{"id":76480,"date":"2024-07-19T09:50:57","date_gmt":"2024-07-19T07:50:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=76480"},"modified":"2024-07-23T10:22:01","modified_gmt":"2024-07-23T08:22:01","slug":"dr-willfried-penner-wurde-als-ungedienter-wehrbeauftragter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/07\/19\/dr-willfried-penner-wurde-als-ungedienter-wehrbeauftragter\/","title":{"rendered":"Dr. Willfried Penner wurde als Ungedienter Wehrbeauftragter"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_76485\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 778px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76485 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/PHOTO-2021-05-10-13-36-15-2.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"596\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Willfried Penner, ein erfolgreicher Politiker und \u00fcberzeugter Wuppertaler &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Manche Protagonisten\u00a0kennt man gut, andere weniger. Ob bekannt oder weniger bekannt: Wer ihre Portraits liest, m\u00f6chte vermutlich die eine oder den anderen pers\u00f6nlich kennenlernen. Bisher hat Matthias Dohmen an gleicher Stelle Dorothea Brandt, Klaus Burandt, Christine Flunkert, Uwe Flunkert, Peter Klassen, Heidemarie Koch, Johannes Nattland, Josa Oehme, Reiner Rhefus, Erika Schneider, Ingrid Schuh, Hermann Schulz, Klaus Schumann, Michael Walter und Wolf von Wedel Parlow vorgestellt.<\/p>\n<h4>Als Zivilist unter Uniformierten<\/h4>\n<p>Drei repr\u00e4sentative gro\u00dfformatige, in Blau eingebundene B\u00fccher, allesamt Unikate, das eine mit dem \u201eBericht des Verteidigungsausschusses als 1. Untersuchungsausschuss gem\u00e4\u00df Artikel 45a Absatz 2 Grundgesetz \u2013 16. Wahlperiode \u2013\u201c, das zweite mit s\u00e4mtlichen Reden, die Dr. Willfried Penner jemals im Bundestag gehalten hat, das dritte schlie\u00dflich mit den Jahresberichten des Wehrbeauftragten aus den Jahren 2000 bis 2004: Der geb\u00fcrtige Wuppertaler, vielfach im Bund wie in seiner Heimatstadt ausgezeichnet, ist ein wenig stolz auf diese dicken Schwarten, die Zeugnis ablegen \u00fcber einen bedeutenden Teil seines politischen Lebens.<\/p>\n<p>Zu dem Band \u00fcber die Zeit als Wehrbeauftragter haben zwei ihm zugeordnete Referenten jener Jahre ein pers\u00f6nlich gefasstes Vorwort beigesteuert. Ausgiebig habe er von seinem Recht Gebrauch gemacht, Truppenteile unangemeldet aufzusuchen, um mit Mannschaften und Offizieren quasi unpr\u00e4pariert ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig habe er sich mit folgenden Worten vorgestellt: \u201eGuten Tag, ich bin Willfried Penner aus Wuppertal in Berlin, nicht vorbestraft, seit 34 Jahren mit derselben Frau verheiratet, drei Kinder und noch unterhaltspflichtig.\u201c Macht die Umgebung einen sehr martialischen Eindruck oder steht sie gar unter Waffen, wir zitieren weiter, \u201ehebt er dabei die H\u00e4nde zu einer Geste, als wolle er sich angesichts des drohenden Todes retten\u201c. Er hat noch mehr \u00fcberlebt.<\/p>\n<h4>Dekoriert mit Auszeichnungen<\/h4>\n<p>Der geborene Wuppertaler machte sein Abitur am D\u00f6rpfeld, studierte und promovierte, trat schlie\u00dflich in seiner Heimatstadt das Amt eines Ersten Staatsanwalts an. 1966 wurde er Mitglied der SPD, f\u00fcr die er sieben Jahre im Rat der Stadt sa\u00df. Viele Menschen kennen ihn als langj\u00e4hrigen Vorsitzenden des\u00a0 Stadtsportbundes. Seit 1972 schaffte er acht Mal den direkten Einzug in den Bundestag, war dort Vorsitzender des einflussreichen Innenausschusses, nahm an mehreren Untersuchungsaussch\u00fcssen teil und \u00fcbte ma\u00dfgebliche Funktionen in seiner Fraktion aus.<\/p>\n<div id=\"attachment_35876\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 536px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-35876\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Dohmen_WP_innen_proof-final-2.jpg\" alt=\"\" width=\"526\" height=\"366\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein echtes Zeit-Dokument: Willfried Penner (r.) und Karl-Wolfgang Nettesheim am 1. April 1940 am Kinderharten Lilienthalstra\u00dfe &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Zu Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses arbeitete er als Parlamentarischer Staatssekret\u00e4r auf der Hardth\u00f6he. Im Jahre 2000 wurde er, spannendes Ende einer Dienstfahrt, mit einer breiten Mehrheit zum Wehrbeauftragten gew\u00e4hlt. In diesen Jahren war er auch als Generalbundesanwalt und als BND-Chef im Gespr\u00e4ch. Zu den vielen Auszeichnungen, die er erhielt, z\u00e4hlen das Gro\u00dfe Bundesverdienstkreuz, der Ehrenring der Stadt Wuppertal, deren Ehrenb\u00fcrger er sich nennen darf, und die Goldene Schwebebahn.<\/p>\n<p>Heute wohnt der \u2013 nach dem Tod von Katharina Penner in zweiter Ehe verheiratete \u2013 88j\u00e4hrige am Katernberg. Seine evangelische Gemeinde ist Elberfeld Nord, sein Gotteshaus ist die Auferstehungskirche. Die drei Kinder sind l\u00e4ngst erwachsen. Auch die Schauspielerin Julia, die ebenfalls an ihrer Vaterstadt h\u00e4ngt.<\/p>\n<h4>Kurze Erfahrung als Schauspieler<\/h4>\n<p>\u201eElse\u201c hei\u00dft die Collage \u00fcber die gro\u00dfe Lyrikerin Lasker-Sch\u00fcler, die ein Kollege vom Fach, sie selbst und Vater Willfried Anfang Dezember 2009 im Schauspielhaus zur Auff\u00fchrung brachten. Seinen Ausflug auf die Bretter, die die Welt bedeuten, betrachtet er als einmalige Angelegenheit. Drei Wochen drei bis vier Stunden am Tag Texte einzustudieren, hat auch von Willfried Penner, der sich r\u00fchmt, ein gutes Ged\u00e4chtnis zu haben, einiges abverlangt.<\/p>\n<p>So wie er sein berufliches Leben unter Volldampf absolviert hat, pflegt er jetzt mit der passenden Ruhe sein Pension\u00e4rsdasein. Und erinnert sich beizeiten. Etwa an seine Zeit in der Zentralen Stelle zur Verfolgung von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, eine Dienststelle der Bundesl\u00e4nder mit Sitz in Ludwigsburg, an die es den 30j\u00e4hrigen 1966 verschlug.<\/p>\n<div id=\"attachment_76489\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 462px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76489 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/penner_bild-1.jpg\" alt=\"\" width=\"452\" height=\"653\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Wilfried Penner als Mitglied des Bundestages &#8211; \u00a9 Bildstelle Deutscher Bundestag<\/span><\/div>\n<p>Es sei, sagt er, eine \u201emitunter frustrierende Zeit\u201c gewesen, in der nicht alle um Ausk\u00fcnfte gebetenen staatlichen Stellen sehr kooperativ gewesen seien. Welcher Geist in manchen Amtsstuben und auf manchen Gerichtsfluren herrschte, kann man in Wolfgang Staudtes legend\u00e4rem Film \u201eRosen f\u00fcr den Staatsanwalt\u201c studieren.<\/p>\n<h4>In Bolivien auf der Spur von NS-Verbrechern<\/h4>\n<p>Ludwigsburg ist l\u00e4ngst pass\u00e9, und wir schreiben die 1980er Jahre, als der Bundestagsabgeordnete Dr. Willfried Penner die bolivianische Hauptstadt La Paz und dort den Deutschen Klub besucht, in dem immer noch der Geist des Wilhelminischen Reiches oder auch der braunen Zeit hochgehalten wird. Auf die Frage, ob man hier Herrn Altmann kenne (den Namen hatte der in Frankreich zwei Mal zum Tode verurteilte NS-Verbrecher Klaus Barbie angenommen), antwortete man ihm: \u201eJa, der ging hier ein und aus und f\u00fchrte ein gro\u00dfes Wort.\u201c<\/p>\n<p>Mitarbeiter der deutschen Botschaft besuchten, wie man sich denken kann, ebenfalls den Klub, doch auf Fragen, ob man etwas \u00fcber den Verbleib des ehemaligen SS-Hauptsturmf\u00fchrers wisse, bekamen die Mitarbeiter der Zentralstelle seinerzeit vom Ausw\u00e4rtigen Amt die stereotype Antwort, man wisse von nichts und niemandem.<\/p>\n<p>Das muss man dann schlucken oder weiterbohren.\u00a0 \u201eTag und Nacht haben wir seinerzeit geackert\u201c, sagt er heute. Ein hohes Ma\u00df an Arbeitseinsatz und Disziplin bescheinigt ihm Freund und Feind, zum Beispiel im Flick-Untersuchungsausschuss oder, siehe oben, als Wehrbeauftragter, eine Art Traumjob f\u00fcr Willfried Penner. Vorgeschlagen hatten ihn die Fraktionen von Gr\u00fcnen, FDP, PDS und SPD.<\/p>\n<h4>Bei der &#8222;Nachr\u00fcstung&#8220; an der Seite von Verteidigunsminister Apel<\/h4>\n<p>Das war nach den turbulenten Jahren, als die Auseinandersetzungen um die \u201eNachr\u00fcstung\u201c die SPD schwer zerrissen. Willfried Penner hielt, als Zivilist auf die Hardth\u00f6he geraten, um dem damaligen Minister Apel zur Seite zu stehen, stramm Kurs und trat bei der Wahl 1982 in Wuppertal als SPD-Unterbezirksvorsitzender nicht mehr an. Heute wei\u00df er, dass seine Beharrlichkeit ihm zumindest im Nachhinein viele Sympathien an der Basis eingebracht hat.<\/p>\n<p>Die Zeit nutzt er heute f\u00fcr Reisen und das Lesen dicker W\u00e4lzer \u00fcber Friedrich den Gro\u00dfen, Dietrich Bonhoeffer, \u00fcber das Dritte Reich und die \u201eEndl\u00f6sung\u201c, \u00fcber den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Selten f\u00e4llt sein Blick auf die in Blau eingebundenen B\u00e4nde.<\/p>\n<p>In das Vorwort zu den Wehrbeauftragten-Berichten haben ihm die ehemaligen \u201ePers\u00f6nlichen\u201c ein gro\u00dfes Lob hineingeschrieben: \u201eWir haben unendlich viel gelernt, nicht nur \u00fcber die Bundeswehr, sondern auch \u00fcber Kollegialit\u00e4t bis hin zur Freundschaft, und wir werden uns den Rest unseres dienstlichen Daseins daran erinnern.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_76493\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 460px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76493\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/71UwnGxvAdL._SL1500_-1.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"717\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Sport &#8211; Politik &#8211; Heimat: Das Willfried-Penner-Lesebuch &#8211; Dr. Matthias Dohmen &#8211; Nordpark-Verlag &#8211; 154 Seiten &#8211; ISBN-10: 3943940705 &#8211; ISBN-13: 978-3943940701<\/span><\/div>\n<p>Heute macht er sich wie viele von uns Gedanken \u00fcber den Krieg in der Ukraine und dar\u00fcber, wie man ihn beenden kann. Der europ\u00e4ische Frieden, sagt er, ist f\u00fcr die Ukraine nur ein Traum geblieben. Wieder w\u00fcrden Hunderttausende Menschenleben ausgel\u00f6scht, verst\u00fcmmelt, vertrieben, Werte zerst\u00f6rt. Wegen unerf\u00fcllter Gro\u00dfmachttr\u00e4ume? Wegen der bitteren Erkenntnis, dass trotz der auf beiden Seiten gewaltigen Opfer an Menschen und Sachen nach dem Zerfall der Sowjetunion f\u00fcr die Russen nur ein Platz als Regionalmacht blieb, wie es Obama seinerzeit formulierte? Daf\u00fcr ein solches Blutbad?<\/p>\n<h4>Der 2. Weltkrieg als furchtbare Erinnerung<\/h4>\n<p>Willfried Penner: \u201eAber auch das ist wahr: Russland bleibt ein Nachbar. Und dieser Nachbar ist Atommacht. Wir nicht. Wir werden erneut und immer wieder versuchen m\u00fcssen, miteinander auszukommen. Und die Europ\u00e4er werden sich st\u00e4rker auf sich selbst besinnen m\u00fcssen und nicht nur auf die USA rechnen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Als Kind hat Willfried Penner Erfahrungen machen m\u00fcssen, die ihn tief gepr\u00e4gt haben: \u201eIch habe beim Angriff auf Elberfeld Menschen bei lebendigem Leib verbrennen sehen, und ich habe die letzten Kriegsmonate fast nur im Bunker zugebracht. Den Krieg habe ich in furchtbarer Erinnerung.\u201c<\/p>\n<p>Am Ende unseres Gespr\u00e4chs zeigt er mir ein Buch \u00fcber das von 1941 bis 1944 belagerte Leningrad. Mancher Zungenschlag, wenn \u00fcber Russland und seine Menschen geredet wird &#8211; so Willfried Penner &#8211; \u201eist einfach unangemessen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Dr. Matthias Dohmen<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUpdate\u201c hei\u00dft unsere Serie, in der Matthias Dohmen, Journalist, Dozent und Historiker, Pers\u00f6nlichkeiten aus dem Bergischen Land vorstellt. Mit alten und neuen Texten. Mit Fotos und Dokumenten. Menschen, die ihm etwas bedeuten. Diesmal steht Dr. Willfried Penner im Fokus.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[],"class_list":["post-76480","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-26 21:30:02","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76480"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76496,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76480\/revisions\/76496"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}