{"id":81136,"date":"2025-01-27T14:53:35","date_gmt":"2025-01-27T13:53:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=81136"},"modified":"2025-01-28T15:27:45","modified_gmt":"2025-01-28T14:27:45","slug":"theater-hit-metoo-monolog-im-zweifel-fuer-den-angeklagten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/01\/27\/theater-hit-metoo-monolog-im-zweifel-fuer-den-angeklagten\/","title":{"rendered":"Theater-Hit \u201eMeToo-Monolog\u201c: Im Zweifel f\u00fcr den Angeklagten?"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_81140\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81140 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/SchSpW_PRIMA_FACIE__c__Anna_Schwartz_01-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1780\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zeigte als &#8222;Tessa&#8220; eine gro\u00dfartige Leistung auf der Theaterb\u00fchne: Die Wuppertaler Schauspielerin Julia Wolff &#8211; \u00a9 Anna Schwartz<\/span><\/div>\n<p>2020 wurde \u201ePrima Facie\u201c mit dem \u201eOlivier Award\u201c, der h\u00f6chsten Auszeichnung im britischen Theater, ausgezeichnet. Seit Fr\u00fchjahr 2023 ist es am New Yorker Broadway zu sehen. Im deutschsprachigen Raum wird der \u201eMonologabend\u201c in diesen Spielzeiten an insgesamt f\u00fcnfzehn verschiedenen H\u00e4usern gezeigt. Im Fr\u00fchjahr 2022 spielte Jodie Comer die Rolle von Tessa am &#8222;National Theatre&#8220; in London. Mehr als 300.000 Zuschauer sahen das St\u00fcck im Kino durch die Ausstrahlung des National Theatre live.<\/p>\n<h4>Dunkle Erfahrungen und \u201eAnscheinsbeweise\u201c<\/h4>\n<p>\u201ePrima Facie\u201c, ist Latein und hei\u00dft \u201eAuf den ersten Blick\u201c oder \u201eDem Anschein nach\u201c. Der juristischer Terminus f\u00fcr \u201eAnscheinsbeweis\u201c, hat weltweit eine \u00fcberragende Bedeutung in den Rechtssystemen, wo im Zweifel f\u00fcr den Angeklagten entschieden wird (\u201eIn dubio pro reo\u201c).<\/p>\n<p>Suzie Miller traf mit ihrem St\u00fcck einen Nerv. Sie beschreibt eine dunkle Erfahrung, die viele Frauen machen: Ihre Protagonistin wird Opfer einer Vergewaltigung \u2013 und ger\u00e4t in die M\u00fchlen des Justizsystems, das bislang eher t\u00e4terfreundlich ausgerichtet war (oder ist?). Das Thema hat ganz offensichtlich eine riesengro\u00dfe Bedeutung mit Omnipr\u00e4senz, denn \u201eim Zweifel f\u00fcr den Angeklagten\u201c geh\u00f6rt zu den Grundfesten unserer Demokratie und zeigt Grenzen des Systems auf.<\/p>\n<p>Zum Inhalt: F\u00fcr Tessa Ensler, die sich vom Arbeiterkind zur gefeierten, knallharten Strafverteidigerin hochgeboxt hat, steht die juristische Wahrheit \u00fcber allem. Tessa ist auf ihrem H\u00f6henflug. Gef\u00fchle und Moral spielen im Gerichtssaal keine Rolle. Sie verteidigt vor allem M\u00e4nner, die wegen sexueller \u00dcbergriffe vor Gericht stehen. \u201eIch habe seit Wochen keinen Fall verloren\u201c sagt sie nicht ohne erkennbaren Stolz. Immer geht ihr dabei um die juristische Wahrheit und die \u201eUnschuldsvermutung\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_81141\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81141 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/SchSpW_PRIMA_FACIE__c__Anna_Schwartz_02-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1432\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Julia Wolff als verzweifelte Frau, die ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen musste &#8211; \u00a9 Anna Schwartz<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcbergriff nach feuchtfr\u00f6hlichem Abend<\/h4>\n<p>Davon ist Tessa bis zu dem Tag \u00fcberzeugt, an dem sie selbst Opfer eines sexuellen Missbrauchs wird. Ihrer Wahrnehmung nach wird ein Kollege, mit dem sie ein enges Verh\u00e4ltnis pflegt, nach einem feuchtfr\u00f6hlichen Abend sexuell \u00fcbergriffig. Hat sie sich gewehrt, hat sie deutlich \u201eNein\u201c gesagt? War es eine Vergewaltigung? Sie zeigt den Kollegen an.<\/p>\n<p>Danach findet sie sich in der Rolle der Kl\u00e4gerin pl\u00f6tzlich selbst im Zeugenstand wieder. Das Tatgeschehen ist nicht eindeutig, an Widerspr\u00fcchen fehlt es nicht. Jetzt muss sie erkennen, dass sie als Verteidigerin in einem juristischen System agierte, das im Falle sexualisierter Gewalt gegen Frauen schlichtweg nicht funktioniert.<\/p>\n<p>Tessa durchlebt ein traumatisierendes Kreuzverh\u00f6r, in dem unklar ist, wer Opfer oder T\u00e4ter ist. Ihr Empowerment (Selbst-Bef\u00e4higung) zur Verteidigung wird herausgefordert. Sie durchlebt in ihrem eigenen Fall die Anw\u00e4lte, die mit dem Anscheinsbeweis arbeiten, wenn es wie hier nur zwei Zeugen gibt.<\/p>\n<p>Da sind Anw\u00e4lte, die das Loophole (Schlupfloch im Gesetz) nutzen um ein ohnehin traumatisiertes Vergewaltigungsopfer im Moment der Retraumatisierung so gr\u00fcndlich zu verunsichern, dass es sich in den Widerspr\u00fcchen der eigenen Erinnerung verstrickt. Das St\u00fcck erlaubt tiefe Einblicke in die Gef\u00fchlswelt einer so verletzten Frau.<\/p>\n<div id=\"attachment_81142\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81142 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/SchSpW_PRIMA_FACIE__c__Anna_Schwartz_05.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"664\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Julia Wolff, eine begnadete, \u00fcberzeugende Charakter-Darstellerin &#8211; \u00a9 Anna Schwartz<\/span><\/div>\n<h4>Der brillante Abend von Julia Wolff<\/h4>\n<p>Tessas preisgekr\u00f6nter Monolog wird auf der Wuppertaler B\u00fchne von Julia Wolff in 110 Minuten brillant dargestellt. Es ist ihr Abend, den sie von Anfang bis Ende mit ihrer Ausdruckskunst in Tonlage und Betonung ganz alleine gestaltet.<\/p>\n<p>Unglaublich, wie es dieser herausragenden Schauspielerin gelingt, in einem fast zwei Stunden langen Monolog die Spannung pers\u00f6nlich und \u00fcberzeugend zu halten. Nur ein einziger kleiner Versprecher, an einer sehr emotionalen Szene, war zu vernehmen. Chapeau!<\/p>\n<p>Die New York Times betonte in ihrer wohlwollenden Rezension zur gleichnamigen Auff\u00fchrung am Broadway minimale Requisiten, leuchtendes, fluoreszierendes Licht und viel leeren Raum f\u00fcr ihren Star. Hier haben sich Johanna Landsberg (Inszenierung) und Laura Hutta (Regieassistenz) sowie Johanna Rehm (B\u00fchne und Kost\u00fcme) vielleicht inspirierten lassen, als sie im Theater am Engelsgarten die Wuppertaler Auff\u00fchrung zusammen mit Ilja Betser (Inspizient) eindrucksvoll gestalteten. F\u00fcr die gelungene Dramaturgie zeichnet am Engelsgarten Marie-Philine Puppert verantwortlich.<\/p>\n<div id=\"attachment_81143\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81143 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/SchSpW_PRIMA_FACIE__c__Anna_Schwartz_03-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1485\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Julia Wolff stand zwei Stunden allein auf der B\u00fchne und begeisterte das Publikum &#8211; \u00a9 Anna Schwartz<\/span><\/div>\n<h4>\u201eIrgendwas muss sich \u00e4ndern\u201c<\/h4>\n<p>Suzie Miller zeigt mit ihrem preisgekr\u00f6nten St\u00fcck, wie schwer es ist, gegen patriarchale Machtgef\u00fcge anzukommen und den Wandel einer Frau, die immer weiterk\u00e4mpft. \u201eIrgendwas muss sich \u00e4ndern\u201c, lautet das dramatische Schlusspl\u00e4doyer von Julia Wolff, die das Publikum jetzt direkt anspricht und zum Ausdruck bringt, dass sexualisierte Gewalt jede dritte Frau betreffe.<\/p>\n<p>Damit wurde bei vielen Zuschauern eine Diskussion zur Frage, was und wie man \u201eetwas \u00e4ndern\u201c k\u00f6nne, in Gang gesetzt. Einigkeit dar\u00fcber besteht weitgehend darin, das sexualisierte Gewalt schwer zu ertragen sei und bestraft werden muss. Doch wie die juristische \u00c4nderung aussehen kann, wenn es wie in dem Schauspiel dargestellt, nur die zwei Beteiligten und keine weiteren Zeugen gibt, ist auch mit \u201ePrima Facie\u201c nicht schl\u00fcssig beantwortet?<\/p>\n<p>Es ist ja auch nicht so selten, dass M\u00e4nner zu Unrecht beschuldigt werden. Man denke nur an den Comedian Luke Mockridge und an den TV-Meteorologen J\u00f6rg Kachelmann. Oder auch an den aktuellen Fall des Berliner Bundestagsabgeordneten Stefan Gelbhaar (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen). Ihre Karrieren wurden durch Falschaussagen schwer besch\u00e4digt oder sogar zerst\u00f6rt. Die Diskussion ist einmal mehr entfacht und wird wohl ergebnisoffen weitergehen\u2026<\/p>\n<p><strong>Text: Siegfried J\u00e4hne<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>N\u00e4chste Vorstellungen: <\/strong><\/p>\n<p>02.02. &#8211; 06.02. &#8211; 22.02. &#8211;\u00a0 01.03. &#8211; 21.03. &#8211; 04.04. &#8211; 03.05.<\/p>\n<p><strong>Link zu Webseite der Wuppertaler B\u00fchnen:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de\">http:\/\/www.wuppertaler-buehnen.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein neuzeitliches Theaterst\u00fcck hat mutma\u00dflich f\u00fcr so viel Furore gesorgt, wie \u201ePrima Facie\u201c. Der MeToo-Monolog der australischen Autorin Suzie Miller wurde 2019 in Sydney (Australien) uraufgef\u00fchrt, geht seither rund um die Welt und wurde ein wahrer Theaterhit. Jetzt hat es auch das Wuppertaler Schauspiel erreicht. Bei der Premiere im Theater im Engelsgarten dankte das gespannte Publikum mit langanhaltendem Applaus.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-81136","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-20 01:48:20","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81136"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81181,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81136\/revisions\/81181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}