{"id":82460,"date":"2025-03-26T14:31:10","date_gmt":"2025-03-26T13:31:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=82460"},"modified":"2025-03-30T12:52:01","modified_gmt":"2025-03-30T10:52:01","slug":"mephisto-schauspieler-zwischen-karriere-und-gewissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/03\/26\/mephisto-schauspieler-zwischen-karriere-und-gewissen\/","title":{"rendered":"\u201eMephisto\u201c: Schauspieler zwischen Karriere und Gewissen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_82463\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82463 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/SchSpW_MEPHISTO__c__Bjoern_Hickmann__04-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Gefeiert wird der H\u00f6fgen Karrierestart, hier mit H\u00f6fgen (Konstatin Rickert) als Mephisto mit den Teufelsh\u00f6rnern. Stefan Waltz (links als Geheimrat Bruckner) reicht die Flasche &#8211; \u00a9 Bjoern Hickmann<\/span><\/div>\n<p>Als Vorbild der Romanfigur Hendrik H\u00f6fgen diente, darauf weisen alle Ausf\u00fchrungen hin, der Schauspieler Gustaf Gr\u00fcndgens.\u00a0Die eindeutige Anlehnung und Zuordnung im Roman f\u00fchrte wegen Herabw\u00fcrdigung zu einem h\u00f6chstrichterlichen Verbreitungsverbot, welches darauf naturgem\u00e4\u00df erst Recht Interesse weckte.<\/p>\n<p>Kl\u00e4ger war Peter Gorski, der Adoptivsohn Gustav Gr\u00fcndgens. Allerdings ist der Roman in Deutschland trotz des noch g\u00fcltigen Verbots l\u00e4ngst ver\u00f6ffentlicht und vertrieben worden. Im Jahre 1956 erschien er im repr\u00e4sentativen Verlag der DDR, im Ostberliner Aufbau-Verlag.<\/p>\n<p>Klaus Mann selbst hatte sein Werk bereits vorher klassifiziert: \u201eEs handelt sich um kein Portrait, sondern um einen symbolischen Typus\u201c. Er wollte einen Schauspieler im Konflikt zwischen Karriere und Gewissen darstellen, hatte er gesagt.<\/p>\n<div id=\"attachment_82464\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2372px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82464 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/SchSpW_MEPHISTO__c__Bjoern_Hickmann__05.jpg\" alt=\"\" width=\"2362\" height=\"1699\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Holz wird geschlagen. Dramaturgie-Effekt in dem sehenswerten St\u00fcck \u201eMephisto\u201c &#8211; \u00a9 Bjoern Hickmann<\/span><\/div>\n<p>Die reale Geschichte vor der Geschichte ist mindestens so spannend wie das Schauspiel selbst. Der Roman-Autor Klaus Mann portr\u00e4tierte seine Figur im \u201eMephisto\u201c als r\u00fccksichtslosen Karrieristen. Es handelt von dem Karriereweg des Schauspielers Hendrik H\u00f6fgen (gl\u00e4nzend dargestellt von Konstantin Rickert ) vor und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten.<\/p>\n<h4>\u201eEine \u201eSchm\u00e4hschrift in Romanform\u201c<\/h4>\n<p>F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Schauspieles \u201eMephisto\u201c ist die Vorgeschichte nicht ganz unwichtig, erz\u00e4hlt sie doch sehr beeindruckend von den Zw\u00e4ngen, aber auch die Verlockungen des Dritten Reichs. Am Anfang stand im wirklichen Leben eine innige Freundschaft zwischen Autor Klaus Mann &#8211; Sohn von Nobelpreistr\u00e4ger (1929) Thomas Mann \u2013 und Schauspiel-Urgestein Gustaf Gr\u00fcndgens.<\/p>\n<p>Klaus Mann war von dem begabten B\u00fchnen-Darstellers Gustaf Gr\u00fcndgens tief beeindruckt. Er charakterisiert ihn als \u201echarmant, einfallsreich, hinrei\u00dfend, gefalls\u00fcchtig, glitzernd und spr\u00fchend vor Talent\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_82466\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82466 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/SchSpW_MEPHISTO__c__Bjoern_Hickmann__01-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1271\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Schauspielintendant und Schauspieler Thomas Braus in einer der drei Rollen, die er in &#8222;Mephisto&#8220; verk\u00f6rpert &#8211; \u00a9 Bjoern Hickmann<\/span><\/div>\n<p>Vater und Nobelpreistr\u00e4ger Thomas Mann war 1926 sogar Trauzeuge bei Gustaf Gr\u00fcndgens Eheschlie\u00dfung mit seiner Tochter, der Schauspielerin Erika Mann. Beide \u00a0kannten sich bei der Hochzeit einander weniger als ein Jahr. Man sprach dann sp\u00e4ter von einem \u201eEhe-Missverst\u00e4ndnis\u201c und einer Heirat, um des Profits wegen.<\/p>\n<h4>Warnung vor homophiler, sexistischer Szene<\/h4>\n<p>Hinweise auf die innere Zerrissenheit der Romanfigur Hendrik H\u00f6fgen gaben in der Wuppertaler Version der franz\u00f6sische, in Wien lebende Regisseur Nicolaus Charaux und Marie-Philine Pippert, die das Werk f\u00fcr die Wuppertaler Theaterb\u00fchne adaptiert haben. Und das mit einer starken homophilen, sexistischen Szene zwischen H\u00f6fken und seinem Geliebten Julian (Alexander Peiler).<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Szene, in der \u201esexualisierte Gewalt\u201c dargestellt wurden, gab es schon in der Ank\u00fcndigung einen Warnhinweis. In die gleiche Richtung ging auch ein Plakat bei einer Feier zu H\u00f6fkens\u00a0Karriere-Start mit der Aufschrift \u201eGustaf, du geile Sau\u201c, erkennbar eine Anspielung und die Anlehnung an den Schauspieler Gustaf Gr\u00fcndgens.<\/p>\n<div id=\"attachment_82467\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82467 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/SchSpW_MEPHISTO__c__Bjoern_Hickmann__07-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Alexander Peiler als Ministerpr\u00e4sident (l.) reicht Hendrik H\u00f6fgen (Konstantin Rickert) die Hand. Rechts Thomas Braus &#8211; \u00a9 Bjoern Hickmann<\/span><\/div>\n<p>Von Eitelkeit, Egoismus und Wirkungssucht getrieben schauspielert sich H\u00f6fgen durchs Leben. Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 \u00e4ndert sich das politische Klima in Deutschland drastisch. H\u00f6fgen, der sich zuvor als sozialistisch gesinnter K\u00fcnstler positioniert hatte, beginnt, seine politischen \u00dcberzeugungen zu verbergen und sich dem neuen Regime anzupassen.<\/p>\n<h4>Abscheu gegen\u00fcber seinem Opportunismus<\/h4>\n<p>Er tr\u00e4gt innere Konflikte aus, doch sein unb\u00e4ndiger Karrierewille \u00fcberwiegt. Er ist bereit, seine Ideale zu opfern, um beruflich voranzukommen. Barbara Bruckner (dargestellt von Luise Kinner) ist die zweite Ehefrau von H\u00f6fgen. Sie steht zwischen Loyalit\u00e4t zu ihrem Mann und Abscheu gegen\u00fcber seinem Opportunismus. Barbara ist eine tragische Figur, die die pers\u00f6nlichen Opfer von H\u00f6fgens Anpassung an das Regime verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Und da ist der \u201eMinisterpr\u00e4sident\u201c, eine Figur, die an Hermann G\u00f6ring angelehnt und von Stefan Walz authentisch und \u00fcberzeugend r\u00fcbergebracht wird. Der Ministerpr\u00e4sident ist einer der Hauptf\u00f6rderer von H\u00f6fgens Karriere im nationalsozialistischen Deutschland. Er ist ein m\u00e4chtiger und einflussreicher Mann, der H\u00f6fgen als seinen Lieblingsschauspieler auserkoren hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_82468\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82468 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/SchSpW_MEPHISTO__c__Bjoern_Hickmann__08-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1658\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Vor dem Kaffee-Automaten: (v.l.) Stefan Walz, Luise Kinner. Paula Sch\u00e4fer und Thomas Braus &#8211; \u00a9 Bjoern Hickmann<\/span><\/div>\n<p>Durch seine Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt H\u00f6fgen prestigetr\u00e4chtige Rollen und Positionen, doch dieser Schutz hat seinen Preis. \u201eMephisto\u201c l\u00e4\u00dft gr\u00fc\u00dfen! H\u00f6fgen muss seine \u00dcberzeugungen und seine moralische Integrit\u00e4t aufgeben, um den Erwartungen des Ministerpr\u00e4sidenten gerecht zu werden.<\/p>\n<h4>Man glaubt, Hermann G\u00f6ring zu erkennen<\/h4>\n<p>Der psychische Druck und die moralischen Kompromisse fordern schlie\u00dflich ihren Tribut. H\u00f6fgens Karriere, die auf Anpassung und Verrat aufgebaut ist, endet in pers\u00f6nlicher und moralischer Zerr\u00fcttung. Seine Lebensgeschichte steht als symbolisches Beispiel f\u00fcr die Verf\u00fchrungskraft des totalit\u00e4ren Regimes und die zerst\u00f6rerischen Folgen der Kollaboration.<\/p>\n<p>Gustaf Gr\u00fcndgens selbst hatte sp\u00e4ter gesagt, er sei kein politischer Mensch gewesen und habe stets versucht, die Kunst vor der Politik zu sch\u00fctzen.\u00a0Dem Schauspiel Wuppertal ist es gelungen, diese zeithistorische Geschichte in 90 Minuten \u00e4u\u00dferst pr\u00e4gnant darzustellen. Die Schauspieler schl\u00fcpfen in mehrere Rollen, ohne dass man den \u00dcberblick verlieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_82470\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82470 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/SchSpW_MEPHISTO__c__Bjoern_Hickmann__06-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Hendrik H\u00f6fgen (Konstantin Rickert), Thomas Braus, Alexander Peiler und Paula Sch\u00e4fer &#8211; \u00a9 Bjoern Hickmann<\/span><\/div>\n<p>Thomas Braus zeigt einmal mehr seine Vielseitigkeit und ist gleich dreimal vertreten, \u00e4hnlich wie Paula Sch\u00e4fer. F\u00fcr B\u00fchne und Kost\u00fcme zeichnet Albert Fr\u00fchst\u00fcck verantwortlich. Ankerpunkt\u00a0 des schlichten B\u00fchnenbildes ist ein schlecht funktionierender Kaffee-Automat und ein Holzstapel, an denen sich die Akteure abwechselnd mit einem Beil bet\u00e4tigten. Hier hatte auch die Dramaturgin Marie-Philine Pippert ihren Anteil.<\/p>\n<h4>Gr\u00fcndgens: Selbstmord oder ein Versehen?<\/h4>\n<p>Die Neuentdeckung des Werkes von Klaus Mann in Deutschland fand erst viele Jahre nach seinem Tod statt. Klaus Mann starb im Mai 1949 an einer \u00dcberdosis Schlaftabletten. Gustaf Gr\u00fcndgens ging 63j\u00e4hrig mit seinem Lebensgef\u00e4hrten auf Weltreise und starb unterwegs in einem Hotel in der philippinischen Hauptstadt Manila. Selbstmord oder ein Versehen? Diese Frage konnte auch Klaus Mann nicht mehr kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Auff\u00fchrung seines Werkes ist im Schauspiel Wuppertal noch am Sonntag (30.03.) ab 18 Uhr im Opernhaus (mit Publikumsgespr\u00e4ch im Anschluss) sowie im Mai 2025\u00a0 geplant.<\/p>\n<p><strong>Text: SIEGFRIED J\u00c4HNE<\/strong><\/p>\n<p><strong>Link zur Webseite der Wuppertaler B\u00fchnen:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de\">http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMephisto\u201c ist in Goethes Faust die Figur des Teufels. Die Personifizierung des B\u00f6sen findet sich auch in dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann (1936) wieder, der in einer B\u00fchnenfassung jetzt vom Schauspiel Wuppertal sehenswert aufgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-82460","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-20 02:29:15","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82460"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82482,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82460\/revisions\/82482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}