{"id":72930,"date":"2024-02-22T17:24:44","date_gmt":"2024-02-22T16:24:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=72930"},"modified":"2024-03-03T19:05:53","modified_gmt":"2024-03-03T18:05:53","slug":"wagenfeld-leuchte-erblickte-1924-das-licht-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/02\/22\/wagenfeld-leuchte-erblickte-1924-das-licht-der-welt\/","title":{"rendered":"&#8222;Wagenfeld-Leuchte&#8220; erblickte 1924 das Licht der Welt"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_72935\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 2570px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-72935 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Topel-Foto-Sebastian-Jarych-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1769\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Martin Topel &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p><strong>Die legend\u00e4re WG 24 Tischleuchte wurde 1924 entworfen. Um welche Lampe handelt es sich dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Die Leuchte WG 24 ist sicherlich eines der bekanntesten Bauhausprodukte, was am gro\u00dfen kommerziellen Erfolg der letzten 40 Jahre liegt. Sie wird schlicht \u201eDie Wagenfeld Leuchte\u201c genannt. Dies freut mich pers\u00f6nlich sehr, da hier eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Designerpers\u00f6nlichkeit direkt beim Namen genannt wird.<\/p>\n<p>Mein pers\u00f6nlicher Favorit hingegen ist die etwas fr\u00fcher entworfene und schlichtere WA 23 SW, deren Fu\u00df und Sockel ausschlie\u00dflich aus Metall besteht. Dies bedeutet bez\u00fcglich der Fertigung eine deutlich vereinfachte Toleranzierung der Bauteile und ist &#8211; zumindest f\u00fcr mich -das deutlich schlichtere und stimmigere Konzept.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><strong>Die WG 24 war eines von insgesamt \u00fcber 600 Entw\u00fcrfen, die Wagenfeld produzierte. Im Bauhaus hat er als sogenannter Formmeister gearbeitet. Was hei\u00dft das?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Der Formmeister war eine Schl\u00fcsselrolle am Bauhaus und spielte eine entscheidende Rolle in der Ausbildung der Studierenden. Die Aufgabe des Formmeisters war zum einen die des Lehrers und des Projektleiters, der die Studierenden bei ihren Projekten unterst\u00fctzte. Zum anderen sollten die Formmeister durch eigene Arbeiten inspirieren und immer wieder durch Innovationen und Experimente die Grenzen von Kunst und Design verschieben.<\/p>\n<p>Wilhelm Wagenfeld ist mit ca. 600 produzierten Entw\u00fcrfen daher ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Vorbild. Seine Herkunft als \u201eGlashandwerker\u201c bei den Vereinigten Lausitzer Glaswerken war die Idealbesetzung, um am Bauhaus die Symbiose von Handwerk und Industrie vorzuleben. Die hohe Zahl an z.T. bis heute noch industriell hergestellten Produkten Wagenfelds (WMF, Tecnolumen, FSB etc.) belegen dies.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Fachleute sagen, die Lampe sei die Ver\u00adk\u00f6rper\u00adung des Bau\u00adhaus-Gedankens. Woran erkennt man das?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Bezogen auf die geradlinige, geometrische Gestaltung und die Kombination von handwerklichen und industriellen F\u00e4higkeiten mag dies zustimmen. Jedoch definierte das Bauhaus auch rationelle Fertigung als einen Gradmesser f\u00fcr seine Werte und hier hatte der Entwurf tats\u00e4chlich zu Beginn gro\u00dfe Schwierigkeiten, da die industrielle Fertigung auf Grund der Toleranzen der Glasbauteile hohen Ausschuss und damit hohe Kosten verursachte. Dies wurde sp\u00e4ter durch verbesserte Fertigungsverfahren gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Der Glasschaft des Modelles WG 24 ist bez\u00fcglich maximaler Einfachheit nicht ganz stimmig, wenn ich ein zus\u00e4tzliches Metallrohr ben\u00f6tige, um das Kabel zu verbergen. Entweder zeige ich dann das Kabel, oder verzichte auf einen durchsichtigen Schaft. Erste Prototypen mit dem Glasschaft verzichteten beispielsweise auch auf das Metallrohr und zeigten das Kabel &#8211; die f\u00fcr mich eindeutig ehrlichere L\u00f6sung.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wilhelm Wagenfeld war ein Pionier. Sein Ziel war es, Industrie\u00adprodukte von hohem Ge\u00adbrauchs\u00adwert, an\u00adspruchs\u00advoll und er\u00adschwing\u00adlich, herzustellen. Dabei bediente er sich auch neuer Techniken und Materialien. Welche waren das denn?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Durch seine Lehre in den Vereinigten Lausitzer Werkst\u00e4tten verf\u00fcgte er \u00fcber einen hohen Kenntnisstand zur Verarbeitung und Gestaltung von Glas. Au\u00dferdem war beispielsweise Aluminium durch den beginnenden Leichtbau bei Flugzeugen und dem Luftschiffbau ein neuer spannender Werkstoff. Nahtlos gezogene Stahlrohre erlaubten zum ersten Mal enorme Festigkeit und f\u00fchrten so z.B. zu den ersten Freischwingern von Mart Stamm und Marcel Breuer. All dies floss auch in Wagenfelds Arbeiten ein.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_72940\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 595px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-72940 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/tecnolumen-wagenfeld-wg-24-tischleuchte.jpg\" alt=\"\" width=\"585\" height=\"585\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Tecnolumen WAGENFELD WG 24 Tischleuchte &#8211; Artikelnummer: 13918<\/span><\/div>\n<p><strong>Einer der Leits\u00e4tze und die Philosophie der Bauhausschule war \u201eForm folgt Funktion\u201c. Die Wagenfeld-Lampe hat drei geometrische Grundformen, n\u00e4mlich Scheibe, Zylinder und Kugel. Ist sie dadurch zeitlos und modern?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Sie ist zeitlos und modern, weil es ein exzellenter Entwurf war und sich viele Menschen auch heute noch f\u00fcr sie entscheiden. Es gibt genug Produkte, die sich geometrischer Grundformen bedienen und dennoch scheu\u00dflich sind.<\/p>\n<p>\u201eForm follows function\u201c als Gestaltungsprinzip wurde erstmals vom amerikanischen Architekten Louis Sullivan 1896 in einem Essay formuliert. Das Bauhaus hatte dar\u00fcber hinaus noch viel mehr Werte zu bieten, wie maximale Reduktion, Materialgerechtigkeit, g\u00fcnstige industrielle Fertigung f\u00fcr eine m\u00f6glichst breite Zielgruppe und eben die auf Funktion und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit ausgerichtete Gestaltung.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ab 1930 war aber der Hype um die Bauhaus Leuchte vorbei. Woran lag das?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Der Verkaufspreis von damals 58,00 Reichsmark (RM) war sehr hoch und f\u00fcr die meisten Menschen unerschwinglich. 1924 betrug das durchschnittliche Monatseinkommen ca. 103,00 RM \u2013 damit kostete die Leuchte ein halbes Monatseinkommen. Im Vergleich zu heute betr\u00e4gt dies bei einem Verkaufspreis von 620,-\u20ac und einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 4.100,- \u20ac also nur knapp ein Siebtel.<\/p>\n<p>Dies stand im Widerspruch zum durch das Bauhaus proklamierten Anspruch, f\u00fcr das breite Volk erschwingliche, gut gestaltete Produkte zu entwickeln. Mit der Weltwirtschaftskrise, die im Oktober 1929 begann und 1932 ihren H\u00f6hepunkt fand, kam der Handel, besonders f\u00fcr Luxusg\u00fcter, nahezu zum Erliegen. Lebensmittel und Dinge des t\u00e4glichen Bedarfs waren nun das Gebot der Stunde<strong>.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erst die Zusammenarbeit mit Walter Schnepel, dem Gr\u00fcnder der Firma Tecnolumen, die bis heute das Modell herstellen darf, brachte ab Anfang der 1980er Jahre den gro\u00dfen Durchbruch, wobei auch noch einmal Feinheiten zum Zweck der besseren Funktionalit\u00e4t an der Tischleuchte ver\u00e4ndert wurden. Und dann wurde sie erst 1982 mit dem Bundespreis \u201eGute Form\u201c ausgezeichnet. Gilt auch hier: Gut Ding will Weile haben?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Sicherlich brauchen ein guter Entwurf und die entsprechende Produktentwicklung Zeit, wenn auch normalerweise nicht 58 Jahre. Bei der WG24 handelt es sich um ein f\u00fcr die damalige Zeit radikales Luxusprodukt, das zudem in eine kurze Phase des wirtschaftlichen Wohlstandes hineingeboren wurde. Danach war einfach nicht die Zeit f\u00fcr solche Produkte und m\u00f6glicherweise ist das Bem\u00fchen um einen Produzenten nach dem 2. Weltkrieg einfach eingeschlafen. Umso sch\u00f6ner ist es, dass dann so viele Jahre sp\u00e4ter es zu so einem gro\u00dfen Erfolg und letztlich zu der Gr\u00fcndung von Tecnolumen gef\u00fchrt hat.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Seit 1986 ist dieses Modell museumsw\u00fcrdig und steht u.a. im Museum of Modern Art in New York. Das Besondere ist auch, dass sie selbst im ausgeschalteten Zustand etwas hermacht. Im Laufe der Jahre hat es aber auch viele Plagiate davon gegeben. Das ist ein Problem bei Erfolgsmodellen, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Plagiate sind immer dann am Start, wenn ein erfolgreiches Produkt deutlich g\u00fcnstiger, sehr \u00e4hnlich, oder gleichartig, bei vermeintlich, bzw. oberfl\u00e4chlicher Betrachtung, \u00e4hnlichen Funktionseigenschaften auf den Markt gebracht werden kann,- meist aus L\u00e4ndern mit anderem Lohngef\u00fcge und Rechtsauffassungen. Bei einer optisch identischen, bzw. \u00e4hnlichen Tischleuchte ist nat\u00fcrlich die Funktionseigenschaft \u201eLicht\u201c relativ leicht zu erf\u00fcllen. M\u00f6glicherweise gibt es viele Besitzer, die sich \u00fcber ihr Plagiat gar nicht im Klaren sind, oder die sich bei gleicher \u00c4sthetik nicht f\u00fcr Lizenzfragen interessieren.<\/p>\n<p>Wesentlich dramatischer sind Plagiate bei sicherheitsrelevanten Produkten, die den Anschein erwecken, dass es sich um ein Originalprodukt mit garantierten Eigenschaften handelt. So beispielsweise geschehen bei Sicherungsbolzen f\u00fcr die Tragfl\u00e4chen am Airbus A380, oder bei Medizinprodukten. Hier wird es dann sicherlich h\u00f6chst kriminell.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wo w\u00fcrden Sie diese Wagenfeldlampe aufstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Martin Topel: &#8222;Ich besitze keine WG24. Mein pers\u00f6nlicher Klassiker ist die Leuchte Costanza \/ Costanzina von Luceplan aus dem Jahre 1986 des Designers Paolo Rizzato. Diese Leuchte habe ich in unterschiedlichsten Variationen an 7 verschiedenen Orten in meinem Haus. Aber das w\u00e4re ein anderes Interview&#8230;&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_72936\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 260px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-72936 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Topel-Foto-Sebastian-Jarych-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"354\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Martin Topel &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Martin Topel<\/h4>\n<p>Professor Martin Topel ist Industrie Designer und lehrt seit 1999 als Professor an der Universit\u00e4t Wuppertal im Studiengang Industrial Design. Sein Lehrstuhl besch\u00e4ftigt sich mit der Produktentwicklung von Investitionsg\u00fctern und Produktsystemen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Wilhelm Wagenfeld entwarf 1924 als gerade einmal 24j\u00e4hriger die legend\u00e4re Wagenfeld-Leuchte &#8222;WG 24&#8220;. Grund genug f\u00fcr den Autor Uwe Blass, die ber\u00fchmte Lampe im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220;-Interview im Gesp\u00e4ch mit dem Industrie-Designer Prof. Martin Topel einmal n\u00e4her zu beleuchten. <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-72930","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-06 10:57:29","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72930","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72930"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72930\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":72943,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72930\/revisions\/72943"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72930"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72930"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72930"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}