{"id":70638,"date":"2023-12-01T22:01:45","date_gmt":"2023-12-01T21:01:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=70638"},"modified":"2023-12-08T10:46:04","modified_gmt":"2023-12-08T09:46:04","slug":"annette-hager-gesellschaftliche-probleme-im-fokus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/12\/01\/annette-hager-gesellschaftliche-probleme-im-fokus\/","title":{"rendered":"Annette Hager: Gesellschaftliche Probleme im Fokus"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_70656\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 650px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-70656\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_6759-2.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"476\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die engagierte TV- und Rundfunk-Journalistin Annette Hager &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Deshalb ist es f\u00fcr sie eine Herzensangelegenheit, das Format \u201eW\u00fcstentalk\u201c in der \u201eF\u00e4rberei &#8211; Zentrum f\u00fcr Integration und Inklusien&#8220; zu moderieren \u2013 weit weg von TV-Kameras, Mikrofonen und Scheinwerfern.<\/p>\n<p>Am Mittwoch (06.12.) hei\u00dft das Thema \u201eIch bin (nicht) freiwillig hier! \u2013 Lebensreisen\u201c. In heimeliger Wohnzimmer-Atmosph\u00e4re unterh\u00e4lt sich Annette Hager mit der bekannten Wuppertaler Bestatterin Barbara Neusel-Munkenbeck \u00fcber das Thema \u201eWenn Leben (pl\u00f6tzlich) endet\u201c, mit der Suchtberaterin Ulrike Bautz \u00fcber ihren Neustart in Wuppertal, mit dem Fl\u00fcchtling und Lehrer \u00a0Ahmed Gulag und mit\u00a0Max Moll, theologischer Mathematiker und Jugendseelsorger.<\/p>\n<p>Wir haben uns mit Moderatorin Annette Hager \u00fcber ihre Motivation unterhalten.<\/p>\n<p><strong>DS: Sie sind beruflich sehr breit aufgestellt, arbeiten als Moderatorin und Journalistin f\u00fcr Rundfunk und Fernsehen. Was reizt Sie daran, \u201eW\u00fcstentalk\u201c zu moderieren, quasi ein Talkformat in Wohnzimmer-Atmosph\u00e4re?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eEben das Wohnzimmer \u2013 d.h.: noch besser ist ja K\u00fcchenatmosph\u00e4re \u2013 da ist ja der Ort f\u00fcr\u00b4s Wichtige. Dazu geh\u00f6rt das normale allt\u00e4gliche Leben in Deutschland und in der Welt \u2013 kaum in Medien, weil Nachrichten nach bestimmten Regeln gemacht werden, und dazu geh\u00f6rt, was der Literaturnobelpreistr\u00e4gers Saul Bellow beschrieben hat: &#8222;Das Problem der Zeitungsberichterstattung liegt darin, dass das Normale uninteressant ist.\u201c Ich bin sehr froh, im vielf\u00e4ltigen Programm der F\u00e4rberei aufzutauchen; der \u201eW\u00fcstentalk\u201c ist jetzt ein Teil des gro\u00dfartigen soziokulturellen Projekts \u201etransit_oberbarmen\u201c von Daniela Raimund und Roland Brus: Ein \u00e4hnliche Mischung der Teilnehmer, wo der Rentner der Gefl\u00fcchteten zuh\u00f6rt, ein Philosoph neben einem Obdachlosen sitzt und ein namhafter K\u00fcnstler durch eine Frau mit psychischer Erkrankung ins Nachdenken kommt, habe ich noch nirgends erlebt.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Welches Konzept steht dahinter? <\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eDie erhoffte Mischung geh\u00f6rt dazu, es soll um Begegnung und eine Kompetenz gehen, die uns zunehmend verloren geht: Zuh\u00f6ren. Die F\u00e4rberei steht f\u00fcr Vielfalt und daf\u00fcr, auch f\u00fcr Menschen offen zu sein, denen sich nicht alle T\u00fcren schnell \u00f6ffnen, deren Vertrauen in sich und ihre F\u00e4higkeiten vielleicht noch wachsen muss. Ich bin \u00fcberzeugt, dass ein gro\u00dfer Teil unserer gesellschaftlichen Probleme damit zu tun hat, dass Menschen sich nicht gesehen und geh\u00f6rt f\u00fchlen \u2013 und stummer werden. Jetzt geht\u00b4s mit der erh\u00f6hten Mehrwertsteuer auch noch einem \u201efeuilletonrelevanten Glutkern des Sozialen, einem Herdfeuer gewisserma\u00dfen\u201c (ZEIT) an den Kragen: Der Gastronomie\u2026.Wo trifft man noch auch Unbekannte und kann miteinander reden \u2013 auch ohne f\u00fcr Getr\u00e4nke oder gem\u00fctlichen (warmen) Raum zahlen zu m\u00fcssen?\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Nach welchen Kriterien suchen Sie ihre Themen aus?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eDie sind angelehnt an das, was Daniela Raimund und Roland Brus gerade als \u00fcbergreifendes Projekt angesto\u00dfen haben \u2013 jetzt also \u201eTransit\u201c \u2013 womit wir am 06.12. \u201eLebensreise\u201c meinen \u2013 am 13.M\u00e4rz wird es dann um die Entwicklung und Transformation eines Stadtteils gehen: Im Allgemeinen und im Besonderen: In Oberbarmen gab es mal den sozialen Brennpunkt \u201eKlingholzberg\u201c und noch immer gibt es das Stigma in einem Quartier, das sich nicht nur durch die sich wandelnde Bev\u00f6lkerungsstruktur ver\u00e4ndert; hier ist alles in Bewegung und viele sind sehr aktiv!\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Das Etikett \u201eNachbarschaftstalk\u201c deutet daraufhin, dass ihre Talkg\u00e4ste aus Wuppertal kommen. Welchen vermeintlichen Protagonisten w\u00fcrden Sie auf keinen Fall eine B\u00fchne bieten?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eNachbarschaftstalk\u201c ist mehr ein Erfahrungswert und eher atmosph\u00e4risch denn geographisch gemeint: Es waren schon \u201eAusw\u00e4rtige\u201c da und niemand bleibt drau\u00dfen. Wer sich Vielfalt und Weltoffenheit, Inklusion und Integration auf die Fahnen schreibt &#8211;\u00a0 also f\u00fcr demokratische Werte einsteht ist automatisch f\u00fcr manche uninteressant. Andererseits glaube ich, dass auch das derzeit besonders verbreitete Ausladen und Unterdr\u00fccken von Minderheitenmeinungen ein Armutszeugnis f\u00fcr eine Demokratie ist, die wehrhaft sein will \u2013 und das zunehmend sein muss. Auch das Aushalten anderer Meinung geh\u00f6rt ja zur Demokratie, Widerspruch zur freien Meinungs\u00e4u\u00dferung. In der Praxis waren unerw\u00fcnschte G\u00e4ste noch nie ein Thema f\u00fcr uns.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_70654\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 650px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-70654 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/o.siebers-45.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"441\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Annette Hager als &#8222;W\u00fcstentalk&#8220;-Moderatorin mit Talk-Gast Roland Prokop &#8211; \u00a9 Oskar Siebers<\/span><\/div>\n<p><strong>DS:In der Stadt gibt es mittlerweile eine Reihe von Talkformaten. Wie setzen Sie sich von diesen ab? <\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eBei uns gibt es kein Podium, keine \u201eExperten\u201c im \u00fcblichen Sinn: Alle sind gleicherma\u00dfen mit ihren Geschichten und Erfahrungen, mit ihrer t\u00e4glichen Lebensklugheit gefragt. Es gibt einige wenige G\u00e4ste, die eingeladen wurden \u2013 einfach, damit wir wissen: Es werden sicher Menschen da sein: mit Geschichten zum Thema, die auch erz\u00e4hlen wollen, mit denen ich ein Gespr\u00e4ch sicher beginnen kann. Wir versuchen eine Atmosph\u00e4re zu schaffen, in der Erz\u00e4hlen leicht f\u00e4llt, in der \u2013 anders als in vielen Talks &#8211; das Konfrontative nicht im Vordergrund steht.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wie sehr h\u00e4ngt die Publikums-Resonanz vom Thema ab?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eWir waren schon \u00f6fter \u00fcberrascht, wie konkret und lebensnah ein Abend zu einem eher abstrakt anmutenden Thema wurde \u2013 und umgekehrt: Ein bisschen Wundert\u00fcte sind diese Abende \u2013 die ja auch offen sein wollen f\u00fcr Stimmung, Entwicklungen und \u00fcberraschende Wendungen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: \u201eIch bin (nicht) freiwillig hier! \u2013 Lebensreisen\u201c ist ein spannendes, aber auch ein sehr ernstes, schweres Thema, weil es da um den Tod geht und um Sucht und Flucht \u2013 ein ideales Thema f\u00fcr die Vorweihnachtszeit, weil viele Menschen da ihr Leben reflektieren?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eJa, diese Zeit ist ja \u201eeigentlich\u201c eine besinnliche und die \u201eheilige Nacht\u201c \u2013 eigentlich \u2013 voll mit dem, was uns aktuell besch\u00e4ftigt: Gewalt und Flucht, verschlossene T\u00fcren und eine Geschichte, eine Botschaft, die sich schwer tut in rauer Wirklichkeit. Und auch heute ist der Dezember ja beileibe nicht die puderzuckers\u00fc\u00dfe Heimelichkeit und \u2013 siehe oben \u2013 die Zeit der Begegnung! Die schweren Themen sind uns in den letzten Jahren n\u00e4her ger\u00fcckt: Auch das Bed\u00fcrfnis ihnen auszuweichen \u2013 oder eben: sich auszutauschen. Gerade in der Zeit des W\u00fcnschens und Schenkens fragt man sich, was wirklich wichtig ist?\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Was bewegt oder fasziniert Sie pers\u00f6nlich an dem Thema?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eMehrfach habe ich die Erfahrung gemacht, dass es \u2013 auch \u2013 eine besondere Art ist, das Leben zu feiern wenn von Tod und Krankheit, Einbr\u00fcchen und (Um)Wegen die Rede ist. Immer wieder beeindruckt mich die Offenheit, mit der Menschen anderen mit eigenen Geschichten Mut machen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Welche W\u00fcnsche und Hoffnungen verbinden sie mit dem Jahr 2024, das schon in wenigen Wochen beginnt?<\/strong><\/p>\n<p>Annette Hager: \u201eMehr Frieden in der Welt ist ja zur zwingenden Antwort geworden\u2026Davor und daf\u00fcr ist aber ja vieles andere wichtig: Mehr Respekt untereinander \u2013 mehr Wertsch\u00e4tzung von vielem, was hierzulande zur Selbstvert\u00e4ndlichkeit geworden ist und damit verbunden Schlu\u00df mit dem ver\u00e4chtlichen Bashen und Kleinreden, das so verbreitet ist und befreiend und erleichternd wirken kann \u2013 und das doch den wirklichen zu bashenden und zu \u00e4chtenden Kr\u00e4ften gef\u00e4hrlichen Auftrieb gibt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Das Interview f\u00fchrte Peter Pionke<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Termin:<\/strong><\/p>\n<h4>\u201eW\u00fcstentalk\u201c<\/h4>\n<p><strong>\u201eIch bin (nicht) freiwillig hier! \u2013 Lebensreisen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Moderation: Annette Hager<\/p>\n<p>Mittwoch \u2013 06.12.2023 \u2013 19:00 Uhr<\/p>\n<p>F\u00e4rberei \u2013 Peter-Hansen-Platz\u00a0 1 \u2013 42275 Wuppertal<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faerberei-wuppertal.de\">http:\/\/www.faerberei-wuppertal.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annette Hager ist eine erfolgreiche und vielseitige Journalistin. Sie arbeitet f\u00fcrs Fernsehen und f\u00fcrs Radio. F\u00fcr den Rundfunk-Sender WDR 3 moderiert sie das Magazin \u201eResonanzen\u201c. Sie interessiert sich f\u00fcr die Schicksale, Sorgen und N\u00f6te ganz normaler Menschen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-70638","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 03:46:55","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70638","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70638"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70638\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":70806,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70638\/revisions\/70806"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70638"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70638"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70638"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}