{"id":80727,"date":"2025-01-06T11:55:37","date_gmt":"2025-01-06T10:55:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=80727"},"modified":"2025-01-06T11:55:37","modified_gmt":"2025-01-06T10:55:37","slug":"wissenschaftlerin-fachkraeftemangel-ein-teufelskreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2025\/01\/06\/wissenschaftlerin-fachkraeftemangel-ein-teufelskreis\/","title":{"rendered":"Wissenschaftlerin: Fachkr\u00e4ftemangel &#8211; ein Teufelskreis"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_80731\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1114px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80731 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Winter-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"1104\" height=\"768\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Vera Winter ist seit 2019 Inhaberin des Lehrstuhls f\u00fcr Betriebswirtschaftslehre an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>\u201eDeutschlands Kliniken l\u00e4uft das Personal davon\u201c, titelte der Deutschlandfunk. Beim Arbeiten zwischen \u00dcberforderung und Resignation ziehen viele Mitarbeitende die Rei\u00dfleine. Prof. Dr. Vera Winter, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Schumpeter School of Business and Econmics an der Bergischen Universit\u00e4t, besch\u00e4ftigt sich an ihrem Lehrstuhl f\u00fcr Management im Gesundheitswesen u.a. mit der Analyse der Arbeitssituation von Personal in Krankenh\u00e4usern und station\u00e4ren Pflegeeinrichtungen und sagt: \u201eFachkr\u00e4ftemangel ist ein gro\u00dfes Thema. Wir haben uns da in einen Teufelskreis hineinbewegt.\u201c<\/p>\n<p>Das Problem entwickele sich bereits seit 2003, als mit der rot-gr\u00fcnen Regierung unter Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die sogenannten Fallpauschalen eingef\u00fchrt wurden. Krankenh\u00e4user begannen Personalkosten zu reduzieren; dadurch stand weniger Personal zur Verf\u00fcgung und die verbliebenen Pflegefachkr\u00e4fte wurden h\u00e4ufig \u00fcberlastet, fielen durch Krankmeldungen \u00f6fter aus oder wechselten sogar den Beruf. Zwar habe die Politik nach ein paar Jahren das Dilemma erkannt und Gegenma\u00dfnahmen ergriffen, konnte aber bisher diesen Teufelskreis nicht durchbrechen.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Mit der reinen Anzahl der Pflegefachkr\u00e4fte sei Deutschland gar nicht so schlecht aufgestellt, erkl\u00e4rt Winter, \u201eaber wir haben das historisch gewachsene Problem, dass wir zu viele Einrichtungen haben, auf die das Pflegepersonal verteilt ist. Die \u00dcberversorgung, die wir in der Krankenhauslandschaft sehen, f\u00fchrt auch dazu, dass zu viele H\u00e4user zu versorgen sind.\u201c Mittlerweile gebe es ein Umdenken in den Kliniken, neue Arbeitszeitmodelle sowie ein Aufbrechen der hierarchischen Strukturen, aber das sei sehr schwer umzusetzen. \u201eEs gibt Ans\u00e4tze in die richtige Richtung, doch es muss jetzt auch schnell etwas passieren!\u201c<\/p>\n<h4><strong>Fallpauschalen-System \u2013 eine aus wirtschaftlicher Sicht gute Idee<\/strong><\/h4>\n<p>Das DRG-Fallpauschalensystem (DRG steht f\u00fcr \u201eDiagnosis Related Groups\u201c, ein Klassifikationssystem f\u00fcr ein pauschaliertes Abrechnungsverfahren, Anm. d. Red.) kann man vereinfacht so erkl\u00e4ren: F\u00fcr Patient X mit Diagnose Y bekommt ein Krankenhaus Betrag Z von der Krankenkasse bezahlt, egal wie lange die Person in der Klinik bleibt. Heute vielleicht nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df, scheinen an dieser Stelle einem professionellen Management die H\u00e4nde gebunden zu sein.<\/p>\n<p>\u201eKrankenhausfinanzierung ist ein komplexes Thema\u201c, beginnt die Fachfrau, \u201edie DRGs wurden damals eingef\u00fchrt, weil die Kosten immer weiter gestiegen sind, weil die Krankenh\u00e4user alles machen und damit auch unwirtschaftlich sein konnten. Alle Kosten wurden ihnen mehr oder weniger erstattet, was bedeutet, es gab gar keine Anreize, wirtschaftlich zu sein. Wirtschaftlich hei\u00dft nicht immer an Qualit\u00e4t sparen, sondern bedeutet auch z. B. Doppeluntersuchungen zu vermeiden oder bei Indikationen, wo es nicht notwendig ist zu operieren, es auch einfach nicht zu tun. Das war der Grund f\u00fcr die Einf\u00fchrung dieses Systems, und diese Idee ist meiner Meinung nach auch gut!\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_80732\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1010px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80732 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Situation-im-OP.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"333\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Alltagssituation im Operationssaal &#8211; \u00a9 gemeinfrei \/ Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Doch es habe sich in der Entwicklung gezeigt, dass das System auch Fehlanreize geschaffen habe und zum Beispiel zu einer Fallzahlsteigerung angeregt habe. Zudem sei die allgemeinstation\u00e4re Versorgung deutlich attraktiver als ambulante OPs an Krankenh\u00e4usern, weil letztere weitestgehend deutlich geringer verg\u00fctet werden. \u201eDiese Fehlanreize, die durch das DRG-System kamen, die haben irgendwann \u00fcberhandgenommen. Die Fallzahlen sind immer weiter gestiegen, das kann nicht allein durch Ver\u00e4nderungen in der Krankheitslast in der Bev\u00f6lkerung erkl\u00e4rt werden. Und die Ausgaben f\u00fcr Krankenh\u00e4user wurden somit auch nicht gebremst\u201c, erkl\u00e4rt Winter.<\/p>\n<p>Die Wissenschaft denkt nat\u00fcrlich \u00fcber Alternativen nach, doch welche Kosten sind gerechtfertigt? Und wie kann man das am ehesten steuern? Dazu Winter: \u201eDas ist eine riesige Debatte, ohne eine optimale L\u00f6sung. Gerade jetzt wird wieder etwas substantiell Neues auf den Weg gebracht und es wird spannend zu sehen, ob das die gew\u00fcnschten Ziele erreicht oder ob wir wieder neue Fehlanreize kreieren.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Versorgung ist komplex und schwierig<\/strong><\/h4>\n<p>Aus Berlin kam vor kurzem die Meldung: 80 Prozent der Mediziner der Charit\u00e9 in Berlin vergibt der Versorgungsqualit\u00e4t des Krankenhauses die Schulnote vier oder schlechter. \u201eVersorgung ist unglaublich komplex und schwierig\u201c, erkl\u00e4rt die Wissenschaftlerin. Gro\u00dfe H\u00e4user mit einem vielseitigen Behandlungsangebot h\u00e4tten oft Schwierigkeiten, die Qualit\u00e4t in allen Bereichen sicher zu stellen. Dar\u00fcber hinaus betreffe der Fachkr\u00e4ftemangel nicht nur die Pflegefachkr\u00e4fte, sondern auch die \u00c4rzteschaft.<\/p>\n<p>\u201eUniversit\u00e4tskliniker sind noch zus\u00e4tzlich betroffen von \u00fcberdurchschnittlichen Kosten im DRG-System, denn sie haben in ihrem Bereich nicht die ganzen leichten F\u00e4lle, sondern eher die schwereren F\u00e4lle und kommen dadurch nie mit den Kosten hin. Das andere ist, man wei\u00df auch immer, was potentiell noch m\u00f6glich w\u00e4re, aber im System nicht machbar ist.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Digitalisierung im Gesundheitswesen \u2013 ein deutsches Problem?<\/strong><\/h4>\n<p>Der Digitalisierungsprozess im Gesundheitswesen wird nicht als Entlastung gesehen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach stellte sogar fest: \u201eWir sind, was die Digitalisierung angeht, im europ\u00e4ischen Vergleich Entwicklungsland.\u201c Hat Deutschland da Jahre geschlafen? \u201eDa k\u00f6nnten wir die gleiche Frage auch an die Universit\u00e4ten richten\u201c, lacht die Wissenschaftlerin.<\/p>\n<div id=\"attachment_80733\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1010px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80733 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Digitalisierung.jpeg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"333\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Neue M\u00f6glichkeiten und Angebote der Digitalisierung erfordern auch, dass sensible Daten wie bspw. Patientendaten der Krankenh\u00e4user, Arztpraxen und Krankenkassen ad\u00e4quat gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. &#8211; \u00a9 gemeinfrei \/ Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eIch habe ein paar Jahre in D\u00e4nemark gearbeitet und da ist der Stand an Krankenh\u00e4usern und Universit\u00e4ten ein komplett anderer. Die Digitalisierung ist allgemein ein deutsches Problem. In den Krankenh\u00e4usern kommt erschwerend hinzu, dadurch, dass in den Betriebskosten immer nur das finanziert wird, was quasi der Durchschnittspreis ist, hat man Schwierigkeiten, neue digitale L\u00f6sungen umzusetzen, denn wo nimmt man das Geld her?\u201c<\/p>\n<p>Offiziell sollten zwar Investitionen \u00fcber die L\u00e4nder aufgewendet werden, jedoch sei da auch ein riesiger Investitionsstau zu ber\u00fccksichtigen. \u201eF\u00fcr kleine H\u00e4user ist es sehr schwierig, da etwas zu implementieren. Und wenn, dann l\u00e4uft es h\u00e4ufig auch noch parallel zu den alten Prozessen. Wir haben sehr viele verschiedene digitale L\u00f6sungen, die nicht miteinander gekoppelt sind, so dass es dann doppelter Aufwand ist.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Falldokumentation \u2013 Fluch und Segen zugleich<\/strong><\/h4>\n<p>Pflegekr\u00e4fte dokumentieren im Durchschnitt etwa pro Tag drei Stunden. Bei \u00c4rztinnen und \u00c4rzten ist es ein Drittel der Kollegen, die sogar mehr als vier Stunden dokumentieren. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat einmal ausgerechnet: Wenn wir die drei Stunden Pflegedokumentation nur um eine Stunde reduzieren w\u00fcrden, dann w\u00fcrde die Arbeitszeit von 60.000 Vollzeitpflegekr\u00e4ften freigesetzt.<\/p>\n<p>\u201eDas ist ein unglaublich schwieriges Feld\u201c, sagt Winter, \u201eweil wir die Daten ja auch brauchen.\u201c Wenn man z. B. die Medikamentengabe eines Patienten nicht dokumentiere (am besten digital dokumentiere), k\u00f6nne man nicht sicherstellen, dass die Pflegekraft der n\u00e4chsten Schicht noch einmal die gleiche Dosis verabreiche. \u201eNur so k\u00f6nnen wir sicherstellen, dass auch Forschende Zugang zu diesen Daten bekommen und schauen k\u00f6nnen, ob bspw. die Medikamentengabe leitlinienkonform ist, oder Kombinationen von Medikamenten, die nicht zusammen verabreicht werden d\u00fcrfen, ber\u00fccksichtigt werden.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_80735\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80735 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/hospital-8352776_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eine Krankenpflegerin bei der Patientenbetreuung &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Ebenso w\u00fcrden heute zum Beispiel die Pflegepersonaluntergrenzen dokumentiert, die zeigen sollen, dass pro Pflegekraft nur die maximal zul\u00e4ssige Anzahl Patienten betreut werden, um auch wirklich die Qualit\u00e4t der Versorgung zu gew\u00e4hrleisten. Mittlerweile gebe es allerdings eine so gro\u00dfe Anzahl von Qualit\u00e4tssicherungsma\u00dfnahmen, die in den H\u00e4usern auch als eine \u00fcberbordende Kontrollb\u00fcrokratie empfunden wird. Daher stellt sich f\u00fcr Winter die Frage: \u201eWie kommen wir also dahin, den Krankenh\u00e4usern zu vertrauen, dass sie das auch intrinsisch hinkriegen.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Deutsche Sprache ist eine gro\u00dfe H\u00fcrde f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Fachpflegepersonal <\/strong><\/h4>\n<p>Die tats\u00e4chliche Sprachkompetenz von ausl\u00e4ndischen Pflegefachpersonen weise in Deutschland eine gro\u00dfe Varianz auf, sagt die Gesellschaft f\u00fcr Qualit\u00e4tsmanagement in der Gesundheitsversorgung e. V. (GQMG). Nach Eintreffen in Deutschland werden die zugewanderten Pflegefachpersonen in den pflegerischen Einrichtungen wegen des Fachkr\u00e4ftemangels meist unmittelbar mit den komplexen Aufgaben der deutschen Fachpflege konfrontiert. In der Analyse bzgl. der Integration von Pflegekr\u00e4ften mit Migrationshintergrund best\u00e4tigt Winter, dass die Sprache eine der gr\u00f6\u00dften H\u00fcrden sei, wobei manche H\u00e4user dies auch erkannt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>\u201eIntegration gelingt nur, wenn wir da wirklich und zwar richtig investieren. Es m\u00fcssen vorab Sprachkurse finanziert werden und Integrationsmanager f\u00fcr die Pflegekr\u00e4fte da sein, die das dann begleiten. Die H\u00e4user, die das machen k\u00f6nnen, die sind tendenziell mit der Integration flexibler.\u201c Im Gegensatz dazu w\u00fcrden weniger solvente H\u00e4user, die sich diesen Service nicht leisten k\u00f6nnten, aber ebenfalls im Zuge des Fachkr\u00e4ftemangels auf ausl\u00e4ndische Mitarbeitende angewiesen seien, die Sprachbarriere im Zweifel eher tolerieren, anstatt Patienten nicht versorgen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_80736\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 561px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80736\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/wheel-chair-7158030_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"551\" height=\"827\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eine Krankenpflegerin hilft einer Patientin &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eEs ist eine sehr schwierige Abw\u00e4gung\u201c, sagt Winter, \u201eeinerseits geht es vielerorts nicht mehr ohne aus dem Ausland rekrutierte Pflegekr\u00e4fte. Andererseits sind auch die geb\u00fcrtigen Pflegekr\u00e4fte frustriert, wenn sie sich nicht verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen oder die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Das macht den Pflegeberuf dann noch unattraktiver.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Die Rolle der Pflegekr\u00e4fte in anderen L\u00e4ndern<\/strong><\/h4>\n<p>Fast ein Viertel aller Erwerbst\u00e4tigen im Gesundheitswesen hat einen Migrationshintergrund. Die wichtigsten Herkunftsl\u00e4nder sind Polen, die T\u00fcrkei, Russland und Kasachstan. \u00c4rztinnen und \u00c4rzte stammen \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig aus Osteuropa und dem Nahen und Mittleren Osten. \u00dcber Pflegeagenturen kommt immer mehr examiniertes Pflegepersonal mit Anerkennung, die aber nicht alles machen d\u00fcrfen, was examinierte Fachkr\u00e4fte d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen das Potential des Pflegepersonals nicht vollumf\u00e4nglich aussch\u00f6pfen\u201c, sagt Winter, \u201edas ist sowohl f\u00fcr die, die mehr machen m\u00fcssen, problematisch, als auch nat\u00fcrlich f\u00fcr die Pflegekr\u00e4fte selber, die auf einmal nicht mehr ihre vertraute Arbeit leisten d\u00fcrfen und frustriert werden, weil sie fachlich unterfordert sind.\u201c Da m\u00fcssten von staatlicher Seite die Anerkennungsverfahren besser geregelt werden, fordert die Fachfrau. Ebenso m\u00fcsse man sich mit dem Aufgabenbereich der Pflegekr\u00e4fte im Herkunftsland auseinandersetzen, da manche T\u00e4tigkeiten dort nicht zum Pflegestandard geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>\u201eIn Deutschland ist das Pflegepersonal auch f\u00fcr die Patientenversorgung und Lagerung zust\u00e4ndig, sie helfen h\u00e4ufig bei Toiletteng\u00e4ngen und reichen das Essen an, w\u00e4hrend das in anderen L\u00e4ndern die Familienangeh\u00f6rigen machen. Da muss auch noch eine Adaption stattfinden, die den ausl\u00e4ndischen Pflegefachkr\u00e4ften den deutschen Standard vermitteln.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Turbulente Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungswechsel<\/strong><\/h4>\n<p>In einem Krankenhaus in Wuppertal hat es in wenigen Jahren f\u00fcnf Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerwechsel gegeben, die immer neue Ideen eingebracht haben, ohne mit der Basis, also den Pflegekr\u00e4ften, zu sprechen. U.a. wurden die Apotheke outgesourct und das Essen kommt nun aus ca. 50 km Entfernung zum Krankenhaus. Spontane \u00c4nderungen in der Medikation oder in der Essensbestellung sind unm\u00f6glich geworden.<\/p>\n<p>\u201eWir forschen ja zu Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungswechseln, die ja in Krankenh\u00e4usern deutlich h\u00e4ufiger sind, als in anderen Industrien. Da sehen wir auch, dass das eine sehr turbulente Branche ist, und dass nat\u00fcrlich Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungswechsel viel Ver\u00e4nderung produzieren\u201c, erkl\u00e4rt Winter. Jeder BWL-Studierende wisse, dass Entscheidungsprozesse nie nur top\/down, sondern auch immer bottom\/up laufen sollten, manche Entscheidungen seien dabei aber auch undemokratisch zu treffen.<\/p>\n<div id=\"attachment_80739\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80739 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/surgery-1822458_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"854\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00c4rzte und Fachpersonal im OP &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eWenn ich bei der Essenslieferung sagen wir mal 50% der Kosten sparen kann, indem ich das outsource, und daf\u00fcr die eingesparten 50% nicht woanders sparen muss, dann kann das wirtschaftlich sehr sinnvoll sein. Aber auch das muss kommuniziert werden, so dass alle Mitarbeitenden es verstehen. Wir haben im Krankenhaus eigentlich drei Sprachen. Wir haben diese medizinisch-pflegerische Sprache, die medizinische Sprache und die betriebswirtschaftliche Sprache. Das sind auch andere Denkweisen, und daran scheitert auch oft viel.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Work-Life-Balance statt Aufopferungsbereitschaft<\/strong><\/h4>\n<p>Work-Life-Balance spielt bei jungen Mitarbeitenden eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Rolle. Viele wollen gar nicht mehr Vollzeit arbeiten. Die Erwartungshaltung bei jungen Arbeitnehmenden ist sehr hoch, \u00e4ltere Mitarbeitende haben oft keine Lust mehr auf Generation XYZ. Die Einstellung zum Beruf hat sich ver\u00e4ndert und Serviceangebote wie z. B. die Eltern-Dienste, bei denen Pflegekr\u00e4fte ihre Kinder zuerst in die Kita bringen d\u00fcrfen, bevor sie ihre Arbeit antreten, f\u00fchren dazu, dass die anderen Mitarbeitenden die Grundpflege am Morgen f\u00fcr die fehlenden Kolleginnen und Kollegen noch zus\u00e4tzlich leisten m\u00fcssen. Das stellt Krankenh\u00e4user vor gro\u00dfe Probleme.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sagt die Wissenschaftlerin, \u201eman h\u00f6rt viel Schimpfe \u00fcber die neue Generation, und ich kann das auch nachvollziehen. Aber auf der anderen Seite kann man fragen, ob dieses &#8218;Aufopfern&#8216;, was man von den \u00e4lteren Generationen erwartet hat, wirklich das Gesunde ist? Oder ist das, was die neuen Mitarbeitenden machen, nicht viel ges\u00fcnder? Im Moment erleben wir diesen Generationswechsel und der geht zu Lasten der Aufopferungsbereiten. Aber wenn man die dann nicht mehr hat, sondern nur noch die Mitarbeitenden, um die man sich dann wirklich k\u00fcmmern muss, weil sonst keiner mehr da ist, schaffen wir es vielleicht, zu einer ges\u00fcnderen Arbeitswelt zu kommen. Elternfreundliche Arbeitszeiten sollten eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein, denn Kinder m\u00fcssen in unserer Gesellschaft mitgedacht werden. Wenn wir wollen, dass Frauen und Eltern allgemein arbeiten, m\u00fcssen wir Vereinbarkeit von Familie und Beruf praktizieren. Da ist D\u00e4nemark um einiges weiter, auch im Krankenhauswesen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_80730\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80730 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Winter-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"293\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Vera Winter &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Vera Winter<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Vera Winter ist seit 2019 Inhaberin des Lehrstuhls f\u00fcr Betriebswirtschaftslehre, insbesondere f\u00fcr Management im Gesundheitswesen, an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.\u00a0Vorab war sie an den Universit\u00e4ten S\u00fcdd\u00e4nemark, Hamburg und Mannheim t\u00e4tig und absolvierte einen Gastaufenthalt an der Harvard University.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBeim Thema Fachkr\u00e4ftemangel haben wir uns in einen Teufelskreis hineinbewegt\u201c, sagt die Wuppertaler Wirtschaftswissenschaftlerin Vera Winter \u00fcber die Probleme im Gesundheitswesen.  Autor Uwe Blass geht dem Thema in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; auf den Grund.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-80727","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-25 17:52:19","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80727","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=80727"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80727\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80740,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80727\/revisions\/80740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=80727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=80727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}