{"id":75490,"date":"2024-06-04T11:11:35","date_gmt":"2024-06-04T09:11:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=75490"},"modified":"2024-06-04T11:18:13","modified_gmt":"2024-06-04T09:18:13","slug":"kuenstliche-intelligenz-ist-keine-konkurrenz-fuer-kuenstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/06\/04\/kuenstliche-intelligenz-ist-keine-konkurrenz-fuer-kuenstler\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstliche Intelligenz ist keine Konkurrenz f\u00fcr K\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_75496\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75496 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Pressefoto-Krautz-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"764\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Kunstp\u00e4dagoge Prof. Dr. Jochen Krautz von der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p><strong>Kann eine Maschine K\u00fcnstler sein?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Jochen Krautz:<\/strong> &#8222;Nein, auch ein Akkuschrauber, eine Kamera oder ein Bildbearbeitungsprogramm sind keine K\u00fcnstler. Man kann damit aber Kunst machen. Ich glaube aber, dass KI-basierte Bildgeneratoren, denn darum handelt es sich ja hier, die Chance bieten, unser Verst\u00e4ndnis von Kunst neu zu sch\u00e4rfen. Denn auch nach der Erfindung der Fotografie Mitte des 18. Jahrhunderts ging ja das Wort um, von nun an sei die Malerei tot. Ist sie aber bis heute nicht.<br \/>\nGrunds\u00e4tzlich m\u00fcssen wir wohl aufpassen, dass wir unsere Tendenz, Wirklichkeit anthropomorph zu betrachten, wie Robert Spaemann formulierte, nicht unbedacht auf Maschinen ausdehnen. Hei\u00dft: Mikroelektronische Systeme sind keine Personen. Daher k\u00f6nnen sie auch keine Kunst machen.<\/p>\n<p>Auch wenn KI-generierte Bilder auf den ersten Blick beeindruckend und kreativ erscheinen: Sie basieren auf Wahrscheinlichkeitsrechnung, Mustererkennung und Kombinatorik, was mit menschlichem Kunstschaffen wenig gemein hat. Zu dieser T\u00e4uschung &#8211; oder besser: unserer leichtfertigen Selbstt\u00e4uschung &#8211; tr\u00e4gt auch die terminologische Unsch\u00e4rfe bei: KI ist nicht \u201eintelligent\u201c. Sie denkt nicht, sie entscheidet nicht, sie empfindet nicht und sie ist nicht leiblich situiert, worin das Spezifikum menschlicher Intelligenz liegt. Eine Kollegin hat sehr treffend formuliert, KI habe so viel mit Intelligenz zu tun wie die Logistikbranche mit Logik. Also allenfalls formale Verfahren, die funktional genutzt werden \u2013 und eben auch missbraucht werden k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Wie unterscheidet sich denn das Bildermachen der KI von dem des Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Kautz: &#8222;Wir stellen in der Kunstdidaktik ja an jedes bildnerische Verfahren die Frage, was wir eigentlich genau tun, wenn wir malen, zeichnen, plastizieren, eine Installation bauen oder ein Video drehen. Das ist zentral, um die Verfahren mit den entsprechenden Hilfen lehren zu k\u00f6nnen. Dabei fragen wir immer danach, wie der jeweilige Zusammenhang von anschaulicher Wahrnehmung, bildhafter Vorstellung und bildnerischer Darstellung ist.<br \/>\nStellt man sich diese Fragen f\u00fcr die Bildgenerierung der KI, wird es ziemlich interessant: Sie hat selbst ja keine Wahrnehmung, sondern wird mit Bilddaten gef\u00fcttert, die wir erstellt haben. Vor allem stellt sie sich nichts vor, sie verf\u00fcgt nicht \u00fcber die zentrale menschliche Eigenschaft der Imagination. Die Bilddarstellung ist ein rein technischer Ausgabevorgang auf Bildschirmen oder mittels Druckern.<\/p>\n<p>KI amalgamiert also die Wahrnehmungen und Vorstellungen von Millionen Menschen aller Zeiten zu technischen Darstellungen. Diese arbeiten nach dem Collageprinzip. Allerdings ist unklar, wie eine KI dabei gestalterische Entscheidungen trifft oder genauer: ob man \u00fcberhaupt von gestalterischen Entscheidungen sprechen kann. Denn sie \u201ewei\u00df\u201c nichts von einem Motiv, einem Bildinhalt und deren Bedeutung. Sie berechnet Figurationen nach Wahrscheinlichkeitsprinzipien.<\/p>\n<div id=\"attachment_75498\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75498 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/csm_KI-Malen_76a350ba4a.png\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"310\" \/><span class=\"wp-caption-text\">So sieht der \u201eDeep Dream Generator\u201c Joseph Karl Stielers Beethovenportr\u00e4t als Pop Art &#8211; \u00a9 Foto: Deep Dream Generator\/gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Aus zehntausenden Objekten mit den Tag \u201ePferd\u201c wird ein Durchschnittspferd generiert \u2013 ohne zu wissen, was ein Pferd ist und welche Bedeutung es motivisch, kultur- oder kunstgeschichtlich hat. KI ist eine Rechenmaschine und rechnet nach Vorgaben, so wie ein Mixer mixt. In gewisser Weise spiegelt sie also eine Art globalen in Bildern repr\u00e4sentierten Vorstellungsraum. Weil der aber nur mit Vorhandenem operiert, operiert er notwendig sehr schematisch. KI produziert also zun\u00e4chst Stereotypen, was weltanschaulich problematisch sein kann und in der Kunst meist Kitsch hervorbringt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>K\u00fcnstler nutzen KI bereits zur Unterst\u00fctzung ihrer Arbeiten. Inwiefern kann KI denn ein legitimer Partner eines K\u00fcnstlers werden?<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Kautz: &#8222;Auch hier Vorsicht! Das Reden von \u201ePartner\u201c personalisiert eine Technik in durchaus problematischer Weise: Ist mein Fahrrad oder mein Auto mein Partner beim Fahren? Sind Alexa oder Siri meine Partnerinnen? Gewiss, das empfinden viele Menschen inzwischen so. Aber welche Folgen hat das eigentlich?<\/p>\n<p>In der Kunst kann KI ein Instrument sein so wie Pinsel und Farbe, Mei\u00dfel und Beitel, Kamera und Bildbearbeitungsprogramm. Kunst entsteht aber nicht zwangsl\u00e4ufig, wenn ich mir das alles im K\u00fcnstlerbedarf gekauft habe (auch wenn deren Werbung das gerne nahelegt). Genauso wenig, wenn ich KI bediene (auch wenn die genauso finanziell motivierten Tech-Konzerne das gerne suggerieren).<\/p>\n<p>Allerdings hat KI eine Eigenlogik, die wir eben nicht mehr nachvollziehen, die sie \u00fcber den Status als Instrument hinaushebt. Ein Pinsel ist mit Erfahrung weitgehend beherrschbar; eine KI nicht. Weil sie zunehmend Entscheidungen trifft, die wir nicht mehr nachvollziehen k\u00f6nnen, erscheint sie uns als \u201ekreativ\u201c. Tats\u00e4chlich formuliert der Nutzer einen Prompt und das Programm generiert aus der Kombination von Algorithmen (als Handlungsanweisungen f\u00fcr den Computer) und einer (bei KIs riesigen) Datenbasis, die wahrscheinlichste Schnittmenge.<\/p>\n<div id=\"attachment_75499\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75499 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/hobbit-8732525_960_720.png\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"376\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Mit Hilfe von KI erstellt: Die Wohnung des &#8222;Hobbit&#8220; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Dabei gibt es einen \u201eR\u00fcckschlag\u201c der Maschine: Wer promptet, erteilt nicht nur Befehle, sondern erh\u00e4lt sie auch, weil er sich in seiner Logik des Maschinenprogramms anpassen muss. Sicher, ich muss mich auch der Logik des Pinsels, mit dem ich male, oder des Holzst\u00fccks anpassen, das ich bearbeite. Aber: Hier passe ich mich der von anderen programmierten Logik an, selbst wenn ich versuche, dagegen zu arbeiten. Ich schr\u00e4nke also den Raum k\u00fcnstlerischer Freiheit von Beginn an selbst ein.<\/p>\n<p>Daher ver\u00e4ndert die KI auch unsere Wahrnehmungen und Vorstellungen. Das ist nicht unbedenklich, denn damit greift die Maschine in den realen Raum und unsere menschlichen Interaktionen aktiv ein. Sie formt unsere Vorstellungen und Haltungen. Wer also KI als \u201ePartnerin\u201c eigener Kunst nutzen will, muss sehr genau hinsehen, wer hier eigentlich wen benutzt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Kann KI alleine Kunst erschaffen?<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Krautz: &#8222;Grunds\u00e4tzlich nein. Aber das Ph\u00e4nomen hilft, zu kl\u00e4ren, was denn eigentlich Kunst sei: Wenn wir das Imitieren oder Vermischen von Kunststilen und globalen Bildmustern f\u00fcr Kunst halten, stimmt eben etwas mit unserem Kunstverst\u00e4ndnis nicht. Bildende Kunst resultiert aus unserem Weltverh\u00e4ltnis: Wir versuchen damit irgendwie, diesem Leben eine Sinndeutung abzuringen, auch und gerade dann, wenn wir es f\u00fcr sinnlos halten. Kunst schafft also Sinnhorizont, sie resultiert aus einem existenziellen Weltverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Als Kunstschaffende setzen wir uns also in eine Relation zur Welt, zu Anderen, die unsere Kunst betrachten, und durch beides zu uns selbst. Da KI nicht lebt, hat sie keine existenziellen Fragen. Daher kann sie keine Kunst schaffen. Sollte sie Bilder oder Objekte schaffen, die wir f\u00fcr Kunst halten, m\u00fcssen wir uns fragen, warum wir das tun. Entweder stimmt unser Qualit\u00e4tsurteil nicht oder wir deuten eben unsere menschlichen Fragen in die KI-Produkte hinein. Anders formuliert, gewisserma\u00dfen im Slang von K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern: Die sagen gerne, sie \u201earbeiten an einem Problem\u201c oder \u201eich interessiere mich derzeit f\u00fcr \u2026\u201c. Eine KI kann aber selbst gar kein k\u00fcnstlerisches Problem haben und sie interessiert sich f\u00fcr nichts. Wir k\u00f6nnen sie evtl. nutzen, um unser eigenes Problem zu bearbeiten; aber so verstanden bleibt die KI Instrument, ist also nicht selbst kunstschaffend.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75500\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75500 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/lighthouse-8798819_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"550\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Mit Hilfe von KI erstellt: Dieser idyllische Leuchtturm &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Die Sorge mancher K\u00fcnstler ist, dass sie sich selber durch KI abschaffen. Wenn also ein Algorithmus genauso sch\u00f6pferisch t\u00e4tig werden kann wie ein Mensch, ist diese Sorge doch berechtigt, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Krautz: &#8222;Wenn ein Algorithmus sch\u00f6pferisch w\u00e4re, dann w\u00e4re das so, ja \u2013 aber dem ist eben nicht so. Sch\u00f6pferisch t\u00e4tig sind diejenigen, die ihn programmieren. Auf das eigentliche Problem verweist aber der erste Teil der Frage: Viele K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler sind seit langem dabei, sich in einer Art \u201evorauseilendem Gehorsam\u201c an die technischen Bilder anzupassen, so analysiert das die Kollegin Gesa Foken. Und das nicht nur \u00e4sthetisch, sondern auch in einer Mimikry der technischen Produktionsweise: Sie imitieren quasi maschinelle Arbeitsprozesse auch dann, wenn sie analog arbeiten. So schaffen sich K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler in der Tat selbst ab, wie sie sich der Maschinenlogik unterwerfen. Das Ph\u00e4nomen KI m\u00fcsste f\u00fcr die Kunst zu einer Neubesinnung auf die Frage des humanen Kerns der Kunst f\u00fchren, zu einer Neubetonung ihres Mit- und Weltbezugs, ihrer Materialit\u00e4t und Verantwortung.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Diese Systeme lernen mit Unmengen an Daten und verarbeiten Bilder und Texte aus dem Internet, deren Macher dieser Verwendung nicht zugestimmt haben, aber auch nichts dagegen tun k\u00f6nnen. Werden da K\u00fcnstler ihrer Identit\u00e4t beraubt?<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Krautz: &#8222;Das Anverwandeln der Werke anderer geh\u00f6rt grunds\u00e4tzlich zur k\u00fcnstlerischen Arbeit. Das Prinzip der \u201eimitatio auctorum\u201c (Nachahmung der Werke anderer) war und ist ein zentrales k\u00fcnstlerisches Lern- und Arbeitsprinzip. Versteht man \u201eMimesis\u201c als kreatives Sich-An\u00e4hneln an ein Vorbild, wie Christoph Wulf formuliert, dann zeigt sich auch hier wieder, dass KI keine Person ist, die dazu f\u00e4hig w\u00e4re. Sie verarbeitet Unmengen an Daten und kombiniert sie zu anderen Text- oder Bilddaten nach kaum mehr nachvollziehbaren Rechenoperationen. Insofern ja: Die genannte Gefahr besteht m.E. in der Tat, weil KI ja keine Rechenschaft dar\u00fcber abgibt und die Betreiberfirmen letztlich ungefragt geistiges Eigentum massenhaft verwerten. Bereits jetzt ist es so, dass die KI-Betreiber faktisch Werke anderer gebrauchen &#8211; oder sch\u00e4rfer formuliert: stehlen \u2013 um selbst Profit zu generieren, dabei aber die Lebensgrundlage der angewandten Kreativbranche zu zerst\u00f6ren droht. Das w\u00e4re auch juristisch genauer zu betrachten.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75501\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75501 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/ai-generated-8750006_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"550\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Mit Hilfe von KI erstellt: Mutter und Kind &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Selbst wenn K\u00fcnstler in Zukunft wiedersprechen d\u00fcrfen oder um Erlaubnis gefragt werden, die aktuelle Generation der generativen KI hat mit ihren Werken gelernt. Manche der Systeme sind Open Source und damit frei verf\u00fcgbar. Jeder kann damit Stile imitieren.<\/strong><strong> Muss sich die Kreativbranche, wenn diese Tools \u00fcber kurz oder lang Standard werden, in Prozessen und auch in Kompetenzen grundlegend wandeln m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Krautz: &#8222;Also, \u201eStile imitieren\u201c ist wie gesagt, keine Kunst. Was die Kreativbranche in ihren angewandten Feldern angeht, stellt sich die Frage in der Tat anders. Was man etwa aus dem Design h\u00f6rt, wird KI l\u00e4ngst in Entwurfs-, Test- und Qualit\u00e4tssicherungsprozessen eingesetzt. In letzteren spart man damit analoge oder menschliche Arbeitsg\u00e4nge ein. In Entwurfsprozessen l\u00e4sst man KI erste Entwurfsserien machen, um die Breite des Bekannten und Naheliegenden zu \u00fcberblicken. Und wom\u00f6glich arbeitet man damit weiter, aber sie ersetzen die Entscheidung nicht.<br \/>\nRichtig eng wird es f\u00fcr Katalog-Fotografen, Illustratorinnen, Layouter, Kampagnendesignerinnen, Webdesigner, Werbefilmerinnen u.a., weil deren Standardarbeiten l\u00e4ngst von KI erledigt werden: Man braucht keine Models mehr, kein Studio, um einen Modekatalog oder Produkte durchzufotografieren, kein Filmset mehr f\u00fcr Werbevideos usw. Es gibt ja schon vordefinierte Prompts f\u00fcr alles M\u00f6gliche vom Layout, \u00fcber Farbsets bis zu ganzen Werbekampagnen.<\/p>\n<p>Daher scheint mir f\u00fcr Kunst wie Design zentral: Wenn KI Bilder und Entw\u00fcrfe quasi automatisch generiert, verschiebt sich die zentrale Aufgabe der Gestaltenden auf deren Beurteilung. D.h. das k\u00fcnstlerisch-gestalterische Qualit\u00e4tsurteil wird immer zentraler. Denn die KI kann Gestaltungsqualit\u00e4t nicht beurteilen. Solche Urteile h\u00e4ngen eben von Intentionen, Form,-Inhalts-Zusammenh\u00e4ngen und Kontexten ab. K\u00fcnstlerisch-gestalterische Urteilskraft l\u00e4sst sich wiederum nur durch ge\u00fcbte eigene, v.a. analog ge\u00fcbte Gestaltungspraxis und reflektierte Rezeptionserfahrung bilden, das ist gesichertes Wissen mindestens der Kunstp\u00e4dagogik. Die grundlegenden k\u00fcnstlerischen und gestalterischen Kompetenzen \u00e4ndern sich also gerade nicht; sie werden sogar immer wichtiger, wenn man sich der KI nicht ausliefern will. Insofern r\u00fcckt die Bildung k\u00fcnstlerisch-gestalterischer Urteilskraft in den Fokus.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75502\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75502 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/bank-8800534_960_720.png\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"550\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Mit Hilfe von KI erstellt: Dieser romantische Park &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Alles ver\u00e4ndert sich, so auch die Kunst. Bildbasierte KI gibt es auch bereits im schulischen Kunstunterricht. Gibt es \u00fcberhaupt M\u00f6glichkeiten, den Einsatz von KI im Kunstbereich zu steuern?<\/strong><\/p>\n<p>Jochen Krautz: &#8222;Da m\u00fcssen wir differenzieren: Der Kunstbereich ist grunds\u00e4tzlich frei in dem, was er macht. Da kann man nur hoffen, dass die dort T\u00e4tigen verantwortungsvoll mit der Frage umgehen und sich der weitgreifenden Implikationen und Gefahren bewusst sind. Allerdings sind die angesprochenen Fragen des Urheberrechtsschutzes auf politischer Ebene dringend anzugehen. Der Kunstunterricht hat einen normativen Horizont: D.h., er ist Teil schulischer Bildung, die laut Verfassungen immer noch auf M\u00fcndigkeit und Mitmenschlichkeit zielt. Insofern kann KI nicht ohne sehr genaues p\u00e4dagogische und didaktische Abw\u00e4gen Teil des Unterrichts sein. Sie muss bei Verwendung grunds\u00e4tzlich immer in ihrer Problematik, ihren M\u00f6glichkeiten und Grenzen mitreflektiert werden. Denn sonst verlieren wir eben jenen humanen Grund der Kunst.<\/p>\n<p>Und nicht nur Kunstunterricht muss sich grunds\u00e4tzlich fragen, ob wir die Schulzeit nicht zum Erwerb jener grundlegenden F\u00e4higkeiten brauchen, die wir zum halbwegs m\u00fcndigen Umgang mit digitaler Technologie ben\u00f6tigen, aber eben nicht an und mit den Technologien selbst erwerben k\u00f6nnen. Wom\u00f6glich m\u00fcssen wir viel st\u00e4rker komplement\u00e4r denken: Was geh\u00f6rt heute in die Schule, dass die Kinder und Jugendlichen in der nahezu vollst\u00e4ndig digitalen Lebenswelt gerade nicht mehr lernen?<\/p>\n<div id=\"attachment_75503\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75503 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/ship-8792387_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"550\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Mit Hilfe von KI erstellt: Bizarre Boote in in einer bizarren Landschaft &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>F\u00fcr den Kunstunterricht hei\u00dft das: Ist nicht analoges Zeichnen und Bauen die Voraussetzung, sinnvoll gestaltend mit digitalen Technologien umzugehen? Und sind die sinnlichen und leiblichen Erfahrungen, die dabei zu machen sind, nicht so wesentlich, dass wir sie den jungen Menschen erm\u00f6glichen sollten, gerade weil sie viele davon nach der Schule kaum mehr machen werden? M\u00fcssen wir nicht die wahrnehmbare Welt, die eigene Vorstellungsbildung und die M\u00f6glichkeiten selbst formbildend und handgreiflich zu gestalten umso st\u00e4rker in den Mittelpunkt der Schule r\u00fccken, je weiter sie aus dem Horizont der Kinder und Jugendlichen verschwindet? Muss Schule wom\u00f6glich ganz generell analoger und leiblicher werden, wenn die Welt digitaler und k\u00f6rperloser wird? Brauchen wir nicht gerade verst\u00e4rkt \u201ea<em>naloge Kompetenzen im digitalen Zeitalter<\/em>\u201c, wie Gernot B\u00f6hme treffend formuliert hat?<\/p>\n<p>Das sind unzeitgem\u00e4\u00dfe Gedanken, ich wei\u00df, weil sie der scheinbar zwangsl\u00e4ufigen technischen Entwicklung bzw. deren \u00f6konomischen Verwertungsinteressen entgegenstehen. Aber: Der K\u00fcnstler und Schriftsteller John Berger hat schon vor drei\u00dfig Jahren angesichts der Zunahme k\u00f6rperloser Bilder einmal formuliert, dass etwa Malen heute immer mehr zu einer Art Widerstand gegen das Regime der Virtualit\u00e4t wird. Vielleicht ist es daher besonders zeitgem\u00e4\u00df, das scheinbar Unzeitgem\u00e4\u00dfe zu tun. In der Kunst, im Kunstunterricht und dar\u00fcber hinaus.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_75504\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 310px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75504 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Pressefoto-Krautz.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"397\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Jochen Kautz &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Jochen Krautz<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Jochen Krautz studierte Kunst, Latein und Erziehungswissenschaften in Wuppertal und K\u00f6ln. Seit 2013 lehrt er als Professor Kunstp\u00e4dagogik in der Fakult\u00e4t Design und Kunst der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Einfluss K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) nimmt auch in der Kunst stetig zu. Welchen Stellenwert kann und wird sie in der Kunst erreichen? Dar\u00fcber hat sich Autor Uwe Blass im Rahmen der Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit dem Kunstp\u00e4dagogen Prof. Dr. Jochen Krautz von der Bergischen Universit\u00e4t unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-75490","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-15 05:17:29","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75490","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=75490"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75490\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75509,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75490\/revisions\/75509"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=75490"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=75490"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=75490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}