{"id":80872,"date":"2025-01-16T12:50:05","date_gmt":"2025-01-16T11:50:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=80872"},"modified":"2025-01-16T12:50:05","modified_gmt":"2025-01-16T11:50:05","slug":"demokratie-ist-keine-selbstverstaendlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/01\/16\/demokratie-ist-keine-selbstverstaendlichkeit\/","title":{"rendered":"Demokratie ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_80874\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80874 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Chihaia1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1772\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Matei Chihaia lehrt er Franz\u00f6sische und Spanische Literaturwissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p><strong>Ernesto Cardenal war ein katholischer Priester, sozialistischer Politiker und Dichter. In welchem Zusammenhang sind Sie auf ihn zum ersten Mal aufmerksam geworden?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Nach meiner Habilitation hatte ich ein gr\u00f6\u00dferes Forschungsprojekt \u00fcber Ruinendichtung begonnen, das sich dann immer mehr auf die Idee der \u201eStunde Null\u201c und des \u201eNullpunkts\u201c zuspitzte \u2013 diese Begriffe sind heutzutage nicht mehr sehr gel\u00e4ufig, aber in der Generation meiner Eltern spielten sie eine wichtige Rolle: Es ging um den historischen Einschnitt, den das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete, und die Frage, wie die Literatur und Kultur mit den buchst\u00e4blichen und symbolischen Tr\u00fcmmern umgehen konnte, die die Nazizeit hinterlassen hatte. Dieses Modell, um Geschichte zu denken, l\u00e4sst sich auf viele, auch aktuelle Situationen anwenden. Jedenfalls war diese Forschung zun\u00e4chst ganz auf Europa zentriert, bis ich auf einer Tagung einen peruanischen Autor traf, F\u00e9lix Terrones, der inzwischen an der Universit\u00e4t Bern lehrt, und der mir erz\u00e4hlte, dass der Begriff auch in der lateinamerikanischen Lyrik ganz zentral ist. Und das verdankt sie einem langen Gedicht von Cardenal, das den Titel \u201eHora cero\u201c, eben \u201eStunde Null\u201c, tr\u00e4gt. Es beginnt so: \u201eTropische mittelamerikanische N\u00e4chte, mit Lagunen und Vulkanen unter dem Mond und Lichtern von Pr\u00e4sidentenpal\u00e4sten, Kasernen und traurigen Ausgangssperren.\u201c Dieses starke Bild ist geradezu ikonisch geworden f\u00fcr die Probleme der mittelamerikanischen Staaten, und es spricht dar\u00fcber aus Distanz und N\u00e4he zugleich, wie typisch f\u00fcr Cardenal.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Schon in jungen Jahren schloss er sich der oppositionellen Jugendbewegung UNAP an und k\u00e4mpfte \u2013 auch literarisch \u2013 gegen den diktatorisch regierenden Pr\u00e4sidenten Anastasio Somoza Garc\u00eda. Das h\u00e4tte er beinahe mit dem Leben bezahlt. Was war passiert?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Das Gedicht ist ein kleines Epos, in dem die Urspr\u00fcnge und Hintergr\u00fcnde der Somoza-Diktatur geschildert werden. Denn der Somoza, der zu Cardenals Zeiten in Nicaragua regierte, war der Sohn des ersten Somoza, der die Familienherrschaft \u00fcber das Land in den 1930er Jahren begr\u00fcndete, Anastasio, den wir Anastasio den Ersten nennen k\u00f6nnen. Ihm folgte dann sein Sohn Luis als Pr\u00e4sident, und nach dessen Tod \u00fcbernahm Anastasio, also Anastasio der Zweite, den Sitz im Palast. Es ist eine Geschichte, die sich so \u00e4hnlich in vielen L\u00e4ndern Lateinamerikas und der Welt \u2013 man denke an Nordkorea! \u2013 zugetragen hat und die daran erinnern sollte, dass Demokratie nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Cardenal, der in Mexiko-Stadt, in New York und in Kolumbien Literatur und Theologie studiert hatte, kehrte Anfang der 1950er Jahre nach Managua zur\u00fcck \u2013 ein junger Mann der Oberschicht, ausgebildet an den besten Universit\u00e4ten und mit 29 Jahren schon ein Intellektueller, der die Welt ver\u00e4ndern wollte, angefangen mit dem eigenen Land.<\/p>\n<p>Er schloss sich also einer Oppositionsbewegung an und sympathisierte 1954 mit einem Putschversuch, der von einigen Offizieren der Nationalgarde ausging und kl\u00e4glich scheiterte. Cardenal entkam irgendwie der blutigen Vergeltung des Regimes, musste aber ins Exil gehen: er wurde Novize in einem Trappistenkloster in Kentucky, wo er seine geistliche und dichterische Ausbildung fortsetzte.<\/p>\n<p>\u201eHora cero\u201c, ein relativ fr\u00fches Werk, schaut zur\u00fcck auf das Scheitern und setzt es in Zusammenhang mit dem historischen Kampf von Augusto C\u00e9sar Sandino gegen den ersten Anastasio Somoza, und auf die Rolle der United Fruit Company und anderer ausl\u00e4ndischer Unternehmen in der Politik Nicaraguas. Insgesamt bietet das Gedicht einen poetisch gestalteten \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte des Landes. Gewisserma\u00dfen ein Versuch, mit den Mitteln der Lyrik daran zu erinnern, dass es existiert.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_80875\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80875 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Ernesto_Cardenal-2009-CC-BY-SA-4.0.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"903\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ernesto Cardenal, Priester, Politiker, Dichter &#8211; \u00a9\u00a0 CC BY-SA 4.0<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>Mit Mitte 30 begann er ein Theologiestudium und wurde 1965 in Managua zum Priester geweiht. Literarisch schrieb er in dieser Zeit die Psalmen (Salmos, 1969), die als Ausdruck der Befreiungstheologie gelten. Er hat sich zeitlebens immer auch in politische Fragen eingemischt, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Die Psalmen Cardenals sind eines der ganz gro\u00dfen Werke der lateinamerikanischen Lyrik, denke ich. Sie entspringen aus der eigenen Exilsituation, die er historisch wieder in die Vergangenheit projiziert \u2013 diesmal nicht in die 1930er Jahre, so wie bei \u201eHora cero\u201c, sondern gleich in die Zeit des Volkes Israel. Dass er sich zum Priester weihen lie\u00df, war einerseits das Ziel eines eigenen Bildungsromans, also ein Bildungsideal, das er selbst entworfen hatte, und in dem das Gespr\u00e4ch mit den Menschen, mit der Natur und mit Gott m\u00f6glich sein sollte. Andererseits war es in der Zeit des Kalten Krieges auch eine Form, sich vor Verfolgung zu sch\u00fctzen. Es gab entsprechende Organisationen der internationalen Solidarit\u00e4t, so die Ostpriesterhilfe bzw. Kirche in Not, wo ich als Jugendlicher selbst engagiert war, und seit den 1960er Jahren wuchs das Bewusstsein daf\u00fcr, dass auch die Geistlichen in Lateinamerika, die f\u00fcr soziale Gerechtigkeit k\u00e4mpften, unterdr\u00fcckt und bedroht werden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sein in Deutschland bekanntestes Buch \u201eDas Evangelium der Bauern von Solentiname\u201c schrieb er in der gleichnamigen Kommune. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Solentiname ist der Name einer Inselgruppe im riesigen Nicaraguasee. Cardenal und eine Gruppe von Freunden zogen nach seiner Priesterweihe dorthin, um gemeinsam mit den ans\u00e4ssigen Fischern das Ideal einer urchristlichen Gemeinschaft zu verwirklichen. Nicaragua ist ja ein Land der gro\u00dfen Unterschiede: auf der einen Seite die St\u00e4dte am Pazifik mit der gebildeten Oberschicht, auf der anderen die l\u00e4ndlichen Gegenden und die Karibikk\u00fcste, die vom Staat traditionell vernachl\u00e4ssigt wurden und wo die Menschen unter sehr \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen leben. Gerade diese Lebensform bietet aber Ankn\u00fcpfungspunkte an das Evangelium, wo auch vom einfachen Leben die Rede ist: Petrus ist ein Fischer, wie die Bewohner des Solentiname-Archipels. \u201eDas Evangelium der Bauern von Solentiname\u201c h\u00e4lt die Gespr\u00e4che fest, die in dieser Gemeinschaft \u00fcber verschiedene Texte der Evangelien stattfinden, und in denen diese Menschen die Botschaft Christi mit ihrem Leben in Verbindung bringen. Cardenal ermutigt die Gemeindemitglieder auch, die Evangelien bildlich mit ihrer Lebenswelt zu verkn\u00fcpfen, und so entstehen diese bezaubernden naiven Gem\u00e4lde, in denen die Heilsgeschichte aus der W\u00fcste Pal\u00e4stinas in eine tropisch farbenfrohe Umgebung verlagert wird.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Diese Kommune endete 1977 dramatisch. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Cardenal hatte in den 1970er Jahren Kuba besucht, wo eine Gruppe versprengter Guerilleros unter Fidel Castro aus einer l\u00e4ndlichen Gegend \u2013 der Sierra Maestra \u2013 heraus einen breiten Volksaufstand \u201evon unten\u201c und letztlich den Sturz des lokalen Diktators bewirkt hatte. Dieser Mythos der Sierra Maestra, an dem unter anderem auch Che Guevara mitgestrickt hatte, inspirierte auch die Nachbarn in Mittelamerika. Konnte das Solentiname-Archipel der Ausgangspunkt einer nicaraguanischen Revolution nach kubanischem Vorbild werden? Cardenal stand der Sandinistischen Befreiungsfront Nicaraguas nahe, er vertrat die Idee einer christlichen Revolution, und in seiner Gemeinschaft gab es viele, die mit Waffengewalt den Umsturz herbeif\u00fchren wollten. Als diese eine Kaserne der Nationalgarde besetzten, endete die Toleranz des Regimes: die Einrichtungen von Solentiname wurden zerst\u00f6rt, und Cardenal musste wieder ins Exil.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>1978\/79 fand die Nicaraguanische Revolution statt, Cardenal kehrte nach Nicaragua zur\u00fcck und \u00fcbernahm f\u00fcr knapp acht Jahre das Amt des Kulturministers. Was hat er in dieser Zeit erreicht?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Es f\u00e4llt mir schwer, diese Frage zu beantworten, weil ich einige Menschen kenne, die mit ihm eng zusammengearbeitet haben und viel besser dar\u00fcber Auskunft geben k\u00f6nnten: in erster Linie Lutz Kliche, der seine Gedichte \u00fcbersetzt hatte und mit ihm nach Nicaragua ging, um ihm im Ministerium zur Seite zu stehen. Diese Kulturarbeit war international sichtbar: Verlage und Bibliotheken wurden gegr\u00fcndet, es gab Festivals und Ausstellungen. Hand in Hand ging sie mit einer Alphabetisierungskampagne, die von der UNESCO ausgezeichnet wurde, und im Rahmen derer etwa 400.000 Nicaraguaner Lesen und Schreiben lernten. Leider hat sich die Situation seitdem wieder verschlechtert, wie der damalige Erziehungsminister Carlos T\u00fcnnermann beklagt: 1980 gab es 13% Personen \u00fcber 15 Jahren, die nicht lesen und schreiben konnten, 2008 war es schon \u00fcber ein Viertel dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe.<\/p>\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_80876\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80876 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Cardenal-Chihaia-2017-Foto-Sebasdtian-Jarych.png\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"281\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ernesto Cardenal und Matei Chihaia (r.) w\u00e4hrend der Ehrendoktorverleihung der Bergischen Universit\u00e4t 2017 &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p>Das Engagement f\u00fcr die Kultur in seiner Ministerzeit l\u00e4sst sich \u00fcbrigens schon an den Briefmarken ablesen: 1983 wurde eine wundersch\u00f6ne Serie mit lateinamerikanischen Dichtern gedruckt, darunter auch der von Cardenal bewunderte Pablo Neruda, aber auch viele Nicaraguaner wie der gro\u00dfe Rub\u00e9n Dar\u00edo, deren Portr\u00e4ts vor ihren Handschriften erscheinen. Eine doppelte W\u00fcrdigung der Schriftkultur also. Der zu \u201eOrden de la independencia cultural Rub\u00e9n Dar\u00edo\u201c umbenannte Staatspreis ging im gleichen Jahr an Julio Cort\u00e1zar, den argentinischen Erz\u00e4hler, der Cardenal in Solentiname besucht und dann \u00fcber die Zerst\u00f6rung der Inselgemeinschaft 1977 eine vielbeachtete Erz\u00e4hlung geschrieben hatte, \u201eApocalipsis de Solentiname\u201c. Diese Autoren glaubten jedenfalls daran, dass die Kultur das letzte Wort behalten kann.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Der Katholischen Kirche gefiel Cardenals politischer Einsatz sowie seine N\u00e4he zur Befreiungskirche \u00fcberhaupt nicht und Papst Johannes Paul II. suspendierte ihn als Priester sogar. Doch Cardenal gab seine Haltung nicht auf, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Ja, Johannes Paul II. und Cardenal hatten vieles gemeinsam: beide waren sie Dichter und Priester zugleich, beide glaubten an die M\u00f6glichkeit, mystische Religiosit\u00e4t und politisches Engagement zu verbinden, beide kamen aus kleinen Staaten, deren Souver\u00e4nit\u00e4t permanent in Frage stand, und beide hatten ein enormes Charisma. Tragischerweise geh\u00f6rten sie zu gegnerischen Parteien des Kalten Krieges. F\u00fcr die Suspendierung gab es formale Gr\u00fcnde \u2013 ein Priester konnte nicht gleichzeitig auch Minister sein \u2013 aber im Hintergrund stand die Tatsache, dass die katholische Kirche alles andere als neutral war. Und Johannes Paul II. war eng mit der politischen Opposition in Polen verbunden, wo Geistliche verfolgt und ermordet wurden, die Vorstellung, dass die Kirche an der Regierung eines sozialistischen Staates beteiligt war, musste f\u00fcr ihn unertr\u00e4glich sein. Im lateinamerikanischen Kontext wurde Cardenal hingegen gefeiert f\u00fcr sein Engagement, eben auch im Kontrast zu der problematischen Rolle, die ein Gro\u00dfteil der katholischen Kirche in den s\u00fcdamerikanischen Diktaturen gespielt hatte und in den 1980er Jahren weiterhin spielte. Auch aus Deutschland gab es Unterst\u00fctzung f\u00fcr seine Haltung: als der Dichter-Priester 1980 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, h\u00e4lt der bedeutende Theologe Johann Baptist Metz die Laudatio.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>2017 verlieh ihm die Bergische Universit\u00e4t die Ehrendoktorw\u00fcrde. Sie selber waren bei der Veranstaltung zugegen. Wie haben Sie Ernesto Cardenal erlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Ich habe mich nur wenig mit ihm unterhalten, weil ich auf die Organisation der Veranstaltung konzentriert war \u2013 im Vordergrund standen f\u00fcr mich solche Details wie die schw\u00e4chelnden Batterien im drahtlosen Mikrophon, die telefonische Durchsage an die dpa, dass er die Ehrendoktorw\u00fcrde nun auch tats\u00e4chlich erhalten hat, und die Vermittlung von Interviews mit dem Dichter. Aber es war ber\u00fchrend zu sehen, wie viele Menschen kamen, die ihn schon ein Leben lang kannten, und wie viel Freundschaft und Achtung f\u00fcr alle von ihm ausging. Man merkte auch, wie er sich in Wuppertal zu Hause f\u00fchlte, er hatte hier seine Lieblingsorte und Gewohnheiten. Die Auszeichnung durch die Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften kam in einem schwierigen Moment in seinem Leben, als er in Nicaragua offen gegen die Diktatur des ehemaligen Befreiers Daniel Ortega Stellung genommen hatte und allerlei Repressalien ausgesetzt war. Zur Zeit der Ehrenpromotion wirkte es so, als w\u00fcrde er noch ein weiteres Mal ins Exil gehen m\u00fcssen, das gab der Veranstaltung eine besondere Bedeutung.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Seine Werke in Deutschland wurden vor allem vom Peter Hammer Verlag in Wuppertal herausgegeben. Wie kam der Kontakt zustande?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Das sollte nun wirklich Hermann Schulz erz\u00e4hlen, der ehemalige Verlagsleiter, der Cardenal in Lateinamerika kennen lernte, als er noch nicht so bekannt war, und Wuppertal letztendlich zum Zentrum der europ\u00e4ischen Solidarit\u00e4tsbewegung mit Nicaragua machte. Der Peter Hammer Verlag spielt eine wichtige Rolle f\u00fcr den weltweiten Boom lateinamerikanischer Literatur in den 1970er Jahren, zusammen mit Suhrkamp in Frankfurt, Seix Barral in Barcelona und Gallimard und Seuil in Paris.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Er gilt als einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas. Was sch\u00e4tzen Literaturliebhaberinnen und -Liebhauer\u00a0 an seinem Werk?<\/strong><\/p>\n<p>Matei Chihaia: &#8222;Ich denke, lyrische Gedichte k\u00f6nnen Beziehungen und Verkn\u00fcpfungen herstellen, und auf diese Weise Sinn stiften. Sie k\u00f6nnen beruhigend wirken oder unerwartet, oft er\u00f6ffnen sie neue Perspektiven auf Vertrautes. Das ist etwa der Fall von den Reiseeindr\u00fccken Cardenals aus Deutschland, die in \u201eHeimweh nach dem Paradies\u201c, dem Band des Peter-Hammer-Verlags zu finden sind, den Lutz Kliche und Hermann Schulz jetzt herausgegeben haben: \u201eIm Haus eines westf\u00e4lischen Bauern \/ feine Gardinen vor den Fenstern, \/ Bilder, Blumenvasen, moderne Lampen. \/ \u00bbWarum sind die Bauern in Nicaragua so arm?\u00ab \/ fragt er mich.\u201c Zusammen mit Karla Dom\u00ednguez und Enrique Delgadillo, zwei jungen Kulturschaffenden, die in Nicaragua geboren sind und in Deutschland leben, planen wir im November 2025 eine Woche mit Aktivit\u00e4ten, die das Fortleben von Cardenals Werk sichtbar machen sollen. Dom\u00ednguez, die Musikerin ist, hat Gedichte von ihm f\u00fcr ein Konzert in der Immanuelskirche vertont, und Delgadillo, selbst Autor und Verleger, wird eine Werkstatt zu kreativem Schreiben anbieten, in Anschluss an eine Serie von Seminaren f\u00fcr Masterstudierende der Bergischen Universit\u00e4t, die schon begonnen hat.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_80877\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80877 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Chihaia1-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"303\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Matei Chihaia &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Matei Chihaia<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Matei Chihaia studierte Komparatistik, Romanistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen und an der University of Oxford. Seit 2010 lehrt er Franz\u00f6sische und Spanische Literaturwissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demokratie ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Das wusste Ernesto Cardenal, ein r\u00f6misch-katholischer Priester, sozialistischer Politiker und Dichter aus Nicaragua nur zu gut. Am 20. Januar w\u00e4re er 100 Jahre alt geworden. Doch er starb am 01. M\u00e4rz 2020 in Managua (Nicaragua). Im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; hat Autor Uwe Blass mit Matei Chihaia \u00fcber den Wuppertaler Ehrendoktor unterhalten. <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-80872","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-09 12:47:15","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80872","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=80872"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80872\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80879,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80872\/revisions\/80879"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=80872"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=80872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}