{"id":78062,"date":"2024-09-20T17:56:29","date_gmt":"2024-09-20T15:56:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=78062"},"modified":"2024-09-20T17:56:29","modified_gmt":"2024-09-20T15:56:29","slug":"wir-haben-es-alle-in-der-hand-vertrauen-zu-schaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/09\/20\/wir-haben-es-alle-in-der-hand-vertrauen-zu-schaffen\/","title":{"rendered":"\u201eWir haben es alle in der Hand, Vertrauen zu schaffen\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_78078\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1585px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-78078 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Portrait-Eckert-foto-Mathias-Kehren.jpg\" alt=\"\" width=\"1575\" height=\"1153\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Historiker und Buchautor Dr. Georg Eckert &#8211; \u00a9 Mathias Kehren<\/span><\/div>\n<p><strong>Sie bringen zusammen mit Dr. Thorsten Beigel, in dieser Situation ein Buch heraus, in dem Sie die Geschichte der Demokratie von der Antike bis in unsere Zeit schildern. Gibt es also doch noch Hoffnung, den Patienten zu retten?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Die Demokratie lebt. Das sehen wir schon an einer lebhaften und kontroversen Deutung ihres Zustandes in Medien aller Art \u2013 und daran, dass man hierzulande zum Beispiel auch ungestraft Sympathien f\u00fcr den russischen Pr\u00e4sidenten bekunden darf. Andersherum ist das ja eher schwierig. Eigentlich sind manche Krisen-Diskurse sogar der beste Beweis daf\u00fcr, wie quicklebendig das Ideal der Volksherrschaft bei uns ist. Solange man um ihre Ausgestaltung streitet, hat man sie noch nicht aufgegeben.<\/p>\n<p>Und die Demokratie lebt auch, ja gerade angesichts gro\u00dfer nationaler wie internationaler Herausforderungen von einem gewissen Optimismus: n\u00e4mlich dem Vertrauen darauf, dass ein freier Austausch von Ideen die gr\u00f6\u00dfte Wahrscheinlichkeit hat, gute, dauerhafte und vor allem akzeptanzf\u00e4hige L\u00f6sungen f\u00fcr unterschiedlichste Probleme zu finden. Gleichwohl macht uns Sorgen, dass vielerorts bei vielen die Bereitschaft w\u00e4chst, die Zukunft des Landes vermeintlichen autorit\u00e4ren Wunderheilern anzuvertrauen. Die Aufgabe muss allenthalben sein, dem mit guter, n\u00e4mlich gut gemachter und gut begr\u00fcndeter Politik zu begegnen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>In Ihrem Buch stellen Sie in Kapitel 2 die Frage: \u201eKann die breite Masse eigentlich zu ihrem eigenen Besten entscheiden, ja kennt sie \u00fcberhaupt ihre Interessen?\u201c Ist vielleicht die Teilhabe aller an der politischen Willensbildung ein Problem von Demokratie?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Sie ist zun\u00e4chst einmal die exklusiv demokratische L\u00f6sung f\u00fcr viele Probleme. Denn politische Mitwirkung des Volkes tr\u00e4gt eine gro\u00dfe Gew\u00e4hr daf\u00fcr in sich, dass Beschl\u00fcsse von einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung mitgetragen statt boykottiert werden \u2013 und daf\u00fcr, dass Regierende auf das R\u00fccksicht nehmen, was diejenigen zu bewegen scheint, denen sie ihre Macht verdanken. Aber die Teilhabe aller, die ja etwa angesichts sehr ungleicher Wahlbeteiligungsraten in unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsgruppen teils eher ein Postulat als eine Realit\u00e4t beschreibt, bleibt zugleich eine Herausforderung \u2013 und sie ist auch der jahrtausendealte Standard-Einwand gegen das Prinzip der Demokratie: n\u00e4mlich als Kritik an der launischen Herrschaft von Ungebildeten, die man schon im antiken Athen finden kann.<\/p>\n<p>Aber in gewisser Weise war die Sorge vor einem emotionsgeleiteten \u201eMob\u201c paradoxerweise auch selbst ein wichtiger Demokratisierungsfaktor, mit ihr die Vorstellung, radikale Ideen durch Parlamente und Parteien m\u00e4\u00dfigen zu k\u00f6nnen: Die epochalen Erweiterungen des Wahlrechts im 19. und 20. Jahrhundert geschahen nicht zuletzt mit R\u00fccksicht darauf, dass die Bev\u00f6lkerung ansonsten wom\u00f6glich zur Revolution schreite. Vom Volk als Souver\u00e4n waren n\u00e4mlich die wenigsten begeistert, die meisten hielten es f\u00fcr notorisch unvern\u00fcnftig. Das bis heute immer wieder ber\u00fchmte Bonmot \u201eJede Nation bekommt die Regierung, die es verdient\u201c stammt von einem Mann des Ancien R\u00e9gime, vom franz\u00f6sischen Staatsmann und Staatsdenker Joseph de Maistre.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_78079\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-78079 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Reichstag-in-Berlin-wikipedia-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"798\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Reichstag in Berlin &#8211; Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><strong>Sie stellen in Ihrem Buch verschiedene Formen der Demokratie im Laufe der Geschichte vor. Welche war denn am \u00fcberzeugendsten?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberzeugungskraft haben demokratische Systeme, die gut zu den jeweiligen Gegebenheiten passen, weil sie den Mitwirkenden das Gef\u00fchl geben, in einem vertrauten Regierungssystem zu leben und Politik wirklich mitgestalten zu k\u00f6nnen. Die kleinr\u00e4umige direkte Demokratie der Schweiz lie\u00dfe sich in einem gro\u00dfen Staat wie den Vereinigten Staaten kaum denken. Eine weitere Erfahrungsregel l\u00e4sst sich ebenfalls herleiten: Demokratien, die nicht den Wohlstand jedenfalls eines einflussreichen Teils der Bev\u00f6lkerung zu sichern verm\u00f6gen, geraten rasch unter Legitimationsdruck \u2013 so etwa die Weimarer Republik, die freilich die Probleme, an denen sie zugrunde ging, unm\u00f6glich selbst h\u00e4tte l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Weimarer Beispiel gibt auch einen weiteren Hinweis. Stabile Demokratien m\u00fcssen wehrhaft sein d\u00fcrfen, sie haben sich von ihren Feinden vieles, aber eben nicht alles gefallen zu lassen. Stabile Demokratien erkennt man zudem an einem Lackmustest, n\u00e4mlich der Frage, ob Machtwechsel friedlich erfolgen. Das tun sie dort, wo die Unterlegenen weiterhin Grund zur Hoffnung haben, nicht bedr\u00e4ngt zu werden und nach einer weiteren Wahl wieder an die Macht zu gelangen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_78080\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-78080 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/81jijMJ8xgL._SL1500_.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"573\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Geschichte der Demokratie -Von der Antike bis in unsere Zeit &#8211;\u00a0 Georg Eckert und Thorsten Beige &#8211; Vandenhoeck &amp; Ruprecht\/UTB\u00a0 2023 &#8211; 425 Seiten &#8211;\u00a0 30,00 Euro -ISBN-10: 3825259323 &#8211; ISBN-13: 978-3825259327<\/span><\/div>\n<p><strong>In einem Kapitel widmen Sie sich auch der amerikanischen Demokratie. Wir erleben gerade die laufenden Pr\u00e4sidentschaftswahlen zwischen Kamala Harris und Donald Trump. Unter den Bedingungen von Massenmedien gleicht das \u201edemokratische\u201c Ringen um das h\u00f6chste Amt im Staat eher einer Schlammschlacht zweier Parteien, die sich nur noch als Feinde betrachten. Wie kann da denn wieder Vertrauen aufgebaut werden?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Die Logiken von Massenmedien gelten auch in anderen Regierungssystemen: Da kommt es ebenfalls zu Schlammschlachten \u2013 nur mit ungleich brutaleren Folgen, wenn Regimegegner in Arbeitslager geschickt werden. Vor allem geh\u00f6rt zu den Vorz\u00fcgen der Demokratie, dass Konflikte offen ausgetragen werden k\u00f6nnen; an einem Diktator kann man kaum scharfe Kritik \u00fcben, jedenfalls nicht lange. Ein gewisses Ma\u00df an gegenseitigen Vorw\u00fcrfen und Beschimpfungen geh\u00f6rt zum Gesch\u00e4ft: besser Schlammschlachten als Stra\u00dfenschlachten. Erstere haben einen gewissen Unterhaltungswert; erst im \u00dcberma\u00df wird es problematisch. Wenn Sozialdemokraten im wilhelminischen Deutschland als \u201evaterlandslose Gesellen\u201c angegriffen wurden, wurde allerdings Feindschaft betrieben, und Gerhard Schr\u00f6ders Spott \u00fcber den \u201eProfessor aus Heidelberg\u201c war auch kaum freundlich gemeint.<\/p>\n<p>Prinzipiell kennt aber gerade die angloamerikanische Tradition doch sehr robuste Wahlk\u00e4mpfe, im 19. Jahrhundert ging es teils wesentlich h\u00e4rter zur Sache (oder vielmehr: zur Person) als heutzutage. Ohnehin sind die politischen Systeme in Gro\u00dfbritannien und den Vereinigten Staaten wesentlich konfliktgepr\u00e4gter als unser deutsches, das eher konsensual gestimmt ist. Entscheidend ist aber weniger das, was im Wahlkampf passiert, sondern das, was nach der Wahl geschieht, n\u00e4mlich die Frage, ob der Wahlverlierer und dessen Anh\u00e4nger eine Niederlage anerkennen \u2013 und ob sie bei gegenl\u00e4ufigen Mehrheiten zu Kompromissen finden. Der Sturm auf das Wei\u00dfe Haus nach der letzten Pr\u00e4sidentschaftswahl war ein Stresstest der Demokratie, aber sie hat ihn zun\u00e4chst einmal offenkundig bestanden.<\/p>\n<div id=\"attachment_78085\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-78085 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Demokratie-Diktatur-Pixabay.png\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"832\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Diktatur ist der st\u00e4ndige Feind der Demokratie &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Daraus kann man ein gewisses Vertrauen sch\u00f6pfen \u2013 ebenso daraus, wenn siegreiche Parteien nach der Wahl ihre Versprechungen einl\u00f6sen, statt leere Ank\u00fcndigungen und Streit untereinander zu betreiben. Noch mehr als andere Regierungsformen beruht die Demokratie jedoch auf der Erfahrung, dass dieses Regierungssystem der Bev\u00f6lkerung ein m\u00f6glichst gutes und selbstbestimmtes Leben erm\u00f6glicht. Wir haben es alle in der Hand, Vertrauen zu schaffen: Berufspolitiker und W\u00e4hler gleicherma\u00dfen. Verordnen l\u00e4sst sich das nicht, vielmehr entscheiden wir alle jeden Tag aufs Neue, wie wir \u00fcber Politiker und Politik reden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Gleich vier Kapitel widmen Sie der Demokratie im 20. Jahrhundert, die ja auch diverse H\u00f6hen und Tiefen durchlebt hat. Was davon w\u00fcrden Sie als besonders pr\u00e4gend f\u00fcr uns heute sehen?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Gerade die deutsche Geschichte zeigt \u2013 wohl die wichtigste Lektion \u2013 die Br\u00fcchigkeit von Demokratien auf. Demokratie ist keine Zwangsl\u00e4ufigkeit der Weltgeschichte. Herrschaft des Volkes kann auch wieder vergehen, es gilt also schon etwas daf\u00fcr zu tun, damit sie bleibt. Demokratie muss wachsen, man kann sie nicht mit der Verk\u00fcndung einer Verfassung schaffen \u2013 das ist die zweite Lektion: Der problemlose Machtwechsel im Jahre 1969 war mit Blick auf die deutsche Demokratiegeschichte vielleicht wichtiger als die Verk\u00fcndung des Grundgesetzes zwanzig Jahre zuvor. Der Westen wiederum erlebte nach dem Ende des Kalten Krieges eine kurze Euphorie der Demokratie, die aber etwa im Irak und in Afghanistan rasch der Erkenntnis gewichen ist, dass auch die Demokratie von Bedingungen lebt, die sie selbst nicht gew\u00e4hrleisten kann (so k\u00f6nnte man in Abwandlung eines ber\u00fchmten Diktums des Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde formulieren).<\/p>\n<p>Ob eine Demokratie entsteht und besteht, h\u00e4ngt eben von vielen Umst\u00e4nden ab; zur Demokratie geh\u00f6rt auch eine spezifische politische Kultur, die sich entwickeln muss. Die dritte Lektion k\u00f6nnte folgende sein: Der vielleicht gr\u00f6\u00dfte Vorzug der Demokratie besteht darin, dass sie das einzige Regierungssystem darstellt, in dem eben dieses freim\u00fctig kritisiert und per Wahl rasch ver\u00e4ndert werden kann. Der regelm\u00e4\u00dfige Machtwechsel kann Reformen zwar auch ausbremsen, aber sorgt f\u00fcr eine h\u00e4ufigere Erneuerung des Personals als in anderen Herrschaftsformen \u2013 und die Demokratie hat das gr\u00f6\u00dfte Personalreservoir, indem jeder w\u00e4hlen und gew\u00e4hlt werden kann.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_78088\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-78088\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/chancellery-1400482_1280-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"777\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Kanzleramt in Berlin &#8211; ein Steinwurf vom Reichstag entfernt &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Die Demokratie auf der ganzen Welt steht unter Druck. Verantwortlich f\u00fcr den weltweiten Aufwind rechter Parteien ist auch die Politik der etablierten Kr\u00e4fte. K\u00f6nnen Sie das einmal erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Viele der westlichen Demokratien tun sich seit geraumer Zeit schwer, gro\u00dfe Themen anzupacken \u2013 und stehen vor dem Problem, dass bew\u00e4hrte Modelle in unserem Zeitalter nicht mehr funktionieren wie ehedem. Und so wohlfeil generelle Kritik ist: Parteien tun sich schwer, Personal jenseits eingefahrener Muster zu rekrutieren. Per se ist das allerdings nicht beunruhigend. Denn es stellt geradezu ein Lebenselixier vom Demokratie dar, dass sich immer wieder neue Parteien gegen die etablierten bilden; f\u00fcr politische Vereinigungen gibt es keine Ewigkeitsgarantie. Sie sind an konkrete Interessen und Weltanschauungen gebunden, so etwas ver\u00e4ndert sich. Hierzulande waren die Gr\u00fcnen ja auch einmal eine Partei, die sich dezidiert gegen das \u201eEstablishment\u201c gegr\u00fcndet hat, heute sind sie geradezu dessen Inbegriff.<\/p>\n<p>Wenn sich neue Parteien formieren, ist das meist mit gesellschaftlichem Wandel verbunden. Den kann man kaum aufhalten, aber es gibt Parteien auf der Linken wie auf der Rechten, die so tun, als ob: Populisten unterschiedlicher Couleur, die davon profitieren, dass in den letzten Jahrzehnten ein rapider sozio\u00f6konomischer Wandel eingesetzt hat. Er schafft Chancen f\u00fcr manche, aber andere nehmen ihn mit \u2013 keineswegs unberechtigten \u2013 Verlust\u00e4ngsten wahr, die entsprechende Parteien zu bedienen wissen. In einer immer unsicherer scheinenden Welt ist es eine folgerichtige Reaktion, wenn sich Menschen auf das beziehen, was sie gut kennen oder gut zu kennen glauben: Und das ist nicht zuletzt die eigene Nation, die in einer entgrenzten Welt mit gro\u00dfen Migrationsstr\u00f6men wenigstens etwas Geborgenheit und Sicherheit verspricht. Das mu\u00df man ernst nehmen, wie auch immer man dazu stehen mag.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Am 22. September steht die Landtagswahl in Brandenburg an. Es ist mit einem hohen Ergebnis der AfD zu rechnen. Warum erreichen die etablierten Parteien die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler nicht mehr?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Die Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Erosion der W\u00e4hlerbasis sind vielschichtig, sie liegen in den Parteien selbst, im politischen System, im gesellschaftlichen Wandel \u2013 und auch im medialen. In Sozialen Medien haben viele etablierte Parteien offenkundig sowohl Nachholbedarf als auch strukturelle Nachholprobleme. Twitter &amp; Co. sind eher keine Foren, die abw\u00e4gende Darstellungen beg\u00fcnstigen. Aber das Problem liegt tiefer, denn zumal die klassischen tagespolitischen Verlautbarungen quer durch s\u00e4mtliche Massenmedien empfinden viele Menschen immer mehr als inhaltsleeren \u201ePolitsprech\u201c \u2013 und das kann man durchaus verstehen. Vielleicht holt etablierte Parteien auch ein, dass sie bisweilen h\u00f6here Erwartungen an ihre Akteure und auch an das politische System gesch\u00fcrt haben, als klug war.<\/p>\n<div id=\"attachment_78084\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1290px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-78084 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/the-federal-constitutional-court-5180750_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"960\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Keine Demokratie kann allen Menschen zugleich das Leben verschaffen, das sie gerne h\u00e4tten, jedenfalls keine zukunftsf\u00e4hige. Es ist auch eine wichtige Vermittlungsaufgabe, \u00f6ffentlich damit umzugehen, dass die gewohnten Wachstumsraten und ein \u00fcber Generationen zunehmender Wohlstand keine Selbstl\u00e4ufer sind: Die Bundespr\u00e4sidenten Richard von Weizs\u00e4cker und Roman Herzog haben schon vor gut drei\u00dfig Jahren appelliert, dass etwas mehr Bewegung ins politische System kommen m\u00fcsse. Das liest sich durchaus noch aktuell.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche Quintessenz ziehen Sie aus der Geschichte der Demokratie, die es wert ist, diese Herrschaftsform weiter zu unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Georg Eckert: &#8222;Blickt man auf die Geschichte Demokratie seit dem antiken Athen, auf das Werden und Vergehen von unterschiedlichen Spielarten der Volksherrschaft, gelangt man zu einem n\u00fcchternen Optimismus. Winston Churchill, der zwei Jahre zuvor (wohlgemerkt als frischgebackener Weltkriegssieger) nach einer verlorenen Parlamentswahl seinen Posten als Premierminister hatte r\u00e4umen m\u00fcssen, hat es im Jahre 1947 in einer Unterhausdebatte auf eine nach wie vor aktuelle Pointe gebracht: \u201eIndeed, it has been said that democracy is the worst form of Government except all those other forms that have been tried from time to time\u201c (\u201eIn der Tat wurde gesagt, dass Demokratie die schlechteste Regierungsform ist, abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden\u201c). Wir w\u00e4ren schlecht beraten, uns von der Demokratie fortgesetzte Wunder zu erwarten.<\/p>\n<p>Volksherrschaft ist keine Wohlstandsgarantie, auch in demokratischen Staaten muss um knappe kollektive Ressourcen und deren Zuteilung gestritten werden. Aber solche Gemeinwesen bieten die gr\u00f6\u00dften Chancen, dass das auf m\u00f6glichst zivile Weise und mit m\u00f6glichst geringer Diskriminierung derjenigen geschieht, die gerade nicht in der Mehrheit sind. Das d\u00fcrfte ein ganz zentraler, zugleich ein sehr ermutigender Befund aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Demokratie sein.<\/p>\n<p>Optimismus stiftet zudem die Beobachtung, dass Demokratie ganz unterschiedliche Formen annehmen und sich oftmals neuen Gegebenheiten gerade deshalb so gut anpassen kann, weil sie viele Wahrnehmungen und Interessen zu integrieren vermag. Welche die vielversprechendste Form der Volksherrschaft ist, entscheiden meist Umst\u00e4nde, die man in der Regel nicht von heute auf morgen \u00e4ndern kann.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_78081\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 260px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-78081 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Portrait-Eckert-foto-Mathias-Kehren-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"347\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Georg Eckert &#8211; \u00a9 Mathias Kehren<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Georg Eckert<\/h4>\n<p>Dr. Georg Eckert studierte Geschichte und Philosophie in T\u00fcbingen, wo er mit einer Studie \u00fcber die Fr\u00fchaufkl\u00e4rung um 1700 mit britischem Schwerpunkt promoviert wurde, und habilitierte sich in Wuppertal. 2009 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Geschichte und lehrt heute als Privatdozent in der Neueren Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Demokratie liegt im Sterben, unkt die industrialisierte Welt, weil das System nicht gehalten hat, was es versprach.Gibt es f\u00fcr sie noch einen Chance? Dar\u00fcber hat Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit dem Historiker Dr. Georg Eckert von der Bergischen Universit\u00e4t gesprochen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-78062","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-28 02:50:28","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78062","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78062"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78062\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":78090,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78062\/revisions\/78090"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78062"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78062"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78062"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}