{"id":77626,"date":"2024-09-02T10:51:30","date_gmt":"2024-09-02T08:51:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=77626"},"modified":"2024-09-02T10:51:30","modified_gmt":"2024-09-02T08:51:30","slug":"die-deutsche-sprache-im-wandel-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/09\/02\/die-deutsche-sprache-im-wandel-der-zeit\/","title":{"rendered":"Die deutsche Sprache im Wandel der Zeit"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_77629\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-77629\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Foto-Petrova.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"430\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Germanistin Prof. Dr. Svetlana Petrova &#8211; \u00a9 Maren Wagner<\/span><\/div>\n<p><strong>Unsere Sprache unterliegt einem st\u00e4ndigen Wandel. Sie sind Professorin f\u00fcr die Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Bergischen Universit\u00e4t. Wie erkennt man denn heute den Wandel in der Sprache und in welchem Zeitraum geschieht er?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Wandel erfasst verschiedene Ebenen der sprachlichen Repr\u00e4sentation, von der Lautung \u00fcber den Aufbau von W\u00f6rtern bis hin zu Wortstellung und Wortschatz. Die entsprechenden Prozesse finden zu verschiedenen Zeiten statt und sind f\u00fcr uns nicht in gleicher Weise erkennbar. Einige Ver\u00e4nderungen vollziehen sich vor unseren Augen, andere liegen sehr lange zur\u00fcck. Am deutlichsten erkennen wir Wandel, wenn wir W\u00f6rter und Strukturen aus Texten der verschiedenen Sprachstufen miteinander vergleichen. Dazu sind Kenntnisse erforderlich, die uns einerseits das Verst\u00e4ndnis der Sprachzeugnisse erm\u00f6glichen, andererseits das erforderliche analytische Instrumentarium zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Diese Kenntnisse vermitteln wir unseren Studierenden an der Universit\u00e4t. Unabh\u00e4ngig davon hat die Sprachgemeinschaft selbst ein Gef\u00fchl f\u00fcr Ver\u00e4nderungen in ihrer sprachlichen Umgebung. Am deutlichsten sind f\u00fcr uns Ver\u00e4nderung im Bereich des Wortschatzes. Das Wort <em>Querdenker<\/em>, womit die Bergische Universit\u00e4t vor der Covid-19-Pandemie noch warb, ist heute kein positiv konnotiertes Wort mehr. Es ist eine Bedeutungsverschlechterung eingetreten. Das erkennen wir selbst und verwenden dieses Wort entsprechend seiner neuen Bedeutung. Aus der Plakatwerbung der Bergischen Universit\u00e4t ist dieses Wort verschwunden.<\/p>\n<p>Der kontroverseste Bereich, an dem Wandel in der Sprache festgemacht wird, ist ganz bestimmt der Einzug von W\u00f6rtern aus anderen Sprachen. Interessanterweise thematisiert niemand W\u00f6rter wie <em>Wein<\/em> und <em>Mauer<\/em>, die auch mal als Fremdw\u00f6rter entlehnt wurden und heute vollst\u00e4ndig an das System des Deutschen angepasst sind. Auch \u00fcber die franz\u00f6sischen Lehnw\u00f6rter <em>Onkel<\/em> und <em>Tante<\/em>, die die heimischen Bezeichnungen <em>Vetter<\/em>, <em>Oheim<\/em>, <em>Base<\/em> und <em>Muhme<\/em> verdr\u00e4ngt haben, wird kaum \u00f6ffentlich diskutiert. Aktuell geht es um die zahlreichen W\u00f6rter aus dem Englischen, die unsere Sprache im Zusammenhang mit der Globalisierung, der Nutzung der sozialen Netzwerke oder der Etablierung neuer Informationstechnologien \u00fcbernimmt. Aber auch diese W\u00f6rter werden an das System des Deutschen angepasst.<\/p>\n<div id=\"attachment_77632\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 447px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-77632\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Merseburger-Zaubersprueche-1.jpg\" alt=\"\" width=\"437\" height=\"632\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Merseburger Zauberspr\u00fcche. Farbbild von Cod. 136, folio 85r, Domstiftsbibliothek Merseburg &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Es \u00e4ndert sich der Bestand des Wortschatzes, nicht aber das System als solches: die zugrundliegenden Prinzipien des Deutschen bleiben erhalten und werden systematisch angewandt. Wir bilden zu Verben wie <em>chillen<\/em> Formen wie <em>ich chille<\/em> oder <em>wir haben gechillt<\/em>, zu <em>User<\/em> und <em>Blogger<\/em> gibt es Formen wie <em>von vielen Usern und Bloggern<\/em>, wir nutzen diese W\u00f6rter als Basis f\u00fcr neue Bezeichnungen wie <em>chillig<\/em>, <em>Userin<\/em>, <em>Influencerin<\/em>, etc., die es so in der Ausgangssprache nicht gibt. Gleichzeitig haben wir uns von Anglizismen wie <em>Walkman<\/em> getrennt und sind dabei, uns von <em>twittern<\/em> zu verabschieden. Auch das ist Wandel. Neue Bezeichnungen entstehen permanent, ob durch \u00dcbernahme aus anderen Sprachen oder mit den Mitteln der eigenen Sprache, <em>Strompreisbremse<\/em> und <em>Waffenverbotszone<\/em> etwa. Damit benennen wir neue Gegenst\u00e4nde oder Ph\u00e4nomene, oder wir suchen nach ausdruckskr\u00e4ftigeren, expliziteren oder einpr\u00e4gsameren Formen f\u00fcr bereits bestehende Begriffe.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Seit wann gibt es eigentlich eine deutsche Sprache?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Die ersten \u00fcberlieferten volkssprachlichen Aufzeichnungen stammen aus der Zeit um 800, das sind \u00dcbersetzungen christlicher Texte aus dem Lateinischen, Einzelwortaufzeichnungen und erste freie Dichtungen. Von einer einheitlichen deutschen Sprache k\u00f6nnen wir zu dieser Zeit aber nicht sprechen. Geschrieben wird in irgendeinem Dialekt. Es gibt keinen \u00fcberregional geltenden Standard. Das Wort <em>Deutsch<\/em> wird in der fr\u00fchesten Zeit verwendet, um die Volksprache vom Latein, dem Hauptmedium schriftlicher Kommunikation, zu unterscheiden. Deutsch bedeutete urspr\u00fcnglich \u2018in der Volkssprache verfasst\u2019.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Deutsch geh\u00f6rt zur Indogermanischen Sprachfamilie. Was bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Das Deutsche ist ein Vertreter der germanischen Gruppe innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie. Das bedeutet, dass das Deutsche n\u00e4her oder entfernter verwandt ist mit einer Vielzahl von Sprachen, die vom indischen Subkontinent im Osten \u00fcber Vorderasien sowie ganz Europa bis hin zur Insel Island im Nordwesten gesprochen wurden und noch heute gesprochen werden. Im 19. Jh. stellte man in der Auseinandersetzung mit dem Sanskrit, der Sprache der altindischen Gelehrten, fest, dass diese den bekannten Altertumssprachen Griechisch und Latein in Lautung, Wortschatz und Aufbau \u00e4hnlich war. Man nahm an, dass die \u00c4hnlichkeit nicht auf Zufall beruhte, sondern auf die Abspaltung der Einzelsprachen aus einer vermeintlich gemeinsamen Grundsprache, die man Indogermanisch nannte.<\/p>\n<div id=\"attachment_77639\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-77639 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/book-3101450_960_720-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"448\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein W\u00f6rterbuch wie es auch im Internet-Zeitalter immer noch gibt &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Es folgte eine intensive Auseinandersetzung mit den bezeugten noch lebenden oder den nicht mehr gesprochenen Sprachen in Europa und Vorderasien, womit die Verwandtschaft vieler Sprachen festgestellt wurde. Heute wissen wir, dass Deutsch nicht nur mit anderen germanischen Sprachen wie Englisch, Niederl\u00e4ndisch oder Jiddisch verwandt ist, sondern in entfernterer Weise auch mit den romanischen und den slawischen Sprachen, aber auch mit Sprachen wie Armenisch, Albanisch und Griechisch, ferner mit dem Persisch im Iran, Afghanistan und Tadschikistan, mit dem Hindi in Indien, Urdu im Pakistan und vielen mehr.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Zu den ersten \u00fcberlieferten althochdeutschen Texten geh\u00f6rten die Merseburger Zauberspr\u00fcche. Was hat es damit auf sich?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Diese zeitliche Einordnung ist nicht ganz korrekt. Alt, sogar vorliterarisch, ist die Gattung der Zauberspr\u00fcche an sich, eine Art Kurzformdichtung, die im heidnischen germanischen Raum Verbreitung fand und als performative Sprechformel bzw. als geschriebene Wunschformel eingesetzt wurde, um einer Handlung Wirkung zu verleihen. Deshalb haftet dieser Gattungsform der Zauber des Wundersamen, Heimlich-Beschw\u00f6renden und Magisch-Performativen.<\/p>\n<p>Die sog. \u201eMerseburger Zauberspr\u00fcche\u201c, 2 Gedichte, die man in einer Sammelhandschrift in der Bibliothek des Domkapitels zu Merseburg fand, sind aus der 1. H\u00e4lfte des 10. Jahrhunderts, damit etwas j\u00fcnger als andere schriftliche Zeugnisse aus althochdeutscher Zeit. Sie enthalten \u2013 wie Zauberspr\u00fcche an sich \u2013 einen kurzen epischen Teil, der eine Geschichte erz\u00e4hlt, und dann den eigentlichen Zauberspruch, eine Art Formel, die einmal als L\u00f6sezauber die Befreiung von Gefangenen aus ihren Fesseln bewirken soll, einmal als Heilungszauber bei der Fu\u00dfverrenkung eines Pferds eingesetzt werden soll. Moderne Entsprechungen der Zauberspr\u00fcche sind etwa der Kinderspruch <em>Simsalabim<\/em> oder <em>expecto partonum<\/em> bei \u201eHarry Potter\u201c.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Von der althochdeutschen Sprache (um 700 n. Chr.), \u00fcber die mittelhochdeutsche Sprache (bis 1350 n. Chr.) zur fr\u00fchneuhochdeutschen Sprache (ab 1350 n. Chr.) bis zur neuhochdeutschen Sprache (ab 1650 n. Chr.), die bis heute andauert, hat sich viel ver\u00e4ndert. Welche einschneidenden Umbr\u00fcche kann man denn da nennen?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Es handelt sich um einen sehr langen Zeitraum, in dem sich vieles in der Sprache ver\u00e4ndert hat. Ich greife zur Illustration ein Beispiel aus meiner eigenen Forschung auf. Das heutige Deutsche besitzt mit der Periphrase <em>werden<\/em> + Infinitiv ein Mittel, um auf ausstehende Ereignisse zu verweisen. Ich kann heute beim Abschied von einer geliebten Person sagen: <em>Du wirst mir fehlen<\/em>, ohne dabei Unsicherheit oder Zweifel an der Aufrichtigkeit meiner Gef\u00fchle aufkommen zu lassen. Diese Konstruktion bezeichnet, was aus meiner Sicht in einer Zeit nach der \u00c4u\u00dferungszeit gilt. <em>Werden<\/em> + Infinitiv l\u00e4sst sich aber mit Sicherheit erst im 14. Jh. nachweisen und hat Jahrhunderte gebraucht, um sich gegen konkurrierende Formen durchzusetzen. Zu diesen geh\u00f6rten Konstruktionen mit den Modalverben <em>wollen<\/em> und <em>sollen<\/em>, die in anderen germanischen Sprachen als Futurkonstruktionen \u00fcberlebten, etwa <em>will<\/em>\/<em>shall<\/em> mit Infinitiv im Englischen und <em>zullen<\/em> mit Infinitiv im Niederl\u00e4ndischen.<\/p>\n<div id=\"attachment_77641\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-77641 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/german-18368_640-2.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"375\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die deutsche Sprache &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Gemeinsam mit meiner Kollegin Elzbieta Adamczyk aus der Anglistik an der Bergischen Universit\u00e4t und weiteren Forschenden aus K\u00f6ln, Mainz, W\u00fcrzburg und Jena wollen wir uns der Entwicklung von Formen zum Ausdruck ausstehender Ereignisse im Indogermanischen widmen. Andere Bereiche sind u.a. die Entstehung des Artikelsystems, der enorm breite Bereich der Lautung sowie die Sch\u00e4rfung bei der Unterscheidung zwischen Singular und Plural beim Substantiv. Verben haben ihre Selektionseigenschaften ver\u00e4ndert, so dass wir statt <em>einer Sache<\/em> <em>bed\u00fcrfen<\/em> oder <em>vergessen<\/em> heute <em>eine Sache bed\u00fcrfen <\/em>oder<em> vergessen<\/em> sagen, also den Genitiv des Objekts durch den Akkusativ ersetzen, oder neuerdings den Genitiv in <em>eines Verstorbenen gedenken<\/em> durch den Dativ, also <em>einem Verstorbenen gedenken<\/em>. Manches bleibt aber auch \u00fcber sehr lange Zeit stabil.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wenn beispielsweise ein Hamburger Kaufmann im 15. Jahrhundert in N\u00fcrnberg ein Gesch\u00e4ft abschlie\u00dfen wollte, h\u00e4tte er einen Dolmetscher gebraucht. Was haben denn die Menschen, die nicht des Lateinischen m\u00e4chtig waren in so einem Fall gemacht, d.h. wie lief denn die Verst\u00e4ndigung im Mittelalter \u00fcberhaupt ab?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Es stimmt, dass es \u00fcber lange Zeit keine \u00fcberregional geltende Variet\u00e4t des Deutschen gab und dass sich die verschiedenen Dialekte und Mundarten stark voneinander unterschieden (wie das ja auch heute der Fall ist, denn sie sind nicht verschwunden, sondern existieren neben der Standardvariet\u00e4t weiter). Die sprachliche Heterogenit\u00e4t im deutschen Sprachraum war den Menschen der damaligen Zeit bewusst, sie wird vielfach in Schriftzeugnissen thematisiert.<\/p>\n<p>Es war aber Usus, dass Kaufleute, die ja bis ins 13. Jahrhundert nicht ans\u00e4ssig, sondern \u00fcber lange Zeit im Jahr unterwegs waren, mehrsprachig waren. Ferner haben sich im Zuge des Verwaltungswesens Kanzlei- und Schreibsprachen herausgebildet, die das Latein durch einen regionaltypischen Dialekt ersetzt haben und je nach Wirkungsgrad \u00fcberregional als Verkehrssprachen Verwendung fanden, u.a. im Handel. So war die Schreibsprache der L\u00fcbecker Stadtkanzlei seit dem 14. Jh. gemeinsame Verkehrssprache der Hanse, nicht etwa das Latein. Auch andere Kanzleisprachen haben sich zu unterschiedlichen Zeiten als Prestigevarianten herausgebildet und fanden breitere Anwendung auf verschiedenen Gebieten.<\/p>\n<p>So genoss die Sprache der Maximilianischen Kanzlei, eine s\u00fcdbairischen Variante aus der Zeit des sp\u00e4ten 15. Jh., einen hohen Prestigestatus als Verwaltungssprache im gesamten s\u00fcddeutschen Raum, auch \u201egemeines Deutsch\u201c genannt. Die Sprache der Kurs\u00e4chsischen Kanzlei genoss ebenfalls gro\u00dfen Einfluss, insbesondere im protestantischen Raum, nicht zuletzt durch die Schriften des Reformators Martin Luther, die sich dieser Kanzleisprache bediente. Mit dem Aufbl\u00fchen der St\u00e4dte und des Handels nahm der Schriftverkehr deutlich an Ausma\u00df und Bedeutung zu. Es entstanden Stadt- und Privatschulen, in denen Schriftlichkeit in der Muttersprache vermittelt wurde. Kaufleute konnten in der Regel lesen, schreiben und schriftlich rechnen. Man sagt, damit sei das Bildungsmonopol des Klerus gebrochen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>In vielen St\u00e4dten gab es auch sogenannte Trutschelm\u00e4nner. Was taten die?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Trutschelm\u00e4nner, auch Trutzelm\u00e4nner genannt, waren eigentlich Dolmetscher, die vieler Sprachen m\u00e4chtig waren und urspr\u00fcnglich Reisende und Pilger auf ihren Fahrten begleiteten. F\u00fcr diesen Einsatz spricht, dass das Wort als arabisches Lehnwort aufgefasst wird.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Teile der alten Sprache und deren Bedeutungen sind im Laufe der Zeit vergessen worden. Wie rekonstruiert man diese Texte \u00fcberhaupt?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Wenn es darum geht, dass Bezeugtes au\u00dfer Gebrauch kommt oder neue Bedeutungen annimmt, weshalb man die urspr\u00fcngliche Bedeutung und die Bedeutungsgeschichte eruieren soll, untersucht man die Kontexte und die Distribution der W\u00f6rter in den \u00e4lteren Quellen, auch im Vergleich mit verwandten Sprachen. Dieses Wissen wird in Etymologischen W\u00f6rterb\u00fcchern festgehalten, die heute auch digital verf\u00fcgbar sind. Es gibt auch andere Indizien \u00fcber die urspr\u00fcngliche Bedeutung von W\u00f6rtern: <em>billig<\/em> etwa bedeutete urspr\u00fcnglich \u2018erlaubt\u2019 und nahm sp\u00e4ter die Bedeutung \u2018preiswert, kosteng\u00fcnstig\u2019 an.<\/p>\n<p>Es ist mit dem Verb <em>billigen<\/em> verwandt, was die urspr\u00fcngliche Bedeutung \u2018erlauben\u2019 bis heute hat. In W\u00f6rtern wie <em>Eigentum<\/em>, <em>Eigenheit<\/em>, <em>eigentlich<\/em> etc. lebt das verloren gegangene Grundwort ahd. <em>eigan<\/em> weiter, was \u2018haben, besitzen\u2019 bedeutete, \u00e4hnlich lebt in <em>Wesen<\/em> und <em>wesentlich<\/em> ein nicht mehr bezeugter Infinitiv des Verbs <em>sein<\/em>, mhd. <em>wesen<\/em> weiter. Es gibt sehr viele weitere Beispiele dieser Art. Manchmal hilft der Sprachvergleich: <em>turren<\/em> bedeutete im Mittelhochdeutschen noch \u2018sich trauen\u2019, das ist mit Englisch <em>dare<\/em> mit derselben Bedeutung verwandt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Man sagt, Sprache unterliegt einem st\u00e4ndigen Wandel. Welche Faktoren sind daf\u00fcr verantwortlich?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Der wichtigste Faktor im Wandel ist die Sprach\u00f6konomie, d.h., das gemeinsame Streben nach Minimierung von Aufwand, aber nicht auf Kosten der kommunikativen Ziele. Die Maximalmaxime, wie Rudi Keller sie formuliert, ist: Erreiche deine kommunikativen Zielsetzungen m\u00f6glichst erfolgreich bei m\u00f6glichst geringem Aufwand. Ein weiterer Faktor im Wandel ist die Sprachvariation, das immanente Nebeneinander von Formen und Ausdr\u00fccken, die Sprachverwendung in unterschiedlichen Kontexten kennzeichnen, so wie Kommunikation in sozialen Gruppen oder in verschiedenen Diskurssituationen.<\/p>\n<p>Soziale Gruppen bilden Variet\u00e4ten (sprachliche Varianten, Anm. d. Red.) als Mittel der Abgrenzung im positiven Sinne aus \u2013 die Anwendung der Variet\u00e4t ist f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen dieser sozialen Gruppe identit\u00e4tsstiftend. Das gilt f\u00fcr jugendsprachliche Variet\u00e4ten wie f\u00fcr fachsprachlichen Jargon gleicherma\u00dfen. Schlie\u00dflich ist Sprachkontakt ein Faktor im Wandel: Sprachen \u00fcbernehmen Strukturen ihrer Kontaktsprachen oder versuchen, sie mit eigenen Mitteln nachzubilden.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_77642\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-77642 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/letters-5570359_960_720-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"281\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Spache hat sich ver\u00e4ndert, die Buchstaben sind geblieben &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Was glauben Sie, wohin entwickelt sich die Deutsche Sprache in Zeiten der Digitalisierung?<\/strong><\/p>\n<p>Svetlana Petrova: &#8222;Auch in Zeiten der Digitalisierung bleibt Sprache als Hauptkommunikationsmedium erhalten. Sprache wird ja nicht \u00fcberfl\u00fcssig. Die Mensch-Maschine-Kommunikation und die Nutzung digitaler Formate der \u00dcbertragung von Inhalten sind sprachbasiert. Ich sehe sogar Vorteile, die damit einhergehen, dass maschinelle Sprachverarbeitung, etwa in der Kommunikation mit Chatbots etc., sprachliche Pr\u00e4zision und Koh\u00e4renz bei der Formulierung von Prompts (Prompts sind kurze Hinweise, Anm. d. Red.) voraussetzt und damit den geschickten Umgang mit sprachlichen Formulierungen und dem Aufbau von Sequenzen sogar verbessert.<\/p>\n<p>Viele verbinden durch Digitalisierung einhergehende Ver\u00e4nderungen mit dem massiven Einzug von W\u00f6rtern aus dem Englischen, wie eben <em>Chatbot<\/em> und <em>Prompt<\/em>. Aber diese Ausdr\u00fccke werden sehr schnell und effizient an das System des Deutschen angepasst, und solche W\u00f6rter k\u00f6nnen auch irgendwann verschwinden, wie etwa die Anglizismen <em>Walkman<\/em> und <em>twittern<\/em>.<\/p>\n<p>Was die Rolle der sozialen Netzwerke im Sprachwandel angeht, so m\u00f6chte ich Folgendes sagen: Oft wird die Sprache in den sozialen Netzwerken durch ihr Abweichen von der normierten Schreibung, aber auch durch ihre N\u00e4he zur M\u00fcndlichkeit, zur Umgangssprache und zu gruppenspezifischen Registern als Sprachverfall kritisiert. Dabei ist die Anwendung der amtlichen Regeln nur f\u00fcr Schule und Verwaltung verbindlich, nicht aber f\u00fcr private Kommunikation, und wie ich in privater Korrespondenz und informeller Kommunikation auftrete, sagt wenig dar\u00fcber aus, wie ich die grammatischen Regeln der Schriftsprache beherrsche.<\/p>\n<p>Von der absoluten Dominanz der Standardsprache und der Schriftlichkeit zugunsten der sprachlichen Heterogenit\u00e4t authentischer Kommunikation hat sich die Sprachdidaktik bereits seit den 1970er Jahren verabschiedet. Nichts ist verkehrt und sonderbar daran, dass Userinnen und User Ausdrucksweisen verwenden, die sie als Angeh\u00f6rige einer bestimmten Gruppe identifizieren, oder Ausdrucksweisen erschaffen, mit denen sie expressiver, wahrnehmbarer und damit in ihrer Art kommunikativ erfolgreicher sein wollen.<\/p>\n<p>Verfolgen andere Bereiche nicht in derselben Weise eigene kommunikative Ziele, wenn sie statt <em>Wartesaal<\/em> <em>DB-Lounge<\/em> oder statt <em>Arbeitsamt<\/em> <em>Job-Center<\/em> sagen? Prinzipiell gilt: Eine Sprache bleibt bestehen, solange sie von Sprecherinnen und Sprechern als Erst- oder Zweitsprache erworben und verwendet wird. Daran wird die Digitalisierung nichts \u00e4ndern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_77630\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 260px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-77630\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Foto-Petrova-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"334\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Svetlana Petrova &#8211; \u00a9 Maren Wagner<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Svetlana Petrova<\/h4>\n<p>Dr. Svetlana Petrova lehrt seit 2011 als Professorin f\u00fcr Historische Sprachwissenschaft des Deutschen im Fach Germanistik an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber all die Jahrhunderte hat sich die deutsche Sprache gewandelt. Prof. Dr. Svetlana Petrova von der Bergischen Universit\u00e4t analysiert die sich ver\u00e4ndernde Entwicklung der deutschen Sprache genau. 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