{"id":74077,"date":"2024-04-08T11:01:22","date_gmt":"2024-04-08T09:01:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=74077"},"modified":"2024-04-08T13:08:22","modified_gmt":"2024-04-08T11:08:22","slug":"der-100-geburtstag-des-komponisten-henry-mancini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/04\/08\/der-100-geburtstag-des-komponisten-henry-mancini\/","title":{"rendered":"Der 100. Geburtstag des Komponisten Henry Mancini"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_72316\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 837px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-72316 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/csm_Foto_Spengler_-von_Sergej_Lepke_84d40c464b.jpg\" alt=\"\" width=\"827\" height=\"581\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Christoph Spengler, Chor- und Orchesterleiter der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 Sergej Lepke<\/span><\/div>\n<p>Christoph Spengler ist Chor- und Orchesterleiter der Bergischen Universit\u00e4t. <strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zu seinen bekanntesten Kompositionen geh\u00f6ren die Musik zum Film \u201eDer rosarote Panther\u201c sowie das Lied \u201eMoon River\u201c aus dem Film \u201eFr\u00fchst\u00fcck bei Tiffany\u201c. Die Rede ist von Henry Mancini, dessen 100. Geburtstag sich am 9. April j\u00e4hrt. Wer war dieser Musiker?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Spengler: &#8222;Henry Mancini &#8211; eigentlich hie\u00df er Enrico Nicola Mancini &#8211; war, wie der Name vielleicht schon vermuten l\u00e4sst, der Sohn italienischer Einwanderer. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg zogen seine Eltern aus den Abruzzen nach Amerika. Dort erst lernten sie sich kennen und heirateten. Sein Vater Quinto war Stahlarbeiter, liebte aber die Musik. Daher animierte er seinen einzigen Sohn Henry, das Spiel auf der Piccolo- und Querfl\u00f6te zu lernen und seine Fertigkeiten zusammen mit ihm in der Folklore-Band \u201eThe Sons of Italy\u201c zu verbessern. Als Teenie lernte Henry dann auch, Klavier zu spielen und besuchte nach dem Highschool-Abschluss zun\u00e4chst das Carnegie Institute of Technology, wechselte aber noch im selben Jahr an die Juilliard School of Music.<\/p>\n<p>In der Aufnahmepr\u00fcfung spielte er eine Beethoven-Sonate und eine Improvisation \u00fcber \u201eNight and Day\u201c von Cole Porter. Schon hier zeigte sich sein stilistisch breit gef\u00e4chertes Interesse, das kennzeichnend f\u00fcr sein weiteres k\u00fcnstlerisches Leben war. Sein Studium musste er unterbrechen, als er zum Milit\u00e4rdienst einberufen wurde. 1945 war er an der Befreiung des KZs Mauthausen beteiligt. Nach dem Krieg erweiterte er vor allem seine Kompositions- und Arrangierkenntnisse und studierte Kompositionen von Ernst Krenek und Mario Castelnuovo-Tedesco.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Seine besondere Leidenschaft galt zeitlebens der Big Band, und er war auch Mitglied der neuformierten Glenn-Miller-Band. Wie kam er dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Spengler: &#8222;Schon mit 12 Jahren interessierte sich der junge Mancini sehr f\u00fcr das Arrangieren von Musik f\u00fcr Big Band und Orchester. Sein Lehrer, Max Adkins, machte ihn mit dem damals aufstrebenden Benny Goodman bekannt, und er schrieb sogar schon ein Arrangement f\u00fcr dessen Band. Ich finde spannend, dass er als besondere Inspiration f\u00fcr seine Arrangements die Komponisten Chopin und Schumann benennt, um zu sehen, \u201ewie das Puzzle aus Form, Metrum, Melodie, Harmonie und Kontrapunkt von diesen fr\u00fcheren Komponisten gel\u00f6st wurde\u201c. W\u00e4hrend seines Milit\u00e4rdienstes lernte er Musiker der Glenn Miller-Band kennen und spielte auch in der Air Force Band. \u00dcber diese Kontakte wurde Mancini nach dem Krieg Pianist und Arrangeur der Glenn Miller-Band, die allerdings zu der Zeit nicht mehr von Miller selbst, sondern von Tex Beneke geleitet wurde, da Glenn Miller im Krieg verschollen war und f\u00fcr tot erkl\u00e4rt wurde.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ab den 50er Jahren komponierte Mancini mehr und mehr Filmmusik und f\u00fchrte neue Musikstile ins Kino ein. Welche waren das?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Spengler: &#8222;Mancini forcierte nach dem Krieg seine Studien in Komposition und Arrangement. Dabei besch\u00e4ftigte er sich sehr intensiv mit den Werken klassischer Komponisten. Ich denke, dass auch das ein T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr ihn war, f\u00fcr Filmemacher interessant zu sein, denn die damalige Filmmusik war dominiert von sp\u00e4tromantisch-orchestraler Musik. Dieses Genre konnte er bedienen, und so schrieb er erste Filmmusiken &#8211; meist, ohne in den Filmcredits genannt zu werden &#8211; f\u00fcr Streifen wie \u201eDer Schrecken vom Amazonas\u201c oder \u201eTarantula\u201c. 1954 erhielt er f\u00fcr seine Arrangements f\u00fcr \u201eDie Glenn Miller-Story\u201c seine erste Oscar-Nominierung. Seine zunehmende Popularit\u00e4t erm\u00f6glichte ihm, neue Musikstile f\u00fcr den Film einzuf\u00fchren. So war er einer der ersten, der den Jazz als Filmmusik hoff\u00e4hig machte. Besonders stolz war Mancini auf seine Musik zum Orson-Welles-Film \u201eIm Zeichen des B\u00f6sen\u201c, die zu dieser Zeit erste gro\u00dfe Filmmusik mit Latin Jazz.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_74082\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74082 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Single-von-Moon-River-1961-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"504\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Single &#8222;Moon River&#8220;, eine Komposition von Henry Mancini &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><strong>Man vertraute ihm mit der Zeit immer gr\u00f6\u00dfere Filmmusikprojekte an und vor allem der \u201eBaby Elephant Walk\u201c aus dem Film Hatari bleibt bis heute ein Ohrwurm, wenn man ihn einmal geh\u00f6rt hat. Daf\u00fcr erhielt er auch einen Grammy in der Kategorie bestes Instrumentalarrangement. Was ist das besondere an seinem Stil?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Spengler: &#8222;Ich glaube, diese Musik ist nicht zuletzt wegen ihrer ungew\u00f6hnlichen Instrumentierung und ihrem augenzwinkernden Humor so erfolgreich. Nicht jeder w\u00fcrde bei einem Elefanten an eine in hoher Lage gespielte Klarinette denken, begleitet im Intro von einer Dampforgel, wie man sie damals im Zirkus einsetzte. Es ist dieser ungew\u00f6hnliche Sound, durch den sich die Komposition von anderen Bigband-St\u00fccken der Zeit abhebt. Mancini war eben durch und durch ein Arrangeur, der nach neuen, auch ausgefallenen Kl\u00e4ngen suchte. \u00c4hnlich ikonisch ist \u00fcbrigens die Titelmusik zur Krimiserie \u201ePeter Gunn&#8220;, die ebenfalls von ihm stammt.<\/p>\n<p>Und wem k\u00f6nnte das Thema des \u201eRosaroten Panthers\u201c aus dem Kopf gehen, wenn man es einmal geh\u00f6rt hat? Ich h\u00f6re in all diesen Titeln Mancinis genre\u00fcbergreifendes Interesse und seine meisterhafte Kunst der Instrumentierung heraus. Verbl\u00fcffend ist dabei oft die Einfachheit und die bewusst reduzierte Besetzung der St\u00fccke, die einzelne Instrumente mit besonderen Spielweisen in den Vordergrund stellt. Das und der melodi\u00f6se Einfallsreichtum machen diese Werke so besonders.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_74086\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-74086 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/819OoJ9wIxL._SL1500_-1.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"376\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;The Real Henry Mancini&#8220; &#8211; Die besten 60 Aufnahmen &#8211; 3 CD-Box &#8211; Sony Music &#8211; ASIN: B00M0CX9NG<\/span><\/div>\n<p><strong>Er dirigierte sp\u00e4ter auch internationale Orchester, wobei er immer auch selber Instrumente spielte. Welche waren das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christoph Spengler:<\/strong> &#8222;Mancini galt als ausgezeichneter Dirigent. Da er ein hervorragender Arrangeur war, brachte er ein umfassendes Verst\u00e4ndnis der einzelnen Instrumente mit und konnte so seine Orchester sehr effektiv ausbalancieren und auch feinste Details in seinen Kompositionen zum Leben erwecken. Zudem hatte er ein gro\u00dfes Talent, auf der einen Seite eine kooperative und zug\u00e4ngliche Arbeitsatmosph\u00e4re zu schaffen, gleichzeitig am Pult aber auch eine nat\u00fcrliche Autorit\u00e4t auszustrahlen. Da er auch ein ausgezeichneter Pianist und Fl\u00f6tist war, spielte er manchmal selbst diese Instrumente bei seinen Dirigaten, was es ihm erm\u00f6glichte, den Klang und die Interpretation seiner Musik unmittelbar zu beeinflussen. Dies trug dazu bei, seine Auff\u00fchrungen f\u00fcr sein Publikum zu einer fesselnden und unvergesslichen Erfahrung zu machen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>In den deutschen Hitparaden war er dann auch noch einmal in den 80er Jahren mit seiner Filmmusik zu der Serie \u201eDie Dornenv\u00f6gel\u201c, einer Geschichte, um einen verliebten Priester, erfolgreich. Er ist einer der popul\u00e4rsten Vertreter der Easy-Listening- Musik. Wird man ihm damit gerecht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christoph Spengler:<\/strong> &#8222;Nein! In der Musikwelt hat der Begriff \u201eEasy Listening\u201c h\u00e4ufig einen herabw\u00fcrdigenden Beigeschmack, frei nach dem Motto \u201eWas Vielen gef\u00e4llt, kann schon deswegen keine Kunst sein\u201c &#8211; was f\u00fcr ein elit\u00e4rer Unsinn! Mancinis Musik zeichnet sich durch einen so hohen klanglichen Einfallsreichtum und eine unglaubliche Finesse in dem Einsatz jedes einzelnen Instrumentes aus, dass ich nur von wahrer Meisterschaft sprechen kann. Er hatte ein feinsinniges Gesp\u00fcr f\u00fcr Melodie, Form, Harmonie, Klang und Rhythmus. Dass seine Musik so gut ins Ohr geht, zeigt mir allenfalls, wie gut sie gemacht ist. Ich halte Mancini neben Kollegen wie Leroy Anderson f\u00fcr einen der ganz Gro\u00dfen der amerikanischen Komponisten und Arrangeure, und ich bin sicher, dass seine Melodien auch noch in ein- und zweihundert Jahren Menschen begeistern werden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_72320\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-72320 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/csm_Foto_Spengler_-von_Sergej_Lepke_84d40c464b-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"285\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Christoph Spengler &#8211; \u00a9 Sergej Lepke<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Christoph Spengler<\/h4>\n<p>Christoph Spengler studierte Kirchenmusik in D\u00fcsseldorf. 2007 \u00fcbernahm er die Leitung des Unichores, 2011 die Leitung des Orchesters. 2016 verlieh ihm das Rektorat die Ehrenmedaille der Bergischen Universit\u00e4t. 2017 wurde er zum Kirchenmusikdirektor durch die Evangelische Kirche im Rheinland ernannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war der Mann mit dem feinsinnigen Gesp\u00fcr f\u00fcr Melodie, Form, Harmonie, Klang und Rhythmus. Die Rede ist von Henry Mancini. Der ber\u00fchmte Komponist w\u00fcrde am 09. April 100 Jahre alt. Grund genug f\u00fcr Autor Uwe Blass, in der Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220;-Interview im Gespr\u00e4ch mit Musikwissenschaftler Christoph Spengler das Leben und Wirken Mancinis Revue passieren zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-74077","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-05 05:04:32","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74077"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74077\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74094,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74077\/revisions\/74094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}