{"id":74559,"date":"2024-04-28T17:41:52","date_gmt":"2024-04-28T15:41:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=74559"},"modified":"2024-09-04T09:35:53","modified_gmt":"2024-09-04T07:35:53","slug":"michael-wessel-ohne-hilfe-geht-die-pflegebranche-am-stock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/04\/28\/michael-wessel-ohne-hilfe-geht-die-pflegebranche-am-stock\/","title":{"rendered":"Michael Wessel: Ohne Hilfe geht die Pflegebranche am Stock"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_74565\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74565 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/8951b-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1750\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Michael Wessel k\u00e4mpft gemeinsam mit Mitbewerbern um die Zukunft seiner Branche und f\u00fcr das Wohl unz\u00e4hliger Pflegebed\u00fcrftiger &#8211; \u00a9 Pflege Wessel<\/span><\/div>\n<p>Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Wuppertaler Traditions-Unternehmens Pflege Wessel will nicht tatenlos zusehen, wie viele Pflegedienste seiner Kolleginnen und Kollegen von der Bildfl\u00e4che verschwinden. Er hat einen \u201eRunden Tisch\u201c gegr\u00fcndet, an dem er sich regelm\u00e4\u00dfig mit Mitbewerbern aus ganz Deutschland zusammensetzt, um gemeinsame Strategien zu entwickeln.<\/p>\n<p>Mit seinem Unternehmen betreut er rund 200 Pflegebed\u00fcrftige in unterschiedlichen Bereichen wie ambulante Pflege, Betreuung in eigenen Demenz-Wohngemeinschaften und \u00a0Wohngemeinschaften f\u00fcr jugendliche und erwachsene Schwerstbehinderte und auch Versorgung von Schwerstbehinderten in ihren Einzelwohnungen.<\/p>\n<p>Wir haben uns in der Interview-Reihe &#8222;Hand aufs Herz&#8220; mit Michael Wessel \u00fcber das leidige Thema Notstand in der Pflegebranche unterhalten.<\/p>\n<p><strong>DS: Sie haben vor einiger Zeit gesagt, private Dienstleister sollen offenbar in den Bankrott getrieben und die Pflege letztlich verstaatlicht werden. Welche Gr\u00fcnde vermuten Sie daf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eDurch den Entwicklungsprozess, dass die privaten Anbieter und privaten Tr\u00e4ger mehr und mehr in die Insolvenz geraten, entstehen Versorgungsl\u00fccken. Da stellt sich automatisch die Frage: Wer schlie\u00dft denn diese Versorgungsl\u00fccke in Zukunft. Muss das der Staat \u00fcbernehmen oder sollen dann staatliche Institutionen f\u00fcr die ambulante Versorgung geschaffen werden? Meine Antwort darauf ist: Der Staat oder die Kommunen k\u00f6nnen aus finanzieller Sicht diese Versorgungsl\u00fccken gar nicht schlie\u00dfen. Mir ist an dieser Stelle v\u00f6llig unklar, wie denn durch immer weniger Anbieter auf dem Markt diese L\u00fccke kommunal oder staatlich geschlossen werden kann.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sollen so aus Ihrer Sicht staatliche Einrichtungen gef\u00f6rdert oder gesch\u00fctzt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eWir haben in Wuppertal nur vollstation\u00e4re Einrichtungen, die in kommunaler Hand liegen. Da gibt es die APH, den kommunalen Tr\u00e4ger f\u00fcr die st\u00e4dtischen Alten- und Pflegeheime. Und diese kommunalen Tr\u00e4ger unterliegen ja auch den Tarifsteigerungen im Bereich Pflege. Meine Einsch\u00e4tzung ist, dass auch die staatlichen, vollstation\u00e4ren Einrichtungen zunehmend unter finanziellen Druck geraten werden. Die Kommune unterst\u00fctzt sie zwar. Und ein kommunaler Tr\u00e4ger kann eigentlich auch nicht Pleite gehen. Dennoch bleibt die Frage: Inwieweit und wie lange ist es eine Kommune aufgrund der angespannten Haushaltslage m\u00f6glich, die Tr\u00e4ger bzw. die kommunalen H\u00e4user tats\u00e4chlich in kommunaler Hand zu halten?\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_74568\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74568 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Michael_Wessel_2_Foto_Pflege_Wessel.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"434\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Michael Wessel, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Pflege Wessel &#8211; \u00a9 Pflege Wessel<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Wie k\u00f6nnte denn eine Alternative aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eGegebenenfalls m\u00fcsste sich die Kommune irgendwann von den kommunalen Tr\u00e4gern und Einrichtungen trennen. So wie beim Klinikum Barmen, das auch einmal ein kommunales Krankenhaus war und irgendwann an die Helios-Klinik-Gruppe verkauft wurde. Damals waren die Zeiten aber noch ganze andere. Heute findet sich kaum noch ein Investor, der vollstation\u00e4re Einrichtungen kaufen w\u00fcrde. Meine Einsch\u00e4tzung ist: Gef\u00f6rdert und gesch\u00fctzt k\u00f6nnen die kommunalen Einrichtungen noch ein paar Jahre wie gehabt weitermachen. Aber wie lange schaffen es die Kommunen noch, \u00fcber ihre kommunalen Haushalte, kommunale Pflegeeinrichtungen zu finanzieren. Diese Frage wirft dann am Ende des Tages die n\u00e4chste Versorgungsl\u00fccke auf. Ich habe daf\u00fcr keinen L\u00f6sungsansatz. Der Markt ist im Moment so katastrophal, dass sich kein privater Tr\u00e4ger diese Heime leisten kann.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: K\u00f6nnen Sie einmal aufzeigen, wie sich die Situation in der Pflege in den vergangenen 15 Jahren ver\u00e4ndert hat?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eVor 15 Jahren hatten wir noch wenige Patienten und viel Personal. Heute haben wir viele Patienten, die versorgt werden m\u00fcssen, und wenig Personal. Die Situation hat sich gravierend ver\u00e4ndert und sie wird immer schlimmer werden. Irgendwann in nicht weiter Zukunft kommen auch die sogenannten Babyboomer an den Rollator und ben\u00f6tigen Unterst\u00fctzung. Und auf der anderen Seite gibt es immer weniger Pflegeangebote auf dem Markt. Die Ver\u00e4nderung in den vergangenen 15 Jahren ist nicht nur dadurch entstanden, dass wir einen Fachkr\u00e4ftemangel haben. In der Pflege hat sich leider auch strukturell wenig ver\u00e4ndert, was die Rahmenbedingungen angeht.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Das k\u00f6nnen Sie sicher auch n\u00e4her erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eWir arbeiten immer noch mit Fax-Ger\u00e4ten. Die Dokumentation geschieht vielfach immer noch in Papierform. Die Kommunikation mit \u00c4rzten und Krankenkassen erfolgt gr\u00f6\u00dftenteils per Fax, weil die Digitalisierung immer wieder vom Datenschutz ausgebremst wird. Das\u00a0 gro\u00dfe Wort von der Digitalisierung in der Pflege kenne ich schon seit mindestens zehn Jahren, aber tats\u00e4chlich hat keine ernstzunehmende Digitalisierung in unserem Bereich stattgefunden. Auf der anderen Seite hat die Dokumentationspflicht immer gr\u00f6\u00dfere Ausma\u00dfe angenommen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_74569\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74569 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/IMG_1797-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"419\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Michael Wessel und die Fotografin Anna Schwartz bei der Vernissage zur Ausstellung &#8222;Kunst und Demenz &#8211; ein emotionales Projekt&#8220; in der Kunsthalle Wessel &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Das klingt ein wenig nach technologischer Steinzeit. Und was ist mit dem \u00a0B\u00fcrokratieabbau, von dem fast jeder Politiker im Wahlkampf redet? <\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eWie schon gesagt, der b\u00fcrokratische Aufwand, ist immer weiter gestiegen. F\u00fcr meine Mitarbeiter ist die Situation wirklich belastend. Beispiel: Sie sind beim Kunden, erbringen eine Dienstleistung. 50 Prozent der Zeit geht daf\u00fcr drauf, dass sie vor Ort dokumentieren m\u00fcssen, wann sie beim Kunden zur T\u00fcr hereingekommen sind, was haben sie f\u00fcr eine Leistung erbracht, um wie viel Uhr war das, wie geht es dem Patienten, wann verlassen sie die Wohnung wieder? Das sind berechtigte Fragen. Aber ein Teil dieser Dokumentation lie\u00dfe sich durch bestimmte digital Prozesse enorm beschleunigen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Welche Folgen hat denn die momentane Situation f\u00fcr die Menschen, die ambulant gepflegt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eEs gibt einer gesteigerte Erwartungshaltung, was das Thema Selbstbestimmung angeht, der wir leider nicht gerecht werden k\u00f6nnen. Das hatten wir vor 15 bis 20 Jahren noch gar nicht so auf der Agenda. Wenn man bedenkt, wie heute der Mangel verwaltet wird, k\u00f6nnen wir aus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden Patienten gar nicht selbstbestimmt pflegen. Wenn beispielsweise ein Pflegebed\u00fcrftiger den Wunsch \u00e4u\u00dfert, vom ambulanten Pflegedienst morgens um sieben Uhr angefahren zu werden, weil er schon immer im Leben ein Fr\u00fchaufsteher war, ist das f\u00fcr uns gar nicht realisierbar. Dann k\u00f6nnen wir h\u00f6chstens sagen: \u201aWir kommen w\u00e4hrend der Morgentour zu Ihnen, wissen aber nicht genau, wann wir bei Ihnen sein werden: Das kann 8 Uhr, 9 Uhr oder auch 11 Uhr werden.\u2018 So nach dem Motto: ,Seien Sie doch froh, wenn wir Sie \u00fcberhaupt morgens anfahren\u2018. Das hat sich dramatisch zu Ungunsten der Patienten ver\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Der Pflegebranche geht es richtig schlecht, wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus? <\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eWir befinden uns aus meiner Sicht an einem Scheideweg: Will die Politik uns unterst\u00fctzen und die Forderungen, die wir aufrufen, umsetzen oder will sie das nicht? Wenn sie das nicht tut, f\u00e4llt meine Zwischenbilanz wie folgt aus: Statt 800\u00a0 Insolvenzen wie in 2023, werden wir in diesem Jahr \u00fcber 1.600 bis 2.000 Insolvenzen in unserer Branche sprechen. Und wenn wir davon ausgehen, dass ein kleiner bis mittlerer Pflegedienst um die 100 Kunden anf\u00e4hrt und betreut, dann reden wir von einer immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Pflegel\u00fccke.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_74652\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74652 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Pressefoto-Michael-Wessel_Credit-Pflege-Wessel-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"498\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Michael Wessel am Ger\u00fcst der Schwebebahn, dem Wahrzeichen seiner geliebten Heimatstadt &#8211; \u00a9 Pflege Wessel<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Was h\u00e4tte das dann f\u00fcr Folgen? <\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eGanz einfach: Pflegebed\u00fcrftige Menschen, die ambulant versorgt werden wollen, k\u00f6nnen nicht mehr angefahren und betreut werden. Also m\u00fcssten dann Angeh\u00f6rige f\u00fcr diese Dienste herangezogen werden. Die Realit\u00e4t sieht aber nicht so aus, wie es die Politik gerne h\u00e4tte. Unterst\u00fctzung in der Pflege von Angeh\u00f6rigen funktioniert nur dann, wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben. Und das ist nur selten der Fall. Dazu kommt: Niemand \u00a0kann dazu gezwungen werden, seine Angeh\u00f6rigen, mit allem was dazu geh\u00f6rt, zu pflegen. Abgesehen davon, dass ein Vater vielleicht gar nicht von seiner Tochter gepflegt werden m\u00f6chte. V\u00f6llig legitim. Insofern ist das, was die Politik als Ziel vorgibt, n\u00e4mlich die Pflege von Angeh\u00f6rigen zu st\u00e4rken, nichts anderes als ein\u00a0\u00a0 Ablenkungsman\u00f6ver, um den eigentlichen Mangel in der Pflege \u00f6ffentlich geschickt zu kaschieren.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie f\u00fchren ein erfolgreiches Traditionsunternehmen und k\u00f6nnten eigentlich darauf warten, dass immer mehr Mitbewerber aufgeben und Sie so ganz nebenbei neue Kunden generieren. Aber Sie k\u00e4mpfen Seite an Seite mit Ihren Konkurrenten. Was treibt Sie an? <\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eEines vorweg: Es gibt auf dem Markt so viele Patienten, die ambulant versorgt werden wollen, da muss kein Anbieter darauf warten, dass sein Kollege in die Insolvenz ger\u00e4t, um mehr Auftr\u00e4ge zu generieren. Das ist durchaus eine neue Entwicklung. Wenn wir uns fr\u00fcher noch gegenseitig konkurrenzhaft be\u00e4ugt und gefragt haben, wie der Kollege an so viele Patienten gekommen ist, hat sich das total ver\u00e4ndert. Das Konkurrenzdenken ist kompensiert worden durch ein gemeinsames Anliegen: Wir alle wollen die Schieflage in der Pflege bek\u00e4mpfen. Selbst wenn man gar kein Interesse an den Kunden, sondern nur an der \u00dcbernahme des Personals des insolventen Kollegen h\u00e4tte, w\u00e4ren die Chancen gleich null. Denn dieses Personal w\u00fcrde mit Kusshand von Krankenkassen oder Personaldienstleistern eingestellt. Die buhlen f\u00f6rmlich um Pflegefachkr\u00e4fte und die k\u00f6nnen auch Geh\u00e4lter zahlen, die wir auf dem freien Markt f\u00fcr Pflege gar nicht stemmen k\u00f6nnten. Wir k\u00e4mpfen jetzt Seite an Seite mit ehemaligen Konkurrenten. Das m\u00fcssen wir auch, damit wir eine gemeinsame laute Stimme haben, um das, was gerade passiert, abzuwenden.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_74571\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74571 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/IMG_1787.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"439\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Michael Wessel im Gespr\u00e4ch mit Ausstellungs-Besucherinnen &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Inwieweit hat sich die Tarifpflicht auf die Branche negativ ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eMit der Einf\u00fchrung der Tarifpflicht haben wir uns erhofft, dass das Konkurrenzdenken, das Werben um die Mitarbeiter innerhalb der Branche, endlich \u00a0aufh\u00f6rt. Die Ma\u00dfnahme sollte garantieren, dass Mitarbeiter nicht mehr f\u00fcr ein paar Euro mehr vom Mitbewerber abgeworben werden k\u00f6nnen. Das war der positive Hintergedanke. In der Realit\u00e4t hat sich das allerdings negativ ausgewirkt. Das liegt daran, dass durch die Tarifpflicht die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter rapide anstiegen sind. Nur ein Beispiel: Wenn ich eine Pflegedienst-Leitung einstelle, reden wir \u00fcber ein Brutto-Gehalt in H\u00f6he von 5.000 bis\u00a0 5.500 \u20ac plus Dienstwagen, der auch privat genutzt werden darf. Aber von der Politik wurden letztlich die Zusagen, was die Refinanzierung unserer durch die Tarifpflicht entstandenen Mehrkosten angeht, nicht eingehalten. Versprochen war eine ausreichende Refinanzierung durch die Pflegeversicherung und die Krankenkassen. Das ist bis heute nicht passiert.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wie sehen Sie die Zukunft der Pflegebranche?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eDie Pflegebranche ist einer der attraktivsten Berufszweige in diesem Land. Die Pflege ist so vielschichtig. Von wissenschaftlichen Themen \u00fcbers Management, bis hin zu fachspezifischen Ans\u00e4tzen. Wir haben eine riesige Bandbreite. Wir bieten auch ganz gezielte Schulungsprogramme f\u00fcr Menschen an, die keine Ausbildung haben. Sie k\u00f6nnen dann nach der einj\u00e4hrigen, fundierten Ausbildung sogar in Bereichen eingesetzt werden, in denen man fr\u00fcher gesagt hat: Daf\u00fcr brauche ich eine Fachkraft. Wenn unsere Finanzierung auf sicheren Beinen stehen w\u00fcrde, h\u00e4tten wir die M\u00f6glichkeit, potentiellen Mitarbeitern hochattraktive Jobs anzubieten. Doch durch die Kosten-Deckelung in der Pflege sind uns leider die H\u00e4nde gebunden, kreativ unterwegs zu sein.<\/p>\n<p><strong>DS: Und jetzt hat auch noch unser Gesundheitsminister seine ganz speziellen Vorstellungen\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessen: \u201eKarl Lauterbach spricht davon, dass er die \u201astambulante Pflege\u2018 einf\u00fchren will, was wohl sein neues Steckenpferd ist. \u201aStambulant\u2018 ist ein Konstrukt aus station\u00e4r und ambulant. Das gibt es doch schon lange auf dem Markt \u2013 in Form von Pflegewohngemeinschaften, Tagespflegen, 24-Stunden-Betreuung, betreutem Wohnen und betreutem Wohnen mit Unterst\u00fctzungsleistungen. Aber auch in diesen speziellen Versorgungs-Strukturen hinkt die Finanzierung hinterher. Sein Plan, mehr den Markt zwischen station\u00e4r und ambulant zu f\u00f6rdern, \u00a0ist aus meiner Sicht finanziell nicht\u00a0 m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_74572\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74572 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Credit_Pflege-Wessel_TReffen-Pflege-am-Limit_18.4.2024-1.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"441\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Michael Wessel als Gastgeber des &#8222;Runden Tisches&#8220; zum Thema Notstand in der Pflegebranche &#8211; \u00a9 Pflege Wessel<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Bleibt die ambulante Pflege f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige in Zukunft \u00fcberhaupt noch finanzierbar?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eAus eigener Tasche ist die Pflege, wie die Menschen es gewohnt waren, nicht finanzierbar. Ich nenne ein Beispiel: Herr M\u00fcller sitzt zuhause und m\u00f6chte von einem ambulanten Pflegedienst sieben Mal in der Woche angefahren werden. Diesem Wunsch hat man vor Einf\u00fchrung der Tarifpflicht insofern entsprochen, dass man sich den Pflegegrad angeschaut und gesagt hat: \u201aOkay, lieber Herr M\u00fcller, im Rahmen Ihres Pflegegrades k\u00f6nnen wir Sie sieben Mal in der Woche einmal t\u00e4glich anfahren, Sie waschen, f\u00f6hnen usw.\u2018 Dabei bleibt es aber nicht. Wenn Herr M\u00fcller nicht in der Lage ist, zu kochen, hat er \u201aEssen auf R\u00e4dern\u2018 bestellt, vielleicht \u00a0noch einen Hausnotruf bei einem Hausnotruf-Anbieter gebucht und besitzt m\u00f6glichweise noch ein Zeitungs-Abo. All das geh\u00f6rt f\u00fcr mich zum Standard eines \u00e4lteren Menschen und auch ab und an am Abend noch ein Gl\u00e4schen Wein f\u00fcr die Gesundheit.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Das klingt nicht gerade nach Luxus. Aber die Realit\u00e4t sieht ja wohl noch viel trister aus?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eSo ist es. Denn eines Tages muss ich ihm mitteilen: \u201aLieber Herr M\u00fcller, eine \u00a0Einzelleistung wird leider erheblich teurer. Das Waschen m\u00fcssen wir\u00a0 jetzt mit 35 \u20ac, statt wie gehabt mit 20 \u20ac abrechnen\u2018. Dann sagt Herr M\u00fcller vielleicht: \u201aOkay, daf\u00fcr bleiben Sie sicher auch l\u00e4nger?\u2018 Dann m\u00fcssen wir ihm erkl\u00e4ren: \u201aTut uns leid, aber in ihrem Fall gibt es einen Finanzrahmen, in dem wir uns zu bewegen haben. Deshalb k\u00f6nnen wir Sie ab jetzt nur noch f\u00fcnfmal pro Woche anfahren\u2018. Wenn Herr M\u00fcller noch etwas auf der hohen Kante hat, bezahlt\u00a0 er die Mehrkosten f\u00fcr einen siebenmaligen Besuch in der Woche m\u00f6glichweise aus der eigenen Tasche. Wenn nicht, muss er sich zwischen dem Waschen und dem Liefer-Essen entscheiden. Und das kann in einem reichen Land wie Deutschland eigentlich nicht richtig sein. Vielen Pflegebed\u00fcrftigen bleibt dann nur noch die M\u00f6glichkeit, Sozialhilfe zu beantragen. 98 Prozent der Bewohner unserer Pflegeeinrichtungen sind keine Selbstzahler mehr, sondern empfangen inzwischen Sozialhilfe.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wenn Sie frei entscheiden k\u00f6nnten, wie w\u00fcrde Ihr Konzept aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Wessel: \u201eErster Punkt: Der Staat hat pro Jahr enorme Steuereinnahmen \u2013 in 2023 waren es immerhin 960 Milliarden Euro &#8211; und steckt davon viel Geld in Projekte, bei denen oft nichts oder wenig herauskommt. Die Pflege-Branche ist mittlerweile der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber in Deutschland. Da m\u00fcsste es doch m\u00f6glich sein, einen Milliardenbetrag aus den Steuereinnahmen so zu priorisieren, dass die Pflege in Deutschland sicher und ausreichend refinanziert ist. Zweiter Punkt: Die Pflegesachleistungen der einzelnen Pflegegrade m\u00fcssten deutlich steigen und zwar mindestens um 30 Prozent. Und dritter entscheidender Punkt: Der kommunale Sozialhilfe-Tr\u00e4ger, der auch mit im Boot sitzt, muss mit Landes- und Bundesmitteln gerade f\u00fcr den Teil der Pflege anders subventioniert werden. Das bedeutet, dass Bundes- und Landesmittel in die Kommune flie\u00dfen m\u00fcssen, um die pflegebed\u00fcrftigen Menschen ausreichend zu unterst\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Vielen Dank f\u00fcr das offene, informative Gespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Interview f\u00fchrte Peter Pionke<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_74577\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74577 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/IMG_1791.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" \/><span class=\"wp-caption-text\">MIchael Wessel mit Pressesprecherin Daniela Kebel (r.) &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p><strong>Link zur Webseite von Pflege Wessel:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pflegedienst-wessel.de\">http:\/\/www.pflegedienst-wessel.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ambulante Pflege geht am Stock oder ist sozusagen auf den Rollator angewiesen. Immer mehr Menschen ben\u00f6tigen Pflege und dennoch beklagte die Branche 2023 rund 800 Insolvenzen. Und in diesem Jahr sieht die Prognose auch nicht besser aus. Im Gegenteil. Die Ursache f\u00fcr den Notstand sieht Michael Wessel eindeutig bei der Politik, die ihre Zusagen nicht eingehalten hat.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[],"class_list":["post-74559","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-21 22:58:10","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74559","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74559"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74559\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74653,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74559\/revisions\/74653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}