{"id":82202,"date":"2025-03-06T12:57:31","date_gmt":"2025-03-06T11:57:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=82202"},"modified":"2025-03-17T09:15:02","modified_gmt":"2025-03-17T08:15:02","slug":"loewenzahn-jeder-kennt-ihn-aber-keiner-erkennt-ihn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/03\/06\/loewenzahn-jeder-kennt-ihn-aber-keiner-erkennt-ihn\/","title":{"rendered":"L\u00f6wenzahn: Jeder kennt ihn, aber keiner erkennt ihn"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_82204\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 844px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82204 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Lohaus-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"834\" height=\"562\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Gertrud Lohaus, Botanikerin der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p><strong>Wo kommt der gew\u00f6hnliche L\u00f6wenzahn urspr\u00fcnglich her?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;Das ist nicht so einfach zu beantworten. Meine Mitarbeiterin sagte \u201ejeder kennt ihn, aber keiner erkennt ihn\u201c oder \u201ejeder erkennt ihn, aber keiner kennt ihn\u201c, ganz wie sie wollen. Dieses Pfl\u00e4nzchen ist botanisch ein echtes Schwergewicht.<\/p>\n<p>L\u00f6wenzahn bezeichnet hier <em>Taraxacum<\/em>, eine Pflanzengattung. Diese Gattung geh\u00f6rt zur Pflanzenfamilie der Korbbl\u00fctengew\u00e4chse (Asteraceae). Korbbl\u00fctengew\u00e4chse, weil die vermeintliche Bl\u00fcte vom L\u00f6wenzahn ein Korb voll Bl\u00fcten ist, die eine Einzelbl\u00fcte vort\u00e4uschen. Der bekannteste Vertreter bei uns ist vermutlich der Gew\u00f6hnliche L\u00f6wenzahn, der bezeichnet wird als <em>Taraxacum <\/em>Sektion <em>Ruderalia<\/em>. Es ist also keine einzelne Art, sondern eine ganze Gruppe von \u00e4hnlichen Arten oder Unterarten innerhalb der Gattung Taraxacum.<\/p>\n<p>Die Populationen des Gew\u00f6hnlichen L\u00f6wenzahns lassen sich nicht als Art definieren, da sie das biologische Artkonzept \u201esprengen\u201c. Es gibt sehr viele \u00e4hnliche Pflanzengruppen sowie viele \u00dcbergangsformen. Dennoch k\u00f6nnen sich bestimmte Pflanzengruppen nicht mit anderen kreuzen, was sie eigentlich jeweils eine eigene Art sein l\u00e4sst. Dieses \u201esich nicht kreuzen k\u00f6nnen\u201c beruht darauf, dass die Pflanzen eine genetische Besonderheit haben, da viele nicht nur einen doppelten Chromosomensatz haben, sondern einen dreifachen oder gar vierfachen. Daher werden die Pflanzen gemeinsam als Sektion &#8222;Ruderalia&#8220; bezeichnet. Auch \u00fcber die Anzahl der Arten, die zu dieser Sektion geh\u00f6ren gibt es unterschiedliche Meinungen. Manche gehen von wenigen Arten aus, andere definieren mehrere hundert Arten! Und alles ist Gew\u00f6hnlicher L\u00f6wenzahn.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Der Gew\u00f6hnliche L\u00f6wenzahn stammt urspr\u00fcnglich aus Europa bzw. dem westlichen Asien, ist aber auf der ganzen Nordhalbkugel weit verbreitet. L\u00f6wenzahn kommt auf vielen Wiesen und Weiden vor, insbesondere, wenn sie stark mit G\u00fclle oder Kunstd\u00fcnger ged\u00fcngt wurden. L\u00f6wenzahn vertr\u00e4gt viel Nitrat. L\u00f6wenzahn ist aber auch an ganz vielen anderen Standorten zu finden, in Mauerritzen, an Stra\u00dfenr\u00e4ndern, hier auf dem Campus an verschiedensten Stellen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>L\u00f6wenzahn wird h\u00e4ufig als l\u00e4stiges Unkraut angesehen, dabei ist die Pflanze mit ihren langen Wurzeln durchaus wichtig f\u00fcr unseren Boden. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;Ob L\u00f6wenzahn wirklich wichtiger f\u00fcr den Boden ist als andere Pflanzenarten ist, wei\u00df ich nicht. Durch die langen Pfahlwurzeln kann L\u00f6wenzahn jedenfalls auch aus tieferen Schichten Wasser bekommen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Er hat mehr Vitamine als alle anderen Gem\u00fcsesorten. Sogar beim Eisengehalt \u00fcbertrifft L\u00f6wenzahn den von Spinat um das 30-Fache. Stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;Bei solchen Aussagen w\u00e4re ich vorsichtig. Um welche Vitamine handelt es sich denn? Viele gr\u00fcne Gem\u00fcsesorten sind reich an Vitaminen, z.B. Gr\u00fcnkohl. Neben der Art bzw. Sorte kommt es nat\u00fcrlich darauf an, wo die Pflanze w\u00e4chst, unter welchen Bedingungen usw. So k\u00f6nnen bei den Gehalten riesige Unterschiede auftreten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Auch die Tierwelt profitiert von ihm. Wodurch?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;L\u00f6wenzahn bietet vielen Insekten Nahrung in Form von Pollen und Nektar. Andere Pflanzenfresser nutzen die Bl\u00e4tter. Kinder, die Kaninchen als Haustiere haben, suchen in der Regel auch L\u00f6wenzahn f\u00fcr sie.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_82205\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82205 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Loewenzahn-Foto-Uniservice-Third-Mission-rotated.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"733\" \/><span class=\"wp-caption-text\">L\u00f6wenzahn auf der Wiese wie ihn jeder kennt &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<p><strong>L\u00f6wenzahn ist eine der vitaminreichsten Wildpflanzen in unserer Region. Wozu kann man ihn denn verwenden?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;Wie gesagt, ob das mit dem vitaminreichsten so stimmt, bezweifle ich? Es wurden bestimmt noch nicht alle Arten untersucht. Die jungen Bl\u00e4tter vom L\u00f6wenzahn lassen sich als Salat verwenden. Da L\u00f6wenzahn etwas bitter ist, ist er in der Regel nur ein Teil des Salats. Unser \u201eKopfsalat\u201c und viele weitere Salatsorten geh\u00f6ren \u00fcbrigens auch zu den Asteraceen, den Korbbl\u00fctengew\u00e4chsen, d.h. zur gleichen Pflanzenfamilie.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Geschmacklich ist L\u00f6wenzahn als Salat vergleichbar mit Radicchio oder Chicor\u00e9e, weil er Taraxacin enth\u00e4lt. Das hat ihm auch seine unr\u00fchmlichen Spitznamen wie Pissblume und Bettschisser eingebracht. Was bewirkt er im K\u00f6rper?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;L\u00f6wenzahn wirkt harntreibend. Wie stark dieser Effekt ist, kann ich aber leider oder gl\u00fccklicherweise nicht sagen, da ich noch nie so gro\u00dfe Mengen zu mir genommen habe. Welche Stoffe des L\u00f6wenzahns dies ausl\u00f6sen ist bisher wohl noch nicht ganz gekl\u00e4rt. Taraxacin als Bitterstoff wird eher als anregend f\u00fcr die Verdauung beschrieben und nicht unbedingt in Zusammenhang mit \u201eharntreibend\u201c.&#8220;<\/p>\n<p><strong>So bitter die Bl\u00e4tter auch sind, um so s\u00fc\u00dfer sind die Bl\u00fcten. Wie kommt das?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;In den Bl\u00fctenbl\u00e4ttern ist Zucker vorhanden und zus\u00e4tzlich ist Bl\u00fctennektar s\u00fc\u00df. Bl\u00e4tter enthalten nat\u00fcrlich auch Zucker und entsprechend gr\u00f6\u00dfere Mengen an Bitterstoffen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Aus den Wurzeln kann man sogar Kaffee selber machen, der <\/strong><strong>etwas malzig, nussig und herb, je nach Erntezeitraum der Wurzeln, schmeckt. Die Pflanze ist in Zeiten von Nachhaltigkeit eigentlich ein Allrounder, oder?<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;Die Wurzeln enthalten einen Stoff namens Inulin (ein Polymer aus Fructose). Wenn dieser Stoff ger\u00f6stet wird, gibt es einen malzigen Geschmack. Auch andere Pflanzen, die f\u00fcr Malzkaffee verwendet werden, enthalten diesen Stoff, z.B. Zichorien (Wegwarte). Ich bin selber nicht so ein Fan von Malz- oder Getreidekaffee. Eine Tasse \u201eechter Bohnenkaffee\u201c oder ein Espresso\/Cappuccino ist mir lieber. Das ist nat\u00fcrlich Geschmackssache; L\u00f6wenzahn enth\u00e4lt jedenfalls kein Koffein.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_82206\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82206 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Loewenzahn-Bluehstadien-CC-BY-SA-3.0.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"903\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die verschiedenen Bl\u00fchstadien des L\u00f6wenzahns &#8211; \u00a9 CC BY-SA 3.0<\/span><\/div>\n<p><strong>Die St\u00e4ngel haben einen wei\u00dflichen Milchsaft, der nach einer Pressemeldung des Fraunhofer Institutes (IME) nun auch als Kleber genutzt werden k\u00f6nnte. Zitat: \u201eWir haben das Enzym gefunden, das f\u00fcr die schnelle Polymerisation verantwortlich ist und haben dieses ausgeschaltet\u201c, sagt Prof. Dr. Dirk Pr\u00fcfer, Abteilungsleiter am IME. \u201eWird die Pflanze besch\u00e4digt, flie\u00dft das Latex heraus statt zu polymerisieren. Wir erhalten etwa die vier- bis f\u00fcnffache Menge wie \u00fcblich. W\u00fcrden die Pflanzen gro\u00dftechnisch angebaut, lie\u00dfen sich so auf einem Hektar 500 bis 1.000 Kilogramm Latex pro Vegetationsperiode produzieren.\u201c So k\u00f6nnte man zuk\u00fcnftig Naturkautschuk in Europa produzieren, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;Das h\u00f6rt sich erst mal gut an, m\u00fcsste jedoch berechnet werden, ob es sich lohnt und was sonst noch alles bei der Produktion zu beachten ist.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche Eigenschaft sch\u00e4tzen sie denn am L\u00f6wenzahn?<\/strong><\/p>\n<p>Gertrud Lohaus: &#8222;Als Kind habe ich oft die Pusteblumen gepfl\u00fcckt und auch heute finde ich es noch faszinierend wie die Samen mit den \u201eSchirmchen\u201c durch die Luft fliegen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_82207\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-82207 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Lohaus-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"254\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Gertrud Lohaus &#8211; \u00a9 UniService Third Mission<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Gertrud Lohaus<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Gertrud Lohaus \u00fcbernahm 2009 die Professur f\u00fcr Molekulare Pflanzenforschung\/Pflanzenbiochemie an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder kennt ihn, aber keiner erkennt ihn. Gemeint ist der L\u00f6wenzahn. Um welche Pflanze handelt es sich denn beim Gew\u00f6hnlichen L\u00f6wenzahn eigentlich? Diese und andere Fragen hat Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; der Botanikerin Prof. Dr. Gertrud Lohaus von der Bergischen Universit\u00e4t gestellt. <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-82202","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 17:29:42","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82202"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82202\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82211,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82202\/revisions\/82211"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}