{"id":71779,"date":"2024-01-15T13:56:04","date_gmt":"2024-01-15T12:56:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=71779"},"modified":"2024-01-15T13:56:04","modified_gmt":"2024-01-15T12:56:04","slug":"leben-tod-von-wladimir-iljitsch-uljanow-alias-lenin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2024\/01\/15\/leben-tod-von-wladimir-iljitsch-uljanow-alias-lenin\/","title":{"rendered":"Leben &#038; Tod von Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_71784\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1572px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71784 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Portrait-Eckert-foto-Mathias-Kehren-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1562\" height=\"1210\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Historiker Dr. Georg Eckert &#8211; \u00a9 Mathias Kehren<\/span><\/div>\n<p>\u00dcber das Leben und das Wirken von Lenin hat sich Autor Uwe Blass in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220;-Interview mit dem Historiker Dr. Georg Eckert unterhalten.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie kam Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin zur Politik?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Zu welthistorischer politischer Wirksamkeit gelangte Lenin in einem plombierten Zugwagen, der ihn im April 1917 von der Schweiz aus \u00fcber Deutschland und Skandinavien nach Sankt Petersburg brachte: nach der Februarrevolution, mit der die Zarenherrschaft geendet hatte. Darauf hatten gerade j\u00fcngere Revolution\u00e4re lange hingearbeitet, auch in der Familie Uljanow. W\u00e4hrend Lenin im Jahre 1887 f\u00fcr sein gl\u00e4nzend bestandenes Schulabschlusszeugnis lernte, wurde sein \u00e4lterer Bruder hingerichtet \u2013 aufgrund seiner Mitwirkung an Pl\u00e4nen, Zar Alexander III. zu ermorden. Beileibe nicht nur in Lenins Umgebung galt das Zarentum als eine Autokratie, die wenigstens reformiert, am besten aber beendet werden m\u00fcsse, um endlich die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Russlands zu \u00fcberwinden. Politisiert wurde Lenin also bereits in seiner Jugend.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Schon mit 17 Jahren ging er in den Untergrund. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Untergrund ist zun\u00e4chst einmal ein gro\u00dfes Wort. Der Lenin, den wir kennen, ist vor allem ein Mythos \u2013 zielgerichtet erz\u00e4hlt auf die sp\u00e4ter erfolgreiche Revolution hin. So diskriminiert und verfolgt, wie ihn zumal die kommunistische Propaganda sp\u00e4ter zu Heroisierungszwecken darstellte, war der junge Lenin nicht. Gleichwohl hat die Hinrichtung seines Bruders, mit der die zaristische Justiz ein Exempel statuieren wollte, ihn keineswegs abgeschreckt; sie festigte eher seine \u00dcberzeugung, es handle sich um eine Despotie.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Vielmehr radikalisierte sich Lenin mit Beginn seines rechtswissenschaftlichen Studiums in Kasan, angeregt durch radikale Gestalten und radikale Texte; namentlich diejenigen von Karl Marx und Friedrich Engels. Lenin eignete sie sich teils in der Adaption Georgi Plechanows an, der die russische Tradition der sozialrevolution\u00e4ren Narodniki integrierte, teils sogar durch eigene \u00dcbersetzungen, wie sie auch sein hingerichteter Bruder erstellt hatte. Es waren Texte, die einen offenen Aufstand bef\u00fcrworteten, eben die glorifizierte \u201eDiktatur des Proletariats\u201c.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Er hielt sich oft im Exil in der Schweiz und auch in Deutschland auf. Was machte er dort?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert<strong>: &#8222;<\/strong>Immer wieder geriet Lenin in Konflikt mit der russischen Staatsmacht, auch wenn er selbst und die sp\u00e4tere kommunistische Propaganda erfolgreich vergessen gemacht haben, dass er bei allen Gegens\u00e4tzen doch ein vorz\u00fcgliches Universit\u00e4tsexamen ablegen konnte. Seine Familie geh\u00f6rte durchaus zu einer Elite des Zarenreiches, die allerdings eher auf Reformen hinarbeitete \u2013 anders Lenin, der nun eine Plattform f\u00fcr seine revolution\u00e4re Agitation suchte und auch fand. Insbesondere in der Schweiz und in Deutschland hatten so manche russische Exilanten ihren Wirkungsort. Eine Boh\u00e8me erfreute sich dort jeweils an radikalen Personen und Positionen, beispielsweise in Z\u00fcrich, das zu einem Zentralort revolution\u00e4rer Agitatoren wurde, ebenso im M\u00fcnchener Stadtteil Schwabing.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_71785\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71785 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bundesarchiv_Bild_183-71043-0003_Wladimir_Iljitsch_Lenin.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"779\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Lenin alias Wladimir Iljitsch Uljanow &#8211; \u00a9 Bundesarchiv 183-71043-0003<\/span><\/div>\n<p><strong>1902 ver\u00f6ffentlichte er in M\u00fcnchen die programmatische Schrift \u00b4Was tun?` unter dem Decknamen \u00b4N. Lenin`, die ihn in Revolution\u00e4rskreisen sehr bekannt machte. Was bezweckte er damit?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Sicherlich ging es Lenin auch darum, so etwas wie die Meinungsf\u00fchrerschaft zu erringen und sich als besonders eifriger Revolution\u00e4r zu profilieren: Das signalisierte auch die Wahl seines Kampfnamens \u201eLenin\u201c, den man so verstehen konnte, dass sein Tr\u00e4ger \u201evon der Lena\u201c stamme, also nach Sibirien verbannt worden war. Jedenfalls forderte er eine verschworene Avantgarde von Berufsrevolution\u00e4ren, die sich im Geheimen zu einer schlagkr\u00e4ftigen Kaderpartei organisieren sollte, von bisherigen Bewegungen unterschieden durch strikte Disziplin und Tatkraft. Nicht nur theoretisch pflegte Lenin einen besonderen Rigorismus, sondern eben auch praktisch. Im Jahre 1903 betrieb er erfolgreich die Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands auf einem in London abgehaltenen Parteitag: als Vormann der radikalen \u201eBolschewiki\u201c (\u201eMehrheitler\u201c), die sich gegen die z\u00f6gerlichen \u201eMenschewiki\u201c (\u201eMinderheiten\u201c) durchgesetzt h\u00e4tten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Bereits am 4.\u00a0Juni 1917 verk\u00fcndete Lenin im Rahmen des 1. Allrussischen Sowjetkongresses die Ambition der Bolschewiki, die Macht im Land zu \u00fcbernehmen. Seine Forderungen nach einer Verteilung des Landes an die Bauern ohne Entsch\u00e4digung und nach der Enteignung der reichsten Bev\u00f6lkerungsschicht wurden rasch popul\u00e4r. Dabei hatte er sich mit den Problemen der Bauern immer nur theoretisch besch\u00e4ftigt, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Lenin war einerseits ein \u201eTheoretiker\u201c, gleicherma\u00dfen in seinem Blick auf Probleme l\u00e4ndlicher wie st\u00e4dtischer Arbeiter. Nur wusste er eben um die Deutungsmacht seiner Theorien, die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c klang f\u00fcr viele verhei\u00dfungsvoll. Andererseits war er ein \u201ePraktiker\u201c, der sehr genau \u00fcberlegte, wie sich gro\u00dfe Wirkungsmacht gewinnen lasse, und seine Lehren auch rasch anzupassen wusste \u2013 auf seine Initiative ging beispielsweise auch die Gr\u00fcndung der \u201ePrawda\u201c (\u201eWahrheit\u201c) zur\u00fcck, die bald zum Zentralorgan der KPdSU werden sollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_71798\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-71798\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/lenin-3720759_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Lenin-Statue vor dem Pavillon des Allrussischen Ausstellungszentrums (VDNKh) in Moskau (Ru\u00dfland) &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Mit radikalen Forderungen vor allem nach einer entsch\u00e4digungslosen Enteignung von Verm\u00f6genden verlieh er seinen Ambitionen popul\u00e4ren Nachdruck. Resonanz fanden Lenins Parolen erst recht, als nach der gescheiterten Kerenski-Offensive im Juli 1917 die Niederlage Russlands im Ersten Weltkrieg besiegelt war. Nun zerplatzten so manche Illusionen einer gem\u00e4\u00dfigten b\u00fcrgerlichen Reformpolitik endg\u00fcltig, Lenins Appelle wie schon die \u201eApril-Thesen\u201c griffen eine weitverbreitete Friedenssehnsucht auf und wirkten auf viele \u00fcberaus attraktiv.&#8220;<\/p>\n<p><strong>1917 kehrte er durch den Sturz des Zaren zur\u00fcck ins Reich. Unter seiner F\u00fchrung gelang den Bolschewiken in der Oktoberrevolution die Macht. Wie lief das damals ab?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Schon mit der besagten Verk\u00fcndung hatte Lenin demonstriert, dass er f\u00fcr Kompromisse nicht zu haben war: weder in Sach- noch in Machtfragen. Systematisch destabilisierte seine Partei im Laufe des Jahres 1917 die b\u00fcrgerliche Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution die sogenannte \u201eDoppelherrschaft\u201c ausge\u00fcbt hatte, gemeinsam mit dem Petrograder \u201eSowjet\u201c, einer Vertretung von Arbeitern und Soldaten, deren Kriegsm\u00fcdigkeit die Bolschewiki f\u00fcr sich zu nutzen verstanden.<\/p>\n<p>Ihr Juliputsch scheiterte noch, Lenin wirkte im Untergrund nunmehr auf einen bewaffneten Aufstand hin. Im November 1917 f\u00fchlten seine Bolschewiki sich stark genug f\u00fcr eine gewaltsame Revolution: Dass sie \u201eOktoberrevolution\u201c hei\u00dft, liegt daran, dass in Russland bezeichnenderweise immer noch der julianische Kalender galt. Wo Lenins Truppen nicht in der Mehrheit waren, wussten sie sich eine solche auch gewaltsam zu sichern. Ihre Kompromisslosigkeit, ganz im Sinne der Kaderpartei, wie Lenin sie gefordert hatte, festigte sich im nun ausbrechenden B\u00fcrgerkrieg. Vor dem Einsatz brutaler Gewalt scheuten sie keineswegs zur\u00fcck, mehr noch, sie definierten sich daraus. Lenins besondere Risikofreude war dabei ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor, Skrupel oder Zweifel hegte er nicht.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_71790\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71790 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/lenin-660113_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"417\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Lenin-Mausoleum in Moskau: Die Grabst\u00e4tte von Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin &#8211; \u00a9 Rosie Hayes \/ Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>In den Folgejahren rief er zum \u201eRoten Terror\u201c auf und erkl\u00e4rte, dass sich <\/strong><strong>die Anwendung von Gewalt aus der Aufgabe ergebe, die Ausbeuter zu unterdr\u00fccken: also \u201eGutsbesitzer\u201c und \u201eKapitalisten\u201c. Auf seinen Befehl hin geht auch die Exekution der Zarenfamilie vom 16. auf den 17. Juli 1918 zur\u00fcck. Hatte er da bereits den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verloren?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Lenin setzte auf die radikale Eigendynamik einer revolution\u00e4ren Bewegung, die ihre volle Wucht erst entfalten konnte, wenn sie dem alten System den Boden entzog. Die Ermordung der l\u00e4ngst abgedankten Zarenfamilie sollte verhindern, dass ihre Mitglieder im bereits tobenden B\u00fcrgerkrieg zu verbindenden Lichtgestalten der \u201eWei\u00dfen\u201c w\u00fcrden, die zeitweilig Erfolge gegen die eilig aufgestellte Rote Armee erzielten. Es sollte kein Zur\u00fcck geben k\u00f6nnen, gerade die r\u00fccksichtlose Enteignungspolitik und der bald einsetzende \u201eRote Terror\u201c \u2013 noch im Dezember 1917 war die Tscheka als Geheimpolizei eingerichtet worden \u2013 im B\u00fcrgerkrieg spiegeln diesen Zusammenhang wider.<\/p>\n<p>Lenins Parteikader bildeten eine Gewaltgemeinschaft und unterhielten ein harsches Regime, an dessen Destabilisierung sie kein Interesse haben konnten. Daraus erkl\u00e4ren sich zu einem gewissen Grad die unbestrittene F\u00fchrungsposition, die Lenin jenseits aller internen Auseinandersetzungen genoss, und eine bisweilen geradezu euphorische R\u00fccksichtlosigkeit. In diesem Geiste schlug man im Jahre 1921 den Kronst\u00e4dter Matrosenaufstand nieder, der gegen den unbedingten Machtanspruch der Kommunistischen Partei aufbegehrt hatte. Letztere \u00fcbte l\u00e4ngst eine diktatorische Herrschaft aus.&#8220;<\/p>\n<p><strong>1922 war Lenin bereits sehr krank, als <\/strong><strong>die Bolschewiki die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gr\u00fcndeten. Daran war u.a. ein Attentatsversuch Schuld. Was war geschehen? <\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Bei einem Attentat am 30. August 1918 hatten Lenin zwei Kugeln schwer verletzt. Als T\u00e4terin wurde Fanny Kaplan hingerichtet, allerdings ohne jegliches Verfahren. Dass man die Gelegenheit nicht f\u00fcr einen Schauprozess nutzte, mag dem Chaos des B\u00fcrgerkriegs geschuldet sein \u2013 oder auch einem nur geringen Interesse, die Hintergr\u00fcnde aufzudecken. Lenin hatte sich mit seinem offenkundig gesetzwidrigen und undemokratischen Vorgehen einige Feinde gemacht. Jedenfalls folgte auf das Attentat ein Dekret, das den \u201eroten Massenterror\u201c ausrief. Er stabilisierte die prek\u00e4re Herrschaft der Kommunisten, die sich im erbittert gef\u00fchrten B\u00fcrgerkrieg mit Millionen von Todesopfern bald durchsetzten, ausl\u00e4ndischen Interventionen zum Trotze.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_71792\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71792 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/lenin-2938835_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"716\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Lenin-Statue vor dem Pavillon des Allrussichen Ausstellungszentrums (VDNKh)\u00a0 in Moskau &#8211; \u00a9 Victoria \/ Pixabay<\/span><\/div>\n<p><strong>Als er 1924 starb wurde seine Leiche einbalsamiert und ruht bis heute, f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit sichtbar, in einem Mausoleum. Warum war dieser Personenkult damals schon wichtig?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Lenin hatte seit Mai 1922 mehrere Schlaganf\u00e4lle erlitten, ein Jahr sp\u00e4ter konnte er bereits kaum mehr sprechen. Gleichwohl, vielleicht auch gerade deshalb, blieb der unberechenbare und mit dem Charisma des erfolgreichen Revolution\u00e4rs umgebene Lenin die gro\u00dfe Integrationsfigur der KPdSU. Solange er lebte, wagten weder Stalin noch Trotzki einen offenen Machtkampf, der dann nach seinem Tod ausbrach. Beide aber bezogen sich ausdr\u00fccklich auf den \u201eLeninismus\u201c als verbindliche Lehre der Partei und suchten sich als Lenins wirkliche Nachfolger zu stilisieren. Die Einbalsamierung Lenins, den man heute immer noch in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz besichtigen kann, ist eine Facette eines Personenkults, der zur Machtsicherung dienen sollte. In diesem Zuge entstanden monumentale Denkm\u00e4ler in gro\u00dfen St\u00e4dten, aber auch auf dem Land. Statuen wurden gerade an Stauseen und Elektrizit\u00e4tswerken errichtet, zun\u00e4chst in der Sowjetunion, sp\u00e4ter auch im Ostblock.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche Bedeutung hat er heute in der Geschichtsschreibung?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Georg Eckert: &#8222;Nicht umsonst wurden nach dem Ende der Sowjetunion vielerorts genau diese Lenin-Statuen gest\u00fcrzt, um dem Kommunismus das Fundament zu entziehen, auf dem er seine historische Bedeutung und Macht inszenierte. Der deutsche Erfolgsfilm \u00fcber die Wende \u201eGood Bye, Lenin!\u201c (2003) spielt genau mit diesem Motiv. Selbst in Russland hat Lenin heute nur noch wenige F\u00fcrsprecher, anders als Stalin, auf den sich etwa Wladimir Putin immer wieder bezieht. Lenin, den er sogar als Sch\u00f6pfer der verhassten Ukraine benannt hat, gilt ihm als Verr\u00e4ter am Ideal einer russischen Gro\u00dfmacht. Also hat sich die Lenin-Rezeption stark ver\u00e4ndert, nach einer langen Phase der Polarisierung.<\/p>\n<p>Die kommunistische Geschichtsschreibung betrachtete Lenin als Gr\u00fcndungshelden, andere ihn als einen brutalen Diktator, der eine totalit\u00e4re Herrschaft aufgebaut habe. Immer wieder ist dieser Antagonismus seither aufgeblitzt, denn Lenins Idee einer gut organisierten Kaderpartei fand in anderen revolution\u00e4ren Bewegungen gro\u00dfen Widerhall, auch marxistische Historiker im Westen und nicht wenige \u201e68er\u201c haben mit ihm sympathisiert. Zweierlei hat sich l\u00e4ngst grundlegend ge\u00e4ndert: \u00dcber Lenin wird derzeit vergleichsweise wenig geforscht, Stalins Herrschaft findet weitaus mehr Aufmerksamkeit (abgesehen davon, dass Archivforschungen in Russland seit dem \u00dcberfall auf die Ukraine ohnehin unm\u00f6glich sind), und wo \u00fcber Lenin geforscht wird, geschieht das mittlerweile \u00fcberwiegend in umsichtiger, kaum mehr ideologischer Weise.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_71795\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 260px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71795 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Portrait-Eckert-foto-Mathias-Kehren.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"326\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Georg Eckert -\u00a9 Mathias Kehren<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Georg Eckert<\/h4>\n<p>Dr. Georg Eckert studierte Geschichte und Philosophie in T\u00fcbingen, wo er mit einer Studie \u00fcber die Fr\u00fchaufkl\u00e4rung um 1700 mit britischem Schwerpunkt promoviert wurde, und habilitierte sich in Wuppertal. 2009 begann er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Geschichte und lehrt heute als Privatdozent in der Neueren Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. \u00a0Januar 1924 starb Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin, in Gorki bei Moskau mit 54 Jahren, nach einem durchaus bewegten Leben.  War er ein Gr\u00fcndungsheld oder ein Diktator?<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-71779","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-15 12:58:26","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71779","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71779"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71779\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71799,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71779\/revisions\/71799"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71779"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71779"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71779"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}