{"id":75447,"date":"2024-05-28T11:44:36","date_gmt":"2024-05-28T09:44:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=75447"},"modified":"2024-06-06T10:12:43","modified_gmt":"2024-06-06T08:12:43","slug":"uni-hip-hop-kongress-mit-klangvollen-namen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/05\/28\/uni-hip-hop-kongress-mit-klangvollen-namen\/","title":{"rendered":"Uni: &#8222;Hip-Hop-Kongress&#8220; mit klangvollen Namen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_75455\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1453px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75455 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Cravageot-und-Schuchardt-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"1443\" height=\"962\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Wissenschaftlerinnen Marie Cravageot (l.) und Beatrice Schuchardt &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p><strong>Worum geht es in dem ersten &#8222;Hip-Hop-Kongress&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p>Beatrice Schuchardt: &#8222;Im Fokus steht ein Thema, das gegenw\u00e4rtige Gesellschaften bewegt: Es geht um Wandel; Klimawandel, Wandel durch neue Technologien, ver\u00e4nderte Stadtarchitekturen, Ver\u00e4nderungen durch globale Migrationsbewegungen und um ver\u00e4nderte Geschlechterbilder. Uns geht es um die Frage, wie diese Transformationsprozesse durch eine Musikgattung erz\u00e4hlt, vertont und befeuert wird, die sich global gro\u00dfer Beliebtheit erfreut: Der franz\u00f6sischsprachige Hip-Hop. Dieser bildet weltweit den zweitgr\u00f6\u00dften Markt f\u00fcr Hip-Hop nach den USA.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wo kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer her?<\/strong><\/p>\n<p>Marie Cravageot: &#8222;Das Programm unseres internationalen und interdisziplin\u00e4ren Kongresses wurde in drei Teilen konzipiert: Vortr\u00e4ge, eine Podiumsdiskussion und ein Konzert. F\u00fcr die Vortr\u00e4ge haben wir das Privileg, Wissenschaftlicherinnen und Wissenschaftler aus mehreren L\u00e4ndern begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Sie kommen aus Kanada, der Elfenbeink\u00fcste, der Schweiz, Frankreich, \u00d6sterreich und auch aus mehreren deutschen St\u00e4dten. Das Programm wird vielf\u00e4ltig sein, damit es auch f\u00fcr Nicht-Hip-Hop-Spezialistinnen und -Spezialisten zug\u00e4nglich ist. Die auf die Vortr\u00e4ge folgende Podiumsdiskussion mit frankophonen Hip-Hop-K\u00fcnstlern und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird interaktiv sein: Sie wird Sch\u00fclern aus der Region, Studierenden und der interessierten \u00d6ffentlichkeit die M\u00f6glichkeit bieten, sich \u00fcber die Potenziale und Grenzen des frankophonen Hip-Hops als Indikator und Motor f\u00fcr Ver\u00e4nderungen auszutauschen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Der Hip-Hop, sagen Sie als Veranstalter, signalisiere den gesellschaftlichen Wandel. Wodurch?<\/strong><\/p>\n<p>Beatrice Schuchardt: &#8222;Das geschieht auf mehreren Ebenen: Thematisch, textlich, musikalisch und durch eine im Wandel befindliche Szene von Hip-Hop-K\u00fcnstlerinnen und -K\u00fcnstlern, die sich zum Beispiel auf Gender-Ebene genauso diversifiziert hat, wie es auch in gegenw\u00e4rtigen Gesellschaften der Fall ist. Kulturell divers war Hip-Hop immer schon. Ein Thema, das in allen vier Elementen der Hip-Hop Kultur (Rap, DJing, Graffiti, Breakdance) immer wieder neu verhandelt wird, ist daher Kultur in Bewegung, etwa durch Migration oder neue Lebensr\u00e4ume, die durch Umweltsch\u00e4den erschlossen werden m\u00fcssen. Hip-Hop st\u00f6\u00dft Wandel da an, wo er bekannte Themen neu rahmt und sie in unbekannte Kontexte stellt.<\/p>\n<p>Ein Track aus Frankreich, um den es auch auf der Tagung gehen wird, \u201eArkboot\u201c von Cadillac, benutzt zum Beispiel bekannte Bildmetaphern, die in der europ\u00e4ischen Presse zur sogenannten \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c verwendet wurden: Da wurden vor allem die Menschen, die mit dem Boot nach Europa kommen, als \u201eFlutwelle\u201c bezeichnet, Europa demgegen\u00fcber als \u201evolles Boot\u201c, das zu kentern droht. \u201eArkboot\u201c (2019) perspektiviert das anders und neu, indem Europa zur rettenden Arche (\u201eArk\u201c) wird. Es ist aber die Rede von einer begr\u00fc\u00dfenswerten Subversion, von einer Festplatte, die nach einem Trojaner neu gestartet werden muss (\u201ereboot\u201c). Es wird gesagt, dass dieser Neustart beide Seiten betrifft: die, die kommen und die, die bereits da sind. Hier erscheint der Trojaner nicht als etwas Sch\u00e4dliches, sondern bewirkt Ver\u00e4nderung im Positiven.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75460\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75460 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/street-dancer-2258281_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"398\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Hip-Hop-Stra\u00dfen-T\u00e4nzer &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Seit wann gibt es diese Stilrichtung eigentlich schon?<\/strong><\/p>\n<p>Marie Cravageot: &#8222;Der franz\u00f6sische Rap hat seine Wurzeln in der Hip-Hop-Kultur der South-Bronx in New York in den fr\u00fchen 1970er Jahren. Davon inspiriert, entwickelten sich in Frankreich in den Arbeitervierteln von Gro\u00dfst\u00e4dten wie Paris, Lyon und Marseille Breakdance und Graffiti. Der Rap wurde auf nat\u00fcrliche Weise in diese aufstrebende st\u00e4dtische Kultur integriert. Anfang der 1980er Jahre brachten Dee Nasty und DJ Kool Herc diese neue Form des musikalischen Ausdrucks nach Frankreich. Sie organisierten die ersten Hip-Hop-Partys und brachten die Grundlagen des DJing und Scratching mit. Der erste kommerzielle Erfolg des Rap erfolgte 1984 mit der emblematischen Gruppe IAM, die mit \u201ePlan\u00e8te Mars\u201c einen bedeutenden Hit landete.<\/p>\n<p>1990 katapultierte NTM, bestehend aus Joey Starr und Kool Shen, den franz\u00f6sischen Rap ins nationale Rampenlicht. Die 1990er Jahre sind das goldene Zeitalter des franz\u00f6sischen Rap. Diese Zeit war von einer beispiellosen k\u00fcnstlerischen Bl\u00fcte und Kreativit\u00e4t gepr\u00e4gt. Symboltr\u00e4chtige Gruppen und K\u00fcnstler wie Supr\u00eame NTM, MC Solaar, IAM, Assassin, Fonky Family, Lunatic und Minist\u00e8re A.M.E.R. tauchten auf und zogen ein immer gr\u00f6\u00dferes Publikum in ihren Bann. \u00dcber die Musik hinaus erweist sich der franz\u00f6sische Rap als ein Mittel des sozialen Engagements und der Anprangerung von Ungerechtigkeiten. Im Laufe der 2000er Jahre hat der franz\u00f6sische Rap seinen Stil mit dem Aufkommen von Str\u00f6mungen wie Conscious Rap, Hardcore Rap, Alternative Rap und Commercial Rap diversifiziert. K\u00fcnstler wie MC Solaar, Booba und PNL haben es geschafft, auch nicht-franz\u00f6sischsprachige Publikumsschichten zu erobern und die franz\u00f6sische Rapkultur weltweit zu verbreiten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wie \u00fcbersetzt denn der Hip-Hop diese gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen?<\/strong><\/p>\n<p>Beatrice Schuchardt<strong>:<\/strong> &#8222;Das passiert auf mehreren Ebenen. Einmal sprachlich, denn, frankophone Rap-Texte sind Orte, wo Wortneusch\u00f6pfungen entstehen, aber auch Orte, die solche Neologismen verbreiten. Die franz\u00f6sische Jugendsprache, das <em>verlan <\/em>mit seinen schnellen Ver\u00e4nderungen und Silbenverdrehungen, ist eine Quelle f\u00fcr diesen sprachlichen Wandel. Auch klanglich wird Ver\u00e4nderung thematisiert und initiiert, zum Beispiel durch neue Sounds. Ab 2010 finden wir im Hip-Hop pl\u00f6tzlich auch klassische Instrumente wie die Oboe, die zuvor verp\u00f6nt war, etwa im Track \u201eFen\u00eatre sur rue\u201c (\u201eFenster zur Stra\u00dfe\u201c) von Hugo TSR. Klangliche Verfeinerung wird dabei oft bewusst mit der textlichen Schilderung von Gewalt und Drogenabh\u00e4ngigkeit kontrastiert. Das Ganze ist stets verbunden mit dem Ruf nach Ver\u00e4nderung. In puncto ver\u00e4nderte Geschlechterbilder zeigt Hip-Hop eine Diversifizierung an, wie sie inzwischen auch gesellschaftlich sichtbar ist. So hat sich die Rap-Szene von einem ehemals m\u00e4nnlich und heterosexuell dominierten Feld zu einem Bereich gewandelt, wo inzwischen FLINTA*-Rapperinnen wie Piche und Finna deutlich sichtbar sind (FLINTA* steht f\u00fcr Frauen, Lesben, inter, nicht-bin\u00e4re, trans und agender Personen, Anm. d. Red.).&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75461\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75461 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Affiche-hip-hop.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"847\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Plakat zum Hip-Hop-Konzert im Rahmen des Kongresses &#8211; \u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Einer der Vortr\u00e4ge stellt die Frage: Hat die Hip-Hop-Kultur die St\u00e4dte ver\u00e4ndert? Woran kann man das erkennen?<\/strong><\/p>\n<p>Beatrice Schuchardt: &#8222;Ein wichtiges Element ist Graffiti als Teil der Hip-Hop-Kultur. Auch Breakdance geh\u00f6rt dazu, denn er wird ja im Freien, also auf der Stra\u00dfe getanzt. Weil Hip-Hop mit sozialem Engagement einhergeht, schafft er Begegnungsst\u00e4tten, z. B. in Form von Jugendzentren. Hip-Hop prangert aber auch Entwicklungen wie die Gentrifizierung und soziale Verdr\u00e4ngungsprozesse durch verteuerten Wohnraum an. Die Marseiller Rapperin Keny Arkana hat das in ihrem Track \u201eLa rue nous appartient\u201c (\u201eDie Stra\u00dfe geh\u00f6rt uns\u201c, 2008) getan und damit auch sozialen Aktivismus und Proteste angesto\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wie vielf\u00e4ltig ist denn der franz\u00f6sische Hip-Hop?<\/strong><\/p>\n<p>Beatrice Schuchardt: &#8222;Ungemein vielf\u00e4ltig. Das betrifft die vielen verschiedenen Stilrichtungen und die Breite der aufgegriffenen Themen ebenso, wie die kulturelle Vielfalt und die sprachlich sowie musikalisch diversen Einfl\u00fcsse. Franz\u00f6sischen Hip-Hop gibt es in allen Teilen der frankophonen Welt. Dieses Ph\u00e4nomen, das auch eine Folge des franz\u00f6sischen Kolonialismus ist, wird im Rap stets kritisch mitreflektiert. Frankophonen Hip-Hop gibt es von der Elfenbeink\u00fcste und dem Senegal \u00fcber Algerien, Marokko und Tunesien bis nach Qu\u00e9bec und in die Karibik, z.B. auf Haiti und den Antillen. Neben Frankreich hat auch Belgien eine sehr vitale und weit \u00fcber die Landesgrenzen hinaus rezipierte Hip-Hop-Szene. Lokale Sprachen und Musikrichtungen flie\u00dfen in Hip-Hop aus allen genannten L\u00e4ndern ein, gleichzeitig gibt es globale Trends. Dabei ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass es auch innerhalb der einzelnen L\u00e4nder keine homogenen Hip-Hop-Kulturen gibt, sondern hochspezialisierte Szenen. Spezialisierung ist dabei auch eine Strategie, um herauszustechen. Hip-Hop bietet seit seinen Anf\u00e4ngen einen Raum f\u00fcr kulturelle, sprachliche und musikalische Diversit\u00e4t. Er ist auch deshalb so dynamisch und entsprechend empf\u00e4nglich f\u00fcr Ver\u00e4nderung als Thema und Prozess.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75462\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75462 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/graffiti-476093_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"399\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Markantes Hip-Hop-Graffiti &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Marie Cravageot: &#8222;Das Spektrum der Stile und Merkmale des franz\u00f6sischen und franz\u00f6sischsprachigen Hip-Hops ist sehr breit. Es ist in der Tat auff\u00e4llig, wenn man von JUL (Superstar der Generation Z aus Marseille), dessen Texte und Musikstil von der Musikkritik oft hart beurteilt wurde, zu einem K\u00fcnstler wie Stromae \u00fcbergeht, einem belgischen K\u00fcnstler mit durchschlagendem Erfolg, der von allen Medien weitgehend begr\u00fc\u00dft wurde. Obwohl auf den ersten Blick alles zwischen diesen beiden K\u00fcnstlern zu stehen scheint, repr\u00e4sentieren sie meiner Meinung nach die ganze Vielfalt des Hip-Hop, sowohl in Bezug auf Texte, Musik, Stilfindung und die Inszenierung der Videoclips ihrer Lieder. Wenn es ein Musikgenre gibt, das von Vielfalt gepr\u00e4gt ist, dann ist es der Hip-Hop. Das macht seinen Reichtum aus, aber auch seine Komplexit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen Codes, Slangs und auch andere Sprachen in der Umsetzung dieses Musikstils?<\/strong><\/p>\n<p>Marie Cravageot: &#8222;Hip-Hop, insbesondere Rap, ist ein eminent urbanes Medium, das die Sprache der Jugend vermittelt. Wie keine andere Musik sind seine Texte im Herzen des modernen m\u00fcndlichen Sprachgebrauchs verwurzelt. Anglizismen, Abk\u00fcrzungen, Importe aus anderen L\u00e4ndern, neue Formen des Slangs, Abwandlungen aller Art. Rap macht Ausdr\u00fccke popul\u00e4r, die urspr\u00fcnglich oft sehr lokal gepr\u00e4gt waren. Und wenn die Zahl der Aufrufe eines Songs in die H\u00f6he schnellt, werden die Codes, W\u00f6rter und Referenzen eines Viertels, einer Gruppe oder eines einfachen Freundeskreises dem Rest der Welt zug\u00e4nglich gemacht. W\u00e4hrend viele diese sprachlichen Varianzen neugierig entdecken, besch\u00e4ftigen sich andere mit diesem soziolinguistischen Ph\u00e4nomen mit gr\u00f6\u00dfter Ernsthaftigkeit durch herausragende Linguisten.<\/p>\n<p>Wie in ihrem Alltag, in dem sie mehrere Sprachen sprechen, jonglieren auch Rap-Texte zwischen den Sprachen. Wir denken hier an sehr bekannte K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler wie z. B. Soolking, einen franz\u00f6sisch-algerischen Rapper und T\u00e4nzer kabylischer Herkunft, der nicht nur Franz\u00f6sisch und Arabisch mischt, sondern auch einen heterogenen Musikstil pr\u00e4sentiert, in dem man nicht-urbane Popmusik, Reggae und algerischen Folklore-findet. Soolking hat wie auch andere mehrsprachige K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler schlie\u00dflich den Weg f\u00fcr einen neuen Musikstil geebnet, die einen hybriden, bunten und gemischten Hip-Hop anbieten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was hat denn der Hip-Hop mit dem Klimawandel zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Beatrice Schuchardt: &#8222;Seit seinen Anf\u00e4ngen in den 1980ern \u00fcbt franz\u00f6sischsprachiger Hip-Hop Kritik an gesellschaftlichen Missst\u00e4nden, an sozialer Ungleichheit, Rassismus oder struktureller Gewalt. Zu dieser im Hip-Hop \u00fcblichen Gesellschaftskritik z\u00e4hlt auch die Benennung von Umweltsch\u00e4den, der Aufruf zu einem bewussteren und verantwortungsvolleren Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten, die sich ab Ende der 1980er im Rap bemerkbar macht. Im Rap geht es mit dem Aufruf, den Planeten zu retten, im Wesentlichen um Zukunftschancen, die die junge Generation f\u00fcr sich einfordert.\u00a0 Das geht im Rap einher mit der Kritik an politischen Entscheidungen und an Wirtschaftssystemen. Waren es um 1989 bei Assassin noch das Ozonloch, die Abholzung der Regenw\u00e4lder und nukleare Tests, die im franz\u00f6sischen Rap kritisiert wurden, widmen sich K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler wie Orelsan heute vor allem dem Klimawandel als buchst\u00e4blich brennender Thematik. Dabei geht es auch um die Kritik an Konsumkulturen. Konsum als Statussymbol ist \u00fcbrigens auch in der Hip-Hop-Szene weitverbreitet: gro\u00dfe Autos mit hohem Benzinverbrauch und ein hoher Verschlei\u00df an Kleidung gelten als Zeichen, dass man es geschafft hat. In Tracks, die genau das kritisieren, fasst sich der Hip-Hop gewisserma\u00dfen auch selbst an die Nase.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75463\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75463 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/kaputze-1171625_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"338\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Hip-Hop-Fan im typischen Outfit &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Der Kongress endet \u2013wie kann es anders sein &#8211; mit einem gro\u00dfartigen Hip-Hop-Konzert. Wer kommt und wo wird das Konzert veranstaltet?<\/strong><\/p>\n<p>Marie Cravageot: &#8222;Wir freuen uns, dass wir drei franz\u00f6sischsprachige K\u00fcnstler, die in NRW leben, begr\u00fc\u00dfen d\u00fcrfen. Das zeigt, dass der Hip-Hop in seiner Vielfalt wirklich ganz nah bei uns ist! Wir empfangen den Rapper ALBI X, einen mitrei\u00dfenden und energiegeladenen afrodeutschen K\u00fcnstler, der gekonnt seine kongolesischen Wurzeln mit seinem Werdegang voller reicher Begegnungen verbindet. In seinen Texten wechselt er nahtlos zwischen Franz\u00f6sisch, Lingala, Deutsch und Englisch. Eine mehrsprachige und multikulturelle Mischung, die es ihm erm\u00f6glicht, mit seinem abwechslungsreichen Spiel zwischen Trap, Hip-Hop, Afro und auch afrikanischen Kl\u00e4ngen seinen positiven Geist problemlos an all diejenigen weiterzugeben, die keine der genannten Sprachen verstehen. Auf diese Weise bek\u00e4mpft er Diskriminierung auf positive, energiegeladene und integrative Weise. Unser Favorit, den Sie so schnell wie m\u00f6glich entdecken sollten: <em>C&#8217;est ma vie<\/em> (2023).<\/p>\n<p>Wir werden auch Guy Dermosessian empfangen, der in Beirut geboren und aufgewachsen ist. Er ist DJ, Vinyl-Sammler und Gr\u00fcnder des Musiklabels Kalakuta Soul Records. Seit \u00fcber f\u00fcnfzehn Jahren zieht er mit gut gef\u00fcllten Plattenkoffern durch die Clubs der Welt. In seinen eklektischen DJ-Sets stellt er die eurozentrische Clubkultur und ihren musikalischen Kanon in Frage und spielt viel lieber nigerianischen Boogie, libanesischen Pop, kamerunischen Mokassa oder syrischen Hip-Hop. Au\u00dferdem haben wir DJ ADJO zu Gast, die Mitglied des Global South Sound Collective ist. Sie ist in einer Mischung aus deutscher und togoischer Kultur aufgewachsen, was ihre musikalische Identit\u00e4t zu einem innovativen Sound weiterentwickelt hat. Sie l\u00e4sst sich von Genres wie Afrobeats, Soul, Samba, Highlife und britischen Kl\u00e4ngen wie UK Garage oder Jungle inspirieren. ADJO nimmt uns mit jedem Cover mit auf eine Reise durch ihr vielf\u00e4ltiges musikalisches Universum voller panafrikanischer Musik, Soundcloud-Nuggets und hausgemachter Edits. Wir pr\u00e4sentieren diese K\u00fcnstler am 7. Juni um 18.00 Uhr auf der AStA-Ebene der Universit\u00e4t Wuppertal. Der Eintritt ist frei.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was gef\u00e4llt Ihnen pers\u00f6nlich denn an diesem Stil?<\/strong><\/p>\n<p>Beatrice Schuchardt<strong>:<\/strong> &#8222;Das Spielerische an Sound, Arrangements und Texten. In vielen Tracks spielen Sprachspiele, die Lust, Sprache neu und anders zu verwenden, Grammatikregeln aufzubrechen, mit Klangstrukturen von W\u00f6rtern zu spielen, eine gro\u00dfe Rolle. Im Vergleich zu den eher harten Beats der 1990er und 2000er ist der Sound seit ca. 2010 weicher und gef\u00e4lliger geworden, was oft einen Kontrast zur harschen Sozial- und Kulturkritik bildet. Auch Humor ist wichtig. Ich mag vor allem solchen franz\u00f6sischsprachigen Hip-Hop, der sich selbst nicht zu ernst nimmt.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_75464\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75464 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/microphone-5803205_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Hip-Hop, eine Musik, die viele Jugendliche bewegt &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Marie Cravageot:\u00a0 &#8222;Meine Jugend wurde von MC Solaar und IAM gepr\u00e4gt, K\u00fcnstler, an denen man nicht vorbeikam, auch ohne in den Vorst\u00e4dten aufgewachsen zu sein. Heute entdecke ich diese Texte aus den 1990er Jahren wieder und staune \u00fcber ihre poetische Kraft. Dieses Schreibtalent findet sich \u00fcbrigens auch bei einigen Hip-Hop-K\u00fcnstler*innen in der literarischen Welt, wie Abd al Malik oder Gael Faye. Letzterer ist derzeit in Frankreich ein K\u00fcnstler, der sowohl von der Musik- als auch von der Literaturkritik gelobt wird. Neben der Musik und den Texten ist auch die bemerkenswerte Interpretationskraft vieler Hip-Hop-K\u00fcnstlerinnen und -K\u00fcnstler zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Davon zeugt zum Beispiel die unglaubliche Ausdruckskraft der jungen Rapperin Keny Arkana aus Marseille. Und dann gibt es im Hip-Hop noch ein zentrales Merkmal, n\u00e4mlich die Kollektive, Crews oder auch Featurings. Diese Ph\u00e4nomene, bei denen K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler zusammenarbeiten und sich gegenseitig einladen, einen Titel gemeinsam zu komponieren, sind ein starker Marker f\u00fcr Solidarit\u00e4t, Austausch und Bereicherung. Und im Gegensatz zu dem, was in den Medien verbreitet wird, vermittelt die Kraft des Hip-Hop mehr positive Werte, als man denkt!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_75456\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75456 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Cravageot-und-Schuchardt-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"104\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Marie Cravageot (l.) und Beatrice Schuchardt &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Beatrice Schuchardt und Marie Cravageot<\/h4>\n<p>Beatrice Schuchardt ist habilitierte Frankoromanistin und Hispanistin. Nach Auszeichnungen der Universit\u00e4ten M\u00fcnster und Dresden in Forschung und Lehre und Vertretungen in Freiburg und Dresden, wo sie das \u201cCentre France | Francophonie leitete\u201d, vertritt sie seit dem Sommersemester 2023 die Professur f\u00fcr Franz\u00f6sische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.<\/p>\n<p>Marie Cravageot arbeitet im Fachbereich Romanistik an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal in einer Doppelfunktion: als Mentorin f\u00fcr die Ma\u00dfnahme &#8222;Qualit\u00e4tsma\u00dfnahmen in der Studieneingangsphase&#8220; (QSP) f\u00fcr die Studierenden der Romanistik und (auch) als Dozentin f\u00fcr franz\u00f6sische Kultur- und Literaturwissenschaft. Ihre Schwerpunkte liegen in der franz\u00f6sischen Exilliteratur und zeitgen\u00f6ssischen franz\u00f6sischen und frankophonen Literatur.<\/p>\n<p><strong>Termin:<\/strong><\/p>\n<p>Hip-Hip-Konzert<\/p>\n<h4>Rapper ALBI X &#8211; Guy Dermosessian &#8211; DJ ADJO<\/h4>\n<p><strong>Freitag &#8211; 07.06.2024 &#8211; 18.00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Bergischen Universit\u00e4t &#8211; AStA-Ebene &#8211; Gau\u00dfstr. 20 &#8211; 42119 Wuppertal<\/p>\n<p>Der Eintritt ist frei<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fachbereich Romanistik der Uni veranstaltet vom 06. bis zum 07. Juni den ersten Hip-Hop-Kongress an der Bergischen Universit\u00e4t. Thema: &#8222;Ver\u00e4nderung durch Hip-Hop&#8220;. Autor Uwe Blass hat sich dar\u00fcber in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit den Wissenschaftlerinnen Beatrice Schuchardt und Marie Cravageot unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-75447","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-06-02 21:24:01","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=75447"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75447\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75466,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75447\/revisions\/75466"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=75447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=75447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=75447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}