{"id":80508,"date":"2024-12-19T11:53:12","date_gmt":"2024-12-19T10:53:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=80508"},"modified":"2024-12-21T12:00:35","modified_gmt":"2024-12-21T11:00:35","slug":"matthias-dohmen-erinnerungen-an-tante-lenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/12\/19\/matthias-dohmen-erinnerungen-an-tante-lenchen\/","title":{"rendered":"Matthias Dohmen: Erinnerungen an Tante Lenchen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-80511\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2651-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1960\" \/><\/p>\n<p>Zwei Familien lebten in zwei Werkswohnungen der Paul Emil Hoesch K.-G., Papier- u. Wellpappenfabrik auf einer Etage: Die beiden Papierarbeiter Paul Frings, verheiratet mit Magdalena Frings geb. Haa\u00df, und sein Kollege Josef Dohmen mit Frau Agathe, ebenfalls aus der Familie Haa\u00df stammend, und dem Sohn Matthias.<\/p>\n<p>Das Ehepaar Frings war \u00e4u\u00dferst sparsam, so knickerig sogar, dass sich meine Eltern bei Gelegenheit dar\u00fcber echauffierten. Jeden Pfenning legten sie zur\u00fcck, bis sie das Grundst\u00fcck, auf dem ihr Haus entstehen sollte (und entstehen w\u00fcrde), bar bezahlen konnten. Mir ist auch aus sp\u00e4teren Jahren kein Fall bekannt, dass sie einmal in einem Gasthaus gespeist oder etwa ein Konzert besucht h\u00e4tten. Der einzige Luxus, den sie sich g\u00f6nnten, war der Unterhalt einer Katze, die in den Papierballen, welche die Grundlage der Pappeherstellung bildeten und haupts\u00e4chlich aus Abfallpapier bestanden, reichlich Nahrung fand.<\/p>\n<h4>Die Schwester meiner Mutter<\/h4>\n<p>Die Tante und meine Mutter waren Schwestern. Daneben gab es noch eine Tante Annchen in Bonn, eine Tante Ottilie (Otti) in Kreuzau und einen an Kriegsfolgen verstorbenen Onkel, den ich nie kennengelernt habe. Die Geschwister beziehungsweise deren Familien, soweit sie im D\u00fcrener Raum lebten, besuchten sich regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Tante Lenchen, der bestimmende Teil in der Ehe, so wie es meine Mutter in der Familie war, in der ich aufwuchs, und ihr Mann nahmen mich auf, als meine Eltern innerhalb weniger Monate starben (ich war keine 14 Jahre jung), und bauten in ihrem damals schon bestehenden Haus ein Zimmer an. Es war eine Art Ringtausch, denn das neue Zimmer diente dem Ehepaar als Schlafst\u00e4tte, und infolge eines Umbaus des Wohnzimmers und des Einzugs einer Trennmauer erhielt ich mein eigenes Zimmer.<\/p>\n<div id=\"attachment_80509\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80509 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/P1000203.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"300\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>W\u00e4re nicht \u2013 aber das ist eine eigene Geschichte \u2013 mein Vormund gewesen, der mich in das Erzbisch\u00f6fliche Konvikt nach M\u00fcnstereifel bugsierte, h\u00e4tte ich auch von Birgel aus gut und gerne weiter das Stiftische Gymnasium in D\u00fcren besuchen und meine alten Freundschaften weiter pflegen k\u00f6nnen. Tante und Onkel boten mir an, mich zu adoptieren, wobei die entscheidende Initiative von der Schwester meiner Mutter kam, doch ich wollte meinen Nachnamen nicht verlieren, so ging mir das durch den Kopf.<\/p>\n<h4>50 Pfennig f\u00fcr die Pommesbude<\/h4>\n<p>Das M\u00e4dchen, in das ich mich als erstes verliebte, hie\u00df Hildegard. Die \u201eAff\u00e4re\u201c w\u00e4hrte nur kurz und litt haupts\u00e4chlich unter meiner Zur\u00fcckhaltung, die eine Folge meiner sehr konservativ-katholischen und verquasten Sexualerziehung war. Ob die Mutter der von mir Angebeteten \u00fcberhaupt davon wusste, bezweifle ich.<\/p>\n<p>Desungeachtet war ich ihr nicht unbekannt, da ich in eine Klasse mit ihrer Tochter ging und in der Volksschule sowie den ersten Klassen des altsprachlichen Gymnasiums durch gute Leistungen auffiel. Jedenfalls traf mich Hildegards Mutter vor einer der damals noch seltenen Pommesbuden und dr\u00fcckte mir ein F\u00fcnfzig-Pfenning-St\u00fcck, es kann auch eine D-Mark gewesen sein, in die Hand. Das muss irgendwann Ende der 1950er-Jahre gewesen sein.<\/p>\n<p>Als ich der Tante von der Dotation erz\u00e4hlte, wurde sie fuchsteufelswild und erkl\u00e4rte mir, dass wir <em>das nicht n\u00f6tig h\u00e4tten<\/em>, setzte sich auf ihr Fahrrad und fuhr die sch\u00e4tzungsweise vier Kilometer zu Hildegards Mutter, um ihr das Geldst\u00fcck zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p>Tante Lenchen hatte in ihrer Jugend und als junge Frau zur Anstellung gearbeitet, eine Zeit lang bei einem Metzger, wo sie f\u00fcr den Haushalt und die Kinder verantwortlich war und auch in der Fleischerei aushalf. Aus der Zeit wohl stammte ihre Redewendung, grober Leberwurst sei der Vorzug gegen\u00fcber der feineren zu geben, weil in der zweitgenannten allerlei Nichtfleischliches bis hin zu Putzlumpen enthalten sein k\u00f6nne. Sie war unpolitisch, erinnerte sich aber, dass die Juden in ihrer Gemeinde Zug um Zug einem, wie sie auch wohl damals schon vermutete, grausamen Schicksal \u00fcbereignet wurden.<\/p>\n<div id=\"attachment_80512\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 460px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-80512 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2652.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"649\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Tante Lenchen im Garten &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Politisch war man gebranntes Kind: Der Mann, Paul, war eine Art Betriebsobmann in der Nazizeit und erinnerte bisweilen daran, dass der Betriebsinhaber ihn zum Vorarbeiter bef\u00f6rdern wollte, wie er im Dritten Reich versprach, seine Zusage aber nie einl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Der Onkel hatte mich in dem b\u00f6sen Verdacht, radikaler zu sein (\u201eDas muss doch mehr dahinterstecken\u201c) als ein Freund von ihm vier H\u00e4user weiter, der sich zur SPD bekannte, aber regelm\u00e4\u00dfig zur heiligen Messe ging. Als der Mann gestorben war und ich in den Ferien in Birgel lebte, fuhr ich meine Tante aus Tarnungsgr\u00fcnden sonntags zur Kirche in die Stadt \u2013 sie ging in die Messe, und ich wartete im Auto, einem kleinen NSU-Fiat, das ich damals besa\u00df.<\/p>\n<p>Die Tante hat wohl ihr Lebtag darunter gelitten, dass sie kein Kind hatte oder vielleicht auch nicht bekommen konnte. Mich hat sie hei\u00df und innig geliebt, und die ersten Monate, die ich im Internat war, wechselten wir mehrfach in der Woche Briefe, von denen nur noch wenige existieren. Meine Fixierung auf diesen Postaustausch lie\u00df schlagartig nach, als ich mich in M\u00fcnstereifel, ebenfalls ungl\u00fccklich, in die Schwester eines langj\u00e4hrigen Freundes verliebte.<\/p>\n<h4>Leidenschaftliche Blumenz\u00fcchterin<\/h4>\n<p>Nun ruht die Schwester meiner Mutter auf dem Alten Friedhof in D\u00fcren-R\u00f6lsdorf \u2013 noch ein paar Jahre, dann l\u00e4uft auch die Verl\u00e4ngerung des \u201eeigenen\u201c Grabes ab. Ihr verdanke ich, das Haus in Birgel geerbt zu haben, denn w\u00e4re meine Tante vor meinem Onkel gestorben, h\u00e4tte er, dessen bin ich sicher, H\u00e4uschen und Grundst\u00fcck meinem Vetter vermacht, den er mir gegen\u00fcber deutlich vorzog.<\/p>\n<p>Tante Lenchen war ein leidenschaftliche Blumenz\u00fcchterin, liebte ihre H\u00fchner, von denen sie eines regelm\u00e4\u00dfig auf den Arm nahm, hat die letzten Jahre ihres Lebens in einem Seniorenheim verbracht, an das ich sehr gute Erinnerungen habe, und hatte ein, alles in allem, entbehrungsreiches und arbeitsames Leben, war freundlich zu allen, rechtschaffen und sparsam.<\/p>\n<p><strong>Dr. Matthias Dohmen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eErinnerungen in kleinen H\u00e4ppchen\u201c nennt unser st\u00e4ndiger Autor Matthias Dohmen Texte, die sein Leben aus der Perspektive anderer Personen schildern: Verwandte nd Bekannte, Freunde und Kollegen, M\u00e4nnlein und Weiblein.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-80508","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wuppertal"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-15 07:10:40","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80508","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=80508"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80508\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80513,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80508\/revisions\/80513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=80508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=80508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}