{"id":74857,"date":"2024-05-09T14:25:34","date_gmt":"2024-05-09T12:25:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=74857"},"modified":"2024-05-14T16:50:22","modified_gmt":"2024-05-14T14:50:22","slug":"oekonom-wolf-von-wedel-parlow-adel-verpflichtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/05\/09\/oekonom-wolf-von-wedel-parlow-adel-verpflichtet\/","title":{"rendered":"\u00d6konom Wolf von Wedel Parlow: Adel verpflichtet"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_74867\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1781px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74867 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/IMG_0162.jpg\" alt=\"\" width=\"1771\" height=\"1197\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Wolf von Wedel Parlowe (r.) mit dem Schrifsteller Karl-Otto M\u00fchl (16.02.1923 &#8211; 21.08.2020) &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Manche Protagonisten\u00a0kennt man gut, andere weniger. Ob bekannt oder weniger bekannt: Wer ihre Portraits liest, m\u00f6chte vermutlich die eine oder den anderen pers\u00f6nlich kennenlernen. Bisher hat Matthias Dohmen an gleicher Stelle Dorothea Brandt, Klaus Burandt, Christine Flunkert, Uwe Flunkert, Heidemarie Koch, Johannes Nattland, Josa Oehme, Erika Schneider, Ingrid Schuh, Klaus Schumann und Michael Walter vorgestellt.<\/p>\n<p>Als einen \u201e\u00e4lteren, vornehmen, freundlichen Menschen, der bestimmt nie laut wird\u201c, charakterisiert ihn eine entfernte Bekannte, und so schlecht trifft es ihn nicht. Der Mittachtziger stammt aus adeligem Hause und ist in der Uckermark, in B\u00f6hmen und im Odenwald gro\u00df geworden. Der Vater war Privatgelehrter, der sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit Grillparzer und seiner Zeit besch\u00e4ftigt hat und der es \u2013 immerhin \u2013 zu einem Eintrag im \u201eKosch\u201c, einem \u00fcber 40-b\u00e4ndigen Literaturlexikon, geschafft hat.<\/p>\n<p>Wolf von Wedel (geboren 1937 in Prenzlau) studierte Volkswirtschaftslehre in in Heidelberg und Kiel, war fast zehn Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universit\u00e4t in Westberlin, wo er auch promoviert wurde, und lehrte schlie\u00dflich als Akademischer Rat beziehungsweise Akademischer Oberrat \u2013 ab 1989 faktisch einem Professor gleichgestellt \u2013 Volkswirtschaftslehre an der Bergischen Univiersit\u00e4t Wuppertal. Aus dieser Zeit stammen auch zahlreiche Fachver\u00f6ffentlichungen zur \u00d6konomie des realen Sozialismus vor allem in der damaligen \u010cSSR und in Wei\u00dfrussland.<\/p>\n<div id=\"attachment_74870\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74870 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/IMG_0160-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"560\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Wolf von Wedel Parlow (r.) &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Im Ruhestand drehte Wedel erst richtig auf und trat mit einer Reihe literarischer und (familien-) geschichtlicher Publikationen an die \u00d6ffentlichkeit. Er profilierte sich mehrere Jahre als Sprecher des Verbandes deutscher Schriftsteller und des sehr r\u00fchrigen Vereins \u201eLesefreuden\u201c, der Lesungen in Seniorenheimen h\u00e4lt. Er war beziehungsweise ist befreundet mit den weit \u00fcber die Stadt Wuppertal hinaus und teilweise auch im Ausland bekannten Schriftstellern Karl Otto M\u00fchl (verstorben 2020) und Hermann Schulz.<\/p>\n<p>Sein Roman \u201eDrahomira\u201c greift zeit- und familiengeschichtliche Themen auf, sein Langgedicht \u201eDeutschlandhymnus\u201c hat ebenfalls eine politisch-historische Dimension, und seine Geschichtensammlungen \u201eLaufbekanntschaften\u201c und \u201eRadsattelgeschichten\u201c verweisen auf ein gro\u00dfes Hobby Wedels, der auch noch in hohem Alter mit seiner Frau gemeinsam joggt. Ursula von Wedel Parlow war in ihrem beruflichen Leben Soziologieprofessorin an der Essener Universit\u00e4t. Aus einer ersten Ehe hat Wedel zwei T\u00f6chter.<\/p>\n<p>Nach dem Abitur ging Wedel f\u00fcr drei Jahre zur Bundeswehr, brach aber dann gr\u00fcndlich mit hergebrachten Grunds\u00e4tzen. Er forschte zur Geschichte der eigenen Familie im Dritten Reich. 2017 erschien das Buch \u201eOstelbischer Adel im Nationalsozialismus. Familienerinnerungen am Beispiel der Wedel\u201c, das ihm viel Anerkennung, aber auch Mi\u00dffallenskundgebungen bis hin zu offener Anfeindung einbrachte. Zuletzt publizierte er kleinere Arbeiten \u00fcber seine Mutter und \u00fcber seine Zeit im Heidelberger Friedrichstift.<\/p>\n<div id=\"attachment_74871\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 286px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74871 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/31pDJiM32pL._SY425_.jpg\" alt=\"\" width=\"276\" height=\"425\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Drahomira&#8220; &#8211; Wolf Christian von Wedel Parlow &#8211; Nordpark Verlag &#8211; 340 Seiten &#8211; ISBN-10: 393542129X &#8211; ISBN-13: 978-3935421294<\/span><\/div>\n<p>In meiner Rezension f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.njuuz.de\">www.njuuz.de<\/a> habe ich geschrieben: Als der kritische Blick auf die NS-Verstrickungen erschien, w\u00f6rtlich: Geschichte, die es verdient, nicht verdr\u00e4ngt, sondern aufgearbeitet zu werden: Dr. Wolf Christian von Wedel Parlow entwirft das sehr widerspr\u00fcchliche Bild einer Adelsfamilie, die zu gro\u00dfen Teilen die NSDAP bereits vor 1933 unterst\u00fctzte und f\u00fcr die \u201edie Ausrufung der Republik 1918 und die Verabschiedung der Weimarer Verfassung im Jahr darauf\u201c einen \u201eSchock\u201c darstellte , aus der aber auch ein Emil Graf von Wedel stammte, der zu den 33 Pers\u00f6nlichkeiten geh\u00f6rte (neben Albert Einstein, Erich K\u00e4stner, K\u00e4the Kollwitz und Heinrich Mann), die den \u201edringenden Appell\u201c des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes zur taktischen Kooperation von SPD und KPD bei der Reichstagswahl 1932 unterschrieben. Vergeblich, wie man nicht erst seit heute wei\u00df.<\/p>\n<p>Die Wedel standen, wie der Adel \u00fcberhaupt, gewohnheitsm\u00e4\u00dfig rechts, w\u00e4hlten deutschnational und waren \u201eselbstverst\u00e4ndlich gegen das \u201aSystem\u2019, wie die Weimarer Republik in den rechten Kreisen hie\u00df\u201c. Dazu geh\u00f6rte eine klare \u201eantibolschewistische\u201c und nicht minder antisemitische Einstellung, die knapp drei Jahre nach der \u201eMachtergreifung\u201c die Verankerung der \u201eBlutsreinheit\u201c in der Familiensatzung zur Folge hatte \u2013 und viele Wedel zuvor schon in die Arme der Freikorps f\u00fchrte, aus denen der Stahlhelm und die SA hervorgingen. Eine soziale Gruppe im unumkehrbaren Abstieg, hatte doch der Kaiser schm\u00e4hlich versagt: \u201eWas blieb dann noch \u00fcbrig? Auswanderung, Fremdenlegion, Schmarotzertum, Gl\u00fccksspiel standen nicht selten am Ende der vergeblichen Suche nach einem b\u00fcrgerlichen Beruf\u201c. Entsprechendes galt f\u00fcr ehemalige Hofdamen und Hofbeamte (ebda.).<\/p>\n<div id=\"attachment_74872\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74872 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/IMG_0159.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"300\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Wolf von Wedel Parlow (r.) mit dem Verleger Arlfred Miersch vom Nordpark Verlag &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Unnachsichtig besch\u00e4ftigt sich der Verfasser, der auch als Lyriker, Erz\u00e4hler und Romancier hervorgetreten ist, mit den geschichtlichen Erz\u00e4hlungen, deren Ziel es ist, sich \u00fcber den Umweg beispielsweise der \u201esauberen Wehrmacht\u201c hinter der gro\u00dfen Masse der Deutschen zu verstecken und die eigenen Verbrechen kleinzuschreiben, wof\u00fcr Namen stehen wie Hasso von Wedel (\u201eDie Propagandatruppen der Deutschen Wehrmacht\u201c, 1962), Erhard Graf von Wedel (\u201eRasse und Adel\u201c, 1934) oder Ottmar von Wedel Parlow (\u201eDie \u00fcberragende Geisteskraft wahrhafter Volksf\u00fchrer wird in ihren Werken der Mannschaft offenbar. Sie h\u00f6ren vom Opfertod eines \u2026 Schlageter, eines Horst Wessel\u201c, 1939) \u2013 die beiden letztzitierten Texte befinden sich im Anhang, der ebenso instruktiv ist wie die insgesamt 17 Abbildungen. In diesem Zusammenhang soll nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass in dem besprochenen Band auch Anmerkungen die Lekt\u00fcre lohnen, weil sie die Argumentation oder jeweilige Beweisf\u00fchrung fortsetzen.<\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt so nebenbei viel \u00fcber den Reichsn\u00e4hrstand und \u201ealte Kameraden\u201c, Familienmatrikel und \u201eVettern\u201c, wie sich die m\u00e4nnlichen Nachkommen anreden, oder das Ostpreu\u00dfenprogramm von 1926 und das Osthilfegesetz der Regierung Br\u00fcning von 1930. Doch die \u201eJunker\u201c wollten mehr vom Reichspr\u00e4sidenten, dem man ein Gut schenkte und der schlie\u00dflich Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte, der letztendlich daran gehen sollte, die verbliebenen Privilegien des Adels abzuschaffen. Es ist und bleibt eine Tatsache, \u201edass der grundbesitzende ostelbische Adel Hitler zur Macht verholfen hat\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_74873\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 283px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74873 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/51MBcI5xZyL._SY425_.jpg\" alt=\"\" width=\"273\" height=\"425\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Radsattelgeschichten&#8220; &#8211; Wolf Christian von Wedel Parlow &#8211; Mitteldeutscher Verlag &#8211; 164 Seiten &#8211; ISBN-10: 3963115521 &#8211; ISBN-13: 978-3963115523<\/span><\/div>\n<p>Es ist dem gelernten \u00d6konomen gelungen, seine Familie im Kontext der generationellen Pr\u00e4gung \u201ein die Geschichte\u201c zu stellen und \u201esich autobiographisch zu verorten\u201c, wie der Herausgeber J\u00fcrgen Reulecke im Vorwort betont, der im \u00dcbrigen mit Wolf von Wedels selbstverst\u00e4ndlich ein Quellen- und Literaturverzeichnis, Bildnachweise und ein Personenregister enthaltendem Werk den 64. Band der Reihe \u201eFormen der Erinnerung\u201c vorlegt.<\/p>\n<p>Dem Autor w\u00e4re es zu g\u00f6nnen, dass die Familie sein Werk w\u00fcrdigt, das schlie\u00dflich auch an Erhard Graf von Wedel-G\u00f6dens und einen weiteren \u201eVetter\u201c erinnert, die trotz Zugeh\u00f6rigkeit zur NSDAP \u201eeinem Halbjuden Land verpachteten\u201c. Dann hing eines braunen Tages \u201equer \u00fcber die Dorfstra\u00dfe ein Plakat: \u201aHier wohnen Judenfreunde\u2019\u201c. Wedelsche Judenfreunde.<\/p>\n<p><strong>Text: Dr. Matthias Dohmen<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUpdate\u201c hei\u00dft unsere Serie, in der Matthias Dohmen, Journalist, Dozent und Historiker, Pers\u00f6nlichkeiten aus dem Bergischen Land vorstellt. Mit alten und neuen Texten. Mit Fotos und Dokumenten. Menschen, die ihm etwas bedeuten. Diesmal steht Wolf von Wedel Parlow im Fokus.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-74857","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wuppertal"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 04:12:23","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74857","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74857"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74857\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74875,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74857\/revisions\/74875"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}