufnahmen versehen. Die Patientin oder der Patient kann dann allein oder gemeinsam mit Angeh\u00f6rigen durch die Inhalte st\u00f6bern.<\/p>\n<div id=\"attachment_83027\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83027 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Das-Projekt-Golden-Memories-2-Foto-Carmen-Gonzalez.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"374\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Projekt Golden Memories Fotoerkennung auf dem Tablet &#8211; \u00a9 Carmen Gonz\u00e1lez<\/span><\/div>\n<p>Ich finde es besonders wichtig, dass die App f\u00fcr Angeh\u00f6rige eine einfache M\u00f6glichkeit bietet, wieder mit ihren Liebsten in den Austausch zu kommen. Oft sind Gespr\u00e4che mit Menschen mit Demenz schwierig, weil aktuelle Themen nicht mehr verstanden werden. Aber gemeinsame Erinnerungen \u2013 an fr\u00fchere Reisen, Feste oder Erlebnisse \u2013 schaffen N\u00e4he und verbinden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten heute als Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der LVR-Universit\u00e4tsklinik in Essen. K\u00f6nnen Sie dort Ihre Erfahrungen mit nicht-pharmakologischen Therapien mit einbringen?<\/strong><\/p>\n<p>Tania Lalgi: &#8222;Ja, definitiv. In der klinischen Arbeit sehe ich immer wieder, wie wichtig es ist, neben pharmakologischen Behandlungen auch nicht-pharmakologische Ans\u00e4tze einzubinden. Besonders in der Arbeit mit \u00e4lteren Patientinnen und Patienten sowie Menschen mit Depressionen oder kognitiven Einschr\u00e4nkungen sind Methoden wie Reminiszenz- oder Musiktherapie sehr hilfreich.<\/p>\n<p>Ich nutze zum Beispiel gerne biografische Gespr\u00e4che, bei denen wir gezielt \u00fcber positive Erinnerungen sprechen. Solche Gespr\u00e4che helfen, emotionale Barrieren abzubauen und das Selbstwertgef\u00fchl der Patientinnen und Patienten zu st\u00e4rken. Langfristig w\u00fcnsche ich mir, dass digitale Hilfsmittel wie Golden Memories st\u00e4rker in den Klinikalltag von Gerontoeinrichtungen integriert werden. Besonders in Pflegeeinrichtungen k\u00f6nnten solche Anwendungen eine gro\u00dfe Rolle spielen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wo kann man mehr \u00fcber das Projekt &#8218;Golden Memories&#8216; erfahren?<\/strong><\/p>\n<p>Tania Lalgi: &#8222;Informationen gibt es auf der Webseite des CRE Alzheimer Salamanca sowie in wissenschaftlichen Artikeln von Dr. Carmen P\u00e9rez Gonz\u00e1lez. Au\u00dferdem arbeiten wir daran, ein Manual f\u00fcr die Anwendung von Golden Memories zu publizieren. Interessierte k\u00f6nnen sich auch direkt an mich oder an Dr. Carmen P\u00e9rez Gonz\u00e1lez wenden. Wir freuen uns \u00fcber den Austausch und dar\u00fcber, wenn Angeh\u00f6rige und Pflegekr\u00e4fte mehr \u00fcber die Anwendung erfahren m\u00f6chten. Die App ist sowohl im App-Store als auch im Gamestore frei zug\u00e4nglich.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<h4>\u00dcber Tania Lalgi<\/h4>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-83029 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Foto-Lalgi-privat-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"305\" \/><\/p>\n<p>Die Psychologin Tania Lalgi &#8211; \u00a9 privat<\/p>\n<p>Die Psychologin Tania Lalgi studierte ihren Master an der Bergischen Universit\u00e4t und arbeitet heute an der LVR-Universit\u00e4tsklinik Essen in der Psychosomatischen Medizin<\/p>\n<p>Weitere Informationen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/crealzheimer.imserso.es\/web\/cre-alzheimer\">https:\/\/crealzheimer.imserso.es\/web\/cre-alzheimer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.golden-memories.de\/\">https:\/\/www.golden-memories.de\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wuppertaler Psychologiestudentin Tania Lalgi hat am Pionierinstitut in Salamanca (Spanien) mit der in Wuppertal entwickelten App \u201eGolden Memories\u201c geforscht. \u00dcber ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit der Psychologin unterhalten. <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-83022","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-22 12:35:20","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83022","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83022"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83022\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83032,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83022\/revisions\/83032"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83022"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83022"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83022"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}