{"id":73316,"date":"2024-03-11T12:20:13","date_gmt":"2024-03-11T11:20:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=73316"},"modified":"2024-03-11T12:20:13","modified_gmt":"2024-03-11T11:20:13","slug":"machtmissbrauch-und-gewalt-in-der-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/03\/11\/machtmissbrauch-und-gewalt-in-der-kirche\/","title":{"rendered":"Machtmissbrauch und Gewalt in der Kirche"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_73322\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 797px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73322 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Foto-Kessl-Presse-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"787\" height=\"532\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Sozialp\u00e4dagoge Prof. Fabian Kessl &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Der Wissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t ist Mitglied des Expertenteams der breit angelegten ForuM-Studie zur sexualisierten Gewalt und anderen Missbrauchsformen im Bereich der Evangelischen Kirche Deutschlands. Fabian Kessl erkl\u00e4rt:\u00a0 \u201eWas die Aufarbeitung angeht, steht die Kirche noch sehr am Anfang.\u201c<\/p>\n<p>Eine \u00fcbergreifende Missbrauchsstudie f\u00fcr den Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie durch den unabh\u00e4ngigen Forschungsverbund ForuM wurde im Januar der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt. Die Studie besteht aus sechs themenbezogenen Teilprojekten, wurde von der EKD 2020 in Auftrag gegeben und mit 3,6 Millionen Euro mitfinanziert.<\/p>\n<p><strong>Sexualisierte Gewalt im kirchlichen Bereich<\/strong><\/p>\n<p>Sexualisierte Gewalt im Bereich der christlichen Kirchen besch\u00e4ftigt die Gesellschaft seit langem. Die Meldungen dazu rei\u00dfen nicht ab. J\u00fcngstes Beispiel sind die Kinderleichenfunde in einem Umerziehungslager in Kanada. Der Druck der \u00d6ffentlichkeit auf die Kirchen wird gr\u00f6\u00dfer, die Aufarbeitung indes kommt nur langsam in Gang.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>\u201eWir haben seit 2010 eine Situation im bundesdeutschen und auch internationalen Zusammenhang, dass das Thema sexualisierte Gewalt insbesondere auch in Bezug auf institutionalisierte Zusammenh\u00e4nge \u00f6ffentlich diskutiert wird\u201c, sagt Kessl. Das habe viel damit zu tun, dass Betroffene ihre Stimme noch deutlicher erhoben h\u00e4tten und es au\u00dferdem eine \u00d6ffentlichkeit gab, und damit auch Medienvertreterinnen und Medienvertreter, die diese Stimmen geh\u00f6rt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Immer wieder stelle man sich seither die Frage, warum ein \u00dcbergriff, warum Gewalt und Missbrauch in Schulen, in Internaten, in Jugendhilfeeinrichtungen, aber auch im Gesundheitsbereich, im Sport, in Vereinen usw. nicht verhindert werde. \u201eWir m\u00fcssen feststellen, dass die Kirchen in diesem Kontext schlicht eine weitere gesellschaftliche Organisation darstellen, in der es zu Machtmissbrauch kommt\u201c erkl\u00e4rt der Wissenschaftler.<\/p>\n<div id=\"attachment_73324\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73324 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Kreuz-pixabay-sspiehs3.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"310\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Wahrzeichen der Christen &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Fabian Kessl weiter: \u201ed.h., Kirchen wie kirchliche Tr\u00e4ger sind genauso mit dem Problem konfrontiert, dass es zu \u00dcbergriffen und Gewalt kommt, wie alle anderen Organisationen in der Gesellschaft. Und das ist vielleicht die zentrale Erkenntnis sowohl der beiden Studien zum katholischen wie nun unserer zum evangelischen Bereich: Die christlichen Kirchen sind trotz ihrer Position als moralischer Instanz nicht frei von gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, mit denen Machtmissbrauch und Gewalt verbunden ist.\u201c<\/p>\n<h4>Problem mit der Wahrheitsfindung?<\/h4>\n<p>Im Erzbistum K\u00f6ln hat Kardinal W\u00f6lki eine erste Aufarbeitungsstudie f\u00fcr die Katholische Kirche abgelehnt und eine neue in Auftrag gegeben, die vor kurzem ver\u00f6ffentlicht wurde. Das Ergebnis war unbefriedigend, er bekam sogar Besuch von Vatikanvertretern, die Papst Franziskus schickte und zog sich ein halbes Jahr aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck. Der Rest ist bis heute Schweigen.<\/p>\n<p>\u201eDie Situation in der katholischen Kirche, noch dazu in einem spezifischen Bistum, k\u00f6nnen wir nicht direkt mit der in der evangelischen Kirche vergleichen \u2013 das l\u00e4sst die Anlage unserer Studie gar nicht zu\u201c, sagt Fabian Kessl.<\/p>\n<p>Aber man k\u00f6nne Strukturlogiken nennen, also Bedingungen f\u00fcr sexualisierte Gewalt und Bedingungen, die sie erm\u00f6glichen oder nicht verhindern. Diese stellen sich in gro\u00dfen Teilen von Kirche und Diakonie genau so dar wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen. \u201eIch glaube allerdings, die Kirchen \u2013 und da kann man schon von beiden sprechen &#8211; tun sich aufgrund der \u00f6ffentlichen Zuschreibung wie ihres Selbstbildes, eine moralische Instanz zu sein, besonders schwer mit dem Thema.\u201c<\/p>\n<h4>Interdisziplin\u00e4res Expertenteam<\/h4>\n<p>Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich finanziell mit 3,6 Millionen Euro an der breit angelegten Studie ForuM (Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland) zur sexualisierten Gewalt und anderen Missbrauchsformen im Bereich der EKD und der Diakonie beteiligt.<\/p>\n<div id=\"attachment_73325\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73325 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/pastor-1847334_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"367\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Priester beim Gottesdienst &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Das Expertenteam war interdisziplin\u00e4r aufgestellt. Fabian Kessl erl\u00e4utert seine Rolle als Wissenschaftler im Bereich der Sozialp\u00e4dagogik darin so: \u201eIn der sozialp\u00e4dagogischen Forschung interessiert uns ja besonders der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und individuellen Lebensentw\u00fcrfen. Wenn es dabei zu Br\u00fcchen und Widerspr\u00fcchen kommt, sind sozialp\u00e4dagogische und sozialarbeiterische Angebote gefragt.&#8220;<\/p>\n<p>Der Wissenschafter erkl\u00e4rt: &#8222;Das Thema Gewalt, sexualisierte Gewalt, wurde auch in unseren Bereichen in den vergangenen 10-15 Jahren zunehmend pr\u00e4sent. Ich bin vor allem in dem Bereich der Jugendhilfe unterwegs, als einem Teil der Sozialp\u00e4dagogik, und da sehen wir zunehmend, dass z. B. unter der \u00dcberschrift Kinderschutz das Thema Gewalt st\u00e4rker auf die Agenda r\u00fcckt.\u201c<\/p>\n<p>2019 wurde die Studie ausgeschrieben und Fabian Kessl pl\u00e4dierte zusammen mit seinem Hannoveraner Kollegen Martin Wazlawik f\u00fcr die Einrichtung einer interdisziplin\u00e4ren Forschungsgruppe, um das Thema mit vielen unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.<\/p>\n<p>\u201eDie Sozialp\u00e4dagogik kommt auch deshalb dazu, weil es in diesem Kontext von Kirche ganz oft um sozialp\u00e4dagogische Konstellationen geht. Denkt man an die Kindertagesst\u00e4tten, an die Jugendarbeit, die auch den Konfirmandenunterricht umfasst, oder andere offene Angebote. Die Diakonie ist einer der gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber f\u00fcr Sozialp\u00e4dagogen und Sozialarbeiter \u00fcberhaupt in der Republik. Insofern haben wir das als notwendig erachtet, dass wir da auch systematisch mit hingucken&#8220;, unterstreicht Fabian Kessl.<\/p>\n<h4>Studie nimmt Expertise von Betroffenen auf<\/h4>\n<p>Das Element der Betroffenenpartizipation sei ein sehr \u00fcberzeugender Faktor der Studie, formuliert ein Presseartikel. Zwar habe die Studie erst 2021 begonnen, erkl\u00e4rt Fabian Kessl, jedoch werde die Forschung zum Thema Gewalt schon seit 2010 intensiv gef\u00f6rdert, so dass es bereits viele Kontakte zu Betroffenen gab.<\/p>\n<div id=\"attachment_73326\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 460px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73326 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/luther-2369094_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"602\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Martin-Luther-Denkmal in Wittenberg &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eBetroffene, die sich gemeldet haben, waren auch in allen Teilprojekten der Studie beteiligt. Sie haben uns in der Fallauswahl beraten, aber auch bei der Interpretation und bei den Ergebnissen, die wir immer wieder haben kommentieren lassen.\u201c Die Mitarbeit der Betroffenen war eine ungemeine Hilfe f\u00fcr die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, weil sie immer ihre Perspektive, Expertise und ihre Kompetenz mit einbringen konnten.<\/p>\n<h4>Unabh\u00e4ngige Forschung<\/h4>\n<p>Das Expertenteam des Forschungsverbundes ForuM agierte unabh\u00e4ngig, denn es war vertraglich vereinbart, dass die Ergebnisse, und damit auch der Abschlussbericht von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verantwortet wird. Dazu Fabian Kessl: \u201eWir haben durchaus auf Erfahrungen reagiert, dass man mit einer Auftragsforschung in die Gefahr geraten kann, dass das Gegen\u00fcber irgendwann sagt, nein, das wollen wir nicht im Abschlussbericht stehen haben. Auch sollte der Bericht nicht in der ber\u00fchmten Schublade verschwinden.\u201c<\/p>\n<p>Die gefundene Absprache sei auch im Sinne beider Seiten gewesen: F\u00fcr die Wissenschaft wie die Evangelische Kirche und die Diakonie. Denn dadurch konnte nicht nur das Expertenteam forschen, ohne st\u00e4ndig eine Schere im Kopf zu haben, sondern auch die Evangelische Kirche verf\u00fcge nun \u00fcber unabh\u00e4ngige Forschungsergebnisse, mit denen sie jetzt arbeiten k\u00f6nne.<\/p>\n<h4>Die Allt\u00e4glichkeit von Gewalt<\/h4>\n<p><strong>\u201e<\/strong>Ein zentrales Ergebnis dieser Studie ist sicherlich die Allt\u00e4glichkeit von Gewalt\u201c, erkl\u00e4rt Fabian Kessl, \u201ewir m\u00fcssen verstehen, dass sexualisierte Gewalt etwas ist, was uns gewisserma\u00dfen \u00fcberall begegnen kann.\u201c Statistisch s\u00e4\u00dfen in jeder Schulklasse alleine ein oder zwei betroffene Kinder, das wisse man bereits, f\u00e4hrt er fort, und daher w\u00e4re auch von vornherein klar gewesen, dass auch in der Evangelischen Kirche viele Betroffene seien.<\/p>\n<div id=\"attachment_73327\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73327 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/cult-4572869_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"434\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Gemeindemitglieder beim Gottesdienst &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201e\u00dcber die Zahlen k\u00f6nnen wir dennoch nicht so viel sagen, denn das war eines der Probleme, dass wir zu den Akten nicht die Zug\u00e4nge bekommen haben, die eigentlich vereinbart waren.\u201c Ein weiteres Ergebnis der Studie betrifft die Tatkonstellation.<\/p>\n<p>Fabian Kessl: \u201eWir k\u00f6nnen auch f\u00fcr den evangelischen Bereich nicht sagen, ein Pfarrhaus oder eine Jugendeinrichtung ist besonders belastet. Vielmehr fanden wir Berichte \u00fcber Gewalt in allen Bereichen: in der Kita, im Konfirmandenunterricht, in der Jugendarbeit, im Pfarrhaus, zwischen Erwachsenen und zwischen Kindern. Ergebnis ist also: Es gibt keine spezifische evangelische Konstellation f\u00fcr Gewalt und \u00dcbergriffe.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiterer zentraler Befund sei die Unvorstellbarkeit, erl\u00e4utert der Wissenschaftler, die Erkenntnis also, dass man sich Gewalt\u00fcbergriffe f\u00fcr den eigenen Bereich nicht vorstellen k\u00f6nne und es dadurch schnell zu einem Abwehrverhalten k\u00e4me, wenn man mit Hinweisen oder Anzeigen konfrontiert werde.<\/p>\n<p>\u201eKirchliche Vertreterinnen und Vertreter sind bem\u00fcht, m\u00f6glichst schnell zu einem Abschluss der Auseinandersetzung zu kommen. Dann werden z. B. strafrechtliche Entscheidungen, wenn es zu keinem ausreichenden Anfangsverdacht kommt und die Staatsanwaltschaft kein Verfahren er\u00f6ffnen kann, schnell kommuniziert als: Ach, da war nichts. Das ist aber ein riesiges Missverst\u00e4ndnis, weil wir wissen, sexualisierte Gewalt verweist oft auf eine Konstellation, die man weder schnell noch immer eindeutig kl\u00e4ren kann. Vielmehr haben wir es mit gro\u00dfer Ungewissheit zu tun. Hier spielt die Tatsache, dass Menschen oft erst viele Jahre sp\u00e4ter \u00fcberhaupt f\u00e4hig sind, \u00fcber ihre Gewalterfahrungen zu sprechen, es oft schwierig macht, die Dinge strafrechtlich aufzukl\u00e4ren oder so zu kl\u00e4ren, dass sie kriminalistisch eindeutig sind.\u201c Das hei\u00dfe aber noch lange nicht, dass es nicht etwas aufzuarbeiten g\u00e4be.<\/p>\n<p>Ebenso k\u00f6nne das Selbstbild bspw. eines Pfarrers oder einer Kita, progressiv und modern zu sein, in manchen F\u00e4llen eine Blockade produzieren und dazu f\u00fchren, dass man nicht mehr genau hinsehe, nach dem Motto: \u201eIn einer evangelischen Kita mit modernen Spielkonzepten kann es doch nicht zu Gewalt unter Kindern kommen, oder dass ein Kirchenmusiker eine Pfarrerin sexuell bel\u00e4stigt, kann doch in unserer gleichberechtigten Gemeinde nicht sein!\u201c<\/p>\n<h4>Forscherinnen und Forscher finden eigene Position zum Thema<\/h4>\n<p>\u201eForschungsthemen lassen einen nicht kalt\u201c, sagt Fabian Kessl, \u201eund so ein Thema insbesondere nicht. Aber wenn man in der Sozialp\u00e4dagogik und der Sozialpolitik forscht, dann ist einem die Belastung und das Ringen der Menschen in belastenden Lebenssituationen nicht fremd. Gleichzeitig muss man sich immer klarmachen, die eigentliche Belastung liegt nicht bei uns Forschenden, sondern bei den Betroffenen, die sich gar nicht entscheiden k\u00f6nnen, sich mit dem Thema auseinandersetzen zu wollen. Betroffene m\u00fcssen sich, oft ein Leben lang, mit diesem Thema auseinandersetzen. Das wurde uns auch immer wieder von Neuem sehr deutlich, weil wir uns w\u00e4hrend dieser Studie immer intensiv von Betroffenen begleiten und beraten lie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_73328\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73328 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/book-6186166_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"434\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eine Kirche &#8211; als Symbol f\u00fcr Moral und Gewaltlosigkeit &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Die zentrale Herausforderung f\u00fcr die Wissenschaftler geht f\u00fcr Fabian Kessl mit der Frage einher: Wie verhalten wir uns zum Thema? Mit Belastung k\u00f6nne man umgehen, da g\u00e4be es Unterst\u00fctzung und Austausch. Aber man m\u00fcsse eine eigene Position finden. Er f\u00fchle dabei eine Verpflichtung als Wissenschaftler. \u201eIch m\u00f6chte, dass die Gesellschaft aufgekl\u00e4rt wird \u00fcber die Logiken von solchen Gewaltkonstellationen. Ich tue das auch, weil ich glaube, Wissenschaft kann zu Ver\u00e4nderung beitragen.\u201c<\/p>\n<h4>Handlungsempfehlungen<\/h4>\n<p>Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, hat den Umgang mit F\u00e4llen sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche im Augst 2023 als unzureichend kritisiert. &#8222;Noch immer gibt es auch regional Regelungen, wonach Betroffene, die Anerkennungszahlungen beantragen, nicht nur die Taten plausibel machen, sondern auch das institutionelle Versagen nachweisen sollen&#8220;, sagte sie der D\u00fcsseldorfer \u00b4Rheinischen Post`.<\/p>\n<p>Erste Handlungsempfehlungen des Expertenteams bietet die Studie auch, so Fabian Kessl: \u201eWir haben Handlungsempfehlungen formuliert, die allerdings nicht so detailliert sind, wie Empfehlungen einer Untersuchungskommission im parlamentarischen Bereich.\u201c Das habe damit zu tun, dass das Team auf die gesamte EKD mit zwanzig Landeskirchen geschaut habe und es nat\u00fcrlich extreme Unterschiede zwischen den Landeskirchen sowie auch innerhalb der Landeskirchen g\u00e4be.<\/p>\n<p>Eine dieser Empfehlungen sei die, dass sich die Evangelische Kirche externe Unterst\u00fctzung auf unterschiedlichen Ebenen holen m\u00fcsse. Z. B. w\u00fcrden manche Betroffene nicht mehr mit Kirche in Kontakt sein wollen, was Zug\u00e4nge zu au\u00dferkirchlichen Unterst\u00fctzungsstrukturen erforderlich mache. Auch sei die Kirche, was die Qualifikationen angehe, auf Unterst\u00fctzung angewiesen, eingedenk der Tatsache, dass sie sich historisch erst seit ungef\u00e4hr 2018 explizit mit dem Thema auseinandersetze.<\/p>\n<p>Insofern fehle es auch schlicht an Erfahrung und Wissen. Und last but not least m\u00fcsse die Unabh\u00e4ngigkeit der Anerkennungskommissionen, die \u00fcber die Entsch\u00e4digungszahlungen auf Ebene der Landeskirchen entscheiden, gew\u00e4hrleistet sein. Diese gelte es im Weiteren auch quer zu den Landeskirchen mit tragf\u00e4higen Standards zu versorgen. Dar\u00fcber hinaus sei eine unabh\u00e4ngige Ombudsstelle als Anlaufstelle f\u00fcr Betroffene vonn\u00f6ten.<\/p>\n<p>Bei allen Empfehlungen ist Fabian Kessl vor allem eines wichtig: \u201eEs muss in allen Auseinandersetzungen gew\u00e4hrleistet sein, dass Betroffene strukturell beteiligt werden, systematisch beteiligt werden und zwar nicht nach dem Gusto von Kirche und Diakonie, d.h., der Beteiligungsprozess muss so gestaltet sein, dass auch, wenn die Betroffenen aus Sicht der Kirche anstrengende Forderungen formulieren, wenn sie nachhaken und hartn\u00e4ckig bleiben, der Beteiligungsprozess auf allen Ebenen gegeben ist.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_73330\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73330 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/crucifixion-7205351_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Kirche soll eingentlich im Namen von Jesus Christus die Arme sch\u00fctzend \u00fcber kleine und gro\u00dfe Gl\u00e4ubige halten &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<h4>Die Praxis der Aufarbeitung<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Martin Wazlawik von der Hochschule Hannover, Koordinator und Sprecher des Forschungsverbundes sagt: \u201eDie evangelische Kirche und die Diakonie stehen erst am Anfang ihrer Besch\u00e4ftigung mit der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt\u201c. Dieser Prozess muss nun beginnen, sonst kommen Erkenntnisse und Empfehlungen dieser Studie auch nicht \u00fcber den Papierstatus hinaus.<\/p>\n<p>\u201eWir haben uns in unserem Teilprojekt, das ja hier an der Bergischen Universit\u00e4t gemeinsam mit der FH Potsdam verwirklicht wurde, mit der Praxis der Aufarbeitung selbst besch\u00e4ftigt\u201c, sagt Fabian Kessl. \u201eWir hatten die These, dass nach 2010 bereits F\u00e4lle aufgearbeitet wurden. Das konnten wir aber so gar nicht finden. In den F\u00e4llen &#8211; wir haben evangelische Kindertagesst\u00e4tten und Kirchengemeinden untersucht &#8211; m\u00fcssen wir feststellen, dass es in nur einem Gemeindefall \u00fcberhaupt erst erste Schritte zur Aufarbeitung gibt. In allen anderen F\u00e4llen kam es noch gar nicht dazu. Allein auf dieser Ebene ist der empirische Befund deutlich: Die Kirche steht noch sehr am Anfang.\u201c<\/p>\n<p>Was jetzt geschehen m\u00fcsse, sei eine Auseinandersetzung in Kirche und Diakonie, mit und in Gesellschaft. \u201eDas meint eine umfassende Auseinandersetzung, die theologische und p\u00e4dagogische Dimensionen hat. Was Aufarbeitung hei\u00dft, wie sie umgesetzt werden muss, ist von Landeskirche zu Landeskirche, von Kirchenkreis zu Kirchenkreis, von Gemeinde zu Gemeinde, von Kita zu Kita usw. durch zu deklinieren\u201c, fasst Fabian Kessl zusammen. \u201eWir Forscher k\u00f6nnen nun anbieten, dass wir mit unserer Expertise bereitstehen. Aber in der Pflicht sind jetzt die Kirchen und die Diakonie.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_73323\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 210px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-73323 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Foto-Kessl-Presse.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"260\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Fabian Kessl &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber den Sozialwissenschaftler Prof. Fabian Kessl<\/h4>\n<p>Fabian Kessl studierte Erziehungswissenschaft und politische Wissenschaften an der Universit\u00e4t Heidelberg und wurde 2004 an der Fakult\u00e4t f\u00fcr P\u00e4dagogik der Universit\u00e4t Bielefeld promoviert. Nach zehn Jahren auf einer Professur an der Universit\u00e4t Duisburg-Essen lehrt er seit 2018 als Professor f\u00fcr &#8222;Sozialp\u00e4dagogik mit dem Schwerpunkt sozialpolitische Grundlagen&#8220; in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Human- und Sozialwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kirchen sind auch als moralische Instanz nicht frei von gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen des Machtmissbrauchs und der Gewalt. Autor Uwe Blass hat sich im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit dem Wuppertaler Sozialp\u00e4dagogen Prof. Fabian Kessl \u00fcber dieses aktuelle Thema unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-73316","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 03:47:24","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=73316"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":73334,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/73316\/revisions\/73334"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=73316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=73316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=73316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}