{"id":76447,"date":"2024-07-15T12:19:51","date_gmt":"2024-07-15T10:19:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=76447"},"modified":"2024-07-15T12:19:51","modified_gmt":"2024-07-15T10:19:51","slug":"luege-verrat-mord-und-rache-das-nibelungenlied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/07\/15\/luege-verrat-mord-und-rache-das-nibelungenlied\/","title":{"rendered":"L\u00fcge, Verrat, Mord und Rache: Das &#8222;Nibelungenlied&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_76451\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 803px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76451 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Pressefoto-Klein.jpg\" alt=\"\" width=\"793\" height=\"548\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Germanist Prof. Dr. Christian Klein von der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p><strong>Woher kommt die Geschichte und wie alt ist sie?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Das Nibelungenlied ist ein auf Mittelhochdeutsch verfasstes Versepos, das zwischen 1150 und 1200 entstanden ist und zu den wichtigsten Werken der deutschen Literatur des Hochmittelalters z\u00e4hlt. Es verarbeitet einen bis ins 5. Jahrhundert zur\u00fcckgehenden, m\u00fcndlich \u00fcberlieferten germanisch-skandinavischen Sagenstoff, der historische Ereignisse aufgreift und mit mythischen Elementen verkn\u00fcpft. Es muss zu seiner Entstehungszeit ein gro\u00dfer Publikumserfolg gewesen sein \u2013\u00a0 daf\u00fcr spricht zumindest die Tatsache, dass es in siebenunddrei\u00dfig (Teil-)Abschriften \u00fcberliefert ist. Auch wenn heute weitgehend Einigkeit dar\u00fcber herrscht, dass es sich beim Nibelungenlied um das in sich geschlossene Werk eines Einzelautors handelt, so kann man \u00fcber die konkrete Person des Verfassers nur ausgehend von Hinweisen aus dem Text spekulieren. Sicher sind sich die meisten Forscher, dass der Verfasser des Nibelungenliedes ein gebildeter, belesener Mann war und aus dem Umfeld des Passauer Bischofshofs stammte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Worum geht es denn im &#8222;Nibelungenlied&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Es geht um L\u00fcge, Verrat und Rache. Sehr verk\u00fcrzt: Siegfried, K\u00f6nigssohn aus Xanten, m\u00f6chte Kriemhild, die Schwester des Burgunderk\u00f6nigs Gunther, ehelichen. Gunther verlangt f\u00fcr seine Einwilligung, dass Siegfried ihm dabei hilft, die sagenhaft starke isl\u00e4ndische K\u00f6nigin Br\u00fcnhild zu unterwerfen, um sie zur Frau nehmen zu k\u00f6nnen. Unsichtbar unter einer Tarnkappe, die er beim Raub des Schatzes der Nibelungen mit erbeutet hat, \u00fcberw\u00e4ltigt Siegfried, der nach einem Bad in Drachenblut unverwundbar ist (mit Ausnahme einer kleinen Stelle am R\u00fccken), Br\u00fcnhild, die glaubt, von Gunther besiegt worden zu sein und deshalb in die Ehe mit ihm einwilligt.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Doch Betrug und Gewalt entfalten im Folgenden eine unheilvolle Eigendynamik: Als die T\u00e4uschung auffliegt, wird zun\u00e4chst Siegfried aus Vergeltung f\u00fcr die Dem\u00fctigung Br\u00fcnhilds von Hagen, der durch eine List Siegfrieds &#8222;wunden Punkt&#8220; kennt, durch einen Speer in den R\u00fccken ermordet. Dreizehn Jahre sp\u00e4ter heiratet Siegfrieds Witwe Kriemhild den Hunnenk\u00f6nig Etzel, den sie nach weiteren dreizehn Jahren davon \u00fcberzeugen kann, Gunther und Gefolge zu einem Fest einzuladen. Kriemhilds Stunde der Rache ist damit nach 26 Jahren gekommen: Sie provoziert einen Streit, dem ein wahrer Blutrausch folgt. Am Schluss sind auf Seiten der Burgunder nur noch Gunther und Hagen \u00fcbrig. Ihren Bruder l\u00e4sst Kriemhild enthaupten und anschlie\u00dfend schl\u00e4gt sie eigenh\u00e4ndig Hagen den Kopf ab. Daraufhin wird Kriemhild gek\u00f6pft. Die verbleibenden Ritter stehen schlie\u00dflich fassungslos am Ort des Gemetzels.&#8220;<\/p>\n<p><strong>1924 sorgte der Stoff noch einmal f\u00fcr Furore, denn der Regisseur Fritz Lang nahm sich seiner an und schuf ein weiteres filmisches Epos. Wie setzte er den Stoff um?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Im Rahmen von zwei Stummfilmen mit insg. f\u00fcnf Stunden L\u00e4nge: &#8222;Siegfried&#8220; und &#8222;Kriemhilds Rache&#8220; hatten im Fr\u00fchjahr 1924 innerhalb weniger Wochen Premiere. Es war das gr\u00f6\u00dfte und teuerste Filmprojekt, das bis dahin in Deutschland realisiert wurde. Das Drehbuch musste sich angesichts der F\u00fclle des Stoffs auf bestimmte Handlungsstr\u00e4nge fokussieren und dramatisch zuspitzen. Das Ganze wurde von Fritz Lang in einer Kombination aus imaginierter germanischer Sagenwelt, Mittelalter-Phantasmagorie, Jugendstil-\u00c4sthetik und Expressionismus umgesetzt, mit einer F\u00fclle sehr aufw\u00e4ndiger Bauten \u2013 inklusive archaischer Waldlandschaften usw., denn es wurde nur im Studio gedreht. Das verleiht den Filmen eine ganz eigene Stimmung zwischen Realismus und Traum. Besondere Bedeutung hatte im Stummfilm die Musik. Gottfried Huppertz arbeitet mit der Leitmotivtechnik, die Wagner \u2013 seinerseits ein gro\u00dfer Nibelungen-Fan \u2013 etabliert hatte.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_76452\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76452 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Nibelungenlied-Ermordung-Siegfrieds.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"747\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Darstellung von Siegfrieds Ermordung aus der Handschrift k des Nibelungenlieds (1480\u20131490) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><strong>Der Film wurde in der Hyperinflation 1923 finanziert, d.h. man glaubte felsenfest an den Erfolg der Thematik, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Man hoffte zumindest, dass das deutsche Filmpublikum nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, die man in weiten Kreisen als eine Art nationale Dem\u00fctigung empfand, und in Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit einen Film goutieren w\u00fcrde, der als Balsam f\u00fcr die \u203adeutsche Seele\u2039 konzipiert war. Thea von Harbou, die Drehbuchautorin, und Fritz Lang, der Regisseur, arbeiteten zielgerichtet am deutschen Mythos \u2013 mit blonden, edlen deutschen Helden gegen\u00fcber Hunnen aus dem Osten, die als wildes Barbarenvolk inszeniert werden.<\/p>\n<p>Das unterstreicht auch die Widmung vor dem ersten Teil \u2013 \u00bbDem deutschen Volke zu eigen\u00ab \u2013, die aus einem letztlich \u00fcbernationalen Stoff einen Nationalmythos macht. Das traf den Nerv der Zeit \u2013 so hie\u00df es in der zeitgen\u00f6ssischen Presse: \u201eEr ist aus unserer Zeit geboren, der Nibelungenfilm und nie haben der Deutsche und die Welt ihn so gebraucht wie heute. Wir brauchen wieder Helden!\u201c Und auch wirtschaftlich hatte man durchschlagenden Erfolg, die Premieren waren gesellschaftliche Ereignisse, die Filme wurden Blockbuster.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Bemerkenswert ist auch, dass das Drehbuch von einer Frau stammt. Das war damals schon selten, nicht wahr?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Das stimmt, allerdings war Thea von Harbou, die Autorin des Drehbuchs und (sp\u00e4tere) Ehefrau des Regisseurs Fritz Lang, schon eine erfolgreiche Schriftstellerin, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg ins Filmgesch\u00e4ft einstieg. Ab den fr\u00fchen 1920er Jahren war sie die f\u00fchrende deutsche Drehbuchautorin und bildete mit ihrem Ehemann das &#8218;Power Couple&#8216; des deutschen Films. Die beiden arbeiteten in einer Art k\u00fcnstlerischer Symbiose: Thea von Harbou erz\u00e4hlte die Geschichten, die Fritz Lang dann auf der Leinwand zum Leben erweckte. Neben den Nibelungen-Filmen haben die beiden sp\u00e4ter dann ja auch mit Metropolis (1927) und M \u2013 Eine Stadt sucht einen M\u00f6rder (1928) weitere Meilensteine der Filmgeschichte gesetzt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Inszenierung l\u00e4sst uns heute auch den Einfluss des Jugendstils und Art deco erkennen, doch am spannendsten waren wohl die visuellen Effekte. So etwas wie den feuerspeienden Drachen hatte man vorher noch nicht gesehen, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;In der Tat setzte Fritz Lang bei der Umsetzung sehr auf filmische Schauwerte und das, was man heute \u203aSpezialeffekte\u2039 nennen w\u00fcrde \u2013 nicht nur der \u00fcber zwanzig Meter lange Drache, den Siegfried besiegt, sondern auch Trickeffekte wie das Verschwinden und Wiedererscheinen Siegfrieds unter der Tarnkappe, die flammenumloderte Burg Br\u00fcnhilds oder der Palastbrand am Ende waren spektakul\u00e4r.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_76453\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76453 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Nibelungenlied-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"792\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die erste Seite der Handschrift C des Nibelungenlieds (um 1220\u20131250) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><strong>So richtig wiederentdeckt wurde der Stoff w\u00e4hrend der Aufkl\u00e4rung, Mitte des 18. Jahrhunderts. Friedrich der Gro\u00dfe, dem der erste Sammelband gewidmet war, schrieb jedoch an den Herausgeber, Christoph Heinrich Myller: \u201e<\/strong><strong>Hochgelahrter, lieber Getreuer! Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr bef\u00f6rdert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuss Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner B\u00fccher-Sammlung wenigstens w\u00fcrde Ich dergleichen elendes Zeug nicht dulten; sondern herausschmei\u00dfen.\u201c Wie kam der literarisch doch sonst bewanderte K\u00f6nig zu diesem Urteil?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Dass Friedrich der Gro\u00dfe als Vertreter der Aufkl\u00e4rung mit dem Nibelungenlied nichts anfangen konnte, liegt quasi in der Natur der Sache. Das Nibelungenlied scheint viele der aufkl\u00e4rerischen Grundannahmen zu negieren. Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen, das sich durch Anwendung seines Verstandes zivilisatorisch weiterentwickelt, steht jedenfalls ebenso wenig im Zentrum des Nibelungenlieds wie Kants Kategorischer Imperativ. Eine Geschichte des Gemetzels, wie sie das Nibelungenlied pr\u00e4sentiert, musste Friedrich dem Gro\u00dfen daher als anachronistisch und r\u00fcckst\u00e4ndig erscheinen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass man sich zum Filmstart des Nibelungen-Epos dann eine besondere PR-Aktion \u00fcberlegte: Am Grab Friedrich des Gro\u00dfen wurde ein Kranz mit der Aufschrift \u00bbZur Premiere des Nibelungenfilms. Fritz Lang\u00ab niedergelegt. Diese vorgebliche Verneigung des Regisseurs vor dem Preu\u00dfenk\u00f6nig markierte eigentlich dessen Indienstnahme, nutzte man die deutsche Identifikationsfigur Friedrich doch dazu, die Bedeutung des Films f\u00fcr das deutsche Nationalbewusstsein zu beglaubigen. Friedrich der Gro\u00dfe h\u00e4tte sich sicherlich auf ganz eigene Weise bedankt f\u00fcr diese &#8218;Ehrerbietung&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Eine Kritik zum Film sagt, dass Lang kein &#8217;nationalistisches Heldendenkmal&#8216; geschaffen habe, sondern ein d\u00fcsteres, konsequent stilisiertes Fresko des sich schicksalhaft vollziehenden Untergangs, in dem nicht Liebe und Treue, sondern Hass und Rache die Triebfedern sind`. Warum wird eigentlich eine totale Untergangsgeschichte in der Literatur und im Film bis heute immer wieder neu rezipiert?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Ob die Kritik so zutreffend ist, lassen wir mal dahingestellt. Aber die Nibelungen-Geschichte wird sicher deshalb noch immer rezipiert, weil es in ihr um die sehr grunds\u00e4tzliche Einsicht geht, dass keine h\u00f6here Macht unser Leben lenkt, sondern es unser \u2013 vor allem auch emotional bestimmtes \u2013 Handeln ist, das Konsequenzen f\u00fcr uns und andere zeitigt. Und wie furchtbar diese Konsequenzen sein k\u00f6nnen, f\u00fchrt uns eben das &#8222;Nibelungenlied&#8220;eindrucksvoll vor Augen, es zeigt, wozu Menschen f\u00e4hig sind. Jan Philipp Reemtsma, unser Wuppertaler Poetikdozent 2024, hat Schluss und Wirkung des &#8222;Nibelungenlieds&#8220; pointiert so zusammengefasst: \u201eDie Raserei ist zu einem Ende gekommen, weil es nichts mehr zu erschlagen gibt. Die Wucht des Nibelungenliedes besteht in der offensichtlichen Sinnlosigkeit des Ganzen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_76454\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76454 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Die_Nibelungen_1._und_2._Teil_1924_Filmplakat.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"817\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Filmplakat &#8222;Die Nibelungen&#8220; &#8211; 1. und 2. Teil (1924) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Dabei arbeitet der Text aber nicht mit eindimensionalen Figuren, sondern entwirft durchaus differenzierte Charaktere: Hagen von Tronje ist nicht nur der hinterlistige Meuchelm\u00f6rder und Siegfried nicht nur der strahlende Held, der verraten wird. Hagen ist vielmehr auch der politisch denkende Ratgeber, der treu und bedacht agiert und bereit ist, f\u00fcr die Ehre seiner K\u00f6nigin das eigene Leben zu geben. Siegfried hingegen ist auch eitel und aggressiv, aufbrausend und gef\u00e4hrlich, denn seine \u00dcberlegenheit nutzt er, um seinen Willen egoistisch durchzusetzen. Seine Mischung aus Naivit\u00e4t und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung kostet ihn, der nicht strategisch denkt, das Leben. Auch das ist n\u00e4mlich eine Moral der Geschichte \u2013 die allerdings h\u00e4ufig \u00fcberlesen wird: Kraft allein n\u00fctzt wenig, wenn sie nicht mit Klugheit einhergeht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Das &#8222;Nibelungenlied&#8220; ist in vierzeiligen Strophen gedichtet, die man eigentlich sang und in einer Sprache, die heute niemand mehr spricht. Wie kann man f\u00fcr eine solche Dichtung heute noch Leserinnen und Leser gewinnen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Ich denke, dass die Thematik des &#8222;Nibelungenlieds&#8220; durchaus universell ist und daher auch heutige Leserinnen und Leser interessiert. Wir alle wurden ja zuletzt immer wieder darauf gesto\u00dfen, dass Gewalt nicht nur vergangene Epochen bestimmt hat, sondern auch unsere Zeit pr\u00e4gt. Das Nibelungenlied zeigt, dass der Mensch unter bestimmten Umst\u00e4nden dazu gebracht werden kann und f\u00e4hig ist, r\u00fccksichtslos zu w\u00fcten und alles zu vernichten. Und wo eine Serie wie \u00bbGame of Thrones\u00ab zu einem Mega-Erfolg wird, m\u00fcsste eigentlich auch ein Publikum f\u00fcr die Nibelungen zu finden sein.<\/p>\n<p><strong>Sie haben zusammen mit Andreas von Arnauld das Buch \u201eWeil B\u00fccher unsere Welt ver\u00e4ndern\u201c herausgebracht. Darin nehmen sie auch Bezug auf das Nibelungenlied. Welche Bedeutung hat es f\u00fcr die deutsche Kultur?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Seit dem 19. Jahrhundert wurde das &#8222;Nibelungenlied&#8220; im Rahmen der nationalen Selbstvergewisserung als eine Art &#8218;Manifest des deutschen Wesens&#8216; gedeutet. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die Frage nach einer nationalen Identit\u00e4t jenseits der deutschen Kleinstaaterei f\u00fcr viele eine besondere Relevanz gewann, kam der Literatur als gemeinschaftsstiftendem Fundament eine herausgehobene Bedeutung zu. Das Nibelungenlied wurde als Denkmal einer lange vergessenen Nationalpoesie gelesen, in dem sich die \u201eherrlichsten m\u00e4nnlichen Tugenden\u201c, die hier als typisch deutsch gedeutet wurden, manifestierten.<\/p>\n<div id=\"attachment_76456\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76456 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/performance-1629077_1280-1.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"745\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Auch der ber\u00fchmte Komponist Richard Wagner griff das Nibelungen-Thema in seiner Oper &#8222;Ring der Nibelungen auf. Das 15st\u00fcndige Werk feierte im August 1878 Premiere im Bayreuther Festspielhaus &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Das &#8222;Nibelungenlied&#8220; galt fortan als eine Art \u201edeutsche Ilias\u201c. Es hatte enormen k\u00fcnstlerischen Einfluss, wurde vielfach bearbeitet und je nach den Zeiterfordernissen gedeutet. Besonders die Dramen- und Opernversionen des Nibelungenstoffes von Friedrich Hebbel und Richard Wagner trugen erheblich zur Popularisierung bei. Nie indes war es ein gutes Omen, wenn sich Politiker dezidiert auf das &#8222;Nibelungenlied&#8220; beriefen, an \u00b4Nibelungentreue` appellierten oder behaupteten, dass das deutsche Milit\u00e4r den Ersten Weltkrieg nur verloren habe, weil es aus der Heimat hinterr\u00fccks gemeuchelt worden sei \u2013 wie Siegfried von Hagen.<\/p>\n<p>Heute gilt das &#8222;Nibelungenlied&#8220; ungeachtet aller politischen Ideologisierungen als ein herausragendes Kunstwerk des Mittelalters, das mit bewundernswerter Detailf\u00fclle Einblicke in die h\u00f6fische Gesellschaft seiner Zeit erlaubt und deutlich macht, wohin L\u00fcge, Verrat und Hass f\u00fchren k\u00f6nnen. Als Zeugnisse eines Meisterwerks der menschlichen Kreativit\u00e4t fanden die drei wichtigsten Handschriften, in denen das &#8222;Nibelungenlied&#8220; \u00fcberliefert ist, 2009 Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe. Damit wurde dem Text, der vom Stoff und seiner \u00dcberlieferung her schon immer international war, auch offiziell der Status zugewiesen, der ihm eigentlich geb\u00fchrt: jenseits nationalistischer Vereinnahmungen Teil des &#8218;Ged\u00e4chtnisses der Menschheit&#8216; zu sein.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Bass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_76457\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 260px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-76457 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Pressefoto-Klein-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"412\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Christian Klein &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Christian Klein<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Christian Klein lehrt und forscht in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften in der Abteilung Neuere deutsche Literaturgeschichte \/ Allgemeine Literaturwissenschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das &#8222;Nibelungenlied&#8220; ist ein mittelalterliches Heldenepos und galt im 19. und 20. Jahrhundert als Nationalepos der Deutschen. \u00dcber das deutsche Heldenepos und seine Verfilmung hat sich Autor Uwe Blass in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit dem Germanisten Prof. Dr. Christian Klein von der Bergischen Universit\u00e4t unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-76447","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-07 04:16:15","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76447"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76447\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":76465,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76447\/revisions\/76465"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}