{"id":75364,"date":"2024-05-28T09:47:05","date_gmt":"2024-05-28T07:47:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=75364"},"modified":"2024-05-28T09:47:05","modified_gmt":"2024-05-28T07:47:05","slug":"erinnerungen-an-e-m-forsters-buch-auf-der-suche-nach-inden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/05\/28\/erinnerungen-an-e-m-forsters-buch-auf-der-suche-nach-inden\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an E.M. Forsters Buch: &#8222;Auf der Suche nach Inden&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"pagewrapper\">\n<div id=\"page\">\n<div class=\"bgGreyRight full-width-bg\">\n<div class=\"container\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-12 col-lg-9 whiteBgContent\">\n<div class=\"content\">\n<div class=\"content-main\">\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_75369\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 910px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75369 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Sandra_Heinen.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"600\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Sandra Heinen, Professorin f\u00fcr Anglistik an der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Foto: Berenika Oblonczyk<\/span><\/div>\n<p><strong>Edward Morgan Forster geh\u00f6rt zu den wichtigsten englischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Welche Gr\u00fcnde sind daf\u00fcr ausschlaggebend?<\/strong><\/p>\n<p>Sandra Heinen: &#8222;Die Prozesse literarischer Wertung sind komplex und werden von vielen Faktoren beeinflusst. Wenn man den Grund f\u00fcr das anhaltende Renommee des Autors in den Romanen selbst suchen will, ist meines Erachtens die Verquickung von kulturspezifischen und universellen Themen zentral. Forsters Texte thematisieren einerseits Fragen, die charakteristisch f\u00fcr die Mentalit\u00e4t der klassischen Moderne sind. Es ist eine Zeit weitreichender Ver\u00e4nderungen, die bis heute nachwirken und die daher weiterhin interessieren.<\/p>\n<p>Andererseits bearbeiten Forsters Romane aber auch Themen, die epochen\u00fcbergreifende Relevanz besitzen, wie zum Beispiel das Verh\u00e4ltnis von innerem und \u00e4u\u00dferem Leben oder die Frage, ob und wie es m\u00f6glich ist, soziale und kulturelle Schranken zu \u00fcberwinden. Durch diese Verbindung von Speziellem und Allgemeinem er\u00f6ffnen die Texte Einblicke in die Zeit ihrer Entstehung, sind aber nicht zu reinen Zeitdokumenten geworden, sondern sprechen Leserinnen und Leser immer noch an.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus mag auch die Tatsache, dass Forster in &#8218;<em>Aspects of the Novel<\/em> &#8218;(<em>Ansichten des Romans<\/em>) eine Romantheorie formuliert hat, die im literaturwissenschaftlichen Diskurs Beachtung gefunden hat, die Rezeption seiner Romane bef\u00f6rdert haben. Sicherlich haben Forsters Zugeh\u00f6rigkeit zur ber\u00fchmten Bloomsbury Group und die preisgekr\u00f6nten und kommerziell erfolgreichen Verfilmungen der Romane zur heutigen Stellung des Autors beigetragen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Worum handelte es sich bei der Bloomsbury Group?<\/strong><\/p>\n<p>Sandra Heinen: &#8222;Die Bloomsbury Group war ein Kreis von befreundeten (sowie zum Teil auch verwandten oder verheirateten) K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern sowie Intellektuellen, die zu regelm\u00e4\u00dfigen Treffen zusammenkamen und den englischen Modernismus entscheidend pr\u00e4gten. Benannt ist die Gruppe nach dem Londoner Stadtteil Bloomsbury, in dem viele der Treffen stattfanden. Wichtiger Treffpunkt war ein Haus am Gordon Square, in dem die ber\u00fchmte Schriftstellerin Virginia Woolf ab 1904 zusammen mit ihren drei Geschwistern lebte.<\/p>\n<div id=\"attachment_75371\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 460px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75371 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/EMForster1917_gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"577\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der britische Autor E.M. Forster (1917) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Weitere namhafte Personen, die der Gruppe zugerechnet werden, sind der Kunstkritiker Clive Bell, die Malerin Vanessa Bell (Virginia Woolfs Schwester), der Maler Roger Fry, der Maler Duncan Grant, der \u00d6konom John Maynard Keynes, der Autor Lytton Strachey, der Verleger Leonard Woolf (Virginia Woolfs Ehemann), \u2013 und ab den 1910er Jahren auch E.M. Forster. Der intellektuelle und k\u00fcnstlerische Austausch beeinflusste die Arbeiten der Mitglieder stark. Gemeinsam steht die Gruppe f\u00fcr die englische Auspr\u00e4gung des Modernismus als kulturelle Hochphase des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Am 4. Juni 1924 erschien A Passage to India, sein letztes Werk. Worum geht es in dem Roman?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sandra Heinen: &#8222;<\/strong>Hauptthema von &#8218;A Passage to India&#8216; (<em>Auf der Suche nach Indien<\/em>) ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Briten und Indern in der britischen Kolonie Britisch-Indien in den 1920er Jahren. Die Geschichte spielt gr\u00f6\u00dftenteils in Nordindien, an einem Ort, an dem die britischen Kolonialherren einen St\u00fctzpunkt errichtet haben, von dem aus sie das Land beherrschen. Aus England reisen zwei Frauen an, f\u00fcr die das Land neu ist und die es gerne kennenlernen wollen. Ihre Versuche, dem \u201awirklichen Indien\u2018 zu begegnen enden in einem Gerichtsverfahren, in dem ein junger indischer Arzt angeklagt ist, die j\u00fcngere der Frauen unsittlich ber\u00fchrt zu haben. Zwar zerschlagen sich die Anschuldigungen, aber Vertrauensverh\u00e4ltnisse, die sich zwischen indischen und englischen Figuren zuvor vereinzelt entwickelt haben, sind am Ende des Romans fundamental ersch\u00fcttert.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Man spricht bei diesem Roman auch vom \u201aPrototyp der postkolo\u00adnialen Literatur\u2018. Was bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p>Sandra Heinen: &#8222;Der Begriff \u201apostkolonial\u2018 wird heute in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Zuweilen wird postkoloniale Literatur durch die Herkunft definiert. Dann w\u00e4ren ihr vor allem Texte zuzurechnen, die in vormals kolonialisierten L\u00e4ndern entstehen. Eine andere Begriffsverwendung, die aufgrund des Pr\u00e4fixes \u201apost\u2018 oft mitschwingt, legt den Fokus auf die Entstehungszeit und betrachtet postkoloniale Literatur vorrangig als Literatur, die retrospektiv auf eine vergangene Kolonialzeit zur\u00fcckblickt. Im Sinne dieser beiden Begriffsverwendungen ist &#8222;A Passage to India&#8220; kein postkolonialer, sondern \u2013 gewisserma\u00dfen das Gegenteil \u2013 ein kolonialer Roman, denn er wurde mehr als 20 Jahre vor der indischen Unabh\u00e4ngigkeit und zudem von einem Europ\u00e4er verfasst.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Es gibt aber mindestens zwei konkurrierende Begriffsbestimmungen, denen zufolge <em>A Passage to India<\/em> durchaus als postkolonialer Roman bezeichnet werden kann. Einer bekannten Definition zufolge beginnt Postkolonialit\u00e4t nicht mit der Dekolonialisierung, sondern bereits mit Beginn der Kolonialisierung, die f\u00fcr beide beteiligten Gesellschaften tiefgreifende Ver\u00e4nderungen mit sich bringt. Eine weitere Begriffsverwendung schlie\u00dflich definiert \u201apostkolonial\u2018 weder zeitlich noch r\u00e4umlich, sondern als Haltung. Literatur w\u00e4re demnach postkolonial, wenn sie Kolonialismus oder allgemeiner: Ausbeutungsstrukturen jeder Art kritisiert.<\/p>\n<p>Dies geschieht in &#8222;A Passage to India&#8220; unmissverst\u00e4ndlich mit der Darstellung der englischen Kolonialisten. Auch macht Forster mit dem Arzt Dr. Aziz eine indische Figur zum Protagonisten der Handlung und r\u00e4umt so der indischen Perspektive viel Platz ein. Dies wird schon in der ersten Szene des Romans deutlich, in der mehrere Inder \u00fcber die Frage diskutieren, ob man (als Inder) mit einem Engl\u00e4nder befreundet sein kann. Andererseits bleibt Forster in einigen Punkten dem kolonialen Diskurs treu, indem er orientalistische Stereotype des \u201aAnderen\u2018 reproduziert. Der Text ist daher beides: Ein Produkt des kolonialen Diskurses und sehr nachdr\u00fccklich vorgebrachte Kritik an diesem.&#8220;<\/p>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>Viele von Forsters Werken wurden in den 1980er und 1990er Jahren verfilmt: A Passage to India (Reise nach Indien, 1984), Room with a View (Zimmer mit Aussicht, 1985), Maurice (1987), Where Angels Fear to Tread (Engel und Narren, 1991) und Howards End (Wiedersehen in Howards End, 1992). Warum erst so sp\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p>Sandra Heinen: &#8222;Forster hatte keine hohe Meinung vom Film und lehnte fast alle entsprechenden Anfragen ab. Er selbst willigte nur in die Produktion von zwei Fernsehfilmen der BBC ein: 1965 wurde eine Verfilmung von Santha Rama Raus Theateradaption von <em>A Passage to India <\/em>gesendet (Regie: Waris Hussein); 1966 folgte die Verfilmung der Kurzgeschichte \u201eThe Machine Stops\u201c (Regie: Philip Saville). Erst mehr als eine Dekade nach Forsters Tod im Jahr 1970 wurden durch die Nachlassverwalter weitere Filmrechte vergeben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"attachment_75372\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 460px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75372 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/csm_Doktor_honoris_causa_in_Leiden__1954___CC_BY_4.0_7df91a6210.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"600\" \/><span class=\"wp-caption-text\">E. M. Forster &#8211; Doktor honoris causa 1954 in Leiden (Niederlande) &#8211; \u00a9 CC BY 4.0<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p>Die Rechtefreigabe erfolgte in einer f\u00fcr die Realisierung g\u00fcnstigen Phase: Sogenannte Heritage-Filme, die die britische Vergangenheit in aufw\u00e4ndigen Historienfilmen repr\u00e4sentierten und dabei vor allem auf literarische Vorlagen zur\u00fcckgriffen, dominierten in den 1980er und 1990er Jahren die britische Filmindustrie. Das Interesse an historischen Stoffen wird heute als Reaktion auf die sozialen Ver\u00e4nderungen betrachtet, die die Politik von Margaret Thatcher mit sich brachte. Eine eigene Untergruppe der Heritage-Filme waren Inszenierungen von Geschichten aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft in Indien, der auch David Leans Verfilmung von &#8222;A Passage zu India&#8220; zuzurechnen ist. Forsters Romane passten \u2013 wie sonst nur das Werk von Henry James \u2013 perfekt zum nostalgischen Blick in die Vergangenheit, f\u00fcr den die Heritage-Filme bekannt wurden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Bereits 1909 erschien seine Kurzgeschichte \u201eDie Maschine steht still\u201c, in der er weite Teile der technologischen Entwicklung vorwegnimmt und vor deren Gefahren warnt. Damit ist er heute doch hochaktuell, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Sandra Heinen: \u201eThe Machine Stops\u201c ist der einzige Science Fiction-Text von Forster, steht aber in einer Reihe von fiktionalen Zukunftsszenarien, die in der Moderne entworfen wurden. Ein recht bekannter fr\u00fcherer englischsprachiger Text ist beispielsweise &#8218;The Time Machine&#8216; (<em>Die Zeitmaschine<\/em>, 1895) von H.G. Wells. Wie in anderen Texten des Genres sind auch bei Forster Entwicklungen in der realen Welt Ausgangspunkt f\u00fcr ein Gedankenexperiment, in dem eine m\u00f6gliche Zukunft konturiert wird. In diesem Fall ist die zunehmende Technisierung der Welt in der Moderne das Ph\u00e4nomen, \u00fcber dessen m\u00f6gliche Folgen Forster spekulativ reflektiert.<\/p>\n<p>Die Zukunftsvision, die er entwirft, wirkt stellenweise in der Tat wie eine \u00dcberzeichnung aktuell beobachtbarer Entwicklungen: Die Menschen leben nicht mehr in sozialen Gemeinschaften, sondern einzeln in unterirdischen Kammern. Es gibt weder die Notwendigkeit noch den Wunsch, diese Kammern zu verlassen, denn was die Menschen ben\u00f6tigen, wird ihnen durch \u201adie Maschine\u2018 in der eigenen Kammer bereitgestellt. Unmittelbare sinnliche und soziale Erfahrung wird durch Simulationen ersetzt. Die Natur an der Erdoberfl\u00e4che wurde soweit zerst\u00f6rt, dass ein Aufenthalt au\u00dferhalb der maschinenkontrollierten Kammern als t\u00f6dlich gilt.<\/p>\n<p>Wie in unserem Digitalzeitalter mit seinen virtuellen Welten unterwerfen sich die Menschen bei Forster der Maschine freiwillig, die Einschr\u00e4nkung der Erfahrungswelt und die Abh\u00e4ngigkeit von der Maschine sind also \u2013 anders als z.B. in <em>The Time Machine<\/em> oder Fritz Langs Film <em>Metropolis<\/em> (1927) \u2013 selbstgew\u00e4hlt. \u00dcberraschend sind diese Parallelen vor allem deshalb, weil sie die Folgen der Digitalisierung zu antizipieren scheinen, obwohl Forster seinen Text lange vor der Entwicklung des ersten Computers schrieb.<\/p>\n<p><strong>Mit Maurice schuf er bereits 1913\/14 einen Roman, der sich mit Homosexualit\u00e4t besch\u00e4ftigte. Warum wurde dieser Roman erst 1971 posthum ver\u00f6ffentlicht?<\/strong><\/p>\n<p>Sandra Heinen: &#8222;Forster hatte wohl nie vor, den Roman zu Lebzeiten zu ver\u00f6ffentlichen, hat ihn aber im Laufe seines Lebens mehrfach \u00fcberarbeitet und 1960 auch eine Version f\u00fcr die posthume Publikation vorbereitet. Trotz ver\u00e4nderter Stimmung standen sexuelle Handlungen zwischen M\u00e4nnern auch 1960 noch unter Strafe. Zwar hatte der Bericht einer Kommission, die nach der Verhaftung einer Reihe prominenter M\u00e4nner von der britischen Regierung eingesetzt worden war, 1957 die Entkriminalisierung empfohlen, aber erst 1967, also zehn Jahre nach der Ver\u00f6ffentlichung des Kommissionsberichts, legalisierte der &#8218;Sexual Offences Act&#8216; homosexuelle Handlungen zwischen M\u00e4nnern in England und Wales. Entsprechende Gesetzgebungen f\u00fcr Schottland und Nordirland wurden erst in den 1980er Jahren verabschiedet. Als Forster den Roman Anfang des Jahrhunderts schrieb, war die \u00f6ffentlichkeitswirksame Verurteilung von Oscar Wilde zu Zuchthaus und Zwangsarbeit noch keine 20 Jahre her und stellte sicher auch f\u00fcr Forster noch ein warnendes Beispiel dar.<\/p>\n<p>Interessant ist in diesem Zusammenhang die Schlussgebung des Romans. Wie eine fiktionale Geschichte ausgeht, wird oft als Form der moralischen Bewertung durch den Autor gelesen: Erlebt eine Figur ein Happy End, scheint dies anzuzeigen, dass der Autor das Verhalten seiner Figur guthei\u00dft und sie daher mit einem gl\u00fccklichen Ausgang belohnt. Endet eine Geschichte ungl\u00fccklich, kann dies als Kritik am Verhalten der betroffenen Figuren verstanden werden. Diese Konvention der \u201apoetischen Gerechtigkeit\u2018, die im Roman des 19. Jahrhunderts besonders wirkm\u00e4chtig war, zeigt sich zum Bespiel daran, dass B\u00f6sewichte am Ende von Romanen dieser Zeit selten ungestraft davonkommen, sondern in der Regel auf die eine oder andere Art sanktioniert werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_75374\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 460px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75374\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/71alSdzk9wL._SL1500_.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"796\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Auf der Suche nach Indien&#8220; &#8211; E.M. Forster &#8211; Sweete Story \u00fcber Amazon &#8211; 1. Januar 1985<\/span><\/div>\n<p>Nun schrieb Forster im liberaleren fr\u00fchen 20. Jahrhundert und entwarf \u2013 als entschiedenen Gegenentwurf zur Realit\u00e4t \u2013 bewusst eine Geschichte, in der Homosexualit\u00e4t nicht bestraft wird. Im Nachwort des Romans beschreibt Forster seine Konzeption r\u00fcckblickend: \u201eA happy ending was imperative. [&#8230;] I was determined that in fiction anyway two men should fall in love and remain in it for the ever and ever that fiction allows\u201c. Weil das gl\u00fcckliche Ende von <em>Maurice<\/em> Homosexualit\u00e4t implizit normalisiert, stand es, wie Forster an gleicher Stelle ebenfalls betont, einer Ver\u00f6ffentlichung zu seinen Lebzeiten im Weg.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>Zu Forsters bekanntesten Zitaten z\u00e4hlt der Satz: \u201eWie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich h\u00f6re, was ich sage?\u201c Was meint er damit?<\/strong><\/p>\n<p>Sandra Heinen: &#8222;Der vielzitierte Aphorismus scheint intuitiv plausibel, ist aber ohne weiteren Kontext deutungsoffen. Bei Forster findet er sich in &#8218;<em>Aspects of the Novel&#8216;<\/em>, der Publikation einer Vorlesungsreihe, die Forster 1927 in Cambridge gehaltenen hat und in deren Verlauf er auf unterhaltsame Weise zentrale Gattungsmerkmale des Romans beschreibt. Aus erz\u00e4hltheoretischer Sicht ist &#8218;<em>Aspects of the Novel&#8216;<\/em> unter anderem wegen Forsters Unterscheidung von Story (Ereignisfolge) und Plot (Folge von Ereignissen mit kausaler Verkn\u00fcpfung) relevant. Im Hinblick auf den Plot vertritt Forster die Auffassung, dass Romane einen koh\u00e4renten und vorab geplanten Plot haben sollten. Zwar k\u00f6nnen und sollten Autorinnen und Autoren ihre Leser phasenweise \u00fcber Zusammenh\u00e4nge im Unklaren lassen, aber sie selbst sollten beim Schreiben den ganzen Plot vor Augen haben.<\/p>\n<p>Forster erw\u00e4gt Ans\u00e4tze plan- und plotlosen Schreibens und bezieht sich dazu auf Andr\u00e9 Gides kurz zuvor erschienen Roman &#8218;Die Falschm\u00fcnzer&#8216; (1925), den er als \u201agewaltt\u00e4tigen Angriff\u2018 auf den Plot in seinem Sinn betrachtet. Mit einer Anekdote \u00fcber eine \u00e4ltere Dame, die auf den Vorwurf, unlogisch zu sein, mit dem bekannten Satz (im Original: \u201eHow do I know what I think until I see what I <em>say<\/em>?\u201c) reagiert, macht sich Forster \u00fcber Gides demonstrative Verweigerung eines planorientierten Schreibprozesses lustig. Der Satz ist also in &#8222;Aspects of the Novel&#8216; ausdr\u00fccklich keine Selbstbeschreibung Forsters, sondern im Gegenteil grenzt Forster seine Herangehensweise von der der \u00e4lteren Dame und von der von Gide ab.<\/p>\n<p>Dass der Satz so oft zitiert wird, liegt vermutlich daran, dass er eine Alltagserfahrung des Menschen, n\u00e4mlich der, dass Gedanken oft erst beim Sprechen voll entwickelt werden, in eine griffige und humorvolle Formulierung bringt. Dass es sich hierbei vermeintlich um die Sentenz eines bekannten Schriftstellers handelt, verleiht dem Satz zus\u00e4tzliches Gewicht. Seine Beliebtheit verdankt sich zudem wohl auch seiner Deutungsoffenheit: Er wurde zur Erl\u00e4uterung so unterschiedlicher Ph\u00e4nomene wie Kognition, Kreativit\u00e4t oder Unterbewusstsein herangezogen. Ein besserer Gew\u00e4hrsmann f\u00fcr die Idee, dass Versprachlichung das Denken bef\u00f6rdert, w\u00e4re jedoch Heinrich von Kleist, dessen kurzer Aufsatz \u201e\u00dcber die allm\u00e4hliche Verfertigung der Gedanken beim Reden\u201c (1811) immer noch sehr lesenswert ist.<\/p>\n<p>Forster pr\u00e4sentiert die Anekdote der unlogischen \u00e4lteren Dame im \u00dcbrigen in &#8218;Aspects of the Novel&#8216; nicht als eigene Erfindung. Dass Forster nicht der Urheber des bekannten Satzes ist, sondern in der Tat eine kursierende Anekdote wiedergibt, l\u00e4sst sich anhand einer fr\u00fcheren Publikation des Sozialpsychologen Graham Wallace nachweisen, der bereits ein Jahr vor Forster in seinem Buch &#8218;The Art of Thought&#8216; (1926) eine leicht abweichende Version verwendet.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_75370\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-75370 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Sandra_Heinen-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"290\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Sandra Heinen &#8211; \u00a9 Foto: Berenika Oblonczyk<\/span><\/div>\n<\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Sandra Heinen<\/h4>\n<div class=\"ti-body\">\n<p>Prof. Dr. Sandra Heinen ist in der Anglistik\/Amerikanistik der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften im Bereich der Literatur- und Medienwissenschaft t\u00e4tig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"clearfix\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<section class=\"container socialblock\">\n<div class=\"row\"><\/div>\n<\/section>\n<\/div>\n<footer class=\"footer\">\n<div class=\"bgColor bgOutlined\">\n<div class=\"container\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-xl-3 col-lg-4 col-md-5 col-sm-8 footer-locations\">\n<p class=\"big\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/footer>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Edward Morgan Forster geh\u00f6rt zu den wichtigsten englischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein letztet Romans hie\u00df &#8222;Auf der Suche nach Indien. \u00dcber dieses Werk hat sich Autor Uwe Blass in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220;-Interview mit der Anglistin Sandra Heinen unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-75364","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-26 21:30:21","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75364","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=75364"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75364\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75378,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/75364\/revisions\/75378"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=75364"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=75364"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=75364"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}