{"id":76720,"date":"2024-08-02T17:23:45","date_gmt":"2024-08-02T15:23:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=76720"},"modified":"2024-08-06T15:07:12","modified_gmt":"2024-08-06T13:07:12","slug":"prof-ronge-ich-kann-mein-leben-als-gluecklich-bezeichnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/08\/02\/prof-ronge-ich-kann-mein-leben-als-gluecklich-bezeichnen\/","title":{"rendered":"Prof. Ronge: &#8218;Ich kann mein Leben als gl\u00fccklich bezeichnen&#8216;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_76726\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-76726\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Prof._Ronge-Bergische-Universitaet-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1700\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dynamisch, kompetent, weltm\u00e4nnisch: Prof. Dr. Volker Ronge als Rektor der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>\u201eVolker Ronge hat wesentlich an dem Fundament mitgearbeitet, auf das wir in den Folgejahren aufbauen konnten. Insofern tr\u00e4gt der heutige Erfolg der Bergischen Universit\u00e4t auch ein St\u00fcck weit seine Handschrift\u201c, erkl\u00e4rte sein Weggef\u00e4hrte und Nachfolger Prof. Dr. Dr. Lambert T. Koch in seiner Laudatio 2018 anl\u00e4sslich des 75. Geburtstags von Prof. Dr. Volker Ronge.<\/p>\n<p>Eigentlich w\u00e4re der in Guhrau (Schlesien) geborene Wissenschaftler, der in Oldenburg aufwuchs, viel lieber Landrat in Ostriesland oder Chefredakteur einer Tageszeitung geworden. Stattdessen studierte Volker Ronge nach dem Abitur Politik- und \u00a0Rechtswissenschaften.<\/p>\n<p>Nach diversen Umwegen landete Dr. Volker Ronge 1982 als Professor f\u00fcr Allgemeine Soziologie an der Gesamthochschule Wuppertal, die 2003 zur Bergischen Universit\u00e4t aufstieg. Die Karriereleiter kletterte er bis ins Rektorat hoch. 2008 ging er im Alter von 65 Jahren in den Ruhestand. Kurze Zeit sp\u00e4ter kehrte Prof. Dr. Volker Runge Wuppertal den R\u00fccken und zog nach Traunstein.<\/p>\n<p>Der Politologe und Soziologe in Dr. Volker Ronge (81) blieb auch in Bayern weiter aktiv. Mit seiner Meinung und seinen \u00dcberzeugungen, die sicher nicht immer mit dem Mainstream kompatibel sind, h\u00e4lt er bis heute nicht hinter den Berg. Auch wenn ihm eine schwere Krebserkrankung seit Jahren schwer belastet und ihn sehr viel Kraft kostet.<\/p>\n<p>Wir haben uns mit dem Mann unterhalten, dem die Bergische Universit\u00e4t viel zu verdanken hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_76727\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76727 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/VolkerRonge.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"505\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Volker Ronge heute: Ein Mann, der nicht aufgibt und tapfer gegen eine schwere Krankheit ank\u00e4mpft &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Sie wurden 1943 in Guhrau (Niederschlesien) geboren. Aus Ihrer Heimatstadt sind Sie bei Kriegsende vertrieben worden und in Oldenburg gelandet. Haben Sie an diese Zeit \u00fcberhaupt noch Erinnerungen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eMeine Erinnerungen an letzten Kriegsjahre sind deshalb besonders intensiv, weil anschlie\u00dfend die Besatzungszeit kam. Wir sind in der sowjetisch besetzten Zone gelandet und ich hab dort insgesamt f\u00fcnf Jahre zugebracht und als Kind nimmt man nat\u00fcrlich besonders viele Informationen auf. Die Zeit war schrecklich f\u00fcr uns, wir konnten nicht weiter in den Westen, weil man dazu eine besondere Genehmigung zum Zuzug in eine andere Besatzungszone brauchte. Erst als mein Vater eine Stelle in Oldenburg in der britischen Besatzungszone bekam, konnten wir nachreisen, da war ich aber bereits f\u00fcnf Jahre alt.<\/p>\n<p>Ich habe also meinen Vater im Alter von f\u00fcnf Jahren \u00fcberhaupt erst kennengelernt und aus diesem Anfang ergab sich eine lebenslang unbefriedigende Beziehungssituationen zu ihm. Ich bin dann in Oldenburg 13 Jahre lang auf die Schule gegangen und habe 1962 dort Abitur gemacht. Der politische Einschnitt f\u00fcr meine pers\u00f6nliche Politisierung erfolgte durch den Mauerbau 1961 in der DDR und insbesondere in Berlin. Dies hatte f\u00fcr mich gro\u00dfe Auswirkungen auf meine weitere Biographie gehabt. Wir sind damals mit der Schulklasse gemeinsam nach Berlin gefahren, um den Mauerbau zu sehen. Dies hat mir vor Augen gef\u00fchrt, wie stark die Welt politisch gepr\u00e4gt ist. Dar\u00fcber wollte ich dann mehr wissen und lernen und habe deshalb Politikwissenschaften studiert (als dies dann in Westberlin m\u00f6glich wurde).\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Nach Ihrem Abitur 1962 waren Sie Zeitsoldat. Sie haben die beiden Kriegsjahre noch mitbekommen \u2013 vermutlich nicht bewusst. Aber warum haben Sie nicht den Wehrdienst verweigert?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eDer Grund, warum ich mich freiwillig f\u00fcr drei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet hatte nach dem Abitur, war nicht zuletzt darin begr\u00fcndet, dass man damals erst mit 21 Jahren erwachsen wurde und der Wehrdienst f\u00fcr mich eine M\u00f6glichkeit war, dass ich von meinem Vater wegkam. Wie man heraush\u00f6ren kann, war mein Verh\u00e4ltnis zu ihm nicht besonders gut, weshalb ich keine Studienfinanzierung erwartet habe. Ich musste selber f\u00fcr das Geld sorgen. Dies erfolgte dann durch das \u00dcbergangsgeld, das mir die Bundeswehr nach meinem Ausscheiden zahlte. Nebenjobs, wie man sie heute kennt, gab es damals schlicht nicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie haben an der Freien Universit\u00e4t Berlin ein Studium der Politik- und Rechtswissenschaften mit dem Diplom abgeschlossen. War Ihnen damals schon klar, dass Sie der Universit\u00e4t als Dozent und Wissenschaftler lange Jahre erhalten bleiben w\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eNein, die Universit\u00e4tslaufbahn war f\u00fcr mich noch weit weg. Mein Problem war \u00fcberhaupt in einem Beruf einzum\u00fcnden, weshalb ich mich auch nicht nur auf Politikwissenschaft zur\u00fcckgezogen hatte, mit der ich damals in Deutschland keinen Job bekommen h\u00e4tte. Zus\u00e4tzlich Rechtswissenschaften zu studieren war f\u00fcr mich eine Art Versicherung, doch irgendeinen Beruf zu bekommen. Dass letzten Endes hinterher alles ganz anders gekommen ist, ist eine andere Geschichte.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_76729\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76729 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IMG_8390_a-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"333\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Dr. Lambert T. Koch: Weggef\u00e4hrte und Nachfolger von Prof. Dr. Volker Ronge &#8211; \u00a9 Dirk Sengotta<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: 1972 wurden Sie am Max-Planck-Institut in Starnberg wissenschaftlicher Mitarbeiter zur \u201eErforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt unter Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker und J\u00fcrgen Habermas. Was ist von diesen beiden gro\u00dfen Pers\u00f6nlichkeiten bei Ihnen h\u00e4ngen geblieben \u2013 als Wissenschaftler und als Mensch?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eIch bin damals mit meinem Professor erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter nach M\u00fcnchen gegangen, finanziert wurde das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In dieser Zeit kam dann auch das Angebot aus dem Max-Planck-Institut in Starnberg im Bereich Habermas, wo ich dann immerhin auch 8 Jahre zugebracht hatte. Beide Rektoren Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker und J\u00fcrgen Habermas waren nat\u00fcrlich Gr\u00f6\u00dfen, prominente Gr\u00f6\u00dfen in der Wissenschaft und ich war stolz darauf, bei ihnen als Mitarbeiter arbeiten zu k\u00f6nnen. Das Institut wurde leider nach dem Tod von Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker aufgel\u00f6st und an einem anderen Ort neu gegr\u00fcndet, sodass dieser Schritt von mir folgenlos geblieben ist.J\u00fcrgen Habermas lebt ja noch. Er ist in diesem Jahr 95 geworden und ist immer noch einer der ganz gro\u00dfen herausragenden Philosophen in Deutschland. Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker ist seit l\u00e4ngerem tot.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Einmal sind Sie dann doch noch fremd gegangen. 1979 wurden Sie Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des M\u00fcnchner Meinungsforschungsinstitut Infratest. Wie wurde Ihnen denn dieser Job schmackhaft gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eMein Ruf auf ein kommerzielles Meinungsforschungsinstitut war intellektuelle Neugier und ein absoluter Gl\u00fccksfall. Ich habe mich dar\u00fcber gefreut, auch einmal kommerzielle Forschung zu betreiben. Das war in einer Situation, in der ich eine wissenschaftliche Hochschulkarriere bereits abgeschrieben hatte. Denn, bis in der Nachfolge der achtundsechziger Studentenbewegung gab es nirgends f\u00fcr einen Menschen wie mich, der nicht selber politisch aktiv in der Studentenbewegung gewesen ist, einen Job. Ich hatte damals sogar die Absicht, auszuwandern. Dass ich dann sp\u00e4ter von der Universit\u00e4t Wuppertal einen Beruf erhielt, obwohl ich keiner Partei angeh\u00f6rte, war f\u00fcr mich eine gl\u00fcckliche Wendung.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Was hat sich aus Ihrer Sicht bei der Demoskopie von damals bis heute gravierend ge\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge : \u201eAn der Demoskopie selber hat sich nichts grunds\u00e4tzlich ge\u00e4ndert, man kann nur sagen, heute wird mehr demoskopisch gearbeitet als es damals der Fall war &#8211; denn es kostet ja Geld. Ich pers\u00f6nlich bin dadurch zu einem Soziologen geworden. Ich habe Demoskopie als Handwerk gelernt.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_76730\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76730 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Ronge-_-Krysztof-Juretko.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"348\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Volker Ronge vor seinem von K\u00fcnstler Krysztof Juretko gemalt en Portrait, das jetzt in der Uni h\u00e4ngt &#8211; \u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: 1982 sind Sie doch wieder dem Ruf einer Universit\u00e4t erlegen \u2013 und zwar dem der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal. Sie wurden hier Professor f\u00fcr Allgemeine Soziologie mit dem Schwerpunkt \u201eMakro-strukturelle Analyse der Gesellschaft\u201c. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eIch bekam durch den Ruf nach Wuppertal erstens einen Lebenszeitjob und zweitens in einem Bereich, der Jenseits der Politikwissenschaft lag oder liegt, n\u00e4mlich die gesamte allgemeine Soziologie. Das hat mir eine Zukunft er\u00f6ffnet in der Wissenschaft, f\u00fcr die ich bis heute dankbar sein kann.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: In Wuppertal haben Sie die h\u00f6chste Sprosse einer Uni-Professoren-Karriere-Leiter erreicht. \u00dcber Dekan und Prorektor wurden Sie 1999 Nachfolger von Erich H\u00f6dl als Rektor \u2013 und das bis 2008, als Ihnen Prof. Dr. Lambert T. Koch im Amt folgte. Welche Schwerpunkte haben Sie als Rektor gesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eDie Karriere in der Hochschulverwaltung war nicht absehbar von vornherein. Ich habe sie mitgemacht, bin lange Jahre Prorektor gewesen und als ich dann Rektor wurde, gab es eigentlich ein einziges Hauptaufgabenfeld f\u00fcr mich, n\u00e4mlich ich musste daf\u00fcr sorgen, dass man im Zusammenhang der Wuppertaler Universit\u00e4t ihren Anfang als Gesamthochschule verga\u00df. Die Universit\u00e4t musste im Kreis der traditionellen Universit\u00e4ten akzeptiert sein. Das war meine Aufgabe. Dies passierte auch. Ich war zum ersten Mal auch Sprecher der Universit\u00e4tsrektoren in Nordrhein-Westfahlen. Dasselbe passierte sp\u00e4ter meinem Nachfolger Lambert Koch. Die Universit\u00e4t in Wuppertal war akzeptiert im Kreis der nordrhein-westf\u00e4lischen Universit\u00e4ten. Vielleicht sollte man nachtr\u00e4glich der nordrhein-westf\u00e4lischen Hochschulpolitik ein Lob aussprechen f\u00fcr die Idee der Gr\u00fcndung von Gesamthochschulen, zu denen Wuppertal geh\u00f6rt. Auf diese Weise konnte die Zahl der Universit\u00e4ten in Nordrhein-Westfalen deutlich vermehrt werden. F\u00fcr Wuppertal ergab sich daraus die M\u00f6glichkeit, trotz fehlender medizinischer Fakult\u00e4t eine normale akzeptierte Universit\u00e4t ohne Makel zu werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie haben oben auf dem Campus Oberen Grifflenberg das Pensionsalter erreicht. Warum haben Sie Wuppertal nach 26 Jahren wieder verlassen und sind nach Traunstein (Bayern) gezogen. Auch die \u201eGoldene Schwebebahn\u201c, mit der Sie von der Stadt Wuppertal ausgezeichnet wurden, hat Sie nicht halten k\u00f6nnen \u2013 warum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eNach meiner Pensionierung als Rektor hatte es mich nostalgisch wieder nach Bayern verschlagen oder gezogen, was ich dann auch gemacht habe. Meine Ehefrau ist \u00fcbrigens in Wuppertal geblieben, sie hat dort ihre eigentliche Heimat. Mir war allerdings M\u00fcnchen zu teuer, weshalb ich hier aufs Land im Oberbayerischen gezogen bin. Dort allerdings \u00fcberraschte mich nach einiger Zeit die Krebskrankheit. Von daher k\u00f6nnte ich die Tagesklinik des Traunsteiner Krankenhauses als meine Heimat bezeichnen, wo ich jede Woche auftauchen muss und meine Chemotherapie bekomme.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_76732\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76732 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Prof.-Dr.-Dr.-h.c.mult_.-Volker-Ronge-Bild-Krzysztof-Juretko.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"358\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das von Krysztof Juretko gemalte Portrait von Prof. Dr. Volker Ronge in der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Welche Erinnerungen haben Sie noch an die Bergische Metropole?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eIch bin in Wuppertal w\u00e4hrend meiner Rektorzeit sehr gut integriert gewesen, sowohl bei der Stadtverwaltung als auch zum Beispiel bei der \u00f6rtlichen Sparkasse. Von daher sind alle meine Erinnerungen an Wuppertal gute angenehme Erinnerungen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wen w\u00fcrden Sie gerne noch einmal treffen, w\u00e4ren Sie in Wuppertal?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eWenn ich jetzt noch einmal die Chance h\u00e4tte nach Wuppertal zu kommen, dann w\u00fcrde ich insbesondere zwei Personen treffen wollen: Zum einen den inzwischen auch pensionierten ehemaligen Unikanzler, der f\u00fcr die Entwicklung der Universit\u00e4t von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung gewesen ist, Klaus Peters, zum anderen Silke Nasemann, die Herausgeberin der Bergischen Bl\u00e4tter. Sie sorgt seit vielen Jahren mit dieser Zeitschrift f\u00fcr eine Art Identit\u00e4t des Bergischen Landes und um Wuppertal herum.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie erhielten neben anderen Ehrendoktortiteln auch den der Staatlichen Universit\u00e4t f\u00fcr Informatik und Radioelektronik in Minsk, der Hauptstadt Wei\u00dfrusslands. Wie sehr bedr\u00fcckt es Sie, dass sich Wei\u00dfrussland zum treuesten Vasall von Diktator Putin entwickelt hat?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eWei\u00dfrussland war immer wie eine Kolonie von Russland und verh\u00e4lt sich auch heute so. Es \u00fcberrascht mich also nicht. Ich habe drei Ehrendoktoren in Osteuropa insbesondere in den L\u00e4ndern, die jetzt auch Krieg miteinander f\u00fchren. Ich habe in allen L\u00e4ndern Russland, Belarus und der Ukraine gute Freunde gefunden und bin angemessen wissenschaftlich behandelt worden. Wenn ich auch heute mit Freunden aus diesen L\u00e4ndern spreche, dann spielt der Krieg in unseren Gespr\u00e4chen kaum eine Rolle. Es gibt ein Leben neben dem Krieg. Der Grund daf\u00fcr ist, dass die Intensit\u00e4t des Krieges nicht \u00fcberall die gleiche ist. Dies gilt ganz besonders f\u00fcr den derzeitigen Krieg in der Ukraine, weil dieser sich hoch abstrakt auf moderne R\u00fcstungsg\u00fcter bezieht. Wir in Deutschland erleben den Krieg auch nicht so, wie er sich in Teilen der Ukraine oder in Teilen von Russland darstellt. Wir in Deutschland erleben ihn nur vor dem Fernsehschirm und in der Sprache der Medien, die Wirklichkeit des Krieges erreicht uns doch \u00fcberhaupt nicht. Dieser Krieg eignet sich nicht dazu, Partei f\u00fcr eine Seite zu ergreifen. Dazu ist der Krieg viel zu komplex. Wir m\u00fcssen auf beiden Seiten gucken, welche Kompromisse m\u00f6glich sind. Wir Deutschen neigen in dieser Hinsicht dazu, politische und milit\u00e4rische Konflikte zu moralisieren.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wie f\u00e4llt Ihr Blick als Wissenschaftler und Politologe auf diesen blutigen Angriffskrieg mit seinen unz\u00e4hligen Opfern aus?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eWir sind angewiesen darauf, dass dieser Krieg in einer f\u00fcr beide Seiten ertr\u00e4glichen Weise beendet wird. Ich hatte immer erwartet, dass Deutschland dabei aus eigener Erfahrung eine gewisse Rolle spielen kann. Angesichts der \u00fcblichen Parteinahme in Deutschland wird das immer unwahrscheinlicher und die deutsche Regierung ist auch nicht in der Lage, eine F\u00fchrungsposition in diese Richtung auf Waffenstillstand und Friedensvertrag einzunehmen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sehen Sie in absehbarer Zeit \u00fcberhaupt den Hauch einer Chance, dass es zu einem gerechten Frieden, der Putin nicht auch noch f\u00fcr sein verbrecherisches Handeln belohnt, kommen kann?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eEs gibt keinen klassischen Frieden in diesem Zusammenhang. Man kann h\u00f6chstens arbeiten in Richtung Waffenstillstand und dann Friedensvertrag &#8211; das haben wir in Deutschland selbst historisch erlebt. Ich sehe zurzeit angesichts insbesondere des Engagements der USA und der NATO dort wenig Aussichten.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_67381\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-67381\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Bergische-Universitaet-SJ-2.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"313\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Bergische Universit\u00e4t: Von 1999 bis 2008 Arbeitsplatz von Prof. Dr. Volker Ronge &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Welches Gef\u00fchl beschleicht Sie \u00fcberhaupt, wenn Sie sich die momentane Weltlage anschauen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eMan kann bei dieser Betrachtung nur melancholisch werden. Ich sage mir immer, \u2018rechtzeitig sterben, bevor all die Auswirkungen kommen, die heutzutage schnell kommen, von dem, was bereits begonnen worden ist\u2018.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: W\u00e4ren Sie in der heutigen Zeit mit all ihren Krisen, Konflikten und Unw\u00e4gbarkeiten \u00fcberhaupt gern noch einmal jung?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eIn der Jugend wird man durch viele Dinge abgelenkt und ist besch\u00e4ftigt, das \u00e4ndert sich im h\u00f6heren Alter. Da hat man mehr Zeit und sei es aufgrund von zu geringen Schlafzeiten, um sich \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge Gedanken zu machen. Ob ich nochmal jung sein wollte, ist deshalb eine rein hypothetische Frage.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Welche Ratschl\u00e4ge w\u00fcrden Sie den heutigen Politkern geben?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eEs gibt viel zu viele unterschiedliche Politiker. Selbst mit Expertenst\u00e4ben ist das Ganze nicht zu regeln. Wir schaffen in keiner Gesellschaft, egal ob in Deutschland, in Europa oder in den USA, eine einheitliche Perspektive, f\u00fcr die man Ratschl\u00e4ge geben k\u00f6nnte, das kann man zum Beispiel an dem Pr\u00e4sidenten-Wahlkampf in den USA erkennen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>DS: Donald Trump schwebt als Damoklesschwert \u00fcber den US-Wahlen. Was glauben Sie, wird er aus der alten, ehrw\u00fcrdigen Demokratie USA machen, sollte er gew\u00e4hlt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eDie USA waren nie eine alte ehrw\u00fcrdige Demokratie. Solche Beschreibungen treffen vielleicht auf England zu, aber nicht auf die USA. In den USA ist nat\u00fcrlich die interne Aufl\u00f6sung von Strategien und Pl\u00e4nen noch um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer als in dem kleinen Deutschland. In Wahlzeiten war man in den USA immer stark nach innen gerichtet, die Au\u00dfenpolitik spielte w\u00e4hrend dieser Zeit fast keine Rolle.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Ein Wissenschaftler ist ja wie ein K\u00fcnstler, ein Pfarrer oder ein Mediziner eigentlich nie au\u00dfer Dienst. Aber auch Sie haben ja sicher ab und an Freizeit. Wie verbringen Sie dann diese?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eMeine Freizeit ist aufgrund meiner Erkrankung und meines Alters sehr eingeschr\u00e4nkt. Ich verbringe sie in der Hauptsache in Krankenh\u00e4usern oder zuhause. Meine Beziehung zur Welt geschieht in der Hauptsache \u00fcber elektronische Medien. \u00dcber Besuche meiner Nichte aus Tirol freue ich mich immer. Gelegentlich kommen allergings auch ehemalige Wuppertaler Mitarbeiter oder Studenten zu mir, um mich zu besuchen &#8211; ich selbst kann diese Reisen nicht mehr unternehmen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Die Folgen der Corona-Pandemie und die damit verbundenen Beschr\u00e4nkungen und Beeintr\u00e4chtigungen sind immer noch nicht \u00fcberwunden. Dar\u00fcber haben Sie das Buch &#8222;Die Irritation durch den Lockdown&#8220; geschrieben. Welche Lehren m\u00fcssten daraus Ihrer Meinung nach bei der n\u00e4chsten Corona-Pandemie gezogen werden?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eIn dem Corona-Buch bzw. dem Corona-Projekt, bei dem ich beteiligt war, geht es in der Hauptsache um die Frage nach der Tiefenwirkung staatlicher Einfl\u00fcsse, die in der Corona-Krise extrem und unerwartet gewesen sind. Lehren daraus kann man kaum ziehen, aber man wei\u00df jetzt wissenschaftlich, dass es keinen lange behaupteten R\u00fcckzug des Staates aus der Gesellschaft gibt, sondern er kann immer wieder je nach gesellschaftlicher Lage gerufen werden und dann tiefgreifende Eingriffe unternehmen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wie sieht Ihre bisherige Lebensbilanz als Privat-Mensch aus?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Volker Ronge: \u201eEin ber\u00fchmter S\u00e4nger, der amerikanischen Countrymusiker Kris Kristofferson hat in einem Song gesagt: \u2018Ich kann mein Leben als gl\u00fccklich bezeichnen\u2018, dem schlie\u00dfe ich mich gerne an.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Herzlichen Dank f\u00fcr das offene und ehrliche Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Interview f\u00fchrte Peter Pionke<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_76737\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76737 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Prof._Ronge-Bergische-Universitaet-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"553\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Volker Ronge &#8211; \u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<h4>VITA PROF. DR. VOLKER RONGE<\/h4>\n<p>Volker Ronge wurde am 02. Februar 1943 in Guhrau (Niederschlesien &#8211; heute Polen) geboren. Bei Kriegsende 1945 wurde seine Familie aus ihrer Heimatstadt vertrieben. Seine Kindheit verbrachte er in Oldenburg (Ostfriesland).<\/p>\n<p>Nach dem Abitur 1962 verplichtete sich Volker Ronge f\u00fcr drei Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Anschlie\u00dfend (1965) studierte er an der Freien Universit\u00e4t Berlin Politik- und Rechtswissenschaften. Nach dem Dipolom in Politikwissenschaften war er ab 1969 drei Jahre lang Teil des Forschungsprojekts &#8222;Politische Planung in der Bundesrepublik Deutschland&#8220; der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter Politikwissenschaftler Prof. Dr. Kurt Sontheimer.<\/p>\n<p>Volker Ronge promovierte 1972 an der Universit\u00e4t Bremen und war anschlie\u00dfend in Starnberg wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut zur &#8222;Erforschung des Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt&#8220; unter Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker und J\u00fcrgen Habermas. 1976 erfolgte die Habilitation in Politikwissenschaften an der Freien Universit\u00e4t Berlin. 1979 wurde Dr. Volker Ronge dann Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Meinungsforschungsinstitut &#8222;Infratest&#8220; in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Als 1982 die Gesamthochschule Wuppertal rief, wechselte Dr. Volker Ronge als Professor f\u00fcr Allgmeine Soziologie mit dem Schwerpunkt &#8222;Makro-strukturelle Analyse der Gesellschaft&#8220; in die Bergische Metropole. Mehrere Jahre war er zudem Dekan des Fachbereichs &#8222;Gesellschaftswissenschaften&#8220;. 1991 wurde er als Prorektor f\u00fcr Planung und Finanzen Teil der Hochschulleitung. 1999 \u00fcbernahm Prof. Dr. Volker Rommel den Staffelstab von Rektor Erich H\u00f6dl. Unter seiner Leitung als f\u00fcnfter Rektor wurde die Hochschule Wuppertal 2003 zur Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<div id=\"attachment_76738\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76738 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/51VPdpxJtpL._SL1449_.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"613\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Die Irritation der Gesellschaft durch den Lockdown 2021&#8220; &#8211; Werner Bruns + Volker Ronge &#8211; Verlag Beltz Juventa &#8211; Weinheim &#8211; 2022 &#8211; ISBN-13: 978-3-7799-6682-1<\/span><\/div>\n<p>2008 \u00fcbergab er das Amt an Prof. Dr. Lambert T. Koch und ging in den verdienten Ruhestand. Er verlie\u00df seine Wahlheimat Wuppertal und zog nach Traunstein (Bayern).<\/p>\n<p>Die Ehrendoktorw\u00fcrde wurde Prof. Dr. Volker Ronge von der Technischen Universit\u00e4t Kosice (Slowakei), der Wei\u00dfrussischen Staatlichen Universit\u00e4t f\u00fcr Informatik und Radioelektronik Minsk (Belarus) und der Baschkirischen Staatlichen Universit\u00e4t in Ufa (Ru\u00dfland) verliehen.<\/p>\n<p>Die Stadt Wuppertal zeichnete ihn mit der &#8222;Goldenen Schwebebahn aus (2003). Prof. Dr. Volker Ronge ver\u00f6ffentlichte mehrere Fachb\u00fccher.\u00a0 Zuletzt brachte er 20222 mit Werner Bruns das Corona-Buch-Projekt &#8222;Die Irritation der Gesellschaft durch den Lockdown 2021&#8220; heraus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Volker Ronge war von 1999 bis 2008 Rektor der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal. 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