{"id":80318,"date":"2024-12-12T15:47:10","date_gmt":"2024-12-12T14:47:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=80318"},"modified":"2024-12-12T15:47:10","modified_gmt":"2024-12-12T14:47:10","slug":"organist-erik-larsen-weihnachtsmusik-hinter-gittern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/12\/12\/organist-erik-larsen-weihnachtsmusik-hinter-gittern\/","title":{"rendered":"Organist Erik Larsen: Weihnachtsmusik hinter Gittern"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_59151\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-59151\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/IMG_1245-1024x683-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Organist Erik Einar Larsen bei einer Beerdigung in der St. Pius Kirche in Barmen &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>\u201eDa mein katholischer Organisten-Kollege mittlerweile im Ruhestand ist, spiele ich bei allen christlichen Feiern Orgel. Die Kapelle ist weihnachtlich geschm\u00fcckt. Da gibt es einen f\u00fcnf Meter hohen Weihnachtsbaum und eine wundersch\u00f6ne Krippe\u201c, beschreibt der geb\u00fcrtige Wuppertaler die Weihnachtsatmosph\u00e4re in der Haftanstalt, die neben den Insassen, dem Personal, den Priestern und ihm niemand sonst hautnah miterleben kann.<\/p>\n<p>Erik Einar Larsen hat einen Sensor und ein offenes Ohr f\u00fcr die Probleme der JVA-Insassen. Er wei\u00df nur zu gut, dass Weihnachten psychologisch die schwierigste Zeit f\u00fcr die Gefangenen ist. \u201eDie Inhaftierten d\u00fcrfen weder Heiligabend noch am 1. und 2. Weihnachtstag Besuch empfangen. Au\u00dferdem werden alle drei Tage wie Feiertage behandelt, was bedeutet, dass die Gefangenen nach dem Mittagessen ihre Zellen nicht mehr verlassen k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rt der Knast-Organist.<\/p>\n<p>Als kleines Trostpflaster bekommen die Inhaftierten von den Seelsorgern ein Paket mit Nahrungsmitteln. Wer mit der Einsamkeit an Weihnachten, f\u00fcr viele das Fest der Liebe, psychisch nicht klarkommt, dem steht auf Anforderung Notfallseelsorger zur Seite.<\/p>\n<div id=\"attachment_53009\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53009\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1261-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"2428\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Hat einen trockenen Humor: Organist Erik Einar Larsen &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>Erik Einar Larsen hat bei seinen Eins\u00e4tzen hinter Gittern k\u00fcnstlerisch und liturgisch v\u00f6llig freie Hand. Da l\u00e4sst er in den Gottesdiensten auch einmal Songs von \u201eDeep Purple\u201c oder aus den Kino-Klassikern \u201eStar Wars\u201c oder \u201eDer Pate\u201c in Messe und Abendmahl anklingen \u2013 Lieder, die garantiert in keinem kirchlichen Gesangbuch stehen.<\/p>\n<p>Es muss nicht immer Bach oder Mozart sein, so die Philosophie von Erik Einar Larsen, der an der Uni Wuppertal Schlagzeug und Klavier studiert hat. \u201eDie Orgel ist sozusagen meine dritte Fremdsprache\u201c, erkl\u00e4rt der sympathische Musiker augenzwinkernd.<\/p>\n<p>Zur Musik kam er schon als kleiner Junge: \u201eIm Kino meiner Gro\u00dfeltern stand noch ein Klavier aus alten Stummfilmzeiten. Auf dem habe ich dann so lange herumgeklimpert, bis es Opa Alfons zu uns nach Hause ins Wohnzimmer transportieren lie\u00df\u201c, erz\u00e4hlt Erik Einar Larsen.<\/p>\n<h4>Per Zufall im Knast gelandet<\/h4>\n<p>Aber wie landet man dann sp\u00e4ter im Gef\u00e4ngnis? Als Organist, versteht sich! Die Erkl\u00e4rung ist \u2013 so der K\u00fcnstler \u2013 eigentlich ganz einfach. \u201eEin ehemaliger Musiksch\u00fcler war Vikar in der JVA Simonsh\u00f6fchen. Er bat mich vor 16 Jahren, eine Vertretung zu \u00fcbernehmen. Ich fand die Atmosph\u00e4re im Knast spontan interessant und habe mir selbst \u201alebensl\u00e4nglich\u2018 gegeben. Ich habe dann meine Orgelstelle in Hammerstein gek\u00fcndigt, um mich in Zukunft voll auf die JVA zu konzentrieren.\u201c<\/p>\n<p>Erik Einar Larsen bekam von der Wuppertaler Justizvollzugsanstalt quasi einen Honorar-Vertrag auf Lebenszeit. Er verk\u00f6rpert l\u00e4ngst viel mehr als nur den Organisten, der die Messen und Gottesdienste musikalisch ausschm\u00fcckt.<\/p>\n<p>Er ist Ansprechpartner f\u00fcr die Gefangenen, h\u00f6rt sich ihre Probleme an, f\u00fchrt viele Gespr\u00e4che mit ihnen, und sieht sich inzwischen selbst als ehrenamtlichen Seelsorger.<\/p>\n<div id=\"attachment_53010\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53010\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1231-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"2030\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein gl\u00fcckliches Paar: Erik Einar Larsen mit Ehefrau Silvia &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>Der Organist mit dem gro\u00dfen Herz ist bei den Inhaftierten sehr beliebt. Sicher auch ein Grund, warum die Gottesdienste in der Gef\u00e4ngniskapelle besser frequentiert sind, als die in den meisten normalen Kirchen. Das Bemerkenswerte: Die Gefangenen verzichten daf\u00fcr am Sonntag auf eine von drei Freistunden.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr erf\u00fcllt Erik Einar Larsen, der etwas andere Organist, w\u00e4hrend der Andachten, Abendmahle und Messen nicht selten auch den einen oder anderen Musik-Wunsch. Keine Frage, der weltoffene Gef\u00e4ngnis-Organist hat l\u00e4ngst seine in sich geschlossene Fan-Gemeinde.<\/p>\n<p>Bei all der positiven Resonanz, bei all der Dankbarkeit, dass er ein guter Zuh\u00f6rer ist und auch einmal Trost spenden kann, bekommt der Musiker auch die Schattenseiten des Knastlebens hautnah mit: Verzweifelte Gefangene, die ihre neugeborenen Kinder nicht sehen d\u00fcrfen, denen der Besuch der Beerdigung eines engen Familienangeh\u00f6rigen verwehrt wird oder Gefangene, die keinen Ausweg mehr sehen und sich sogar in ihrer Zelle das Leben nehmen.<\/p>\n<p>Wie nah l\u00e4sst Erik Einar Larsen das, was er in der JVA sieht, h\u00f6rt und erlebt \u00fcberhaupt an sich heran. Der Organist gibt offen zu: \u201eSehr stark! Und ich darf ja wegen der Schweigepflicht auch nicht mit anderen dar\u00fcber reden, was mir wiederum auch gut tun w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<h4>Hochzeit in der Gef\u00e4ngniskapelle<\/h4>\n<p>Zum Gl\u00fcck \u00fcberwiegen die positiven Eindr\u00fccke und Erlebnisse, die er mit nach Hause nimmt. Und so lag es f\u00fcr ihn nahe, 2015 sogar seine Hochzeit mit Ehefrau Silvia in der Gef\u00e4ngniskapelle der JVA Simonsh\u00f6fchen, mit vielen Gefangenen als Trau-Zeugen, zu feiern.<\/p>\n<p>Auch dieses Jahr Weihnachten entsteht sein Programm spontan aus dem Bauch heraus. \u201eW\u00e4hrend der Gottesdienste spiele ich die \u00fcbliche Weihnachtsmusik, zum Ausgang dann aber auch moderne Arrangements der Pop-Weihnachtslieder\u201c, verspricht er. Und als kleines Geschenk wird er auch diesmal einige Musikw\u00fcnsche von Gefangenen erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Privat f\u00e4llt dagegen Weihnachten f\u00fcr seine Frau Silvia und ihn in diesem Jahr quasi aus. Erik Einar Larsen schmunzelnd: \u201eBei insgesamt sieben Gottesdiensten von Heiligabend bis 2. Feiertag brauche ich das nicht. Weihnachtsbaum oder Krippe stehen bei uns als Katzenbesitzer ohnehin nicht hoch im Kurs &#8211; au\u00dfer bei den Katzen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_53008\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53008\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1260-2-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Erik Einar Larsen an der Orgel der St. Pius Kirche in Barmen &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>Auch wenn das Orgelspielen im Gef\u00e4ngnis seine Berufung ist, greift er nicht nur\u00a0\u00a0hinter schwedischen Gardinen in die Tasten: Er spielt bei Taufen, Hochzeiten, bei normalen Messen, Gottesdiensten und auch bei Trauerfeiern. \u201eIch habe in diesem Jahr bei rund 200 Beerdigungen Orgel gespielt. Das ist eine Arbeit, die mir wichtig ist und die mir viel Freude macht. Und die mir auch \u00a0immer wieder zeigt, wie wertvoll das Leben ist. Ich bin sehr dankbar daf\u00fcr, dass ich das mit 71 Jahren noch so genie\u00dfen kann.\u201c<\/p>\n<p>Als Musiker geht man nicht so einfach in Rente. \u201eIch arbeite momentan mehr als in den Jahren vor meinem Ruhestand. Aber alles nur Dinge, die mir Spa\u00df machen. Andere Anfragen lehne ich ab.\u201c<\/p>\n<p>Die Musik spielt in seinem Leben nach wie vor eine Hauptrolle, egal ob es das Schlagzeug, die Orgel oder das Piano ist. Und selbst er kompletteste Musiker lernt niemals aus. So \u00fcbt sich Erik Einar Larsen seit einiger Zeit auch noch an der Posaune. Ob zur Freude seiner Nachbarn, ist nicht bekannt.<\/p>\n<p><strong>Text: Peter Pionke<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erik Einar Larsen verbringt sehr viel Zeit im Knast! Und das auch an den Weihnachttagen. Doch ziehen Sie keine falschen Schl\u00fcsse! Der Wuppertaler hat eine bl\u00fctenwei\u00dfe Weste, aber einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Job. Der Musiker ist Organist in der JVA Simonsh\u00f6fchen. Heiligabend und an beiden Weihnachtsfeiertagen sitzt er bei insgesamt sieben Gottesdiensten und Messen hinter der Orgel.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-80318","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-24 10:28:32","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=80318"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80321,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/80318\/revisions\/80321"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=80318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=80318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=80318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}