{"id":71071,"date":"2023-12-12T18:34:17","date_gmt":"2023-12-12T17:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=71071"},"modified":"2023-12-22T14:05:45","modified_gmt":"2023-12-22T13:05:45","slug":"offener-brief-an-scholz-wir-haben-genug-wohnraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/12\/12\/offener-brief-an-scholz-wir-haben-genug-wohnraum\/","title":{"rendered":"Offener Brief an Scholz: Wir haben genug Wohnraum"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_71076\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71076 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Foto-Hillebrandt-UniService-Transfer.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"460\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Architektin Annette Hillebrandt &#8211; \u00a9 Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Scholz sagt bei einer Veranstaltung der Zeitung \u201eHeilbronner Stimme\u201c, dass es notwendig sei, dass, entgegen der fr\u00fcheren Auffassung, nicht mehr auf der gr\u00fcnen Wiese bauen zu wollen, ein Umdenken in dieser Frage stattfinden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hat sich Autor Uwe Blass in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit der Wissenschaftleri unterhalten.<\/p>\n<p><strong> Wie meint Bundeskanzler Scholz das?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Er hat tats\u00e4chlich vorgeschlagen, dass wir jetzt wieder, wie in den 70er Jahren, auf der gr\u00fcnen Wiese, also au\u00dferhalb der St\u00e4dte, in der Vorstadt neue Fl\u00e4chen erschlie\u00dfen sollen und damit nat\u00fcrlich auch versiegeln.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Geb\u00e4ude, die in den Siebzigerjahren auf der gr\u00fcnen Wiese schnell errichtet wurden, stehen allerdings erwiesenerma\u00dfen nicht f\u00fcr eine gelungene Wohnungspolitik. Warum nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Zun\u00e4chst aufgrund der Tatsache, dass sie zus\u00e4tzliche Mobilit\u00e4t erzeugen, d.h. man wohnt fern vom Innenstadtkern und von einem funktionierenden Stadtviertel und muss sich meistens in ein Auto oder \u00f6ffentliche Verkehrsmittel setzen, um dahin zu kommen, wo man am Leben teilhaben kann, sprich einkaufen, Freizeit gestalten etc. Dieser Siedlungsbau der 70er Jahre hatte nicht im Blick, was wir heute als erstrebenswerte Stadtviertel empfinden.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Wir empfinden ein Viertel als lebendig, wenn man praktisch aus der T\u00fcr tritt und dann innerhalb von 5 Minuten alles erreichen kann, also Einkaufs- und Freizeitm\u00f6glichkeiten, gesundheitliche Versorgung, Bildungseinrichtungen, Caf\u00e9s, Restaurants, ein Angebot an Sharing Mobilit\u00e4t, usw. All das haben die Sattelitenst\u00e4dte der 70er Jahre vor den Toren der Stadt nicht geboten. Das heute noch einmal zu wiederholen ist nicht nur gesellschaftlich und sozial ein Problem, das ist auch vor allen Dingen aus Nachhaltigkeitsgr\u00fcnden ein riesen Fehler.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Fakt ist, es gibt hunderttausende genehmigte, aber noch nicht fertiggestellte Wohnungen. Bereitgestellte Mittel sind noch immer nicht abgeflossen. Muss man da nicht eher etwas an den Verfahren \u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Grunds\u00e4tzlich m\u00fcsste man zuerst einmal fragen, woran liegt es denn \u00fcberhaupt, dass wir nicht mehr genug bezahlbaren Wohnraum haben? Es gibt sehr sch\u00f6ne Berlin-Studien dazu. Dort gab es w\u00e4hrend der 80er, 90er und 2000er Jahre ein sehr gro\u00dfes Angebot an Sozialbauwohnungen. Diese Wohnungen sind ja jetzt nicht weg, die existieren ja physisch. Das Problem ist, dass sie aus der sozialen Bindung herausgefallen sind. Das Gesch\u00e4ftsmodell des Sozielbaus sieht ja so aus, dass Investoren H\u00e4user planen und bauen, mit denen sie am Anfang nur geringere Mieten, also Sozialmieten, einnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn diese H\u00e4user aus der sozialen Bindung herausfallen, kann man dann die Phantasiemieten nehmen, die man gerne h\u00e4tte, und darauf bauen diese Finanzierungsmodelle auf. Die rechtliche Durchf\u00fchrbarkeit m\u00fcsste nat\u00fcrlich gepr\u00fcft werden, aber man denkt doch, die Wohnungen und der Wohnraum sind da, warum bleiben sie nicht l\u00e4nger in der sozialen Bindung und man zahlt den Investoren einen Ausgleich in H\u00f6he der Differenz zur orts\u00fcblichen Miete, statt zu subventionieren, dass auf der gr\u00fcnen Wiese neue Wohnungen entstehen. Wir haben genug Wohnraum! 1970 kamen auf jeden B\u00fcrger im Schnitt 25 m<sup>2<\/sup> Wohnraum, heute sind es um die 48 m<sup>2<\/sup> Wohnraum, d.h., der Wohnraum ist da, er ist nur nicht richtig und vor allem finanziell nicht richtig verteilt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Scholz sagt weiter, es seien nicht die richtigen Wohnungen gebaut worden. Wie sehen denn richtige Wohnungen aus?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Ich wei\u00df nicht, was Herr Scholz unter richtigen Wohnungen versteht, f\u00fcr mich sind richtige Wohnungen erst einmal tats\u00e4chlich so, dass sie nicht viel mehr als 25 m<sup>2<\/sup> pro Mensch bereitstellen. Sie basieren darauf, sich privat etwas zur\u00fcckzunehmen aber daf\u00fcr im gesamten Haus Gemeinschaftsfl\u00e4chen anzubieten. Das kann wie fr\u00fcher eine Gemeinschaftswaschk\u00fcche sein, das kann aber auch ein kleines G\u00e4steappartement oder G\u00e4stezimmer sein, was dem ganzen Haus als G\u00e4stezimmer zur Verf\u00fcgung steht. Nicht jede Wohnung hat ein eigenes, meist leerstehendes G\u00e4stezimmer, sondern es gibt im gesamten Haus ein G\u00e4stezimmer, das man sich mit den Nachbarn teilt. Oder jeder hat nur eine kleine private K\u00fcche und es wird gemeinsam gekocht und gegessen. Da gibt es sehr sch\u00f6ne Beispiele aus D\u00e4nemark, wo dies bereits umgesetzt wurde. D.h. Gemeinschaftsfl\u00e4chen vergr\u00f6\u00dfern, private Fl\u00e4chen verkleinern.<\/p>\n<div id=\"attachment_71079\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 659px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71079 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/70er-Jahre-Wohnbebauung-auf-der-gruenen-Wiese-ohne-Einkaufsmoeglichkeiten.jpg\" alt=\"\" width=\"649\" height=\"487\" \/><span class=\"wp-caption-text\">70er Jahre Wohnbebauung auf der gr\u00fcnen Wiese. Einkaufsm\u00f6glichkeiten? Fehlanzeige &#8211; \u00a9 Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Immer gut und dauerhaft beliebt sind Gr\u00fcnderzeitgrundrisse, die Anfang des letzten Jahrhunderts entstanden sind. Diese Wohngrundrisse sind geeignet, um im Parterre oder dem ersten Geschoss auch mal Arztpraxen oder B\u00fcros zu integrieren. Das hat etwas mit der Erschlie\u00dfung zu tun, da die R\u00e4ume innerhalb der Wohnung gut erreichbar sind und es hat etwas mit den Raumh\u00f6hen zu tun. Die Raumh\u00f6hen waren sehr ausk\u00f6mmlich und hoch, die Leute leben auch heute gerne da drin. Das liegt an den gro\u00dfen Raumvolumen: durch die gibt es keine Schimmel-\/L\u00fcftungsproblematiken, wie sie uns heute in den Wohnungen der 50er-70er Jahre in Schwierigkeiten bringen, weil sie nicht gut ged\u00e4mmt sind. Wenn man dort nicht oft genug l\u00fcftet, entsteht Schimmel. Das gibt es in Gr\u00fcnderzeitbauten nicht, weil da genug Luftvolumen ist.<\/p>\n<p>Eine gute Wohnung ist auch die, die sich leicht umbauen l\u00e4sst. Da gibt es nur ein tragendes Skelett, also tragende St\u00fctzen und dazwischen nicht-tragende W\u00e4nde. Die kann man bei Bedarf versetzten oder auch herausnehmen, um die Wohnung als offenen Raum zu nutzen, oder, wenn Personen hinzukommen, variabel W\u00e4nde wieder erg\u00e4nzen. Wir planen heute zu unflexibel mit Grundrissen, in denen jede Wand und auch die Fassade noch betoniert ist und tr\u00e4gt. Die kann ich nicht auf zuk\u00fcnftige Anspr\u00fcche anpassen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Nachhaltiges Bauen (DGNB.e. V) haben Sie nun als Initiatorin einen offenen Brief an den Bundeskanzler formuliert. Was fordern Sie darin?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Wir fordern darin, dass er seinen Vorschlag wieder auf der gr\u00fcnen Wiese bauen zu wollen, \u00fcberdenkt und \u00f6ffentlich zur\u00fccknimmt, weil dieser Vorschlag allem widerspricht, was in den letzten Jahren erarbeitet wurde, auch mit seinem eigenen Bundesbauministerium. Mit Frau Geywitz hatten wir schon oft Kontakt. Nicht nur die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr nachhaltiges Bauen (DGNB e.V), die Bundesarchitektenkammer, das Bauhaus Erde von Klimaforscher John Schellnhuber oder die Deutsche Umwelthilfe und viele andere, die den Brief unterzeichnet haben, sagen: aus Nachhaltigkeitsgr\u00fcnden ist das der komplett falsche Weg. Fakt ist, wir versiegeln pro Jahr an Fl\u00e4che ungef\u00e4hr 200 <em>km<sup>2<\/sup><\/em> in der Bundesrepublik. Wenn man das einmal zu Ende denkt, ist Deutschland betoniert. Wir haben momentan generell einen gro\u00dfen Fl\u00e4chendruck, denn unsere Fl\u00e4chen, vor allem der Wald, m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden. Der Wald ist unsere Lunge. Wir m\u00fcssen auch Fl\u00e4chen der Landwirtschaft wieder in Naturfl\u00e4chen umwidmen, also z. B. die entw\u00e4sserten Moore, um sie als gro\u00dfe CO<sub>2<\/sub>-Senke wieder zu reaktivieren.<\/p>\n<p>Und wir ben\u00f6tigen mehr biologische Landwirtschaft. Die ist aber nicht so effektiv wie die konventionelle, sie braucht eventuell mehr Fl\u00e4che. Fl\u00e4chenversiegelung f\u00fcr Siedlungs- und Verkehrsfl\u00e4chen ist also kontraproduktiv. Das Wasser, das auf eine Stra\u00dfe oder ein H\u00e4userdach f\u00e4llt, steht der Natur nicht mehr zur Verf\u00fcgung, es wird durch den Kanal abgef\u00fchrt. Dadurch sind die Wasserkreisl\u00e4ufe extrem gest\u00f6rt. Gleichzeitig wird die Biodiversit\u00e4t des Bodens komplett zerst\u00f6rt, indem sie etwas versiegeln, also obendrauf eine Stra\u00dfe betonieren, oder die Bodenplatte eines Hauses auf die Erde betonieren. Ein Viertel aller Arten lebt aber im Boden, die sind dann alle tot. Und dass, obwohl die Biodiversit\u00e4t in Deutschland eh schon um 70% zur\u00fcckgegangen ist. Wir m\u00fcssen daher im Bestand entwickeln.&#8220;<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_71084\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71084 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Wohnquartier-Rehsiepen.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"377\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Wohnquartier Rehsiepen: Gebaut in den 70er Jahren von der Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat \u00a9 Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p><strong>In Ihrem Brief schreiben Sie u.a.: \u201eSeit Jahren k\u00e4mpfen wir f\u00fcr das politische und \u00f6ffentliche Bewusstsein um die umweltsch\u00e4digenden Auswirkungen des Bauwesens auf unsere Lebensgrundlagen.\u201c Nennen Sie doch da ein paar Beispiele, die offenbar die Bundesregierung vergessen hat.<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Das Erste ist die Zerst\u00f6rung der Wasserkreisl\u00e4ufe, das Zweite die Zerst\u00f6rung der Biodiversit\u00e4t. Wir d\u00fcrfen nicht weiter nat\u00fcrliche Ressourcen abbauen. Z. B. wird f\u00fcr die Betonherstellung Sand oder Kies ben\u00f6tigt. Nat\u00fcrlich gibt es in Deutschland noch Kiesvorkommen, die liegen aber meist unter W\u00e4ldern, d.h. der Wald wird gerodet und der Kies wird zu Beton gegossen. Das ist Umweltzerst\u00f6rung in gro\u00dfem Ma\u00dfe. Wir m\u00fcssen uns mehr beschr\u00e4nken und auskommen mit dem, was wir haben. Wir haben genug Wohnfl\u00e4che, wir haben genug gebaute Infrastruktur, wir haben genug Geb\u00e4ude. Wir m\u00fcssen diese Geb\u00e4ude aktivieren. Und das sollte durch Vereinfachung des Bauens im Bestand auch gelingen.<\/p>\n<p>Wenn sich das aber nicht machen l\u00e4sst, in Gemeinden, die eher schrumpfen, sollte man Brachfl\u00e4chen in Naturfl\u00e4chen zur\u00fcckverwandeln k\u00f6nnen. Deshalb schlage ich in dem Brief einen Fl\u00e4chentausch vor. D.h., wenn z.B. wie hier in Wuppertal, wo kein gro\u00dfer Zuzug herrscht, eine Gewerbebrache ohne architektonisches Potenzial seit Jahrzehnten leer steht oder ein ungenutzter Parkplatz die Nachbarschaft negativ beeinflusst, so sollte die Fl\u00e4che renaturiert werden zu einem kleinen \u201ePocket-Park\u201c. Im Gegenzug d\u00fcrfte dann im Speckg\u00fcrtel von M\u00fcnchen eine landwirtschaftliche Fl\u00e4che versiegelt werden \u2013 qm Versiegelung nur noch gegen qm Entsiegelung. Das ist sozusagen eine Fl\u00e4chentauschb\u00f6rse, die nur Versiegelung gegen Entsiegelung erlaubt. Einen Vorsto\u00df gegen weitere Versiegelung hat auch schon vor ein paar Jahren das Wuppertal Institut gemacht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben weiter, dass, durch die Aussagen des Kanzlers, die \u201eTransformation unserer Wirtschaft zur Nachhaltigkeit\u201c gehemmt werde. Aber auch die Bundesministerin f\u00fcr Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, Clara Geywitz, spricht von \u201eRaumkonflikten\u201c. Wirft man unter Druck da alle Erfahrungen \u00fcber Bord?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Das sieht genau so aus. Eine Idee, um die Bauwirtschaft mal schnell anzukurbeln, weil sie momentan ein wenig darnieder liegt. Doppelwumms? Ein scheinbarer Befreiungsschlag? Das mag darin begr\u00fcndet sein, dass die Innenentwicklung der St\u00e4dte und das Bauen mit Bestand, was wir vorschlagen, ein l\u00e4ngerer Prozess ist. Der ist nicht einfach. Derer andere Weg ist aber schlichtweg falsch, er gef\u00e4hrdet unsere Lebensgrundlagen und genau die hat Kanzler Scholz zu sch\u00fctzen nach \u00a7 20a des Grundgesetzes \u2013 auch f\u00fcr die nachfolgenden Generationen!<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass der Vorschlag auch nur einem Teil der Bauwirtschaft entgegenkommt, der wieder auf der gr\u00fcnen Wiese bauen will. Alle anderen, die sich schon lange auf den Weg gemacht haben, die sich um Aufstockung und Innenentwicklung k\u00fcmmern, um Bestand und Umbau, die bereits leicht und mit nachwachsenden Rohstoffen bauen, die sind mit dieser Aussage komplett vor den Kopf gesto\u00dfen. Die haben jahrelang in Weiterbildung, Umstrukturierung und andere Produktionsweisen investiert. Die kleineren und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen, die eher auf das Handwerkertum zur\u00fcckgehen, die k\u00f6nnen das unw\u00e4gsame Bauen im Bestand. Die gro\u00dfen Baufirmen k\u00f6nnen das nicht und so schmilzt denen gerade die Auftragslage dahin.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben in Ihrem Brief sehr deutlich, dass die Klimaschutzpolitik der deutschen Bundesregierung, insbesondere des Bauministeriums, durch ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg vom 30. November 2023 teilweise als rechtswidrig eingeordnet wurde und es kein umweltvertr\u00e4gliches Sofortprogramm g\u00e4be. Welche Gefahren sehen Sie bei einer r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Baupolitik?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt: &#8222;Ich empfinde augenblicklich die Baupolitik nicht einmal als irgendwohin gewandt (lacht). Das Erste, was man machen m\u00fcsste, ist die Innenentwicklung vorantreiben, St\u00e4dte klimafreundlich verdichten, also Frischluftschneisen offenhalten und das Ziel der sogenannten Schwammstadt vorantreiben:\u00a0 Bauen mit Bestand und keine weiteren Fl\u00e4chenversiegelungen, au\u00dfer bei Fl\u00e4chentausch.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen mit nachwachsenden Rohstoffen bauen und vor allem kreislauff\u00e4hig, das hei\u00dft r\u00fcckbau- und voll recyclingf\u00e4hig. Das ist die Zukunft. Ein Stahltr\u00e4ger z. B. ist 1:1 recyclingf\u00e4hig und das wird auch schon gemacht. 99% des Schrotts werden gesammelt und wieder eingeschmolzen zu neuen Stahltr\u00e4gern. Beton aber ist ein Downcyclingmaterial, weil der Beton, der einmal zur Wand gegossen wurde, beim R\u00fcckbau zum Ger\u00f6llhaufen wird. Um diesen Ger\u00f6llhaufen wieder zu einer neuen Wand zu bauen, brauchen sie neuen Zement und neues Wasser. Sie m\u00fcssen also immer neues Material hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das ist also ein Qualit\u00e4tsverlust, ein offener Loop wie wir sagen. Unbegreifbarerweise ist es in Deutschland besonders schwierig diesen Stoffkreislauf zu schlie\u00dfen. In der Schweiz kann man zumindest mit 100% Recycling-Gesteinsk\u00f6rnung neuen Beton herstellen, man muss nur neuen Zement hinzuf\u00fcgen. In Deutschland ist eine Wand aus reiner Recyclinggesteinsk\u00f6rnung nicht m\u00f6glich, maximal 45% der K\u00f6rnung kann laut der Regelung in der DIN 1045 aus recyceltem Material bestehen. Das ist reiner Lobbyismus. Wenn solch ein Haus in der Schweiz h\u00e4lt, dann h\u00e4lt es auch in Deutschland. Es ist nicht verstehbar, wie weltweit Prim\u00e4rmaterialien weiter abgebaut werden d\u00fcrfen mit der gesamten Landschaftszerst\u00f6rung und den CO<sub>2<\/sub>-Emissionen. Das ist eine \u00fcble Abw\u00e4rtsspirale. Wir m\u00fcssen dringend in die Zirkularwirtschaft einsteigen, auch um die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen in der Herstellung deutlich zu senken.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ihr offener Brief ist von vielen Kolleginnen und Kollegen aus der Baubranche unterst\u00fctzt worden. Welche Vorschl\u00e4ge k\u00f6nnten Sie denn der Bundesregierung f\u00fcr die Schaffung von dringend ben\u00f6tigtem, bezahlbarem Wohnraum machen?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hillebrandt<strong>: &#8222;<\/strong>Da kommen wir wieder zu dem nicht bezahlbaren Wohnraum, denn Wohnraum an sich gibt es genug. Ein erster Vorschlag w\u00e4re, schnellstm\u00f6glich zu untersuchen, ob man die Sozialbindungen des sozialen Wohnungsbaus nicht noch weiter halten kann und den Investoren einen Ausgleich zahlt. Und das sollte schneller gehen, als neue H\u00e4user zu bauen. Als Zweites kann man mehrere Millionen Wohnungen \u2013 das haben Studien belegt \u2013 durch Aufstockungen realisieren, also Wohnungen auf D\u00e4chern bauen. Um das gut hinzubekommen, m\u00fcsste die Gesetzgebung erleichtert werden, damit das Bauamt zustimmen kann. Wir brauchen auch Umwidmungen. Es muss einfacher werden, ein Ladenlokal in eine Wohnung umzuwidmen.<\/p>\n<p>Wenn in einem Bebauungsplan festgeschrieben ist, dass ein Objekt ein Gewerbeobjekt ist, kann man es bislang nicht anders nutzen. Wenn man durch die Innenst\u00e4dte in Remscheid oder Solingen geht, dann sieht man dort kleinparzellierte Innenst\u00e4dte mit dreigeschossigen Geb\u00e4uden, die stehen alle leer, da kauft kein Mensch mehr ein. Es w\u00e4re so einfach, diese Einkaufsstra\u00dfen durch Umwidmung zu reaktivieren, wenn man verf\u00fcgt, dass dort Wohnen nicht nur zul\u00e4ssig wird, sondern Leerstand auch bestraft wird, z.B. indem man ihn besteuert.<\/p>\n<p>Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie die Menschen diese kleinparzellierten Innenst\u00e4dte umgestalten, vielleicht ein St\u00fcck der fr\u00fcheren Einkaufszone als Vorgarten entsiegeln, nur noch einen Mittelweg f\u00fcr den Rettungswagen und die Feuerwehr lassen, und sich vor Ihren Ladenschaufenstern eine richtig lebendige Nachbarschaft entwickelt. Das ist Zukunft!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Der offene Brief an den Bundeskanzler im Wortlaut: <\/strong><a href=\"https:\/\/www.dgnb.de\/stellungnahmen\">https:\/\/www.dgnb.de\/stellungnahmen<\/a><\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_71077\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 198px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-71077\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Foto-Hillebrandt-UniService-Transfer-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"253\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Architektin Annette Hillebrandt &#8211; \u00a9 Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Annette Hillebrandt<\/h4>\n<p>Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt leitet den Lehrstuhl f\u00fcr Baukonstruktion\/Entwurf und Materialkunde an der Bergischen Universit\u00e4t mit dem Forschungsschwerpunkt Kreislaufpotenziale im Hochbau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Architektin Annette Hillebrandt wendet sich in einem offenen Brief an Bundeskanzler Scholz gegen dessen Idee des erneuten Bauens auf der gr\u00fcnen Wiese. Mehr Wohnraum muss her, fordert Bundeskanzler Olaf Scholz.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-71071","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 03:44:47","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71071","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71071"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71071\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71088,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71071\/revisions\/71088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}