{"id":81053,"date":"2025-01-24T11:16:49","date_gmt":"2025-01-24T10:16:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=81053"},"modified":"2025-01-24T11:16:49","modified_gmt":"2025-01-24T10:16:49","slug":"wie-der-koerper-soziale-beziehungen-konstruiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/01\/24\/wie-der-koerper-soziale-beziehungen-konstruiert\/","title":{"rendered":"Wie der K\u00f6rper soziale Beziehungen konstruiert"},"content":{"rendered":"<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_81057\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-81057\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Pina-Bausch-Produktion-Agua-Foto-Ursula-Kaufmann-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1608\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eine Szene aus der beeindruckenden, erfolgreichen Pina-Bausch-Produktion &#8222;\u00c1gua&#8220; &#8211; \u00a9 Ursula Kaufmann<\/span><\/div>\n<p><strong>Worum geht es in der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Tagung &#8222;TanztheaterDenken&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Tanz und Theorie, das scheinen auf den ersten Blick absolute Gegens\u00e4tze zu sein: auf der einen Seite die Erfahrung des K\u00f6rpers, das Handeln, auf der anderen Seite die Abstraktion, der Geist und Betrachtung. Aber diese klare Unterscheidung ist schon seit langem in Frage gestellt worden. Der franz\u00f6sische Moralist Jean de La Bruy\u00e8re fragt im 17. Jahrhundert: Weshalb unterschl\u00e4gt man aus der Biographie des Sokrates, dass er getanzt hat? Und Jean-Jacques Rousseau verfasst hundert Jahre sp\u00e4ter eine Musikpantomime &#8218;Pygmalion&#8216;, mit der er etwas zum Ausdruck bringen m\u00f6chte, dass in seinen philosophischen Schriften noch keinen Platz gefunden hatte.<\/p>\n<p>Um einen gr\u00f6\u00dferen Sprung in der Zeit zu machen: Gabriele Klein, die auf unserer Tagung den Er\u00f6ffnungsvortrag halten wird, hat mit der Praxeologie eine Form gefunden, um zu analysieren, wie der menschliche K\u00f6rper durch sein Tun soziale Beziehungen konstruiert. Hierf\u00fcr war das Tanztheater von Pina Bausch ein wichtiger Impuls.<br \/>\nDementsprechend bietet auch unsere Tagung nicht nur eine Theorie des Verh\u00e4ltnisses von Tanztheater und Denken, sondern verkn\u00fcpft diese \u2013 es wird also Vortr\u00e4ge von Wissenschaftlerinnen verschiedener Disziplinen geben, aber auch eine Tanzwerkstatt mit \u00c7a\u011fda\u015f Ermi\u015f, einem T\u00e4nzer der Compagnie und eine Podiumsdiskussion, in der Barbara Kaufmann, Probeleiterin des Tanztheaters, und Valentina Paz, eine chilenische Choreographin, die mit der Compagnie zusammengearbeitet hat, sich mit Fabienne Andr\u00e9 unterhalten, die selbst T\u00e4nzerin und Tanzlehrerin ist. Und diese Verkn\u00fcpfung von Praxis und Theorie wird auch in dem Titel \u201eTanztheaterDenken\u201c zum Ausdruck gebracht, in dem beide W\u00f6rter nahtlos ineinander \u00fcbergehen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>In Ihrem Informationstext zur Veranstaltung, den sie zusammen mit\u00a0<\/strong><strong>Marion Fournier, Ludmila Hlebovich und Valentina Paz Morales verfasst haben, schreiben sie: \u201eDas Tanztheater\u2026<em>\u00a0<\/em>hat Formen des Denkens befl\u00fcgelt und ist selbst eine Auff\u00fchrung und eine Art des Denkens.\u201c K\u00f6nnen Sie das einmal erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Matei\u00a0 Chihaia: &#8222;Diese Formulierung stammt von Frau Dr. Hlebovich, einer Philosophin der Universit\u00e4t La Plata, Argentinien, die in diesem Wintersemester mit einem DAAD-Stipendium an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften forscht \u2013 zur \u00c4sthetik des Tanztheaters. Ich w\u00fcrde die Frage also gerne an sie weitergeben.&#8220;<\/p>\n<p>Ludmila Hlebovich: &#8222;Ja, ich meinte Folgendes: Der Tanz ist nicht nur an sich eine spezifische Ausdrucksform des Denkens, sondern er wirft auch Fragen auf, die sich an andere Disziplinen richten. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, dass wir bei der unterschiedlichen wissenschaftlichen Betrachtung des Tanzes ber\u00fccksichtigen, dass der Tanz und seine Akteurinnen und Akteuren \u2013 also T\u00e4nzer und Choreografinnen \u2013 neben ihrer Praxis, ihren Techniken, ihren Werken und dem, was sie dem Publikum zeigen, ihre eigenen theoretischen Produktionen hervorbringen: Notizen zu Proben, Projekten, Schriften \u00fcber den Tanz selbst, Autobiografien und \u00c4hnliches. Wie wir wissen, hat Pina Bausch sich zwar selten ausf\u00fchrlich \u00fcber ihr Werk ge\u00e4u\u00dfert, doch sie hat zahlreiche Interviews, Vortr\u00e4ge und Gespr\u00e4che gegeben, ebenso wie die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer. Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgt der Tanz als Disziplin \u00fcber eine eigene Geschichte, und die Dance Studies b\u00fcndeln verschiedene Forschungen dazu in systematischer und historischer Perspektive.<\/p>\n<div id=\"attachment_81059\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81059 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dr.-Ludmila-Hlebovich.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"433\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Ludmila Hlebovich, DAAD-Gastwissenschaftlerin der Universit\u00e4t La Plata in Argentinien- \u00a9 Privat<\/span><\/div>\n<p>Gleichzeitig stellt sich heraus, wenn wir die Beziehung zwischen Tanz und anderen Disziplinen im Allgemeinen betrachten, dass sich zunehmend nicht nur der Tanz von der Philosophie, Soziologie, Geschichte und Literatur inspirieren l\u00e4sst, sondern dass diese Disziplinen auch Studien \u00fcber den Tanz anbieten. Sie erkennen dadurch an, was der Tanz mit seinen Schreibweisen, seiner Methodologie sowie in der Formulierung von Forschungsfragen und Antworten in Bewegung bringt. Es gibt sogar verschiedene Projekte, in denen Forschende und K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler zusammenarbeiten. In Anbetracht dieser Ber\u00fchrungspunkte schafft die Veranstaltung einen Raum f\u00fcr Begegnung und Reflexion zwischen der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal, dem Tanztheater Wuppertal und allen, die an diesen Themen interessiert sind.&#8220;<\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Es handelt sich \u00fcbrigens nicht um die erste Veranstaltung dieser Art. Aus der Fakult\u00e4t f\u00fcr Mathematik und Naturwissenschaften gab es eine ganze Reihe von Projekten, die meine Kollegin Barbara R\u00fcdiger-Mastandrea leitete, und in denen es um Mathematik und Tanztheater ging. Im Grunde f\u00fchrt unsere Veranstaltung diese Idee fort, dass das Tanztheater und die Wissenschaft sich viel zu sagen haben, und dekliniert diese Idee durch andere Disziplinen durch: Tanztheater hilft beim Denken.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Pina Bausch selbst sagt \u00fcber das Tanztheater: \u201eEs geht um etwas, in dem wir uns treffen k\u00f6nnen.\u201c Wie verstehen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Die soziale Funktion des Theaters ist ein interessantes Ph\u00e4nomen. Im antiken Griechenland waren Theater und Demokratie verzahnt. Aber damit ist die gemeinschaftsbildende Wirkung des Schauspiels noch l\u00e4ngst nicht ersch\u00f6pft: Denkt man an Karnevalsz\u00fcge und Krippenspiele. Totalit\u00e4re Staaten verbieten als erstes das Theater oder versuchen es zu kontrollieren, weil es nicht nur buchst\u00e4blich Spielr\u00e4ume er\u00f6ffnet, sondern auch den Menschen gestattet, sich in der Betrachtung des Handelns als eine <em>aktive<\/em> Gemeinschaft zu erfahren. Theater verkn\u00fcpft also die Erfahrung von Gemeinschaft mit der von Freiheit. Wer einmal in einer Auff\u00fchrung des Tanztheaters war, kennt dieses Gef\u00fchl.&#8220;<\/p>\n<p>Ludmila Hlebovich: &#8222;Genau, solche \u00c4u\u00dferungen von Pina Bausch erlauben uns, glaube ich, \u00fcber die gemeinschaftsbildende Macht des Tanzes und der Gesten nachzudenken. Die Werke von Pina Bausch sind voller Gesten, die von ihrem ber\u00fchmten Anliegen zeugen: &#8218;Es kommt nicht darauf an, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt&#8216;. Im Moment der Entstehung der Werke wird dieses Anliegen in Hunderte von Schl\u00fcsselfragen \u00fcbersetzt, die Pina Bausch den T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern bei den Proben stellte und die sie aus ihrer eigenen Alltagserfahrung heraus beantworten mussten.<\/p>\n<div id=\"attachment_78822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2567px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-78822 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/cropped-Pina-Cafe-Mueller-by-Case-Maclaim-Frankfurt-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2557\" height=\"1342\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Pina Bausch als Street Art-Kunstwerk von Case Maclaim auf der Fassade Bundesallee 221 \u2013 \u00a9 WupperOne929 UrbanArt e.V.<\/span><\/div>\n<p>Die Gesten, die aus dieser Arbeitsweise hervorgehen, vermitteln Erfahrung, und dies versucht sich mit unserer eigenen Erfahrung als Zuschauer in Beziehung zu setzen. Dar\u00fcber hinaus birgt diese Form, Gemeinschaft zu schaffen, noch etwas Interessantes: Nicht alle deuten die gleiche Geste auf die gleiche Weise. Gerade deswegen kann eine einzige Szene bei manchen ein Lachen hervorrufen und bei anderen eine tiefe Traurigkeit ausl\u00f6sen. Es handelt sich, denke ich, um eine Begegnung, in der \u2013 nicht ohne Spannungen und Widerspr\u00fcche \u2013 das, was uns verbindet, und das, was uns unterscheidet, koexistiert.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Das Tanztheater Pina Bausch ist zum Forschungsgegenstand geworden. U.a. geht es darum, das Verh\u00e4ltnis von Sprache und Bewegung zu erforschen. In einer Dankesrede aus Anlass der Verleihung des Kyoto-Preises 2007 an sie, sagte Pina Bausch in ihrer Dankesrede \u00fcber ihre neue Arbeitsweise: \u201eAlso habe ich ihnen (den T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern) die Fragen gestellt, die ich an mich selber hatte. So ist die Arbeitsweise aus einer Not heraus entstanden. Die \u201cFragen\u201d sind dazu da, sich ganz vorsichtig an ein Thema heranzutasten. Das ist eine ganz offene Arbeitsweise und doch eine ganz genaue. Sie f\u00fchrt mich zu vielen Dingen hin, an die ich alleine gar nicht h\u00e4tte denken k\u00f6nnen.\u201c Wie geht man an so eine Forschung \u00fcberhaupt ran?<\/strong><\/p>\n<p>Ludmila Hlebovich: &#8222;Diese Art des Schaffens, die auf Fragen basiert, die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer verschiedener Nationalit\u00e4ten und Kulturen gestellt werden \u2013 aber auch auf Fragen zu unterschiedlichen Kulturen, wenn wir zum Beispiel an Koproduktionen denken \u2013 f\u00fchrt zu St\u00fccken, die keine lineare Handlung vorschlagen, sondern eine Vielzahl kurzer Geschichten. Diese werfen uns als Zuschauer viele weitere Fragen zur\u00fcck: Welche \u00e4sthetischen Beziehungen entstehen auf der B\u00fchne? Welche sozialen Beziehungen werden dargestellt, kritisiert, gefordert oder vorausgesetzt? Wie gestalten sich die Verbindungen zwischen verschiedenen Kulturen, zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen, zwischen unterschiedlichen K\u00f6rperlichkeiten, Generationen und Altersstufen?&#8220;<\/p>\n<p><strong>Pina Bausch hat einmal gesagt, mit ihren T\u00e4nzern und T\u00e4nzerinnen wolle sie eine &#8218;Sprache des Lebens&#8216; finden. Ist ihr das gelungen?<\/strong><\/p>\n<p>Ludmila Hlebovich: &#8222;Ich denke, das gelingt den Arbeiten des Tanztheaters Wuppertal in hohem Ma\u00dfe, weil sie nicht nur \u00fcber \u00e4u\u00dferst begabte und geschulte T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer sowie Schauspielerinnen und Schauspieler verf\u00fcgen, sondern auch, weil sie grunds\u00e4tzlich von Alltagserfahrungen ausgehen, also nicht von gro\u00dfen Geschichten oder Figuren, sondern von den allt\u00e4glichsten Dingen wie dem Zubereiten des Fr\u00fchst\u00fccks oder dem Abschied von jemandem, aber auch von den am meisten geteilten Gef\u00fchlen wie Angst oder Nostalgie. Und dann ist da noch der sensible und scharfe Blick von Pina Bausch, der die Bilder oder Fragmente von Bildern &#8211; erst zusammen mit dem B\u00fchnen- und Kost\u00fcmbildner Rolf Borzik, sp\u00e4ter mit Marion Cito und Peter Pabst &#8211; montiert, die jeder von uns dann mit seiner eigenen Lebenserfahrung in Verbindung bringen kann &#8211; aber nicht muss.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_81061\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81061 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Chihaia1-1.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"380\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Matei Chihaia &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>An der Tagung nehmen neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Argentinien, Chile, Frankreich und Deutschland auch Choreographen und T\u00e4nzerinnen sowie Zuschauer und Studierende teil. Wie kam diese bunte Forschungsgemeinschaft denn zusammen?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Frau Andr\u00e9 promoviert in Erziehungswissenschaften und ist zugleich Coach am Tanzhaus Wuppertal, Frau Dr. Fournier, eine Tanztheater-Expertin, hat als Lektorin in der Wuppertaler Romanistik gearbeitet, Frau Montabord, eine franz\u00f6sische Kunsthistorikerin, ist Spezialistin f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Avantgarde-Kunst und Tanz, Frau Dr. Hlebovich, eine Philosophin aus Argentinien war schon drei Mal f\u00fcr Forschungsaufenthalte zu Pina Bausch in Wuppertal, Frau Dr. Paz Morales lebt \u2013 wegen der N\u00e4he zur Compagnie &#8211; hier in Wuppertal, obwohl sie als Choreographin in Chile t\u00e4tig ist. Es ist das gemeinsame Gravitationsfeld von Tanztheater und Universit\u00e4t, die uns alle hier an der Wupper zusammengef\u00fchrt hat.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Es wird auch eine Debatte \u00fcber Tanz und Politik geben. Wie politisch kann denn der Tanz sein?<\/strong><\/p>\n<p>Ludmila Hlebovich: &#8222;So politisch, wie Kunst und Kultur sein k\u00f6nnen! In einem Interview wird Pina Bausch nach dem Zusammenhang zwischen dem Einsturz einer riesigen Mauer in &#8218;Palermo Palermo&#8216;, einem St\u00fcck, das am 17. Dezember 1989 uraufgef\u00fchrt wird, und dem Fall der Berliner Mauer gefragt. Ihre Antwort ist nicht direkt, sondern umkreist das Thema. Vor allem betont sie, dass das, was sie vermitteln m\u00f6chte, in der Auff\u00fchrung selbst zu finden ist, und dass das, was dort pr\u00e4sentiert wird, etwas ist, das das Publikum erleben und beantworten muss. In ihren Worten: \u201eDie Mauer ist f\u00fcr jeden an jedem Tag etwas anderes.\u201c Dies l\u00e4dt uns dazu ein, \u00fcber die politischen Dimensionen nachzudenken, die sowohl in den Werken selbst als auch in der Arbeitsweise des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch enthalten sind, und dar\u00fcber, wie St\u00fccke, die vor Jahrzehnten geschaffen wurden, dennoch eng mit den Fragen verbunden sind, die uns heute besch\u00e4ftigen.&#8220;<\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Ich habe schon bei einer fr\u00fcheren Frage begonnen, etwas zum Verh\u00e4ltnis von Theater und Politik zu sagen, und w\u00fcrde gerne auch etwas zum Tanz hinzuf\u00fcgen. Der franz\u00f6sische Sonnenk\u00f6nig, Ludwig der XIV., war bekanntlich ein gro\u00dfer T\u00e4nzer, und seine Bezeichnung verdankt sich einem Ballett, in dem er die Sonne darstellte, und um ihn herum andere Adlige, Mitglieder des Hofs sich als Planeten bewegten. Tanz diente also zur Darstellung eines Herrschaftssystems, das zentralistisch und absolutistisch angelegt war. Und diese Funktion hat Tanz immer noch: politische Verh\u00e4ltnisse k\u00f6rperlich darzustellen und erfahrbar zu machen.<\/p>\n<div id=\"attachment_81060\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-81060\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/nelken2013-39-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1862\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Ensemble des Pina-Bausch-Klassikers \u201eNelken\u201c \u2013 \u00a9 Jochen Viehoff<\/span><\/div>\n<p>Die massenhaften Tanzspektakel in Nordkorea, bei denen alle genau die gleichen Gesten vollziehen, die Verlagerung dieser totalit\u00e4ren Dynamik in den digitalen Raum durch TikTok, wo ebenfalls eine Kontrolle des individuellen K\u00f6rpers durch die vorgeschriebenen Bewegungen stattfindet, veranschaulichen einen Verlust politischer Freiheit. Umgekehrt inszeniert das Tanztheater die K\u00f6rper auf eine Art und Weise, die es gestattet, die Disziplinierung des K\u00f6rpers durch die Gesellschaft zu reflektieren, \u00fcber Handlungsm\u00f6glichkeiten und Spielr\u00e4ume nachzudenken, und die Zuschauenden ermutigt, diese auszuprobieren. Nicht zuf\u00e4llig erscheinen bei Pina Bausch alle Generationen, und auch die Kinder mit ihrer einmaligen F\u00e4higkeit, spielerisch unsere Sitten, also \u201edas was sich schickt\u201c, in Frage zu stellen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Pina Bausch ist 2009 gestorben. Wie aktuell ist sie heute?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Frau Dr. Hlebovich hat genau zu diesem Thema gerade einen Aufsatz geschrieben, einer der Ertr\u00e4ge ihres Forschungsaufenthalts an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.&#8220;<\/p>\n<p>Ludmila Hlebovich: &#8222;Ja, dies h\u00e4ngt stark davon ab, was wir unter \u201eaktuell\u201c verstehen. Man muss damit nicht den neuesten Trend im Tanz meinen, sondern vielmehr das Vergangene, das heute nachhallt, das Aufmerksamkeit erregt, und weiterentwickelt oder kritisch revidiert wird.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist die Arbeit des Tanztheaters Wuppertal beispielhaft: Obwohl Pina Bausch 2009 gestorben ist und ihre Werke seither in gewissem Sinne in die Tanzgeschichte eingegangen sind, f\u00fchrt die Compagnie ihr Repertoire weiter auf, es entstehen neue Produktionen und, wie wir im letzten November mit &#8218;Kontakthof-Echoes of &#8217;78&#8216; unter der Leitung von Maryl Tankard gesehen haben, werden eigent\u00fcmliche, verst\u00f6rende Re-Positionierungen (Re-Inszenierungen oder reenactments) der Werke vorgeschlagen, die uns nicht nur \u00fcber die Gegenwart (mit ihrer Zerbrechlichkeit und St\u00e4rke) dieses Tanzst\u00fccks nachdenken lassen, sondern auch \u00fcber uns als Zuschauer.<\/p>\n<p>Was wollen wir sehen und was sehen wir, wenn wir uns die Werke einer Tanz-Revolution\u00e4rin betrachten? Das h\u00e4lt paradoxerweise den Geist des Tanztheaters von Pina Bausch lebendig. Ich meine damit, dass gerade &#8218;Echoes&#8216; eine Auff\u00fchrung, die von der Verg\u00e4nglichkeit der k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfung spricht, uns heute so zum Nachdenken bringt und bewegt, wie es Pina Bausch eben zu tun verstand. Diese innere Bewegung beantwortet nicht alle Fragen, sondern wirft neue auf. Sie ist eine gute Einladung zum Nachdenken, zur Ausarbeitung und zum Austausch von Perspektiven im Rahmen einer Tagung, zwischen den Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen mit der Tanzwissenschaft im Verbund mit Mitgliedern der Compagnie und anderen G\u00e4sten, f\u00fcr die das Tanztheater Wuppertal zu ihrem Alltagsleben geh\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_81062\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81062 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Chihaia1-Kopie-1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Matei Chihaia &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Matei Chihaia<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Matei Chihaia studierte Komparatistik, Romanistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen und an der University of Oxford. Seit 2010 lehrt er Franz\u00f6sische und Spanische Literaturwissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<div id=\"attachment_81064\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81064 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Dr.-Ludmila-Hlebovich-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"264\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Ludmila Hlebovich &#8211; \u00a9 Privat<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Ludmila Hlebovich<\/h4>\n<p>Dr. Ludmila Hlebovich ist DAAD-Gastwissenschaftlerin und lehrt Philosophie an der Universit\u00e4t La Plata in Argentinien.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. Januar findet im G\u00e4stehaus der Bergischen Universit\u00e4t eine ganz ungew\u00f6hnliche Tagung unter dem Titel &#8222;TanztheaterDenken&#8220; statt. \u00dcber die Hintergr\u00fcnde hat sich Autor Uwe Blass mit dem Romanisten\u00a0Matei Chihaia und der DAAD-Forscherin Ludmila Hlebovich im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; unterhalten.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-81053","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-20 10:34:11","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81053","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81053"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81053\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":81066,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81053\/revisions\/81066"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81053"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81053"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81053"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}